ZAZIE BEETZ

Braucht sie demnächst einen Pförtner? Das ist die alles entscheidende Frage, die Zazie Beetz sich stellt. Die gebürtige Berlinerin ist der neue Star in Hollywood. Sie hat eine Hauptrolle in „Joker“, verkörpert die Marvel-Superheldin Domino in „Deadpool“ und fliegt mit Natalie Portman und Jon Hamm durchs All. Vielleicht braucht sie nicht gleich einen Pförtner, aber das Namensschild an der Tür würden wir uns an ihrer Stelle sparen.

Widmen wir uns kurz ihren bisherigen Leistungen: In der vielfach prämierten Serie „Atlanta“ ist Zazie Beetz neben Donald Glover aka. Childish Gambino als dessen On/Off-Freundin Van zu sehen und wurde dafür unter anderem für einen Emmy nominiert. Seit „Deadpool 2“ ist sie die Superheldin Domino, die die Superkraft hat, Wahrscheinlichkeiten zu ihren Gunsten zu beeinflussen, und wird als solche demnächst mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in dem Superhelden-Spektakel „X-Force“ zu sehen sein. Vorher wird man sie aber noch neben Joaquin Phoenix in dem Film „Joker“ erleben – der am 10.10.2019 in die deutschen Kinos kommt, in dem sie eine Figur namens Sophie spielt, in die sich der Joker verliebt. In „Lucy in The Sky“ (ab 04.10.19 im Kino) von Noah Hawley ist sie wiederum neben Jon Hamm und Natalie Portman als Raumfahrerin zu sehen und in „Seberg“ spielt sie neben Kristen Stewart und Anthony Mackie. Wie Jon Hamm, der sie für uns interviewt hat, feststellt, ist Zazie Beetz überall. Die gebürtige Berlinerin, die ihren ersten bezahlten Job in einer H&M-Boutique im Einkaufszentrum Alexa am Berliner Alexanderplatz hatte, hat es weit gebracht. Vor sechs Jahren stand die 28-Jährige in „The Crocotta“ erstmals vor der Kamera, einem Kurzfilm über die Liebe unter den Bedingungen der Post-Apokalypse,der ein Budget von immerhin 100 Dollar hatte. Inzwischen ruft Jon Hamm bei ihr an, um sie für uns zu interviewen.

 

 

ZAZIE BEETZ Hallo, wie geht’s?
JON HAMM Gut geht’s! Sag mal, haben wir ein Delay in der Leitung?

ZB Hörst du ein Delay?

JH Ja.

ZB Wie doof! Sollen wir uns nochmal neu verbinden lassen? Ich bin in Germany.

JH Deutschland!
ZB Ja, Vaterland oder Mutterland. Du bist in L.A., oder?

JH In L.A., ja.

ZB Ich bin hier mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinem Bruder. Wir besuchen die Eltern meines Vaters. Meine Mutter hat sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen.

JH Ist das so was wie Urlaub?

ZB Ja, für eine Woche. Um die Familie noch einmal zusammenzuführen. Meine Mutter wollte meine Großeltern noch einmal sehen, denn, nun ja, sie werden auch nicht jünger.

JH Das ist doch schön.
ZB (Beetz zögert kurz, offenbar klingelt ein Telefon) Sorry, Greenpeace ruft gerade an… Ja, ich bin nervös, was das Treffen angeht, aber ich bin froh, dass sie sie noch einmal sehen kann. Danach geht es für ein paar Premieren nach Venedig. Und dann nach Toronto, wo ich dich sehe.

JH Du bist in Toronto?

ZB Ja, wir können beide unseren Film sehen.

JH Den Film, den bislang weder ich noch du kennen. Über den wir aber trotzdem reden sollten. Das könnte lustig werden. Mir war übrigens nicht klar, wie viel bei dir gerade los ist. Du arbeitest wie eine Irre.

ZB Den Eindruck hast du nur, weil gerade viele Filme zur selben Zeit rauskommen. Ich meine, dieses Jahr habe ich wirklich nur zwei Sachen gedreht. Aber es fühlt sich an, ich habe keine Ahnung, ob du das auch so siehst, aber es fühlt sich an, als wäre ich gerade überall. Ich bin dieses Jahr mehr gereist als je zuvor in meinem Leben. Aber vor einer Kamera stand ich wirklich nur zwei Mal. Und diesen Herbst kommen plötzlich viele Sachen raus, also bin ich natürlich aufgeregt. Bei Presseterminen bin ich immer ziemlich nervös, aber ich glaube, es hilft, wenn ich einfach akzeptiere, dass die kommenden Monate voll mit Presse sind und ich meine Energie daraufhin ausrichte. Hast du an solchen Dingen Spaß, oder nimmst du es einfach als Teil der Arbeit hin? Mich stresst das total. Interviews generell nehme ich als sehr anstrengend wahr.

