SUN RA

 

Afrofuturismus, here we come! Ein Treffen mit Marshall Allen, dem 94-jährigen Bandleader des legendären Sun Ra Arkestras.

Bevor Marshall Allen gesprächsbereit ist, muss er erst einmal vor die Tür und rauchen. Rauchen ist für den Jazzmusiker und Leiter des Sun Ra Arkestra eine große Leidenschaft, die mit der notwendigen Hingabe gelebt wird. Weil es eben Schwierigkeiten mit einem widerspenstigen Zigarettenautomaten gab, wird einer Assistentin ein Zwanziger in die Hand gedrückt, damit sie ein paar Packungen auf Vorrat besorgt.

Seit 1958 spielt Allen für das Arkestra vor allem das Tenorsaxofon, seit 1995 ist er auch der künstlerische Leiter. Er ist 94 Jahre alt, was ihn aber nicht davon abhält, mit der Band unermüdlich die gesamte Welt zu bespielen. Als man von ihm wissen möchte, ob das unentwegte Touren nicht auf die Dauer anstrengend sei, antwortet er: „Wieso, die Tournee hat doch gestern erst begonnen?“ – „Sie meinen die Europatour?“ – „Ja.“ – „Aber davor waren Sie doch auch schon die ganze Zeit unterwegs.“ – „Ja, aber nicht in Europa.“

Man muss dazu sagen, dass es nicht ganz so einfach ist, mit Marshall Allen zu kommunizieren. Wie viele Leute seines Alters hat er vollkommen zu Recht das Gefühl, die wirklich wichtigen Dinge bereits derart häufig gesagt zu haben, dass es fortan reichen muss, die Kernaussagen nur noch kurz anzutäuschen und deswegen Sätze einfach nicht mehr zu beenden. Das spart Energie. Die braucht er, wenn er abends für die rund dreistündigen Konzerte auf der Bühne steht. Möge die Musik statt der Worte sprechen.

Allen kam im Mai 1924 in Louisville, Kentucky, zur Welt, war während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich stationiert. Während der Zeit studierte er in Paris Klarinette und blieb anschließend noch ein paar Jahre in Europa, um mit Musikern wie James Moody und Art Simmons zu touren.

Mitte der Fünfziger war er zurück in den USA. Er lebte mit seiner Mutter und seinen Schwestern in Chicago. Von einem Plattenhändler hörte er, dass Sun Ra ständig auf der Suche nach neuen Musikern war, also stellte er sich vor. Während das Arkestra probte, saß Sun Ra an einem Tisch und erzählte von Ägypten, der Bibel und dem Weltraum. Allen verstand bestenfalls die Hälfte von dem, was Sun Ra ihm erzählte, und entschied: „Ich wollte unbedingt Mitglied der Band werden.“

Sun Ra kam an einem 22. Mai auf der Erde an, möglicherweise im Jahr 1914. Man nannte ihn Herman Blount, obwohl sein wirklicher irdischer Nachname wohl Lee lautete, die Blounts waren seine Stiefeltern. 1934 wird Blount erstmals als Musiker aktenkundig und spielt in diversen Swingbands, unter anderem für einen gewissen Oliver Bibb, der seine Musiker in Kostümen auftreten ließ, die vom Frankreich des 18. Jahrhunderts inspiriert waren, mit Perücken und allem Drum und Dran.

Die Geschichte des Arkestra beginnt etwa 1950. Es beginnt als Trio, danach wird es größer und größer. Ra entdeckt das Weltall für sich, behauptet, er würde zu einer Rasse von Engeln gehören, die die Botschaft des Schöpfers unter den Unwissenden auf der Erde verbreiten. Er verordnet seiner Band dazu Kostüme, die an einen budgetschwachen Science-Fiction-Film erinnern lassen. Viel Lametta, dramatische Umhänge, unpraktischer Kopfschmuck, jede Menge Ägypten. Er lässt seinen Namenoffiziell in Sun Ra umändern und gibt zu bedenken, dass auch Jesus weniger Schwierigkeiten gehabt hätte, wenn er sich ordnungsgemäß bei den Bürgerämtern gemeldet hätte, die es vor rund 2000 Jahren in Jerusalem und Umgebung gab. Der Afrofuturismus war geboren.

Auch wenn das Sun Ra Arkestra auch heute noch mit glitzernden Weltallkostümen vors Publikum tritt, scheint der Afrofuturismus unter Allen eher eine überschaubare Note zu spielen. Darauf angesprochen, geht er einfach darüber hinweg. Andererseits ist er ja auch kein Spross einer Rasse von Engeln, sondern einfach nur ein Jazzmusiker, der seinen Job ernst nimmt.

HARALD PETERS Sie sind nun schon mehr als 20 Jahre der Kopf des Sun Ra Arkestras?

