VON WEGEN LISBETH

Früher machten sie Hardcore-Punk heute “verweichlichten Pop”, wie sie selbst scherzhaft sagen. Die 2004 gegründete Band Von Wegen Lisbeth ist aus den damals bespielten Jugendclubs herausgewachsen. Mittlerweile reichen die kleinen Säle für die großen Massen tanzender und schreiender Menschen nicht mehr, nun muss schon die Columbiahalle her.

Seit die fünf Berliner 2014 als Vorband mit Annenmaykantereit auf Tour gingen hat sich viel geändert. Früher noch Geheimtipp, haben sie spätestens seit ihrem Debütalbum Grande 2016 den Status als gute Indie-Pop-Band sicher – als Gegenstück zu allen Max Forsters und Tim Benzkos dieser Welt. 2019 folgte dann das zweite Studioalbum sweetlilly93@hotmail.com mit anschließender Tour.

Anstatt von Sartre Büchern sind die Texte Von Wegen Lisbeths’ von Alltagssituationen inspiriert. Das sind keine leeren Worthüllen, sondern präzise Beobachtungen des Durchschnittsmenschen gepaart mit einer Portion Ironie. Auch eher unüblich für Deutsch-Pop. Von wegen angepasst- von wegen Lisbeth.

Interview traf Sänger Matthias Rhode -gennant Matze- und Bassist Julian Hölting vor ihrem (vorerst) vorletzten Konzert in Berlin. Gesprochen wurde über das Tourleben, abgebrochene Studiengänge und Politik im Pop.

Milla Mann Die Frage bekommt ihr bestimmt oft gestellt, aber woher kommt euer Name?

Julian Hölting Ja die hören wir sehr oft. Wir wollten einen Namen, der überhaupt keinen Sinn ergibt. Deswegen haben wir einfach random Wörter aneinander gereiht.

MM Kommen daher auch die….

Matthias (Matze) Rhode … Songtexte? Haha

JH Sinnlose Wörter aneinander gereiht – So schreibt Matze am liebsten seine Texte!

MR Was wolltest du sagen?

MM Ich meinte eigentlich die Namen davor. Ihr hießt ja schon mal Fluchtweg und Harry Hurtig.

MR Ja die kommen tatsächlich aus der gleichen Motivation heraus. Wobei, wir mit 13 kurzzeitig Zivilcourage hießen. Das war in unserer Punk-Phase und ein Bandname mit einer extremen Aussage. Unser einziger, den wir je hatten. Alles andere war kompletter Nonsense.

MM Seit wann kennt ihr euch jetzt schon?

MR Seit der Schule. Teilweise schon seit der Grundschule.

JH Doz (Zschäbitz) und ich waren einen Jahrgang unter Matze und Julian (Zschäbitz). Julian, Robert (Tischer) und Matze sind in die gleiche Klasse gegangen in der Oberschule. Doz und ich waren noch in der 6. Klasse und ihr schon in der Siebten. Dann haben wir eine Party im Keller gemacht und du und Julian waren DJ. Da hast du all deine CDs mitgebracht und aufgelegt und wir fanden es mega schlecht.

MR Ich habe halt Ashanti und sowas aufgelegt und die wollten eher so Punk-Rock-Scheiß hören.

JH Da ist mir Matze direkt im Gedächtnis geblieben, als der schlechte DJ, der er heute noch ist.

MM Wie fühlt es sich an die letzten Shows der Tour zu spielen? Seid ihr froh darüber oder hättet ihr noch Lust weiterzumachen?

JH Also ich bin froh darüber. Ich hätte jetzt keine Lust gehabt nochmal länger unterwegs zu sein. Das war schon eine sehr lange Zeit am Stück. Jetzt haben wir erstmal ein paar Monate tourfrei. Eigentlich ist es immer das Gleiche. Am Ende wünscht man sich dann wieder loszufahren. Nur fünf Wochen fand ich dann doch schon sehr lang. Irgendwann denkt man sich dann, man wäre auch gern wieder zu Hause. Aber es ist schon mega geil. Eben ein Luxusproblem.

MM Geht ihr euch nicht irgendwann auf die Nerven?