JH Du findest Presse und solche Sachen stressig, oder meinst du unsere Arbeit an sich?

ZB Unsere Arbeit ist stressig, weil ich immer denke, dass ich nicht gut genug bin. Aber ich weiß, dass die einzige Art damit umzugehen, heißt, sich der Angst zu stellen und sich dem Gefühl hinzugeben, weil diese Ängste einen nicht umbringen. So kann ich sie zumindest überwinden. Aber mit der Presse, keine Ahnung, also dass man ständig mit fremden Leuten zu tun hat, dass man sich selbst zensieren und die Konversation lenken muss. Ich denke dann immer, dass ich was Falsches sage und meine Karriere nach einem Interview mit der „Daily Mail“ oder so ruiniere.

JH Darüber machst du dir Sorgen? Das findest du stressig?

ZB Ja, total! Total. Und ganz offensichtlich mache ich mir zu viele Gedanken.

JH Ja, das tust du, haha. Aber lass uns doch darüber ein wenig reden. Unser Film „Lucy in the Sky“ kommt demnächst raus. „Joker“ kommt raus, womit du eine der wenigen Leute bist, die sowohl im Marvel- und im DC-Universum eine Rolle spielen. Das ist bahnbrechend. („Joker“ ist eine Figur der DC Comics, während die „Deadpool“-Filme wiederum zu Marvel gehören.)

ZB Exakt.


JH Wie du bereits gesagt hast, bist du allgegenwärtig. Und das freut mich wirklich sehr, denn das hast du auch verdient. Lass uns doch mal über die Unterschiede zwischen einem kleinen Film wie unserem und den großen Franchise-Filmen wie „Deadpool“ oder „Joker“ reden.

ZB Ich mag es, kleinere Filme zu drehen. Die Arbeit ist irgendwie aufrichtiger und echter, weil die Leute wirklich an das Projekt glauben und eine Geschichte erzählen wollen, die ihnen etwas bedeutet. Und ich will damit nicht sagen, dass es das bei größeren Produktionen nicht geben würde, aber meistens sind so viele Stimmen involviert, dass die kreative Absicht Gefahr laufen kann, an Klarheit zu verlieren. Was die Investitionen angeht, steht mehr auf dem Spiel. Man hat mit viel mehr Leuten zu tun, die mitreden wollen.

JH Ja, manchmal kommt es einem so vor – und ich will jetzt gar nicht meine eigene Frage beantworten – aber wenn man an solch Riesenprojekten arbeitet, kommt es einem mitunter so vor, als würde das eigene Wort verschluckt werden, weil es so viele Stimmen gibt, die reden. Man sagt: „Ich hätte da eine Idee!“, und dann heißt es: „Ja, aber wir sind doch schon längst weiter!“ Dann müssten eigentlich 100 Leute über deine Idee abstimmen und du denkst: „Ach so, okay, kein Ding!“

ZB Selbst bei ganz kleinen Entscheidungen, zum Beispiel ob jemand Handschuhe tragen sollte oder nicht, können Wochen vergehen, weil so viele Leute am Entscheidungsprozessbeteiligt sind, weswegen es ständig hin und her geht. Aber wenn man 100 Millionen in eine Sache investiert, will man natürlich auch mit reden, klar. Das ist ja in jeder Industrie so, man muss sich seinen Platz und sein Mitspracherecht erarbeiten, dass die Leute einen wirklich ernst nehmen. Aber bei „Joker“ war es anders, weil es ein Film ist, der etwas abseits des DC- Universums steht. Da gab es eine ganz unglaubliche kreative Zusammenarbeit und ich war total erstaunt, wie sehr man mich bei Entscheidungen über meine Rolle mit einbezogen hat. Aber der Film ist auch keine typischer Comicfilm über eine Figur aus der Batman-Welt. Es ist viel mehr eine Charakterstudie. Ich meine, es ist natürlich eine riesige Produktion eines der großen Filmstudios, aber bei der Arbeit fühlte es sich eher wie ein Indie-Film an. Und ich liebe es, an Dingen zu arbeiten, bei denen es sich anfühlt, als sei man noch auf dem College. Einfach Dinge machen, kreativ sein, das ist so inspirierend. Deswegen liebe ich Filme mit kleinem Budget. Und du?

JH Hey, in diesem Interview geht es nicht um mich, es geht um dich.

