THEASTER

GATES

ist Stadtplaner, Kenner japanischer Kultur und Töpfer. Er ist außerdem einer der wichtigsten amerikanischen Künstler der Gegenwart. SPIKE LEE ist Baseball-Fan und Dauerkartenbesitzer der New York Yankees. Er ist außerdem einer der wichtigsten amerikanischen Filmemacher der Gegenwart. Ein Treffen in Mailand

Ein Nachmittag im September: Italien, die Sonne scheint. Am Tag zuvor haben Theaster Gates und Spike Lee nebeneinander in der Modenschau von Prada gesessen, gezeigt wurde Kleidung für das Frühjahr 2019. Sie gefiel, es handele sich um Kunst zum Anziehen, entschied man. Gates ist nach Mailand gekommen, um dort seine Ausstellung „The Image Corporation“ zu eröffnen. Sie handelt von afroamerikanischen Bildern und Selbstbildern. Zu sehen sind Fotos aus den Archiven der Magazine „Ebony“ und „Jet“, Illustrierte, die im Amerika der Nachkriegszeit Spiegel und Forum schwarzer Kultur waren. Glam-Shots von Filmstarlets und Sportikonen standen darin neben Reportagen zum Marsch auf Washington.

Gates stammt aus Chicago, hat Stadtplanung studiert und sich in Japan mit Keramik und Töpferei beschäftigt. Fast immer hat seine Kunst gesellschaftlichen Bezug. In der Chicagoer South Side hat er leer stehende Gebäude zu Kunstzentren umgebaut, in einem befindet sich das Bucharchiv des „Ebony“-Gründers John H. Johnson, in einem anderen die Plattensammlung von House-Musiker Frankie Knuckles. Gates hat bei der Documenta in Kassel ausgestellt und ist gerade mit dem Kurt-Schwitters-Preis ausgezeichnet worden. Zur Art Basel zeigte er einmal Marmorplatten mit der Inschrift „In Art We Trust“, sie stammten aus den Toiletten einer Bank.

Kurz bevor Gates’ Schau in der Fondazione Prada Osservatorio eröffnet, setzt er sich mit Spike Lee zum Gespräch zusammen. Lee, Regisseur von Filmen wie „Do the Right Thing“ und „Malcolm X“, hat gerade mit „BlacKkKlansman“ den Film zum politischen Katastrophenjahr 2018 vorgelegt. Die beiden kennen sich seit einigen Jahren, Gates durfte mal am Set von Lees Film „She’s Gotta Have It“ ein paar Zeilen vortragen. Es lief, wie man erfährt, eher mittelgut.

THEASTER GATES Spike, wenn ich über schwarze Ikonen nachdenke wie Michael Jackson oder Aretha Franklin – gerade jetzt sind viele unserer Helden und Heldinnen von uns gegangen. Und erst im Moment ihres Sterbens ist die Welt bereit, ihre Leistungen anzuerkennen.

SPIKE LEE Da frage ich mich: Warum müssen wir dafür sterben? Warum können sie mir meine Blumen nicht überreichen, wenn ich lebe? Lasst mich den süßen Duft riechen, die frisch geschnittenen Rosen.

TG Und bei Michael war es besonders schlimm, die Schwere seiner Bürde war fast wie eine Bürde Christi. Die Last, die er schon ganz jung trug.

SL Joe Jackson hat ihn früh rausgeschickt.

TG Er hat seine Kinder durch die Welt geschickt.

SL Aber kann ich dazu mal etwas sagen? Über die Jahre hat sich ja dieses Narrativ entwickelt, mit dem Joe Jackson oder Richard Williams verteufelt werden. Richie Williams hat seine Kinder auf improvisierten Tennisplätzen spielen lassen, aber er hatte den Weitblick zu sagen: „Meine Töchter Serena und Venus werden zu den besten Spielerinnen heranwachsen, die es je gegeben hat.“

TG Auf der Welt.

SL Und so ist es geschehen! Ebenso Joe Jackson. Seine Familie, seine Söhne, später Janet, sollten nicht in die Mühlengeraten. Diese Männer hatten eine Vision und haben sie erfüllt. Heute haben die Menschen ein Problem mit der Taktik dahinter.

TG Genau.

SL Darum geht es mir nicht. Ich spreche von der ursprünglichen Vision, dass ihre Kinder es besser haben sollten. Das kann ich nicht verurteilen, kann ich einfach nicht.

