STEVE LACY

Wie unglaublich fit ein Mensch doch sein kann, nachdem er die ganze Nacht feiern war: Steve Lacy sitzt in einem Berliner Fotostudio munter auf dem Sessel, zwinkert ein bisschen verlegen in den Raum hinein und strahlt dann alle Anwesenden an. Weil er glücklich ist über den Exzess der letzten Nacht vermutlich, der so in seiner Heimatstadt Los Angeles nicht möglich ist, und er zufrieden sein kann mit seinem neuen Album „Apollo XXI“, das allseits bestens ankommt.

Steve Lacy ist 21 Jahre alt und in etwa das, was man ein Wunderkind nennt. Mit seiner Band The Internet wurde er bereits für einen Grammy nominiert, da war er nicht einmal volljährig und noch Schüler auf einer Highschool mit musikalischem Profil. Etliche Songs hat er auf seinem iPhone mit einer billigen Produktionssoftware kreiert, das Gitarrespielen hat er sich beigebracht, weil er das Videospiel „Guitar Hero“ cool fand. Mittlerweile produziert und unterstützt er die wichtigsten Popmusiker der Welt, arbeitet mit Kendrick Lamar, Solange Knowles oder Blood Orange und tourt nebenbei mit seiner Band von Land zu Land. Und zwischen all dem Stress hat er auch noch ein Soloalbum produziert, auf dem er Funk, Soul, Jazz und Trap zusammenwirft. Er schreibt, produziert, singt, spielt Instrumente, hat ansonsten keine weiteren Hobbys, weil er, wie er sagt, sein Leben ohnehin längst der Musik verschrieben hat. Gerade hat er sich Plattenspieler und DJ-Equipment gekauft und damit begonnen, sich durch die House- und Techno-Geschichte zu graben. Weil bisher alles, was Steve Lacy sich in den Kopf gesetzt hat, geklappt zu haben scheint, wird womöglich auch sein neuestes, nicht ganz so ernst gemeintes und erst während des Interviews beschlossenes Ziel zur Realität: einmal im Berghain auflegen!

JOHANN VOIGT Ich habe gehört, Sie waren vergangene Nacht aus. Wo waren Sie denn?

STEVE LACY Im Berghain. Es war krass und erst mein zweites Mal dort. Beim letzten Mal war ich für fünf Tage in Berlin, einfach zum Rumhängen. Mein Zug nach Amsterdam ging damals aber schon an einem Samstag, und ich konnte nicht lange im Berghain bleiben. Alle haben mir gesagt, dass ich am Sonntag dorthin gehen muss, weil es dann am besten ist. Deswegen habe ich mir gestern einen Freund geschnappt, bin Sonntagnachmittag mit ihm rein und bis früh um zwei geblieben.

JV Was mochten Sie mehr: die Panorama Bar, wo eher House gespielt wird, oder den Berghain-Floor mit Techno?

SL Ich habe auf beiden Floors getanzt. Es war aber das erste Mal, dass ich die Panorama Bar erlebt habe. Beim letzten Mal war sie geschlossen. Ich glaube, ich mochte es unten im Berghain trotzdem mehr – schon wegen des besseren Soundsystems.

JV Dort steht eine Funktion-One-Anlage, eine der besten Anlagen der Welt.

SL Ja, so hat es sich auch angefühlt. Ich habe mir sogar Stöpsel ins Ohr gesteckt, weil es so laut war. Aber die Vibrationen vom Bass habe ich im ganzen Körper gespürt.

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JV Tanzen Sie gerne?
SL Klar! So lange, bis es wehtut, haha. Mein Nacken und meine Schultern schmerzen immer noch von letzter Nacht.

JV Was sind die Unterschiede zwischen dem Berghain und den Clubs, in die Sie zu Hause in Los Angeles gehen?

SL Es ist sehr anders. In L.A. liegt der Fokus nicht so sehr auf der Musik und der Erfahrung. Ich gehe in L.A. wirklich nicht so gerne aus. Aber ich kann auch gar nicht so viel darüber sagen, weil ich ja gerade erst 21 geworden bin. Vorher kommt man in viele Clubs gar nicht rein. Es geht dort schon eher ums Sehen und Gesehenwerden. Im Berghain interessiert erst mal niemanden, wer du bist, wie du aussiehst oder was du machst. Jeder kann so sein, wie er will, und alles ausleben, was er will. Wenn du in L.A. auf den Dancefloor gehst, starren dich bloß alle an.