JH Doch voll! Haha

MR Das Schöne ist, dass wir inzwischen eine große Crew sind. Das heißt, wenn man sich mal auf den Sack geht, kann man sich aus dem Weg gehen und mit anderen Leuten chillen.

JH Bei 30 Leuten kann man sich einige aussuchen, mit denen man mal einen Tag verbringt, ohne jemand anderen zu sehen.

MM Wie ist es für euch in Berlin zu spielen? Hier habt ihr in den Jugendclubs der Stadt eure ersten Auftritte gehabt. Wie ist das im Gegensatz zu ausverkauften Konzerten?

JH Ja mega schade. Ich hätte gerne weiter in Jugendclubs gespielt, haha!

MR In Berlin zu spielen ist immer sehr aufregend für uns, weil immer viele Freunde und Verwandte kommen. Egal wie groß das Konzert ist, das ist immer besonders. Ich habe das Gefühl, wir haben in jedem Club in Berlin gespielt. Dadurch ging es immer ein bisschen höher. Wir haben ganz klein angefangen, dann kam der nächste Club, in den nochmal 50 Leute mehr reinpassten und immer so weiter. Jetzt sind wir schon in der Columbiahalle. Für uns hat sich das immer wie ein normaler Wachstumsprozess angefühlt.

MM Was macht ihr, wenn ihr mit der Tour fertig seid?

MR Mein Handy ausmachen.

Julian Orangensaft trinken am Hermannplatz. Da gibt es einen super Stand, der frisch gepressten Orangensaft verkauft. Da treffen Matze und ich uns öfter mal. Wobei ich jetzt versuchen werde die Zeiten abzupassen, zu denen Matze nicht da ist. Sonst werde ich extrem wenig machen.

MR Wir werden uns erstmal erholen.

JH In zwei Wochen fahre ich dann erstmal in den Urlaub.

MM Wohin denn?

JH Nach Lanzerote. Da wo es noch schön warm ist.

MM Was macht ihr so, wenn ihr keine Musik macht?

JH Ja Matze, was sind deine Hobbies? haha

MM Sind so ein bisschen Freunde-Buch-Fragen haha.

MR Ich treffe dann voll gern Freunde, gucke gerne Tierdokus…

JH Lesen, kochen…

MR Ach jeder macht so ganz normale Sachen.

JH Leben! Einfach leben! Haha

MM Ihr habt alle angefangen zu studieren. Habt ihr noch vor das zu beenden?

JH Ich habe jetzt beendet.

MM Ja?

JH Ja! Ich habe Architektur studiert.

MM Aber nicht mit dem Ziel irgendwann…

JH Nein, ganz bestimmt nicht! Ich habe irgendwann mal ein Praktikum im Büro gemacht. Das war dann final der Zeitpunkt, wo ich mir dachte: Nein …

MR Richtig arbeiten? Auf gar keinen Fall! hahaha

JH Im Büro sitzen, das ist nichts für mich! Das hat mir keinen Spaß gemacht, aber das Studium schon. Irgendwann habe ich dann zu wenig Zeit dafür gehabt.

MM Studieren wird bei euch ja jetzt eh schwierig.

MR Ja wir sind einfach zu viel unterwegs.

MM Das ist jetzt wieder so eine Freundebuchfrage, aber was hört ihr für Musik? Ihr habt ja früher Punkrock gemacht und jetzt macht ihr Indie-Pop.

JH Ich höre nur noch sehr wenig Punkrock.

MR Ich höre allgemein nur noch wenig Musik.

JH Ich höre sehr viel Musik.

MR Wenn ich was höre, ist es krass random. Ich höre viel Radiokram, also so alte Sachen aus den 60s, 70s, 80s. Bei neuer Musik kenne ich mich überhaupt nicht aus. Die höre ich sehr wenig.

JH Ich auch. Sonst Spotify Playlisten. Was ich in letzter Zeit oft gemacht habe, ist den „Dein Mix der Woche“ zu hören. Zum größten Teil ist es scheiße, aber manchmal findet man wirklich gute Songs. Es ist auf jeden Fall sehr unterschiedlich unter uns fünf, welche Musik wir hören. Da kann man keine allgemeine Antwort geben.

MM Wie war der Prozess, dass ihr von Punkrock auf Pop umgestiegen seid?

