SOPHIA

Hublitz

Ach, die Ozarks, beliebtes Naturgebiet in den amerikanischen Südstaaten. Wälder, Seen, Bergplateaus. Drogenbarone, die von monströsen Plantagen aus das Hinterland regieren. Trailerpark-Clans, denen die Gewehre locker sitzen; die Messer auch. Dazwischen: eine wohltemperierte Mittelschichtfamilie, die sich irgendwie mit einem mexikanischen Kartell eingelassen hat. Und Sofia Hublitz. Mit der fantastischen Serie „Ozark“ hatte Hublitz letztes Jahr den Durchbruch. Sie spielt die Tochter von Jason Bateman und Laura Linney – meistens ungehalten darüber, wegen elterlicher Geldwäscheambitionen in der Einöde versumpfen zu müssen. Wer kann es ihr verübeln?

FRAUKE FENTLOH: Ich habe gerade gehört, dass die Ozarks überraschenderweise das beliebteste Urlaubsziel der Amerikaner sind. Sogar vor Flor­ida oder Kalifornien!

SOFIA HUBLITZ: Im Sommer ist es dort völlig touris­tisch. Viele Leute machen ihr ganzes Jahreseinkom­men in ein paar Monaten.
FF: Dabei sieht die Gegend in Ihrer Serie so düster aus.

SH: Ist ja auch eine Serie.

FF: Stehen die Ozarks in Amerika tatsächlich im Ruf, ein bisschen, nun ja, hinterwäldlerisch zu sein?

SH: Ich schätze, das kann man sagen. Aber es gibt natürlich hundert andere Gegenden, über die man das auch sagen kann. Und Schlimmeres! Wissen Sie, ich habe viele Jahre in einer sehr kleinen Stadt in North Carolina gelebt, das war mir also nicht sonderlich fremd. Wir haben ehrlich gesagt auch nicht besonders viel Zeit in den Ozarks verbracht. Ich war wahrscheinlich kaum 24 Stunden dort.

FF: Oh!

SH: Die Landschaftsaufnahmen wurden natürlich dort gedreht.

FF: Und das Haus am See?

SH: Das stand in Atlanta.

FF: Sie sind auch auf dem Land aufgewachsen, sagen Sie?

SH: „Auf dem Land“ ist wahrscheinlich eine ziem­lich großzügige Beschreibung für dort, wo ich auf­gewachsen bin. Ich komme eigentlich aus Rich­mond in Virginia, wir sind viel umgezogen, meine Mutter hat Restaurants gehabt. Dann sind wir nach North Carolina gegangen und dann nach New York, wo ich immer noch wohne.

“Ich versuche, die Nach­richten nicht mehr zu lesen. Viel zu deprimierend.”
SOPHIA HUBLITZ

FF: Daher also das Kochen, Sie sind ja in Amerika mit einer Kinderkochshow bekannt geworden.

SH: Schon. Offen gestanden habe ich auf dem Feld aber gerade überhaupt keinen Ehrgeiz. Das ist wahrscheinlich dieses typische Aufbegehren des Kindes, ja nicht das Gleiche tun zu wollen, was die Eltern getan haben.

FF: Was im Falle Ihrer Figur Charlotte wahrschein­lich ganz gut ist, da deren Eltern Geldwäsche für ein Drogenkartell betreiben. Ist Charlotte eigent­lich der Inbegriff des anstrengenden Teenagers?

SH: Unbedingt, manchmal von beinahe komödian­tischem Ausmaß. Sie ist das klassisch amerikanis­che, wütende Teenagermädchen.

FF: Immerhin schafft sie es immer wieder, sich davonzustehlen, um Jungs zu treffen und mit denen Gras zu rauchen.

SH: The good stuff! Haha.

FF: Waren Sie als Teenager auch so?

SH: Oh Gott, überhaupt nicht. Wir sind ja alters­mäßig auch sehr nah beieinander. Moment, wie alt ist sie? Zwei Jahre jünger als ich. Ich stecke da ja fast noch selbst drin. Aber wenn ich an meine High­school­-Zeit denke, war ich ganz sicher überhaupt nicht wie sie. Um mir mal selbst auf die Schulter zu klopfen: Ich war ein Engel. Da Sie meine Mut­ter nicht fragen können, müssen Sie mir das jetzt glauben, haha.

FF: Wie ist denn der typische amerikanische Teenager?

SH: Die Jugendlichen in den Vereinigten Staaten haben ein Problem mit Kultur – um es mal milde auszudrücken. Ich zähle jetzt nur mal die sattsam bekannten Fakten auf: Sie hängen am Telefon, sind gemein, traurig, eitel.

FF: Sie sind optimistisch.

SH: Ich schätze, mein Eindruck von Teenagern ist ein bisschen verzerrt, weil ich meine Highschool­ Zeit in New York verbracht habe.

FF: Wahrscheinlich ist es gerade auch nicht die tollste Zeit, um in Amerika jung zu sein.

SH: Uff. Schrecklich. Gleichzeitig ist es interessant, in einer, wie man wohl sagen muss, bedauerlicher­weise doch geschichtsträchtigen Ära zu leben. Es ist ziemlich beängstigend. Ich versuche, die Nach­richten nicht mehr zu lesen. Viel zu deprimierend.