MARSHALL ALLEN Es war ja sonst niemand mehr übrig. Sun Ra war von uns gegangen. Dann starb John (Gilmore) also habe ich übernommen. Mit ein paar neuen Leute habe ich mich dann an die Arbeit gemacht und die Musik am Laufen gehalten. In den Jahren davor hatten wir so hart gearbeitet, dass es zu schade gewesen wäre, alles verschwinden zu lassen. Diejenigen von uns, die noch mit Sun Ra gespielt haben, kennen den alten Spirit noch. Der Spirit lebt weiter, natürlich von mir interpretiert. Es hängt mit der jeweiligen Stimmung zusammen. Was wir heute machen, ist verbunden mit dem heutigen Vibe. Morgen kann der Vibe anders sein, nein, er wird sogar anders sein, also wird das, was wir morgen machen, anders sein als heute. Ein anderer Tag, eine andere Vibration, das ist der kreative Geist in der Musik. (Marshall veranschaulicht den Gedanken mit der beliebten Früstücksei-Metapher: Manchmal bevorzugt man die Frühstückseier gebraten, manchmal gerührt.) Aber wissen Sie was wir machen, ist eigentlich die Musik von gestern über heute nach morgen zu reichen. Wir liefern den Leuten eine Geschichtsstunde. Im Kern sind wir eine Showband im Dienste der Musik, wir spielen alles Mögliche.

Man muss dazu sagen, dass das Arkestra seit jeher dafür bekannt ist, alles Mögliche zu spielen. Im Laufe ihres Schaffens haben sie sich an jeder denkbaren Spielart von Jazz mindestens ausprobiert und sie nicht selten in unentdeckte Dimensionen weiterentwickelt. In nicht-chronologischer Reihenfolge waren es unter anderem Swing, Bebop, Hardbop, westafrikanischer Highlife, Broadway-artige Jazz Songs, Free Jazz, Avantgarde, Disco-Jazz (falls es den überhaupt gibt), Piano-Jazz, Bigband- Jazz, interstellarer, in unendlichen Weiten treibender Jazz, wobei Letzterer vor allem von Sun Ras Begeisterung für den Moog-Synthesizer beflügelt wurde, auf dem er sich mit Begeisterung ausprobierte. Es gab Mitte der Sechziger auch eine Phase, in der sich Sun Ra von dem dynamischen Duo Batman & Robin inspirieren ließ, sowie deutlich später ein Album namens „Disco 3000“, das selbstverständlich nicht einmal eine halbe Sekunde lang nach Disco klingt.

Überhaupt die Platten: Es gibt Hunderte oder mehr, nur Spezialisten haben darüber den genauen Überblick. Man hat es sich damit erklärt, dass Sun Ra bei allen Konzerten und Proben das Aufnahmegerät mitlaufen ließ. Marshall Allen sagt, theoretisch könne man noch Tausende Stücke mehr veröffentlichen. Dann fängt er an, schrecklich zu husten, dass man kurz um sein Leben bangt. „Nur verschluckt“, sagt er und winkt ab. Anschließend nimmt er sein Gebiss raus. „Das passiert immer, wenn die Luft so trocken ist.“

Ein anderes problematisches Trockenklima: der Jazzbetrieb. Man kann sagen, dass es für den Ruhm des Arkestras lange Zeit nicht förderlich war, dass es sich in Science-Fiction- Kostümen auf die Bühne stellte und von einem Mann angeführt wurde, der in direkter Linie von einer Engelsrasse abstammte; der in Interviews nur höchst unergründliche Dinge sagte; der Gedichte über die Ankunft des Space-Age verfasste; der einenSpielfilm in Auftrag gab, der von der geplanten Umsiedlung aller Afroamerikaner auf einen anderen Planeten handelt. Der Transport soll mittels Jazz vonstatten gehen, doch dann bekommen fiese Wissenschaftler von der NASA von der Sache Wind und vereiteln den Plan. Kann die Erde noch gerettet werden?

1974 kam der wunderbare Film „Space Is the Place“ in die Kinos und wird derzeit wie auch all die ungezählten Platten vom Sun Ra Arkestra wiederentdeckt. Auch Allen bemerkt, dass im Publikum neuerdings vermehrt jüngere Leute auftauchen, was ihn aber unbeeindruckt lässt. Er bemüht die beliebte Wellenmetapher, Dinge würden halt kommen und dann wieder gehen. Wer wüsste das besser als er.

„SPACE IS THE PLACE“ WIRD ANFANG KOMMENDEN JAHRES IN EINER RESTAURIERTEN UND BILD- UND SOUND- TECHNISCH AUFGEHÜBSCHTEN FASSUNG VON RAPID EYE MOVIES NEU AUFGELEGT

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