TRAURIGKEIT MIT GERADEM RÜCKEN

Der Belgier ist gerade einmal Anfang 20 und steht schon mit Colin Greenwood von
Radiohead auf der Bühne. Von Lana Del Rey wird er über Instagram gefragt, ob er ihr Vor-
Boy sein will. ARTE überträgt sein Pariser Konzert im Olympia-Stadion live. Er funktioniert
allein in Amerika, mit seiner Band in Marokko und auf den ganz großen und sehr kleinen
Bühnen in Europas Hauptstädten. Vielleicht weil sein Großvater, der „Sound of the Nile“,
ihm genetisch die Musik mit in die antwerpische Wiege gelegt hat. Vielleicht weil er kein
Überraschungstalent, sondern klassisch ausgebildeter Musiker ist. Vielleicht aber auch, weil
er einen Nerv trifft, und dabei alles richtig macht: Tamino macht Singer-Songwriter-Musik
mit arabischen Einflüssen, ohne dabei eurozentrisch zu sein. In Zeiten von Rechtsruck und
Co. zeigt er, wie diese zwei Welten verbunden werden können, ohne sich anzumaßen
politisch zu sein. Bodenständig scheint er trotz allem zu sein: Nach dem Konzert in Berlin will
er mit seiner Band nur noch etwas trinken gehen, und bloß nicht ins Berghain, unsere
Interview Party ist ihm zu weit weg, aber dafür gefällt ihm die Hose unserer Redakteurin.

Nele Tüch Du warst in den letzten Monaten viel unterwegs, aber ich kann mir vorstellen,
dass besonders Kairo wirklich cool für dich gewesen sein muss?

Tamino Es war wirklich, wirklich cool.

NT Besonders wenn man deine familiäre Herkunft bedenkt: War es eine besondere Sache,
die du schon immer machen wolltest?

T Ja, schon bei der Planung unserer Tour wollte ich Ägypten einbeziehen – aber es ist nicht
einfach, dort ein Konzert zu organisieren.

NT Kann das sein, dass ich davon etwas auf deinem Instagram-Kanal gelesen habe? Gab es
nicht Probleme, sodass du den Termin verschieben musstest?

T Oh nein, das war etwas Anderes, wahrscheinlich in Marokko. Ich musste eine Show in
Casablanca absagen, aber wir haben einen Ersatz-Termin ausgemacht.

NT …weil du krank warst.

T In Kairo ging es um etwas Anderes: Was schwierig war, waren Altersbeschränkungen,
Kleiderordnungen und all das. Wir haben es aber geschafft.

NT Was war dort anders als an anderen Orten?

T Sie wollten zum Beispiel keine Leute reinlassen, die unter 25 waren.

NT 25, selbst du hättest den Veranstaltungsort nicht betreten können.

T Ja, ich hätte die Show nicht spielen können. Das haben wir ihnen gesagt. Aber wir haben
es geschafft, so viele Menschen wie möglich einzubeziehen. Am Ende lag die
Altersbegrenzung bei 21 und nicht 25. Und dann gab es eine Kleiderordnung für Menschen
mit Hijabs oder Männern mit Jellabiya. Eigentlich sollen religiöse Menschen in Kairo nicht an
einem Ort sein, der Alkohol serviert. Wir haben uns dann aber einfach entschieden, keinen
Alkohol zu servieren. Damit alle kommen konnten. Es war eine wunderschöne Show.

NT Es ist sehr cool von euch, alle miteinzubeziehen – sogar den Alkohol für eine Nacht
aufzugeben, haha.

T Ich denke, Alkohol und meine Musik passen nicht wirklich zusammen. Vielleicht eher mit
ein paar anderen Drogen…

NT Wenn ich deine Musik höre, trinke ich ein Glas Rotwein und rauche eine Zigarette,
besonders, wenn ich “Cigar” höre. Aber du hast Recht, es ist einfach keine Partymusik.

T Es ist emotionaler.

NT Du hast einmal gesagt, dass die Einbeziehung arabischer Klänge in deine Musik sie
emotionaler macht.

T Nun, ich würde sagen, dass im Gesang vieler arabischer, ägyptischer und nahöstlicher
Klänge diese Art der Kapitulation zu finden ist, die der Musiker durchmacht. Sich dem
Ausdruck und der Emotion hingeben. Das sieht man in der westlichen Musik nicht wirklich.
Was ich wirklich typisch finde, ist, dass sie ihre Traurigkeit zeigen, aber sie werden es immer
mit großem Stolz und einem geraden Rücken tun. Ich nenne es “Traurigkeit mit geradem
Rücken”.

NT Und deine Musik hat das?

T Ich würde nicht sagen, dass ich es sehr bewusst gemacht hab, aber man kann es in
meinem Songwriting finden. Und es kommt wahrscheinlich vom vielen Hören genau dieser
Musik und vielleicht meiner Genetik.

NT Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine genetische Sache ist, eher kulturelle
Erziehung. Du hast die Lieder deines Großvaters und die riesige Plattensammlung deiner
Mutter gehört, du bist in Antwerpen aufgewachsen. In deiner kulturellen Erziehung gibt es
viele verschiedene Einflüsse und vielleicht ist es für dich ganz natürlich, sie in deine Musik
aufzunehmen?

