WALK OF SHAME

Andrey Artyomov studierte Modedesign an der Universität, anfangs zum Leidwesen seines Vaters. Also erzählte er seinen Eltern, dass er in die Sowjetarmee eintreten würde. Zum Glück war das nicht nötig. Ein Stipendium erlaubte dem Russen nach Moskau zu ziehen und Praktikum bei L’Officiel zu absolvieren. Nach sieben Jahren verließ er das Hochglanz-Magazin als Fashion Director und verselbstständigte sich als Stylist. 2011 gründete er Walk of Shame.

CARA LERCHL Erinnern Sie sich an Ihren ersten intimen Moment mit der Mode? 

ANDREY ARTYOMOV Ich erinnere mich an Kleidermärkte, auf denen ich mit meiner Mutter coole Sachen für die Schule kaufte. Kurz bevor die Sowjetunion kollabierte gab es diese kommerziellen Initiativen, bei denen Kleidung von sehr schlechter Qualität aus der Türkei herangeschafft wurde. Die meisten von ihnen waren Fälschungen. Grundsätzlich waren diese Märkte während den sowjetischen Zeiten der einzige Weg, sich Klamotten zu besorgen. Mein erstes T-Shirt war also von einem gefälschten Chanel-Shirt inspiriert.

CL Hat Ihre Familie die Leidenschaft für Mode begünstigt?

AA Ich wurde in Ufa geboren, mitten in Russland. Eine sehr offene Stadt, außer der strengen Religion dort. Mein Vater hatte mir einen Platz an der Wirtschaftsuniversität gesichert. Ich schlug ihm vor, stattdessen zur sowjetischen Armee zu gehen. Zum Glück hat er mich doch dabei unterstützt, Mode zu studieren! Jetzt ist er wirklich stolz auf mich.

CL Warum gaben Sie Ihrer Marke den Namen „Walk of Shame“?

AA Es fing als Witz an, den ein Freund kurz vor der Gründung der Marke über mich machte. Mit 27 Jahren war ich wild und sexy. Damals gab es diese Gemeinschaft von Kids, wir alle waren mutig und feierten bis 7 Uhr morgens. Weil der Name so schamlos ist, konnte ich mein Universum darum bauen und soziale Referenzen einbeziehen. Mit all den feministischen Bewegungen und #MeToo hat der Name eine neue, verdrehte Bedeutung für Frauen bekommen. Sie können entscheiden, ob sie ihren eigenen Walk of Shame gehen – oder nicht. Natürlich ist auch ein wenig Ironie dabei.

CL Erzählen Sie uns von Ihrer Spring/Summer 2019-Kollektion.

AA Der mexikanische Architekt Luis Barragán Morfín hatte großen Einfluss auf mich. Von der Farbe und Textur seiner Wände habe ich einen Stoffdruck entwickelt. Das sogenannte Herbarium ist der zweite Anhaltspunkt. Als ich acht oder neun Jahre alt war, war es eine sehr beliebte Beschäftigung, indem man Blumen und Blätter sammelte. Auch die Skizzen von Léon Bakst, dem russisch-französischen Ballettkostümdesigner, spielten eine Rolle. Ich habe sie mit zeitgenössischen Sporthosen vermischt. Und, wie üblich: viel Patchwork. Das kommt von meiner Faszination zum Mittelalter. 

CL Wenn man Ihre neueste Kollektion ansieht, merkt man, dass Sie reiner ist, als ihre Vorgänger. Weniger postsowjetisch.

AA Ich denke meine Mode sieht aufrichtig aus, weil all meine Referenzen aus meiner persönlichen Erfahrung stammen. Die postsowjetische Ästhetik war ein so großer Trend, jetzt bin ich mehr von Modernismus und Brutalismus inspiriert. 

CL Wie wird Ihre Marke in Moskau angenommen?

AA Moskau ist für mich ein guter Markt, aber mit Russland natürlich nicht zu vergleichen. In Russland verstehen viele die Marke nicht. Dort beherrschen noch immer große Luxusmarken die Mode.

CL An welche Orte ziehen Sie sich in Moskau gerne zurück?

AA In mein Studio in einem berühmten Gebäude namens Russia. In meine Wohnung am Tsvetnoy Boulevard, mit herrlichem Blick auf die alten Moskauer Dächer. In die Wohnung meiner Freundin Anna Dyulgerova mit Terrasse im Wolkenkratzer von Barrikadnaya Stalin. Alle konstruktivistischen Gebäude. Die Tretyakov Galerie, das Garage Museum und vor allem ihr Buchladen.

CL Und welche kreativen Köpfe schätzen Sie?

AA Die Künstlerinnen Anna Titova und Viktoria Kosheleva, die Sängerin Zhanna Aguzarova in ihren frühen Jahren, sowie Zemfira und Roisin Murphy. Die beiden Schriftsteller Anton Tschechow und Sergey Dovlatov – sie erheben stets meinen Geist! Die Fotografen Alexey Kiselev und Alessio Bolzoni. Ich liebe auch Porzellan mit Sowjetszenen. Und Werke von Eric Bulatov.

CL Gibt es jemanden, der Walk of Shame entdeckt hat?

AA Rihanna war die Erste! Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Einmal ging sie in London einkaufen, die Verkäuferin schickte mir eine SMS: “Rihanna kam gerade herein und hat deine letzten 5 Teile gekauft”. Ich dachte, sie hätte sie für ihre Tänzerinnen besorgt. 6 Monate später erhielt ich Bilder von ihr in Los Angeles, als sie mit dem rosafarbenem Pyjama-Anzug in einem Restaurant ankam. 

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