JH Verweichlichter Pop! haha

MR Weil wir immer das machen wollten, was wir selbst cool finden. Irgendwann haben wir dann auch gar keinen Punk mehr gehört und haben eher poppige Sachen gefeiert. Dann dachten wir uns, wir machen jetzt Pop.

MM Aber ihr macht ja auch keinen typischen Pop bzw. keinen typischen Deutsch-Pop, würde ich mal behaupten.

MR Das nehme ich jetzt mal als Kompliment.

MM Ja auf jeden Fall!

MR Deutsch-Pop ist echt grausam. Das würde ich auch nicht als gute Pop-Musik beschreiben. Wir orientieren uns da eher an anderen Bands, die ich aber auch als Pop-Bands bezeichnen würde.

MM Es gibt einige gute Popbands dann gibt es noch die breite Masse, deren Songs nur aus drei Wörtern bestehen.

MR Genau!

MM Meint ihr, dass in den letzten Jahren wieder mehr Leute deutschsprachige Musik hören?

JH Das kann ich gar nicht genau sagen.

MR Ich glaube schon, ehrlich gesagt. Das kommt immer in Wellen. Es gibt mehr deutsche Bands, die ich cool finde, die es vor 10 Jahren vielleicht noch nicht gab.

JH Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass Leute mehr auf Konzerte gehen. Das hat sich schon verändert.

MR Auf unsere Konzerte haha!

JH Ja, nicht nur, sondern insgesamt Konzerte oder auch Festivals. Seitdem das Streaming die CDs abgelöst hat, was ja eine engere Bindung zum Künstler war, als das in seine Playlist zu packen, denken sich mehr Leute, dass sich dann ein Konzert live angucken können. Das kommt mir jedenfalls so vor. In Deutschland ist es dann für deutschsprachige Bands natürlich am einfachsten.

MM Gibt es Themen, von denen ihr denkt, dass man ihnen mehr Beachtung schenken sollte?

JH Da gibt es dieses Internet, von dem ich gehört habe, haha!

MM Ihr ruft auf euren Konzerten und auf Instagram immer wieder zu Spenden auf, gibt es da etwas, dass euch am Herzen liegt?

MR Ja da gibt es tausend Sachen.

MM Glaubt ihr, dass es gut ist, Pop und Politik zu verbinden? In manchen Songs seid ihr unterschwellig ziemlich systemkritisch.

JH Zu sagen, dass man Spenden oder wählen gehen soll oder sich mal kritisch äußert, heißt noch nicht gleich, dass man ein politisches Statement abgibt. Pop-Musik zu machen und politisch zu sein schließt sich nicht automatisch aus, sondern hat viel miteinander zu tun. Es ist eher eine Meinung, die wir äußern, als dass wir eine gefestigte, politische Aussage treffen. Nur weil man sagt, man findet die AfD scheiße, ist es noch nicht groß politisch.

MR In der Pop-Musik gibt es nach wie vor zu wenig Leute die klar ihre Meinung sagen. 

JH Egal auf welche Art und Weise. Ob das jetzt in einem Post ist oder in einem Song. Viele Leute haben dann Angst Popularität zu verlieren. Ich finde es komisch, dass bei solchen Posts dann immer drunter geschrieben wird: „Macht einfach nur Musik. Warum mischt ihr euch da ein?“ Am Ende wird immer von Authentizität in Texten gesprochen. Warum soll man dann nicht auch eine alltägliche Meinung äußern können.

MM In der Kunstszene herrscht momentan bei vielen die Angst jemandem auf die Füße zu treten. Vielleicht auch gerade weil mittlerweile jeder seine Meinung auf Social Media kundgeben kann und das auch tut – ohne Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Wie das beispielsweise bei Faber der Fall war, der für einen seiner Songs einen riesigen Shitstorm bekommen hat.

JH Oder Helene Fischer, die zu den Vorfällen in Chemnitz etwas postete. Das war sehr unüblich für den Schlager. Am Ende kommt man vielleicht auch gar nicht darum herum ein Gegenstück zu den Populisten zu sein. Selbst wenn du dich gar nicht platzierst, hast du ja eine politische Meinung.

 

Interview MILLA MANN