Vanessa

BEECROFT

Sie arrangierte halb nackte Frauen zu lebenden Tableaus und inszenierte die Hochzeit von Kanye West und Kim Kardashian. Nach einigen Kontroversen meldet sie sich mit klassischen Arbeiten zurück.

Wer Ende der 90er-Jahre für eine Performance von Vanessa Beecroft Modell stand, konnte sich entweder in Designerkleidung von Tom Ford im Museum wiederfinden. Oder, mit größerer Wahrscheinlichkeit: nur sehr spärlich bekleidet.

In ihrer Kunst ließ die gebürtige Italienerin große Menschengruppen Spalier stehen. Männer kamen allerdings höchst selten zum Einsatz, Frauen traten oft in hautfarbener Unterwäsche und Perücke auf. In der Neuen Nationalgalerie in Berlin trugen die Beteiligten nichts als Strumpfhosen. Weil das gut aussah, wurde Beecroft zur Lieblingskünstlerin der Modewelt. Designer wie Manolo Blahnik oder Miuccia Prada stellten Kleidungsstücke bereit, Louis Vuitton eröffnete seine Boutique auf den Pariser Champs-Élysées mit einer Beecroft-Intervention, für die Modelle wie Handtaschen auf Regalen platziert wurden.

Irgendwann verabschiedete sich Beecroft aus New Yorker Künstlerkreisen. Mit ihrer Familie zog sie nach Los Angeles, wo sie einen ihrer größten Fans traf: Kanye West. Man verstand sich auf Anhieb. Für West entwarf sie Bühnenauftritte und Modenschauen, weswegen Wests „Yeezy“-Präsentationen auch immer so aussahen wie Beecroft-Kunst. Dann machte sich die Künstlerin unbeliebt: Ihre Arbeiten zeigten irgendwann vor allem dunkelhäutige Frauen, in Interviews äußerte sie, sie empfinde sich nicht als weiß. Der Backlash ließ nicht lange auf sich warten. Heute ist Beecrofts Kunst weniger kontrovers. In der Galerie Pio Pico in Los Angeles zeigt sie derzeit klassisch anmutende Skulpturen, Büsten und riesige Wandreliefs.

“VBM.008.13”, SERENA ROSA NORVEGIA (LE MEMBRE FANTOME), 2015

FRAUKE FENTLOH In IhrenPerformances zeigten Sie halb nackte Models in Prada und Helmut Lang. Wieso plötzlich der klassische Einschlag?

VANESSA BEECROFT Die Idee war nie, mit Supermodels zu arbeiten. Ich habe meine Arbeit immer als klassisch betrachtet. Sie beruht auf den Prämissen meines Studiums in Italien: Anatomie, das Aktmodell, architektonische Räume. Der Grund, weshalb ich 1993 meine erste Performance aufführte, war, dass ich das Bild dieser Modelle nicht auf zeitgemäße Weise umsetzen konnte. Wann immer ich ein Modell im klassischen Sinne zeichnete, hatte ich nicht den Eindruck, dass ich damit irgendetwas Relevantes tue, für die Kunst oder auch nur für mich. Ich gab nicht die Aura oder die Emotion wieder, die das Modell in sich trug. Also beschloss ich, die Mädchen gleich selbst in die Galerie zu bringen. Ich hatte Bilder klassischer Kunst im Sinn. Doch weil es sich um moderne Frauen handelte und sie meine Kleider trugen, reagierte das Publikum anders, als wenn es vor einem Gemälde stand. Man sagte, sie sähen aus wie Prostituierte. Das hat mich verletzt. Ich beschloss, sie so lange zu zeigen, bis das Publikum seine Ansicht ändert. Damit habe ich dann die nächsten 20 Jahre verbracht. Im Guggenheim fragte mich die Kuratorin, ob wir schöne Frauen zeigen könnten. Da haben wir das erste Mal Modemodels benutzt.

“VB62.018.NT”, 2008

FF Warum waren die Reaktionen so extrem? Nackte Frauen sind in der Kunstgeschichte ja wirklich kein neues Phänomen.

