SOFIA

BOUTELLA

Erst Algerien, dann Paris, jetzt Hollywood. Von Ballett über rhythmische Sportgymnastik zu Breakdance. Von der Nationalmannschaft auf die Bühne zu Madonna und Michael Jackson. Von „Streetdance 2“ über „Die Mumie“ mit Tom Cruise zu „Climax“ von Gaspar Noé. Von ein, zwei Gläsern Sangria zum totalen Kontrollverlust. Wir dürfen vorstellen: Sofia Boutella!

Das Casting lief erfolgreich, die Proben auch. Nun möchte die aufstrebende französische Streetdance-Truppe, die demnächst auf Nordamerika-Tour gehen will, erst einmal feiern. Also kommt eine gewaltige Schüssel Sangria auf den Tisch, die man Mitte der Neunziger in Frankreich mit solch Begeisterung getrunken hat wie heute nur noch auf Mallorca und Umgebung.

Alle lieben diese Sangria, alle betonen ständig, wie vorzüglich sie schmeckt. Mag sein, dass es an einer geheimen Zutat liegt. Denn wie sich bald herausstellt, scheint die Sangria nicht auf die allgemein übliche Weise zubereitet worden zu sein. Die Partygesellschaft fängt an, Dinge zu spüren, Dinge zu sehen. Schaut, diese Farbe! Schaut, dieses Licht! Da hinten hat sich etwas bewegt! Ob dem Trunk vielleicht irgendwelche Drogen beigemischt worden sind, möglicherweise LSD? Was auch immer es sein mag, es verleiht der Party den nötigen Schwung, den man von einem Gaspar-Noé-Film erwartet.

Nach „Menschenfeind“, seinem hemdsärmeligen Langfilmdebüt über einen inzestuösen Pferdemetzger, dem rückwärtserzählten Vergewaltigungsdrama „Irreversible“, dem schwer zähen Tote-schweben-über-Tokio-bei-Nacht-Melodram „Enter the Void“ und der leicht pornografischen 3D-Liebesgeschichte „Love 3D“, ist „Climax“ nun Noés langerwarteter Beitrag zum Tanzfilmgenre. Darsteller sind daher vor allem Tänzer, die außerhalb der Streetdance-Szene relativ unbekannt sind, sowie Sofia Boutella, die bis zu ihrem Durchbruch als Schauspielerin selbst einmal dazugehörte. Man hätte sie tanzend in „Street Dance 2“ sehen können; als originelle Killerin, die Schwerter als Beinprothesen nutzt, in „Kingsman: The Secret Service“; als robuste Außerirdische mit interessanten Streifen im Gesicht in „Star Trek Beyond“; als dunkelhaariges Kontrastmittel von Charlize Theron in „Atomic Blonde“ und in „Die Mumie“, nun ja, als Mumie. Boutella kommt 1982 in Algier zur Welt, die Mutter ist Architektin, der Vater der bekannte Jazzmusiker Safy Boutella. Im Alter von fünf geht sie zum Ballett, fünf Jahre später zieht sie mit ihren Eltern nach Frankreich um. Dort kommt es zu einer Schwerpunktverlagerung in Richtung rhythmische Sportgymnastik, mit 18 ist sie Mitglied der französischen Nationalmannschaft.

Sie ist außerdem Mitglied der Vagabond Crew, einer vielfach ausgezeichneten Breakdance-Gruppe, die, wenn sie nicht bei irgendwelchen Meisterschaften tanzt, für das Kleingeld von Touristen ihr Können vor der Pariser Kirche Saint-Eustache zeigt. Etwas lukrativer dürften Boutellas kleinere Auftritte in Filmen und Werbeclips gewesen sein. Die Wende kommt dann 2005, als Nike sie für einen Spot verpflichtet und anschließend Madonna auf sie aufmerksam wird. Man sieht sie unter anderem in Madonnas Video zu „Hung Up“, in dem sie wie Linda Blair in William Friedkins „Der Exorzist“ rückwärts auf allen Vieren eine Treppe herunterläuft. Auf die Bemerkung, dass das ja eigentlich gar nicht gehe, sagt Boutella nur: „Doch, ich habe es ja gemacht.“

Sie tanzt auch für Jamiroquai, Mariah Carey und Rihanna. Michael Jackson engagiert sie für seine „This Is It“-Show, zu der es dann wegen Jacksons Ableben aber nicht mehr kommt. „Von all den Popstars, mit denen ich gearbeitet habe, war und ist Madonna mir am nächsten, weil ich mit ihr am meisten Zeit verbracht habe.“ Sie tanzt für sie während der „Confessions“- und „Sticky & Sweet“- Touren und ist auch bei Madonnas Halbzeit-Show beim Super Bowl 2012 dabei. Anschließend erklärt sie ihre Karriere als professionelle Tänzerin für beendet, es dauert zwei Jahre, bis mit „Kingsman: The Secret Service“ Boutella endlich für einen größeren Job gebucht wird. Passend zum Titel ist „Climax“ in Boutellas Filmografie einerseits der vorläufige künstlerische Höhepunkt, andererseits ist er nach all den Hollywoodproduktionen eher ein überschaubares Unterfangen. „Wir haben den Film in nur 15 Tagen gedreht“, sagt sie, „das ist mit den anderen Filmen, bei denen ich mitgemacht habe, überhaupt nicht vergleichbar.“

