ZEINA NASSAR

An einem Montag Nachmittag Anfang März 2019 bebten die Kronleuchter und Böden des Palais Brongniart in Paris. Nike lud zur Präsentation der Trikots des kommenden Frauenfußball Worldcups. Doch war man vor Ort, dann merkte schnell, dass es an diesem Tag noch um viel mehr ging. Ikonen wie Naomi Campbell und Virgil Abloh huschten fast unbemerkt in die Front Row, bevor ein Fest des weiblichen Sports und Empowerments begann. Unter dem Motto ‚Dream Crazier’ präsentierten Models nicht nur die neuesten Nike Styles, sondern es wurden auch Athletinnen aller Disziplinen und Altersklassen in einem bunten Farbenspiel inszeniert. Zusammenhalt und Unterstützung waren die Themen, allen voran aber natürlich die zur Schau Stellung von weiblicher Kraft.

Teil der Show war auch die erfolgreiche, deutsche Boxerin Zeina Nassar. Sie kämpft nicht nur im Boxring, sondern auch abseits davon, für mehr Diversität und hat Erfolg: Dank ihrem Engagement machte sie eine Regeländerung der Olympischen Spiele möglich – Internationale Kämpfe sind mittlerweile auch mit Kopftuch erlaubt. Zeina stand direkt nach der Präsentation Rede und Antwort und begeisterte mit ihrem Spirit, der sie auch zur deutschen Meisterin im Boxen machte.

 

 

Interview: Du hast es tatsächlich geschafft die internationalen Boxbestimmungen für die Olympischen Spiele zu ändern. Wie war der Moment für dich, als du davon erfahren hast?

Zeina Nassar: Ich habe vor Freude geweint und habe tatsächlich eine Woche gebraucht, um das alles zu realisieren. Der Prozess hat ja bereits 2013 begonnen, als ich mit dem Boxen angefangen habe.  Zuerst kam die Regeländerung der deutschen Wettkampfbestimmung und dann führte eines zum anderen. Schlussendlich war es Zeit, etwas international zu bewegen.

I: War dieser Prozess auch eine persönliche Belastung für dich?

ZN: Ja natürlich, es hat mich sehr belastet zu sehen, dass sich andere gerade auf internationale Kämpfe vorbereiten und ich ganz einfach nicht teilnehmen darf. Ich habe mich jeden Tag gefragt, wann endlich meine Zeit kommt. Mittlerweile bin ich aber umso glücklicher, dass ich etwas bewirken konnte. Die Türen wurden geöffnet und nun geht es um meine sportliche Leistung.

I: Fühlst du dich persönlich in einer Vorbildfunktion?

ZN: Meine Rolle als Vorbild wird mir mittlerweile immer bewusster – wieviel ich wirklich in der Gesellschaft erreichen kann. Es macht mich total stolz, Menschen zu motivieren und zum Sport bewegen zu können.

I: Schränkt dich deine Vorbildfunktion manchmal in deinem privaten Leben ein?

ZN: Es ist schon viel Verantwortung, die man trägt – ich bekomme jeden Tag viele Nachrichten von Jugendlichen und auch Erwachsenen, die mich nach Tipps und Motivation fragen. Natürlich kann das überwältigend sein, aber es macht mich glücklich. Mein Hauptfokus ist aber der Sport und da muss ich mich darauf konzentrieren, um Leistung erbringen zu können.

I: Was bedeutet Aktivismus für dich?

ZN: Ich habe mich tatsächlich noch nie so richtig mit dem Thema an sich auseinandergesetzt, bevor ich es geschafft habe, die Regeln zu ändern. Ich habe erkannt, dass es nicht nur ein Gewinn für mich war, sondern für alle Frauen. Es macht mich total stolz, mit dem Sport so viel erreichen zu können. Ganz nach dem Motto: Don’t change for the rules, change the rules.

I: Was sind deine nächsten Ziele?

ZN: Ich will härter und professioneller trainieren, um dieses Jahr meinen Titel bei der deutschen Meisterschaft verteidigen zu können. Mein großer Traum ist es natürlich an Olympia teilnehmen zu können.

I: Hast du dich immer in einem Einzelsport gesehen, oder wäre auch ein Teamsport für dich in Frage gekommen?

ZN: Ich war schon immer sportbegeistert und habe lange Zeit Fußball und Basketball gespielt. Mannschaftssport hat mir auch sehr viel Spaß gemacht, jedoch habe ich im Einzelsport mehr Möglichkeiten und Freiheit. Im Boxen trage ich die volle Verantwortung selbst. Es beginnt mit der persönlichen Wahl des Trainers, was ich zum Beispiel in einem Mannschaftssport wie Fußball nicht entscheiden könnte. Ich bin auf mich alleine gestellt und kann mich aber auch bei Misserfolgen nicht auf ein Team berufen.

I: Im Sportbetrieb ist Sponsoring ja ein sehr wichtiger Teilbereich: Wie hat die Zusammenarbeit mit großen Marken, wie zum Beispiel Nike deine Karriere beeinflusst?

ZN: Die Zusammenarbeit war unglaublich, ich durfte tolle Menschen und Athleten kennenlernen. Wir sind ständig im Austausch und ich bin Nike dankbar für die Unterstützung und die Organisation von Events wie diesem, um uns alle näher zusammen zu bringen. Sich mit Leuten zu treffen, die genau so eine Begeisterung für Sport haben lässt einen erkennen, dass es letztendlich um den Zusammenhalt geht. Insbesondere im Frauensport brauchen wir dringend Unterstützung untereinander.

I: In diesem Zusammenhang ist ja auch der erste sportliche Hijab entstanden. Warst du hierbei involviert?

ZN: Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, an der Entwicklungsgeschichte dieses neuen Produktes beteiligt zu sein. Es wurde eine komplett neue Zielgruppe erschlossen und ich war auch das Gesicht der Kampagne.

 

I: Du bist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, wie war das für dich?

ZN: Ich bin wirklich in einem Mikrokosmos namens Kreuzberg groß geworden. Ich hatte da alles, meine Schule, mein Training, mein Leben. Ich finde es total schön zu sehen, dass man dort relativ bunt ist, dass viele Kulturen gefeiert werden. Hier habe ich auch mit dem Boxen begonnen.

I: Wie waren die Anfänge deines Trainings in Kreuzberg?

ZN: Ich habe bereits am ersten Tag bemerkt, dass insbesondere Frauen nicht so sehr gefördert werden wie Männer. Ich musste mich immer doppelt beweisen, durch Leistung und als Frau in einem Männersport. Es fehlt die Akzeptanz und Unterstützung im Frauensport– das sind auf jeden Fall Themen die ich ändern möchte.

I: Ist Sport auch Abseits des Boxrings in deiner Identität verankert?

ZN: Ja, ich kleide mich zum Beispiel auch gerne sportlich. Ich habe aber Tage, an denen ich schicker sein möchte, dann trage ich auch mal gerne High Heels.

Interview JULIA DEUTSCH