VB Dachte ich eigentlich auch! Für mich sahen sie aus wie Heilige, wie die Santa Lucia oder wie von Piero della Francesca gemalt, einem Godard-Film entstiegen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so vulgarisiert wahrgenommen werden würden. Dann wurde mir klar, wie viele Probleme die Gesellschaft mit dem weiblichen Körper hat. Feministinnen warfen mir vor, Frauen zu objektifizieren. Dabei wurde ich von Feministinnen großgezogen, ich kenne mich aus mit Frauenrechten! Natürlich waren meine Wege nicht immer politisch korrekt, ich habe die Frauen nicht in einem intellektuellen Kontext gezeigt. Oft steckte ich sie in High Heels, mit Make-up im Gesicht. Mir wurde mal gesagt, dass ich die Künstlerin mit der Unterwäsche sei, dabei musste ich bloß manche Körperteile bedecken. Und zwar mit dem Budget, das mir damals zur Verfügung stand, also einem sehr kleinen. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich mir da den besten Kampf ausgesucht habe und die beste Vorgehensweise. Bis heute verstören mich meine eigenen Bilder. Ich hasse sie.

FF Wie bitte?

VB Ja, völlig. Ich arbeite seit vielen Jahren an einem Buch und kann es nicht fertigstellen. Es ist eine Monografie, die ich nicht veröffentlichen kann, weil es mir derartige Probleme bereitet, meine Bilder durchzuschauen. Sie sehen für mich nicht aus wie Gemälde, was mich aufregt. Immerhin haben sie Reaktionen ausgelöst, das ist meine einzige Genugtuung. Ich hatte übrigens immer den Eindruck, dass das deutsche Publikum meine Arbeit besser verstanden hat als die Amerikaner, Italiener oder Franzosen. Weniger sexualisiert und mehr in einem humanistischen Sinn.

“VB48.006.DR”, 2001

FF Sie haben gesagt, dass Nacktheit Ihre größte Angst sei.

VB Ich bin mir nicht sicher, warum Nacktheit und der Körper mir eine solche Angst einjagen. Ich dachte, wenn ich sie zeige, durch viele Repräsentationen meiner selbst, durch meine Armee, würde ich sie exorzieren. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das funktioniert hat.

FF Sie würden sich nie selbst in Ihre Performance stellen?

VB Nie! Ich habe immer andere Frauen benutzt. Es wäre mir zu peinlich, mich selbst zu porträtieren, weil ich eigentlich eine sehr verschlossene Person bin.

FF Die einzige Frau, die Ihnen davonlief, war Heidi Klum.

VB Das stimmt. Ich hatte Bilder von Heidi Klum gesehen und dachte, sie wäre diese riesige, teutonische Frau. Aber niemand hatte mir gesagt, welche der Frauen sie war, und in der Performance gab es noch ein anderes deutsches Model, das bestimmt zwei Meter groß war. Sie sah aus wie eine Skulptur. Also stellte ich diese Frau nach vorne und Heidi… Nun, ich wusste nicht, wer sie war, und dann wirkte sie auch so klein. Manchmal organisiere ich die Frauen so, dass die wichtigsten an den Rändern stehen, aber aus irgendeinem Grund stand Heidi ganz am Ende des Bildes. Ich glaube, sie fühlte sich übergangen. Also ging sie.

“VB72B.002.VB.POL”, 2014

“Ich habe mich geschämt, dass die Modewelt so eine große Rolle in meiner Arbeit spielte. Am Anfang versuchte ich, mich davon fernzuhalten.”
VANESSA BEECROFT

Foto FEDERICO SPADONI

FF Warum war die Modewelt überhaupt so vernarrt in Ihre Arbeiten?