FF: Es hat aber auch etwas Satirisches, oder?

SH: Völlig! Es ist so perfekt für Amerika: ein Reality­-TV­-Star als Präsident. Wenn man das nicht mit Humor sieht, ärgert man sich die ganze Zeit bloß unnötig. Also finde ich es gerade einfach sehr pas­send und urkomisch. Zugleich ist es interessant zu sehen, dass so viele Menschen aktiv werden. Die Jungen werden die Dinge verändern, das sehen wir jetzt gerade.

“Ich bin ganz sicher nie auf der Suche nach Ruhm gew­esen.”
SOPHIA HUBLITZ

FF: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Sie Schauspielerin werden könnten?

SH: Meine Mutter war Art Directorin beim Film, bevor Sie auf Gastronomie umsat­telte. Film war immer ein Thema. Ich bin aber ganz sicher nie auf der Suche nach Ruhm gew­esen. Was sich vielleicht naiv anhört angesichts des Berufsfeldes, das ich mir da ausgesucht habe. Es ist schon schön, auf seinem Gebiet er­folgreich zu sein. Aber ich glaube, man muss moralisch ziemlich korrumpiert sein, um berühmt sein zu wollen.

FF: Dabei wollen das so viele Menschen!

SH: Ich weiß! Ich ver­stehe es einfach nicht. Ich will ja auch nie­mandem zu nahetreten, aber es gibt eigentlich wichtigere Dinge zu tun.

FF: Sie haben letztens Tommy Wiseau getrof­fen. Der ja nichts mehr wollte, als berühmt zu sein.

SH: Ah, ja, habe ich!

FF: Sein Film „The Room“ gilt als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten. Fin­den Sie das auch?

SH: Absolut nicht! Wenigstens hat er getan, was er tun wollte. Er hat den Film geschrieben, ihn umgesetzt. Seine Geschichte gleicht doch einem Märchen, einem Triumph. Die Leute haben Tommy Wiseau ausgelacht.

FF: Nun wird er von James Franco gespielt.

SH: Und sitzt bei Jimmy Kimmel auf dem Sofa. Mir fallen übrigens auch ein paar Filme ein, die noch schlechter sind.

FF: Die wenigsten Leute haben es geschafft, sich „The Room“ ganz anzuschauen.

SH: Ich habe sogar das Buch gelesen. Ich kannte den Film allerdings gar nicht, bis ich mit meiner Freun­din Beata im Urlaub war, in einer Drehpause von „Ozark“. Wir hatten eine ziemlich gute Nacht im Hotelzimmer. Sie hat permanent Wiseau zitiert, den ich gar nicht kannte, ich war total raus bei den Witzen. Also haben wir uns die Videos angeschaut und uns den Urlaub lang nur noch mit Phrasen wie: „Oh, hi Marc“ und „You are tearing me apart, Lisa!“ verständigt. Das wurde zum Fimmel.

FF: Ihre erste große Rolle haben Sie gleich neben Jason Bateman und Laura Linney gespielt.

SH: Was nicht so beängstigend war, wie manche Leute zu glauben scheinen. Das ist wahrschein­lich das schmutzigste Geheimnis daran: Es macht wirklich Spaß. Die ganze Besetzung mochte sich total. Wir haben in dem Jahr alle zusammen im gleichen Haus in Atlanta gewohnt.

FF: Haben Sie gerade gesagt, dass Sie ein Jahr lang gedreht haben?

SH: Ein halbes Jahr. Trotzdem ziemlich lang. Wir kennen jetzt jedenfalls Atlanta ziemlich gut. Wenn Sie mal nach Atlanta fahren, fragen sie mich gern nach Tipps.

FF: Haben Sie eine Wohnung geteilt?

SH: Nein, nicht ganz, das wäre allerdings auch schön gewesen. Ich habe zwei Stockwerke über Charlie Tahan gewohnt und Julia Garner sechs Etagen darunter. Es hatte etwas Jerry­-Sein­feld­-Kramer­-Haftes, wo immer plötzlich einer reingelaufen kommt, um Essen oder Kaffee zu machen. „Stranger Things“ wird ja auch komplett in Atlanta ge­filmt, was mir überhaupt nicht klar war, bis wir in die Stadt kamen und dort dauernd dem ganzen Cast über den Weg gelaufen sind. Die haben da gerade die erste Staf­fel gedreht und wir auch.

FF: Biegt man da sozu­sagen vom „Stranger Things“-­Wald einfach in den „Ozark“-Wald ab?

SH: Man kann leider nicht mal eben herein­ spazieren. Aber wenn man da die Straße ent­langfährt, sieht man rechts und links Schil­der mit irgendwelchen harmlosen Worten da­rauf, hinter denen sich der neue Marvel­-Film oder „Stranger Things“ oder „Atlanta“ verbergen. Ich bin definitiv viel häufiger auf ein Filmset geraten als in Los Angeles oder New York.

DIE ZWEITE STAFFEL VON „OZARK“ LÄUFT AB SOFORT BEI NETFLIX.

 

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