TG Es gibt immer einen Weg. Manchmal dauert es fünf Generationen, um von dort, wo du bist, dorthin zu kommen, wo du hin willst. Oder du musst Tag und Nacht schuften, unter Bedingungen, die härter, extremer sind. Ich glaube, dass schwarzer Erfolg oft auf diese Weise erreicht worden ist.

SL Wie alt bist du, Mann?

TG 45.

SL Ich bin ein wenig älter als du, aber wir gehören zur gleichen Generation. Unsere Eltern haben uns gesagt: Du musst zehnmal besser sein als dein Kumpel.

TG Absolut.

SL Wenn ich in der Schule eine Zwei bekommen habe, habe ich mich gefreut. Weißt du, was meine Mutter sagte? „Ich wette, dein weißer Klassenkamerad hat Einsen.“ Ich meinte: „Mom, das ist nicht fair.“ Und sie: „Scheiß auf fair.“ Seit ich acht, neun Jahre alt war, hat sie mir das eingebläut: Damit du Erfolg hast, musst du zehnmal besser sein. Das ist schwarzen Kinder jeden Tag eingehämmert worden. Darum sprechen wir von Black Excellence. Black Excellence ist dadurch entstanden, dass Eltern ihren Kindern gesagt haben: „Gut ist nicht gut genug.“

TG Gut ist nicht gut genug.

SL Gut wird es nicht schaffen.

TG Wenn man durchschnittlich ist, schafft man es nicht mal ins Wimbledon-Testspiel.

SL Ein weißer Junge kann durchschnittlich daherkommen und sagen: „Mein Urgroßvater hat in Wimbledon gespielt. Und ich war auf einer Privatschule.“ Und so durchschnittlich, wie er ist, wird er es womöglich auf den Tennisplatz schaffen. Wir sind nicht fürs Gewinnen prädestiniert.

TG Aber es gibt einen Weg, und ich glaube, da spielen deine Filme eine Rolle. Als ich „Mo’ Better Blues“ zum ersten Mal sah war ich ein junger Kerl. Hörte Oscar Peterson, kannte ein bisschen Branford Marsalis. Als ich „Mo’ Better Blues“ schaute, eröffnete sich mir ein musikalischer Klangraum. Ich sah Denzel Washington mit seiner Trompete nach Hause laufen, mit seiner Trompete schlafen gehen. Er übte und übte, während seine Freunde draußen spielten.

SL Sie hätten die Eltern dafür verteufeln können. Aber es ist doch so, du willst Trompetenspieler werden? Dann übe. Da kannst du nicht auf der Straße rumhängen.

TG Bei dem Film kam mir der Gedanke, dass ich ein großer Musiker werden könnte. Oder Clubbesitzer. Weil er schwarze Menschen zeigte, die Musik spielten. Der Film hat mir geholfen, eine Zukunft für mich selbst zu sehen. Meinen Ehrgeiz auf Kurs zu bringen. Ich denke auch an Big Brother Almighty, der eine französische Frau hatte.

SL Nein, nein, nein, das bringst du durcheinander. Das war Left Hand Lacey aus „Mo’ Better Blues“.

TG Left Hand Lacey! Als ich das sah, dachte ich jedenfalls: Das hat Klasse. Filmische und fotografische Bilder helfen uns dabei, höher zu streben, mal abgesehen davon, dass sie unterhalten. Was bedeutet, Spike, dass du als Bildermacher Entscheidungen darüber triffst, wie schwarze Menschen ihre Zukunft gestalten. Dabei muss ich an deinen Film über New Orleans denken.Den humanisierenden Effekt, den es hat, über Katrina zu sprechen. Über die kleinen Mädchen in Birmingham, Alabama. Das ist eine wichtige Verschiebung: von einer polierten Version zur Wahrheit unserer Geschichte. Diese nicht erzählten Geschichten will ja keiner hören. Niemand will wissen, wer die Bombe gelegt hat. Niemand will von den verstreuten Gliedern hören. Die Menschen müssen die wirklich widerwärtigen Bilder sehen.

SL Und vom Schmerz der Eltern und Verwandten hören. Weißt du, was eins der befriedigendsten Dinge meiner Karriere gewesen ist? „School Daze“ ist 1988 herausgekommen. Und noch heute erzählen Menschen mir, dass sie wegen dieses Filmsaufs College gegangen, wegen dieses Films an einer schwarzen Uni gewesen sind.

TG Wir kennen uns erst seit vier Jahren, aber deine Filmehaben mich mein gesamtes Erwachsenenleben beeinflusst. Und auch meine gesamte Kindheit. Verdammt, du bist alt.