VB: Das weiß ich auch nicht. Ich wuchs mit absolut gar keinem Zugang zu Mode auf, meine Mutter war sehr streng. Sie trug Kleider, die ihre eigene Mutter genäht hatte, sie hat nie einen Trend mitgemacht. In den Siebzigern zog sie 60er-Zeug an. Sie war sehr unabhängig. Ich habe allerdings Modemagazine geliebt, die italienische „Vogue“ zum Beispiel. Franca Sozzani hatte die Chefredaktion gerade übernommen, und die „Vogue Italia“ sah einfach unglaublich aus, mit Bildern von Helmut Newton, Steven Meisel. Die riss ich aus dem Magazin heraus. Natürlich erinnerten meine Frauen auch an Models. Und sie sollten beige und hautfarben aussehen, was an Margiela und Helmut Lang erinnert, es war vielleicht der Geist der Zeit. Mir selbst waren Trends nie wichtig, aber gewisse Menschen wie eben Newton, Yves Saint Laurent, Lang und Margiela schon, weil sie mit ihrer Kleidung das Bild der Frau voranbrachten.

FF Haben Sie sich je Sorgen gemacht, dass Ihre Kunst zu modisch sein könnte?

VB Ja, ja, ich war absolut besorgt. Ich habe mich auch dafür geschämt, dass die Modewelt so eine große Rolle in meiner Arbeit spielte. Am Anfang versuchte ich, mich davon fernzuhalten. Prada stellte Schuhe bereit, was sehr großzügig war. Und ich wollte bestimmte nElemente aus der Mode einbeziehen, Manolo-Blahnik-Schuhe zum Beispiel, weil sie besonders idealisiert aussahen, wie gezeichnet. Doch ich hatte das Gefühl, die Kunstwelt verraten zu haben, weil diese Werke nicht formell auf Kunst und Disziplin beruhten. Ich fragte mich, woran das lag. Womöglich hatte ich als Frau mit bestimmten Problemen den Drang, Dinge auszudrücken, die keine traditionelle Kunst sind. Das bedaure ich. Ich habe immer gedacht, wenn ich ein Mann wäre, würde ich vielleicht abstrakte Gemälde malen, die liebe ich nämlich. Meine Lieblingskünstler sind völlig minimalistisch.

FF Sie sind in einer Art New-Age-Community aufgewachsen. Was für eine Kindheit war das?

VB Nun, meine Mutter verließ Holland Park in London, wo die Familie meines Vaters ihr Haus hatte. Sie sagte, es sei sehr dekadent gewesen, sie hätten kein Geld gehabt, aber dafür sehr viel Eleganz. Politisch konservativ. Sie lief mit mir fort, und wir zogen an den Gardasee in den italienischen Bergen. Sie war 25 und allein. Meine Mutter sah ein bisschen aus wie Silvana Mangano oder Monica Vitti, sie kleidete sich konservativ, wenn sie mich in die Schule brachte. Es gab kein Auto, kein Telefon, keinen Vater, wir aßen kein Fleisch. Sie gehörte nicht unbedingt einer New-Age-Bewegung an, eher war sie einfach ein kontroverser Mensch, der sich um niemanden scherte und keine Kompromisse einging. Sie war völlig antibourgeois und nonkonformistisch. Sie lebte nach ihren eigenen Idealen. Sie verachtete die Massenkultur. Aus irgendeinem Grund hatten in der Gegend einige deutsche und österreichische Frauen Italiener geheiratet, die auch sehr streng waren, wenn es darum ging, ihre Kinder zu ernähren, sehr Waldorf. Wir hatten alle keinen Fernseher und kein Plastik im Haus. Was gut war, denn ich konnte mich mit der Natur und Literatur beschäftigen. Es war sehr unverfälscht. Das beeinflusst mein Leben bis heute, ich habe noch nie Fleisch gegessen, noch nie Fernsehen geschaut. Ich habe nie Popstars gekannt, ich weiß praktisch nichts über Musik, solange sie nicht klassisch ist. Ich weiß nichts über gar nichts, haha.

“VB62.280.VB”, 2008

FF Waren Sie glücklich in diesem abgeschnittenen Leben?

