YALDA AFSAH

An der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Inszenierung setzt die Künstlerin, Yalda Afsah, sich in ihrem neuen dreiteiligen Filmprojekt mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier auseinander. Afsahs dokumentarische Portraits – die in diesem Jahr in Einzel- und Gruppenausstellungen in London, Berlin, und Düsseldorf gezeigt werden – eröffnen einen neuen Blick auf verschiedene Formen der Dressur, Domestizierung und Dominanz. Ein Gespräch mit der Berliner Künstlerin.

Linnéa Bake: Wir kennen uns schon lange, deshalb ist das jetzt vielleicht eine ziemlich banale Frage. Aber hast du schon immer Filme gemacht? Beziehungsweise, wie würdest du sagen, dass sich deine Arbeit in den letzten Jahren entwickelt hat? Gibt es so etwas wie einen roten Faden oder Dinge, die immer eine Rolle spielen?

Yalda Afsah: Meine Arbeiten haben von Anfang an einen dokumentarischen Ausgangspunkt genommen. Mittlerweile interessiert mich dabei aber vor allem dieses Wechselspiel zwischen Dokumentation und Inszenierung. Ich nehme zwar keinen Einfluss darauf, was vor der Kamera passiert, suche aber im Prozess des Filmens nach einer Art Inszenierung, die im Bildraum entsteht. Ich kann das natürlich anhand filmischer Mittel, wie Einstellungsgrößen, Montage und Sound beeinflussen. Aber es geht mir auch um diesen  Moment, in dem man hinter der Kamera steht und eine dokumentarische Situation plötzlich von selbst fast wie inszeniert wirkt.

Yalda Afsah, ‘Tourneur’

LB: In deinen Filmen gibt es oft diese langgezogenen Zeiträume, die mich durchaus an James Bennings Werk erinnern, bei dem du ja in Los Angeles studiert hast. Zum Beispiel auch in deinem Film Tourneur, in dem ein Stierkampf in Südfrankreich dokumentiert wird. Wobei Benning es mit seinen stundenlangen statischen Kameraeinstellungen natürlich ganz anders auf die Spitze treibt.

YA: Ja, das stimmt. Es geht mir dabei auch darum, mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Es gibt zum Beispiel diese Szene in ‘Tourneur’, eine lange Kameraeinstellung des Geschehens, in der der Stier plötzlich auftaucht und alle Beteiligten, inklusive mich hinter der Kamera, mit seinem Erscheinen überrascht. Wenn ich das anleiten würde, dann würde ich wahrscheinlich versuchen, es genau so hinzukriegen – aber das wäre unmöglich.

LB: Allein die Präsenz der Kamera macht ja schon eine Form von Inszenierung aus, als Filter zwischen deinem Blick und dem, was vor der Kamera geschieht.

YA: Ja, genau.

LB: Du hast jetzt vor allem formale Aspekte erwähnt – inwiefern würdest du sagen, dass sich die Themen deiner Arbeiten entwickelt haben? Oder gibt es überhaupt so eine Grenze zwischen Inhalt und Form?

“Es geht mir um diesen  Moment, in dem man hinter der Kamera steht und eine dokumentarische Situation plötzlich von selbst wie inszeniert wirkt.”

YALDA AFSAH

YA: Das bedingt sich total. Das Formale nimmt immer einen Bezug auf den Inhalt und formt ihn ein Stück weit mit. Aber thematisch gesehen interessiere ich mich schon immer für Welten, von denen ich nicht unbedingt Teil bin. Durch das Filmen bekomme ich dann die Möglichkeit, in einen gewissen Kontext einzutauchen. So geht es mir jetzt bei meinem aktuellen Projekt mit dem thematischen Fokus auf Tiere und verschiedene Formen der Dressur. Ich habe selber gar nicht unbedingt einen großen Bezug zu Tieren. Aber diese Verbindung, die man zwischen Mensch und Tier teilweise spüren kann, finde ich total faszinierend. Das sagt so viel über den Menschen selbst aus!

LB: Der Blick auf das Tier dient in dem Sinne eher als Spiegel für das menschliche Verhalten? Beziehungsweise geht es darum, was der Mensch auf das Tier oder das tierische Verhalten projiziert?

YA: Ja, mich interessiert hierbei besonders das Machtgefüge zwischen Mensch und Tier, das natürlich ganz anders funktioniert als in einer zwischenmenschlichen Beziehung.