SL 61.

TG Und wenn man sich mal überlegt, dass du das mit 25, 26, 27 gemacht hast. Das war neues Terrain. Es gab „Body and Soul“ von Oscar Micheaux. Charles Gaines. Julie Dash hat „Daughters of the Dust“ gedreht. Aber im Großen und Ganzen waren da nicht viele, oder?

SL Wenige.

TG Haile Gerima hat neue Generationen von Filmemachern ausgebildet. Wir hatten das Privileg, es die amerikanische Erfahrung nennen zu können. Und die schwarze Erfahrung, oder beides. Du musstest dich für deine eigene Praxis engagieren und neue Filmemacher ausbilden, die dich überholen und verschlingen werden. Damit das Thema weiterlebt. Darum will ich einen Spike-Lee-Fonds aufsetzen.

SL Ach, und worum geht es da?

TG Weiß ich noch nicht. Aber ich möchte ihn leiten. Spike, ich möchte, dass zwei Menschen ans Filmset kommen und miterleben können, was dort geschieht.

SL Das machen wir schon. Von Anfang an war der Auftrag: Wenn man mich reinlässt, wird es nicht bei mir bleiben. Darum haben wir immer Praktika angeboten. Dee Rees war meine Studentin an der NYU, wo ich unterrichte. Seit 17 Jahren. Es ging mir immer darum, Strukturen zu öffnen. Erzähl mal, wie du am Set von „She’s Gotta Have It“ warst.

TG Nun, wir haben meine Szene gedreht, aber ich hatte gar keinen Text, also musste ich mir etwas ausdenken. Jedes Mal haben wir zwei etwas anderes ausprobiert, und jedes Mal habe ich es versaut. Da wurde mir klar, dass man eine Stunde braucht, um zwei Minuten auf Film zu bringen. Zwei Stunden für zwei gute Minuten. Wenn wir beide unterwegs sind, reden wir ja viel Quatsch. Wenn du bei der Arbeit bist, wirst du zum Feldwebel.

SL Keine Zeit für Bullshit, kein Zeitvergeuden.

TG Jede Minute kostest 5000 Dollar.

SL Oder mehr.

TG Das heißt, die Zeit, die du brauchst, um die Leute aus der Pause zurück ans Set zu bekommen, kostet dich vielleicht 15000 Dollar. Es gibt die Kunst, und es gibt das Geschäft. Gestern Abend haben du und ich und Miuccia Prada ja zusammen gesessen und über ihre Modenschau gesprochen und die Zeit und Energie, die es kostet, diese 15 Minuten auf die Beine zu stellen.

SL Viel Arbeit.

TG Es dauert zwei Wochen, die Lautsprecher zu installieren, die Lichter. Sie macht Kunst, das waren ja keine Allerweltsklamotten. Es sind Kunstwerke.

SL Kunst, die man anziehen kann.

TG Da habe ich eine unglaubliche Verbindung zwischen Künstler, Filmemacher und Modemacher gespürt. Es braucht so viele Arbeitsschritte. Womöglich findet in diesem Prozess die richtige künstlerische Arbeit statt. Und das Nebenprodukt ist große Kunst.

SL Die Menschen sehen nicht, wie schwierig das ist. Diese Motherfuckers, entschuldige meinen Ausdruck, glauben, der Scheiß ist einfach. Es ist harte Arbeit. Man muss sich den Arsch aufreißen. Für den Rest seines Lebens. Tag und Nacht.

TG Yeah. Man sollte noch viel mehr üben.

SL Die Leute denken, Michael Jordan ist einfach aus dem Bett gestiegen und hat getan, was er tat. Oder Miles Davis oder John Coltrane oder Billie Holiday oder Frank Sinatra. Die haben Stunden um Stunden, Jahre über Jahre mit dem Üben verbracht. Oder Leonardo da Vinci, als hätte er seine Malerei mit zwei Jahren produziert. Damals musste man 20 Jahre lang üben, selbst um einen beschissenen Schuh herzustellen. Man musste Lehrling sein, jahrelang. Ehe man überhaupt irgendetwas machen durfte.

TG Spike, das können wir den Leuten vermitteln. Den Wert des Übens. Den Wert der Zeit.

SL Also, ich muss nicht üben, ich weiß ja, wie es geht. Aber man muss sein Handwerk lernen.

 

Theaster Gates’ Ausstellung „The Black Image Corporation“ ist bis zum 14. Januar in der Fondazione Prada Osservatorio in Mailand zu sehen

Interviews......