VB Ich war am Boden zerstört, weil ich ohne meinen Vater aufwuchs. Mein Vater war das Gegenteil meiner Mutter, blond, blaue Augen, halb englisch, halb deutsch. Er war eine Figur, die ich völlig idealisierte. Er fuhr klassische Autos. Ich wuchs in einem Dorf auf, wo die Menschen sich mit Ziegen fortbewegten. Das war ein kleiner Schock. Ich fragte mich, was ich dort tat. Ich spürte, dass ich nicht dorthin gehörte. Die Menschen nannten uns „Foresta“, was wörtlich übersetzt „Wald“ bedeutet, aber eigentlich „Weltfremde“ heißen sollte. Ich war also ein Wald. Sie lachten über meinen Nachnamen, meine Kleider. In gewissem Sinne war ich eine Außenseiterin.

FF Dann gingen Sie nach Mailand, um Kunst zu studieren.

VB Ich zog als Au-pair nach Mailand. Ich suchte mir Mailand aus, weil es die Stadt von Antonioni, Manzoni, Fontana ist, wo man kein einziges Denkmal erkennen kann. Ich wollte wie im Nebel sein, in einem melancholischen Szenario. Dort gab diese eine Gruppe von Frauen, die ich extrem interessant fand. Sie ähnelten den Frauen in den Gemälden, mit denen ich aufgewachsen war. Die meisten von ihnen hatten wohl Essstörungen. Ihre Silhouetten waren sehr lang. Sie rannten immer in Laufschuhen nach Hause, um ihre Sünden zu büßen, wie Heilige. Sie standen in einem Kampf mit ihrem Körper. Ich beschloss, diese Frauen in einer Performance zu zeigen. Damals schrieb ich ein Ernährungstagebuch, das ich „Book of Food“ nannte, und ich wollte mit ihrer Hilfe diesen Kampf visualisieren.

“VB78.008.VB.POL”, 2016

FF Worum genau ging es diesem Buch?

VB Ich hatte „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ gelesen, die Geschichte einer Frau, die unschuldig beschuldigt wird. Ich fühlte mich damals beobachtet für die Art, wie ich aussah, und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte. Ich hatte ein verzerrtes Bild von mir selbst. Ich konnte nicht begreifen, warum ich in meinen Augen so dick war, obwohl ich nicht viel aß. Bloß Äpfel und Kakis und Brot. Ich beschloss, alles aufzuschreiben, was ich aß. Damit man, falls mich jemand vor einen Richter bringen würde oder zu einem Arzt, sagen könnte: „Sie ist unschuldig, sie hat dies nicht gegessen, sie hat das nicht gegessen.“ Letztendlich fand ich heraus, dass ich glutenintolerant bin, daher kam womöglich ein Teil des Unwohlseins. Aber ich fand immer noch, dass ich es nicht verdiente, so dick zu sein. Deswegen notierte ich zehn Jahre lang alles, was ich aß.

FF Für eine andere Arbeit servierten Sie Frauen farblich koordinierte Lebensmittel.

VB Das war während meiner ersten Retrospektive, im Castello di Rivoli. Manche Frauen waren Models, oder sie waren in früheren Performances gewesen, manche gehörten zum dortigen Adel. Meine Mutter war auch dabei und meine Schwiegermutter. Alle trugen Blusen von Saint Laurent. Ich servierte ihnen über einige Tage hinweg einfarbiges Essen – alles in Rot, alles lila, alles weiß, alles gelb, alles grün. Sie sollten ganz viel essen. Taten sie aber nicht! Sie waren zu schüchtern.

Foto FEDERICO SPADONI

“Ich hatte ein verzerrtes Bild von mir selbst. Ich konnte nicht begreifen, warum ich, in meinen Augen, so dick war, obwohl ich nicht viel ass. Bloss Äpfel und Kakis und Brot.”

FF Hatten Sie ein zwanghaftes Verhältnis zum Essen?