Yalda Afsah, ‘Tourneur’

LB: Bei der Pferdedressur, mit der du dich in dem FIlm ‘Kentaur’ beschäftigst, scheint diese Machtausübung von der absoluten Kontrolle über die Bewegungsabläufe des Pferdes abzuhängen, während es im Falle des Stierkampfes vor allem um die Unberechenbarkeit der Situation geht. Da ist also einerseits dieses menschliche Bedürfnis nach Kontrolle, aber andererseits auch nach Unberechenbarkeit.

YA: Ja, absolut. Der Stierkampf war der Ausgangspunkt dieser Arbeiten, und da stand für mich vor allem diese Unberechenbarkeit des Aufeinandertreffens im Vordergrund. Der Mensch repräsentiert in dieser Situation einen bestimmten Zustand zwischen Angst und Euphorie. Davon getrieben zu sein, sich mit diesem körperlich überlegenen Tier messen zu wollen – man kann es todesmutig nennen, oder lebensmüde. Vielleicht tatsächlich um sich lebendig zu fühlen. Aber dieser Wunsch, am Ende zu triumphieren, darum geht es dabei ja eigentlich. Und dann bei dem zweiten Film ‘Kentaur’ geht es um die klassische Dressur, also auch wieder um ein körperlich überlegenes Tier, das Pferd. Ähnlich wie der Stier ist es ein mächtiges und großes Tier – und dann gehst du bis ins kleinste Detail, bis in die feinste Muskulatur und bestimmst auf genaueste Weise dessen Bewegungen. Es geht mir bei diesem Beispiel der Mensch-Tier Beziehung aber auch ein Stück weit um die Empathie, die zwischen beiden aufgebaut wird.

LB: John Berger schreibt in seinem berühmten Aufsatz ‘Why Look at Animals?’ (1977) über die Domestizierung und die Intimität, die dadurch zwischen Mensch und Tier aufgebaut wird. Er nennt als Grund für die Zähmung und Domestizierung von Tieren die Tatsache, dass Tiere im Laufe der Geschichte zunehmend aus dem Alltag des Menschen verschwunden sind. Also nachdem Nutztiere seit der Industriellen Revolution in unserem Alltag an Relevanz verloren, entstand überhaupt erst der Beweggrund für eine derart persönliche und empathische Beziehung zu Haustieren. Vor allem in der Verbindung zwischen dem Pferd und dem Reiter, die du in Kentaur portraitierst, scheint diese Intimität deutlich zu werden. In dem Film steht aber auch die Frage im Raum, inwiefern diese Empathie eine wechselseitige ist. Geht es dir hauptsächlich darum, das menschliche Verhalten gegenüber dem Tier zu reflektieren, oder auch zu versuchen, andersherum das Verhalten des Tieres zu interpretieren?

YA: Letzteres versuche ich eigentlich gar nicht, das finde ich auch ziemlich unmöglich. Ich glaube, dass man den Bildern natürlich etwas ablesen kann, aber ich würde niemals versuchen tiefer in die Psychologie des Tieres einzutauchen und Dinge zu behaupten. Bei menschlichen Protagonisten kann man natürlich ganz anders deren Gefühle oder Haltung einfangen. Die wird ja viel klarer sichtbar, beziehungsweise können wir die viel besser beurteilen oder nachempfinden. Ich benutze zum Beispiel in dem Film ‘Tourneur’ bewusst Montage, um eine Trennung zwischen dem Stier und den Menschen aufzumachen. Diese formale Trennung erlaubt es dem Publikum, das Verhalten dieser Teenager im Stierkampf ohne Verhältnis zu betrachten. Ihr Handeln wirkt ohne den Gegenspieler, den zunächst abwesenden Stier, dadurch erstmal total absurd. An solchen formalen Mitteln bin ich interessiert, weil sie die Betrachterinnen und Betrachter zu Beginn im Ungewissen lassen und dadurch Raum für deren eigene Assoziationen schaffen.

 

 

Yalda Afsah, ‘Kentaur’

LB: In dem dritten Film wird es dann um eine Art der Taubendressur im Iran gehen, oder? Was ich in dem Zusammenhang interessant finde, ist, dass es als eine Form der Dressur natürlich wieder etwas mit der Ausübung von Macht über das Tier zu tun hat, aber dass es in dem Fall ja keine direkte körperliche Einflussnahme gibt, sobald der Vogel in der Luft ist und fliegt.