„Ich kann Sie beruhigen, Gaspar hat uns nicht zwei Wochen bei flackerndem Licht in einen Raum gesperrt und uns angewiesen, aus voller Kehle zu schreien“

Sofia Boutella

Sowieso sei „Climax“ eine Aneinanderreihung von Ausnahmen und Besonderheiten. Es habe kein Drehbuch gegeben, sondern nur ein exakt fünfseitiges Treatment. „Wenn wir morgens am Set eingetroffen sind, hatte niemand eine Ahnung, was für den Tag geplant war.“ In den ersten drei Stunden des Tages hätte man sich die bevorstehenden Szenen erarbeitet, dann wäre man in die Lunchpause gegangen, anschließend hätte man die Szenen, an denen man am Vormittag gearbeitet hätte, gedreht – jede etwa 14 bis 17 Mal, wobei die einzelnen Szenen jeweils acht bis zehn Minuten lang gewesen seien. Das klingt nach einem streng durchstrukturierten Plan und hat so gar nichts von dem galoppierenden Irrsinn, der die Zuschauer erwartet. „Ich kann Sie beruhigen“, sagt Boutella, „Gaspar hat uns nicht zwei Wochen lang bei flackerndem Licht in einen Raum gesperrt und uns angewiesen, aus voller Kehle zu schreien.“ Das hört man natürlich gern. Angeblich hat sich der beliebte argentinische Filmemacher für sein neuestes Werk von einer wirklichen Begebenheit inspirieren lassen: Eine französische Tanzkompanie geht feiern, jemand kippt ihnen etwas ins Getränk, anschließend drehen alle durch. Leider ist nichts Näheres über diesen bedauerlichen Vorfall bekannt, der sich Mitte der Neunziger zugetragen haben soll. Auch Sofia Boutella kann nicht mit Hintergrundinformationen dienen, obwohl sie Mitte der Neunziger zur französischen Dance-Szene gehörte. Sie sagt nur: „Da müssen Sie Gaspar fragen.“

Doch was auch immer sich damals zugetragen hat, hoffen wir nur, dass bei den realen Vorbildern die Raserei überschaubar blieb. Hoffentlich hatte nicht eine der Tänzerinnen die schicksalhafte Idee, ihren Sohn mit zur Sangria-Party zu bringen; hoffentlich wurde der schwangeren Kollegin nicht wiederholt in den Bauch getreten; hoffentlich waren keine Messer im Spiel; hoffentlich ging niemand in Flammen auf. Wir hoffen allerdings, dass bei der Originalparty ähnlich gute Musik lief. Cerrones unverwüstliches „Supernature“, Aphex Twins „Windowlicker“, Daft Punk, eine seltsame Version von „Angie“ von den Rolling Stones.

Die Frage ist nun, welche Droge es gewesen sein mag, die derlei Reaktionen hervorruft. Uns fällt selbst nach längerer Überlegung keine ein. „Frau Boutella, was denken Sie?“ – „Das ist eine gute Frage“, lügt sie, weil es keine gute, sondern bestenfalls eine naheliegende Frage ist, und haucht als Vorschlag „LSD“ ins Telefon. Ganz klar kann sie in ihrem Leben noch nie LSD probiert haben – wie beruhigend. Wieso denn LSD, dass mache doch kein bisschen aggressiv? „Ja, aber wenn man Panik bekommt“, sagt sie und lässt den Gedanken im Nichts enden, was insofern sinnvoll erscheint, weil er tatsächlich zu nichts führt. Egal.

Als „Climax“ jedenfalls im Mai diesen Jahres im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes Premiere feierte, geschah etwas Unvorhergesehenes. Gaspar Noé, ansonsten zuverlässiger Lieferant von Filmen, die das fassungslose Premierenpublikum empört aus dem Saal stürmen lässt, bekommt stehende Ovationen. 20 Jahre, nachdem er dem Festivalpublikum mit „Der Menschenfeind“ einen blutigen Brocken Pferdefleisch vor die Füße gehustet hat, ist nicht Cannes im Schockzustand, sondern der Regisseur. Was kann das bedeuten? Ist der Film etwa zu gefällig? Reicht es denn nicht mehr, wenn Leute sich etwa eine Stunde am Stück anschreien und sich dabei wie besinnungslos an den Kragen gehen?

Vielleicht war es aber auch der filmhistorische Mehrwert von „Climax“, der die Zuschauer einnahm. Dazu gehört unter anderem das Isabelle-Adjani-Gedächtnis-Freak-Out, das Boutella so wunderbar in Anlehnung an Andrej Zulawskis Filmklassiker „Possession“ von 1981 zum Besten gibt. So wie Adjani sich einst in einem U-Bahn-Tunnel im geteilten Berlin beherzt gegen die gekachelten Gänge schmiss und sich eine Tüte Milch über den Kopf kippte, dreht Boutella in „Climax“ den Hysterie-Regler auf zwölf. „Ich wollte Adjani aber nicht kopieren“, sagt sie, „es war eher eine Hommage.“ Den Film habe sie zufällig im Jahr zuvor gesehen und Noé dann vorgeschlagen, etwas Derartiges einzubauen. Man kann sich vorstellen, wie der Regisseur vor Begeisterung in die Hände klatschte. Die Milch kommt bei „Climax“ sinnvoller Weise nicht vor. Und von der Sangria war zu dem Zeitpunkt sowieso nichts mehr übrig.

 

„CLIMAX“ KOMMT AM 6. DEZEMBER IN DIE KINOS

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