ZB Ich weiß, haha. Aber wie war die Entwicklung bei „Mad Men“,von der ersten bis zur letzten Staffel? Wie ist das gewachsen? Fühlte sich die Serie zunächst klein und unabhängig an und hat sie sich dann, als sie immer größer und größer wurde, zu einer Sache entwickelt, die man nicht mehr in der Hand hatte. Wie war da der Übergang?

JH Nun, ich glaube, der Übergang war in etwa so wie das, was du jetzt gerade erlebst. Du hattest ein wunderbares Jahr, in dem auf einmal viele Dinge für dich möglich wurden und du viele Sachen machen konntest. Und du hattest mit „Atlanta“ auch noch eine bahnbrechende Fernsehserie, deren Erfolg auf einmal eine Eigendynamik entwickelt hat, mit der du irgendwie klarkommen musstest. So ist es doch, oder? Und das ist eine schwierige Sache, der man sich plötzlich stellen muss, zumal einem niemand so genau sagen kann, wie das eigentlich geht. Wie bist du damit umgegangen, auf einmal bekannt zu sein und auch überall erkannt zu werden und nicht nur in der New Yorker U-Bahn oder so?

ZB Ja, die Bekanntheit ist auf jeden Fall global. Ich hatte das nicht so erwartet. Heute in Berlin wurde ich zum Beispiel ein paar Mal erkannt. Sogar in Kuba, als ich da war, hat man mich erkannt, was ich irgendwie seltsam fand. Ich denke, dass jeder Schauspieler es im Grunde weiß: „Wenn ich so viel Erfolg habe, dass ich mir ein Zuhause leisten kann, für mich sorgen kann und die Schauspielerei meine Haupteinkommensquelle ist, dann geht es einher mit einem Verlust der Anonymität.“ Man wird eben bekannt. Mir war das klar, als ich in dem Geschäft anfing, wenn es mit der Schauspielerei klappt, dann wird es Teil meines Lebens sein. Mein Herz war also offen dafür. Andererseits: Wenn man einmal die Brücke Richtung Bekanntheit überquert hat, dann gibt es eben kein Zurück mehr. Und ich glaube, dass der Umstand, dass ich mich von meinem anonymen Selbst verabschieden muss, ohne zu wissen, was mich auf der anderen Seite der Brücke erwartet, für mich unglaublich beängstigend war. Ich, die Leute, die mir nah sind, meine Familie, ich glaube alle waren deshalb einigermaßen beunruhigt. Wie wird es sein? Auch was so Fragen wie Sicherheit angeht, man liest ja alle mögliche Dinge. Brauche ich jetzt etwa einen Pförtner? Aber ehrlich gesagt war es dann doch nicht so dramatisch, wie ich zunächst dachte. Ich glaube, ich habe ein bisschen zu sehr katastrophisiert und mich inzwischen darauf eingestellt. Ich versuche, die Sache mit so viel Dankbarkeit zu nehmen wie möglich, zumal meine Arbeit so vielen Leuten etwas bedeutet. Wenn du jemanden triffst, der ganz emotional wird, weil du mit deiner Arbeit sein Leben verändert hast, weil er Aspekte seines Lebens plötzlich akzeptieren kann, dann bewegt mich das sehr und zeigt mir auch, dass Kunst etwas bedeutet und der Verlust der Anonymität vielleicht nur ein kleines Opfer ist. Und ich werde ja auch nicht von Paparazzi gejagt oder so. Eher ist es so, dass ein paar Mal am Tag Leute auf mich zukommen und sagen: „Hey, ich mag deine Filme!“ Wenn das der Preis, dass Leute sich durch meine Arbeit besser fühlen, dann zahle ich ihn gern. Das macht mir nichts aus. Und ich suche mir nur Rollen aus, die wahrhaftig sind, egal ob es sich um positive oder negative Figuren handelt. Wichtig ist, dass andere sich darin wiedererkennen können und sich nicht allein fühlen.

 

Das ganze Interview ist in unserer FALL WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

Pullover und Hose BOSS, Hut KENZO, Handschuhe COMMISSION, Schuhe MIU MIU

Kleid ANDREAS KRONTHALER FOR VIVIENNE WESTWOOD, Rock GIOVANNA FLORES, Schuhe KENZO

 

Fotos ROBERT LINDHOLM

Styling MARTINA ALMQUIST

Interview JON HAMM

Foto-Assistenz NATHAN JEROME, TIMOTHY SHIN, GABRIEL HERNANDEZ

Styling-Assistenz TANDI RIESEN DAHL

Haare LACY REDWAY using NEXXUS @ THE WALL GROUP

Make-up TYRON MACHHAUSEN using CHANEL @ THE WALL GROUP,
Danke an ROOT STUDIOS NYC, GLOSS STUDIOS NY