YA: Das besondere an dieser Taubendressur ist, dass es dabei auch wieder um eine Art Triumph geht: diese besondere Taube zu haben, die Kaftar Taube, sie zu fangen und zu umhegen und ihr diese ganz besondere Flugkunst anzutrainieren. Das ist für diese Taubenhalter wie eine Art Poesie, der sie sich widmen.

LB: Gleichzeitig ist der Vogel in der Luft natürlich auch das ultimative poetische Symbol für Freiheit. In diesem Fall ist der Vogel in seinem Flug zwar frei, aber dessen Willen ist trotzdem auf eine Art dem des Züchters unterworfen. In einer Gesellschaft wie der iranischen ist das natürlich eine interessante Symbolik. Würdest du sagen, dass die Tiere im Kontext dieser Filme immer auch als Metaphern funktionieren? Ich denke da an die Fabel als Erzählformat, in dem Tiere als Symbol für eine moralische Handlung verwendet werden.

YA: Diese Lesart war nicht unbedingt von Anfang an impliziert, aber im Nachhinein fallen einem natürlich schon so Sachen auf, wie zum Beispiel der Minotauros und das Labyrinth – die Jugendlichen, die die in dieser surrealen Landschaft aus Schaum wie im Labyrinth auf der Suche sind. Oder der Kentaur, der ja auch ein mythisches Wesen ist, bei dem es um die Verschmelzung von Mann und Pferd geht. Und klar, der Vogel im freien aber doch kontrollierten Flug hat natürlich schon eine ganz klare Symbolik, vor allem in dem Kontext.

“Wenn die Betrachter in ihrer vorgefassten Meinung irritiert werden und anfangen mitzudenken – erst dann ist man bereit, die Perspektive zu wechseln.”

YALDA AFSAH

LB: Eine Szene in dem Film ‘Tourneur’, die bei mir total hängen geblieben ist, ist der Moment, in dem der Stier in die Kamera blickt.

YA: Ja, dieser Moment macht die Kamera nochmal sichtbar und stellt eigentlich alles offen. Dieses Tier ist nämlich der einzige Protagonist, der direkt in die Kamera schaut und die ansonsten dokumentarische Szene wie zur Bühne werden lässt.

LB: Ich finde dieser Moment kreiert dadurch auch eine Art Distanz, die vielleicht eine Form der Wertung impliziert? Oder dem Publikum zumindest den Raum für eine eigene Bewertung des Geschehens gibt. Inwiefern vermittelst du mit den Filmen deine persönliche Haltung im Bezug auf diese, teilweise durchaus kontroversen, Protagonisten?

YA: Das war bei dem Dressurreiter auf jeden Fall die Frage. Es geht mir vor allem darum, es dem Publikum zu ermöglichen, eine komplett andere Perspektive einzunehmen. Im Idealfall kannst du in eine andere Welt eintauchen, die nicht zu dir gehört und nicht deinen Vorstellungen entspricht. Dazu gehört es dann eben auch, den Blickwinkel dieser Protagonisten ein Stück weit anzunehmen. Natürlich habe ich trotzdem als Person eine eigene Haltung dazu und ich selektiere ja auch ganz bewusst, was ich zeige und was nicht. Ein wichtiger Punkt ist dabei, klar, der Schnitt. Aber ich will es trotzdem jedem selbst überlassen, sich eine Meinung zu bilden. Ich will keinen didaktischen Film machen, ganz und gar nicht. Es geht also immer um diese Gratwanderung, und deswegen spiele ich ja auch formal mit vielen Dingen: ein Stück weit mitzugehen, aber dann auch an gewissen Punkten einen Moment der Irritation zu kreieren. Daran bin ich interessiert: wenn die Betrachterinnen und Betrachter in ihrer vorgefassten Meinung irritiert werden und anfangen mitzudenken. Erst dann ist man ja bereit, die Perspektive zu wechseln.

Yalda Afsahs Film ‘Tourneur’ wird am 20. April 2019 im Rahmen des Filmprogramms ‘FRAMES of REPRESENTATION‘ im Londoner Institute for Contemporary Art (ICA) gezeigt. Am 5. Juli 2019 eröffnet ihre Einzelausstellung bei ‘Fragile’, Berlin. Ab dem 4. September 2019 sind ihre Arbeiten Teil der Abschlussausstellung des Karl Schmidt-Rottluff Stipendiums in der Kunsthalle Düsseldorf.