VB Ja, es war obsessiv. Ich versuche zu verstehen, woran das lag. Womöglich auch daran, dass es bei meiner Mutter nie sehr viel gab. Wir aßen nie Pasta und Fleisch ja auch nicht. Essen war nichts, was zelebriert wurde. Es wurde besser, als ich Kinder bekam. Endlich verstand ich, warum ich einen solchen Körper hatte. Ich begann, meine Brüste zu akzeptieren, die ich zuvor immer gehasst hatte.

FF Haben Sie immer noch damit zu kämpfen?

VB Schon. Ich verbringe den ganzen Tag mit dem Versuch, nichts zu essen. Den ganzen Tag lang hoffe ich, dass ich nicht essen werde. Gleichzeitig kaufe ich extreme Mengen Obst und Gemüse und dekoriere das ganze Haus damit. Damit die Kinder jederzeit essen können, was sie wollen. Aber nur das, was erlaubt ist. Obst, Gemüse, Nüsse, Grünzeug. Kein Fast Food. Nie. Sie dürfen nichts Schlechtes im Haus essen. Wenn wir rausgehen, können sie Eis oder Pizza essen, aber im Haus absolut nicht. Es ist wie ein Gemüsemarkt bei uns. Alles muss Rohkost sein. Und bio.

FF Klingt streng.

VB Die Kinder sind sehr glücklich und essen sehr gut.

FF Vor einigen Jahren zogen Sie nach L. A. und brachen gleichzeitig die Kontakte zur Kunstwelt ab.

VB Das war keine besonders rationale Entscheidung, womöglich war ich noch nie eine gute Angestellte der Kunstwelt. Am Anfang beschloss ich, mich von den kleineren Galerien zu trennen und die größeren zu behalten, wie Gagosian und Jeffrey Deitch. Dann begannen andere Beziehungen langsam zu versanden, und mir war es egal, ich machte weiter wie zuvor. Ich bin nie Kompromisse eingegangen. Wenn mir nicht danach war, Arbeiten für eine Schau zu produzieren, tat ich es nicht. Ich mag es nicht, auszugehen und Menschen zu treffen. Ich habe nicht am sozialen Leben teilgenommen, ich vergaß die Namen der Galeristen und Sammler. Ich habe nie langfristig gedacht. Heute bereue ich dieses Verhalten ein wenig, es war extrem und kindisch. Ich hätte den Erfolg ein bisschen besser nutzen können. Aber zumindest habe ich nie etwas getan, was ich nicht tun wollte. Ich hatte nie den Plan, die Kunstwelt zu verlassen. Ich nehme an, ich habe sie automatisch aufgegeben, indem ich mich auf eine bestimmte Weise verhalten habe.

“LE MEMBRE FANTOME”, 2015

FF Stattdessen arbeiteten Sie eng mit Kanye West zusammen. Keine naheliegende Verbindung, oder?

VB Nun, als ich nach Los Angeles zog, sagte meine Assistentin immer wieder, Kanye West wolle sich mit mir treffen. Ich wusste nicht, wer Kanye West war, ich hatte nie von seiner Musik gehört. Also tat ich gar nichts. Irgendwann sagte sie: „Wenn du dich nicht mit ihm triffst, gehe ich selbst hin.“ Also ging ich doch. Er wollte, dass ich ihm bei dem Auftritt für sein Album „808s & Heartbreak“ half, das vom Tod seiner Mutter handelt und davon, dass ihn seine Verlobte verlassen hat. Ich war gerade von meinem Mann verlassen worden und hatte den Eindruck, dass er etwas ausdrücken wollte, was ich erlebte. Deswegen beschloss ich, dass es eine kosmische Begegnung war. Am gleichen Tag lernte ich auch meinen zukünftigen Ehemann und meine beste Freundin und noch ein paar andere Menschen kennen. Es war ein magischer Tag, der mein Leben völlig veränderte.

FF Kanye West hat Ihrer Karriere einen zweiten Frühling geschenkt?

VB Kanye war ein neues Abenteuer. Es war, wie eine andere Welt zu betreten. Mit einem sehr exzentrischen Mann.

FF Vor allem, da Sie vorher nie Fernsehen geschaut oder Popmusik gehört hatten. Und plötzlich arbeiteten Sie für den Mann von Kim Kardashian!