T Es geht gar nicht anders. Du kannst niemandem beibringen, wie man einen Song schreibt.
Es ist ein sehr abstrakter Prozess: Du kannst üben, du kannst deine Werkzeuge schärfen,
aber du kannst sie nicht wirklich beherrschen. Niemals. Wenn dich also ein Song während
des Entstehungsprozesses trifft, kannst du wählen, ob du dich auf ihn einlässt.

NT Du kannst dein Songwriting also nicht aktiv kontrollieren?

T Ich kann das Schreiben von Songs nicht wirklich erzwingen. Ich kann das Hinsetzen
erzwingen, um mit dem Schreiben zu beginnen, aber was passiert, liegt nicht an mir.

NT Man kann sich nicht dafür entscheiden jetzt einen Hit zu schreiben.

T Wenn es so einfach wäre, würde ich es jeden Tag tun. Ich hätte zehn Platten, vielleicht
mehr.

 

NT Du setzt dich also hin, zwingst dich, etwas zu tun, aber wo fängst du an: Melodie, Text…

T Es ist jedes Mal anders. Normalerweise klimpere ich einfach ein bisschen auf der Gitarre
herum – das macht am meisten Spaß, weil man sofort Musik macht.

NT Es ist kein abstraktes Konzept in deinem Kopf.

T Nein, nein, das ist zu schwierig, denke ich. Aber manchmal schreibe ich zuerst den Text. Es
ist völlig anders, aber sehr interessant. Die Form, in der ich schreibe, die ist wohl am besten
mit Popsongs kategorisierbar. Und Popsongs sind über Jahrhunderte hinweg entstanden.
Was ich mache basiert also auf der Musik, die vor mir war.

NT Nichts ist völlig neu, alles wurde schon einmal gemacht und gedacht. Aber ich denke,
korrigier mich, wenn ich mich irre, dass es momentan in Europa ein paar Musiker gibt, die
ihre Wurzeln und ihr kulturelles Erbe nutzen und in ihre europäische Sichtweise integrieren,
ohne eurozentrisch zu sein oder sich an der „cultural appropriation“ schuldig machen. Das
ist neu.

T Vielleicht sind wir deshalb auf der ganzen Welt erfolgreich. Weil sich die Menschen
einbezogen fühlen.

NT Ich finde es wirklich cool, dass ihr diese Themen von aktuellen politischen Debatten
loslöst. Du bringst die arabische Welt mit deiner Musik in einen neuen, kulturelleren,
Mainstream-Kontext.

T Es geht um Kultur, wie du gesagt hast, es hat nichts mit dem ganzen „Bad Shit“ zu tun, den
man so hört. Deshalb liebe ich Musik, sie bringt Menschen zusammen. Das ist der einzige
Job, den du als Künstler hast. Du bist in gewisser Weise die Schweiz.

NT Du bist neutral. Einige Künstler sind es jedoch nicht. Sie können superpolitisch sein.

T Aber dann ist das ihr Ding. Das bist dann du. Ich bewundere das bei einigen Künstlern. Wie
zum Beispiel Roger Waters. Aber ich will überhaupt nicht so sein. Ich wollte nie so sein.
Natürlich habe ich meine persönlichen Ansichten und meine persönlichen Meinungen, aber
ich glaube nicht, dass sie wichtig sind, wenn es um meine Musik geht. Meine Musik kann
Menschen zusammenbringen. Das habe ich gesehen. Ich hab die Wärme und die Kraft
gefühlt, und das will ich nicht untergraben, niemals.

NT Du hast es gesehen. Gibt es eine besondere Erinnerung, die die in den Sinn kommt?

T Ich würde sagen, jedes Konzert, um ehrlich zu sein. Ich bin mir nicht sicher, wie es heute
Abend sein wird, aber normalerweise sind alle Altersgruppen vertreten. Ich finde das
unglaublich. Man sieht so viele verschiedene Menschen: Männer in ihren Anzügen, kleine
Jungen und Mädchen, Menschen mit allen möglichen ethnischen Hintergründen.

NT Es ist divers.

T Wir sind ziemlich viel gereist und ich finde es erstaunlich, dass wir überall spielen können:
In Berlin, in Marokko, in Amerika…. und nicht überall die gleichen Hipster-Kids sehen. Weißt
du, was ich meine? Es ist keine Nische. Es ist kein Hype. Es ist nicht das neue Cool-Kid-On-
The-Blog, das für eine Weile cool ist, und dann eben nicht mehr. Das ist es nicht. Unsere
Musik ist für jeden, der bereit ist, diese Momente mit uns zu teilen.

NT Ich weiß, was du meinst, meine Tante war super aufgeregt, dass ich dieses Interview
mache.

T Das ist so cool. Das höre ich die ganze Zeit: “Ich bin ein Fan und zum ersten Mal in meinem
Leben ist meine Mutter ein Fan von dem, was ich höre.”

NT Es zeigt, dass es auch umgekehrt sein kann: Normalerweise werden Kinder von der
Musik beeinflusst, die die Eltern hören. Aber manchmal ist es eben auch andersherum.

T Manchmal wollen sich die Kids gegen ihre Eltern auflehnen. Und manchmal hören die
Eltern tatsächlich, was die Kinder hören. Es geht in beide Richtungen.

 

Interview NELE TÜCH

Fotos RAMY MOHARAM FOUAD