VB Ja, und ihm gefiel das. Wenn jemand sagte: „Erinnert ihr euch, was Michael Jackson gesagt hat?“, sagte er: „Frag nicht Vanessa, sie kennt so etwas nicht.“ Ich entwarf das Produktionsdesign für seine „Yeezus“-Tour und hatte vorher nicht mal das Album gehört. Aber es passte perfekt. Er ist so wie ich, sehr intuitiv. Das hat also gut funktioniert. Gleichzeitig war es schwierig, denn es ist wirklich eine andere Welt, in der man für den Markt Kompromisse eingehen muss, was ich in der Kunst nie getan habe.

FF Dafür haben Sie zu Wests „The Life of Pablo“ im Madison Square Garden das größte Livekunstwerk aller Zeiten realisiert.

Vanessa Beecroft Performance, 2016, Madison Square Garden, New York, Foto JESPER JUSTESEN

“Wenn jemand sagte: “Erinnert ihr euch, was Michael Jackson gesagt hat?”, sagte Kanye: “Frag nicht Vanessa, sie kennt so etwas nicht.”

VB Na ja, das hat mich nicht gestört. Was mich wirklich bewegte, war, dass wir in kurzer Zeit so viele Menschen zusammenbringen konnten, 1 000 afroamerikanische Männer. Sie trugen braun, rot und gelb gefärbte Kleider und sahen fast altertümlich aus. Sie standen komplett still, während Kanye eine Art Gospel sang. Es war sehr emotional, die Menschen hatten Tränen in den Augen. Es fühlte sich an wie der Beginn einer Revolution.

FF Es heißt, Sie hätten auch die Hochzeit von Kanye West und Kim Kardashian in Florenz orchestriert.

VB Ja, damit wir dort die historische Festung benutzen durften, wurde die Hochzeit zu meiner Ausstellung erklärt. Ich blieb mit meinem Mann und meinen Kindern für einen Monat in Florenz. Eins der Stücke, die ich für die Hochzeit anfertigte, war von Jenny Holzer inspiriert. Es war ein Hochzeitstisch aus einer riesigen Marmorplatte. Darin waren die Namen aller Gäste eingraviert. Wie eine Grabplatte in Gold: Kanye West, Hinz und Kunz, sämtliche Namen dieser wichtigen Menschen in Marmor.

FF Arbeiten Sie noch zusammen?

VB Letztes Jahr zog Kanye sich zurück, und ich brauchte auch ein bisschen Zeit, um mich mal wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Also beschlossen wir, nur noch zusammenzuarbeiten, wenn er mich braucht. Im letzten Jahr war er nicht sehr aktiv.

FF In letzter Zeit gab es Kritik an Ihren Arbeiten, in denen es um afroamerikanische Identität ging. Sie bezeichneten sich sogar als schwarz. Wie kamen Sie bloß darauf?

Installationsansicht Vanessa Beecroft, Pio Pico, Los Angeles, 2017

VB Das ist eine gute Frage. Selbst heute bin ich noch verwundert und schockiert über die Reaktionen auf diesen Aspekt meiner Arbeit. Das war irgendwie immer da, ich erinnere mich, dass ich im Kindergarten einen Zeichenwettbewerb gewann. Ich malte Hunderte schwarze Kinder, ich habe keine Ahnung, woher das kam, denn ich hatte ja niemals welche gesehen. Sie machten dann ein Poster daraus. Die Frage, die Sie mir stellen, hat mir auch Harry Allen von Public Enemy gestellt. Wir sprachen fürs Radio miteinander. Ich fragte ihn: „Harry, kannst du mich fragen, warum ich farbige Menschen zeige und ob ich ein Recht habe, das zu tun?“ Harry bezeichnet sich als „Media Assassin“, er ist ein politischer Aktivist. Irgendwann in dem Interview sagte ich dann, ich wäre nicht weiß. Ich sagte es unbewusst. Und er fragte mich: „Was ist weiß?“ Und ich sagte: „Weißer Mann, weißer Zaun, Opulenz.“ Ich beschrieb eine Gesellschaft, zu der ich nicht gehörte. Als es letztes Jahr diese Kontroverse gab, war ich verletzt. Nicht weil ich angefeindet wurde. Sondern weil ich mich dafür verantwortlich fühlte, dass ich mich nicht klar genug ausgedrückt hatte und auf Kosten anderer missverstanden wurde. Ich fragte mich, ob ich zu weit gegangen war. Habe ich das Recht, diese Dinge, die nicht zu mir gehören, überhaupt zu erwähnen? Warum kann man über diese Fragen nicht sprechen? Ich will nichts tun, was Menschen verletzt. Gleichzeitig kann ich es mir nicht verkneifen, meine Arbeit zu benutzen, um ein gewisses Unwohlsein auszudrücken, das ich gegenüber der Welt verspüre. Als Mensch, nicht als Frau und nicht als weiße Frau. Seit ich nach Amerika gezogen bin, ist das offensichtlicher geworden.

FF Das Problem liegt wohl darin, sich etwas zu eigen zu machen, das man selbst nicht nachvollziehen kann.

“VB.BRONZE.005.FS.POL”, 2015

VB Das stimmt, es heißt, dass niemand, der nicht schwarz ist, für Schwarze sprechen kann, und das verstehe ich. Vielleicht bin ich nicht sehr sensibel. Ein Freund hat mir einmal gesagt, ich sei Brutalistin. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Aber ich kann nicht nicht über etwas sprechen, das ich so wichtig finde. Im Jahr 2000 sagte Jeffrey Deitch zu mir: „Fass in Amerika keine schwarzen Themen an, es ist zu schwierig, lass es einfach.“ Als damals der G8-Gipfel in Genua stattfand, wurde ich eingeladen, dort eine Performance aufzuführen. Ich wollte schwarze Frauen zeigen, denn im historischen Zentrum der Stadt gab es sehr viele illegale Einwanderinnen, die ihre Körper verkauften. Ich wollte sie in die Sala del Maggior Consiglio bringen, wo zwei Wochen später der G8-Gipfel stattfinden würde. Ich sprach mit Franca Sozzani von der „Vogue“ und sie sagte: „Tu es nicht. Du bringst sie in Gefahr.“ Nach langer Diskussion half sie mir, 30 Models aus Paris einzufliegen, weil es in Mailand keine schwarzen Models gab. Sie standen in einem schwarz gestrichenen Raum, es sah aus wie ein monochromes Barockgemälde. Beim Gipfel gab es im Maggior Consiglio keine schwarzen Repräsentanten. Diese 30 Frauen erinnerten die Menschen daran, dass es ein schlechter G8 war. Ein paar Monate später brachte Franca die „Black Issue“ der italienischen „Vogue“ heraus. Unsere Freundschaft wuchs auch dadurch, dass wir uns gemeinsam in diesem Kreuzfeuer befanden. Daran wurde ich gerade noch einmal erinnert, als ich die Dokumentation sah, die ihr Sohn gedreht hat.

FF Hatte diese Kritik auch damit zu tun, dass Sie sich zunehmend mit klassischeren Arbeiten befassten?

VB Ja. Ich benutze lokale Materialien wie Ton und Keramik. Ich habe alle Arten Lehm benutzt, vom sehr hellen bis sehr dunklen. Die habe ich wieder als Hauttöne gebraucht. Ich habe weiße und schwarze Skulpturen und andere in Gold, Beige, Braun, dafür mischte ich die verschiedenen Tonarten. Das setzt den gleichen Diskurs fort, aber auf andere Art, stärker losgelöst von der Realität. Dann gibt es dieses große Wandrelief mit mehreren Frauen, deren Körper sich darin abzeichnen. Ich habe die Frauen in den feuchten Lehm gesteckt und dann ein Positiv ihres Körpers erstellt. Das sieht ein bisschen gewalttätig aus oder wie ein Bild aus dem 15. Jahrhundert, ein weißes Basrelief.

Installationsansicht Vanessa Beecroft, 2017

FF Die Körper sind ganz schön verdreht. Sie wirken irgendwie leidend.

VB Ich dachte an ägyptische Posen, manchmal sehen sie aus wie Engel, manchmal wie Monster mit gefletschten Zähnen. Alle sind versammelt, wie in einer Hölle oder Vorhölle. Eigentlich wollte ich das Relief als Negativ herstellen, sodass man bloß die Abdrücke der Körper sieht. Aber es war unmöglich, es zerbrach immer wieder. Es war wie eine unmögliche Mission à la Herzog, „Fitzcarraldo“, dieses Wandbild herzustellen. Irgendwann beschloss ich, es so zu zeigen, wie es ist, obwohl mein Gedanke eigentlich war, die Abwesenheit zu zeigen. Die Tatsache, dass sie nicht mehr da sind, wie eine Performance in Ton.

FF Haben Sie sich mit dem neuen Material angefreundet?

VB Das Grundproblem ist ja, dass ich am Ende, wenn das Ergebnis herauskommt – selbst das Foto einer Performance –, mit einer großen Leere und Melancholie zurückbleibe. Wenn ich meine Skulpturen sehe, bin ich genauso traurig, wie wenn ich ein Bild meiner Performances sehe. Als hätte ich es nicht richtig geschafft, das zu tun, was ich vorhatte. Es bleibt unvollendet, non-fnito. Es geht mir immer um die Frau und den Körper und den Kampf und die Existenz. Anschließend sehe ich mir die Schau an und frage mich: „Was ist das?“ Ich wünschte, es wäre nichts übrig, wie nach einer Performance, nach der die Frauen davongehen, und das war’s. Mittlerweile denke ich, wenn ich noch zehn Jahre so weitermache, kann ich am Ende ein abstraktes Bild malen. Vielleicht. Ich hoffe es. Mit den Performances habe ich nie die Abstraktion erreicht, nach der ich suchte. Sie waren immer sehr repräsentativ. Und Abstraktion war für mich das ultimative Ziel. Die Form zu transzendieren. Die Skulpturen sind schon ein wenig mehr symbolische Repräsentation als Repräsentation an sich.

“Mittlerweile denke ich, wenn ich noch zehn Jahre so weitermache, kann ich am Ende ein abstraktes Bild malen. Vielleicht. Ich hoffe es.”

FF Von Ihnen selbst? Die Köpfe sehen Ihnen ziemlich ähnlich.

VB Ja, ich weiß nicht. Mir selbst ist es nicht aufgefallen. Aber ja, sie haben eine sehr spitze Nase und ein spitzes Kinn oder ein rundes Gesicht. Sie sind sehr Beecroft. Selbst meine Kinder sehen so aus. Es ist wohl der biografische Fingerabdruck. Ich tue das nicht bewusst, ich denke mir immer, okay, heute mache ich einen neuen Kopf, und: bumm!, am Ende sieht er so aus. Auch meine Zeichnungen von Körpern haben sich verändert. Als ich anfing , waren sie zerbrechlicher, pubertärer. Und jetzt sind sie reifer, kräftiger, die Brüste fallen ab. Sie folgen gewissermaßen meiner Biografie. Darum bedaure ich, dass ich in den Jahren, als ich so viele Performances gemacht habe, nicht viel gezeichnet habe. Es wäre interessant gewesen, diese Wandlung zu sehen. Stattdessen habe ich mir nicht erlaubt, irgendwas in die Richtung zu machen, weil ich so damit beschäftigt war, überall auf der Welt Performances aufzuführen.

FF Haben Sie das Kapitel heute geschlossen?

VB Ich glaube immer noch, dass ich alles tun könnte. Aber Performances überlege ich mir normalerweise nur, wenn eine Institution mich fragt oder Kanye West. Oder wer auch immer. Ich würde nie aufstehen und denken: Ich mache mal eine Performance.

“VB.DW.034.16”, 2016

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