JV Es hat dort also auch niemand Sex auf dem Dancefloor?

SL Nein, auf keinen Fall! Haha!

JV War es etwas Besonderes für Sie, 21 Jahre alt zu werden?

SL Eigentlich nicht. Aber ich habe in der Geburtstagsnacht mein Debütalbum „Apollo XXI“ veröffentlicht. Das war in dem Moment wichtiger.

JV Also haben Sie nicht Ihren Geburtstag gefeiert, sondern die Geburt des Albums?

SL Um ehrlich zu sein, habe ich meinen Geburtstag voll vergessen. Ich habe so viel Zeit und Energie in das Album gesteckt – es hat sich alles nur darum gedreht. Ich wusste dann gar nicht, was ich zu meinem Geburtstag machen soll.

JV „Apollo XXI“ war Ihr Geschenk an sich selbst?

SL Genau. Und ich habe jetzt ein neues Auto.

JV Fahren Sie keinen kleinen Kia mehr wie früher?

SL Nein.

JV Was dann?

SL Das kann ich Ihnen nicht sagen.

JV Ist es Ihnen etwa peinlich?

SL Na ja, es würde komisch wirken, wenn ich jetzt sage, was für ein Auto ich fahre.

JV Außer dem geheimnisvollen Auto gibt es seit ein paar Monaten noch ein anderes neues Gerät in Ihrem Leben: einen Plattenspieler. Warum brauchen Sie denn jetzt noch einen Plattenspieler?

SL Ich habe sogar zwei Plattenspieler. Ich will Platten hören!

JV Wollen Sie etwa DJ werden?

SL Vielleicht. Aber ich bin noch ziemlich schlecht darin. Ich übe gerade zusammen mit Freunden, die das wirklich können. Im Berghain zu spielen wäre auf jeden Fall ein Traum, haha!

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JV Was für Musik legen Sie auf?

SL House, Electro, Lil Uzi Vert, Playboi Carti, ein bisschen Moodymann, ein bisschen Prince. Sachen, die ich mag.

JV Sie haben gerade sogar eine Prince-Platte dabei.

SL Die habe ich geschenkt bekommen.

JV Ein Prince-Tattoo haben Sie auch.

SL Genau, das Zeichen vom Cover des „Love Symbol“-Albums. Ich habe mir das vor ungefähr zwei Jahren stechen lassen. Zu der Zeit, so mit 19, habe ich echt ständig Prince gehört.

JV Woher kommt die Prince-Obsession?

SL Ich bin einfach ein Fan! Ich fühle mich von ihm verstanden und finde mich in seiner Musik wieder. Leute sagen auch, dass ich so klinge wie er. Aber ich will ihn nicht kopieren. Mir wurde ja schon gesagt, dass meine Musik von Prince beeinflusst ist, bevor ich seine Songs überhaupt gehört habe. Ich glaube, dass wir einen ähnlichen Film fahren. Er hat immer neue Sachen ausprobiert, verschiedene Rollen und Charaktere kreiert. Es war bei ihm ein bisschen wie Theater.

JV Sie haben auch verschiedene Charaktere?

SL Ich denke schon. Ich klinge auf meinem Album jedenfalls wie ganz viele verschiedene Menschen, weil ich ganz verschiedene Stimmen erzeugen kann. Ich mag es, verschiedene Rollen zu spielen.

JV Welche Rolle spielen Sie jetzt gerade?

SL Gerade bin ich locker drauf. Die Brille, die ich aufhabe, ist übrigens Fake, die hat gar keine Verstärkung. Aber die ist Teil meiner aktuellen Rolle.

JV Schauen Sie mal durch meine Brille, die hat wirklich Verstärkung.

SL (guckt durch) Ich erkenne gar nichts, Sie Armer! Haha!

JV Als Sie elf Jahre alt waren, haben Sie wegen des Spiels „Guitar Hero“ angefangen, Gitarre zu spielen. Warum Gitarre?

SL Ich habe mich verliebt. Ich habe irgendwann mal jemanden spielen sehen, auf die Gitarre gestarrt und wusste: Das will ich auch.

JV Was war der erste Song, den Sie spielen konnten?

SL Ich denke, das war „Seven Nation Army“ von den White Stripes.

JV Es gibt ein Video von 2012, in dem Sie zu sehen sind. Es sieht aus wie ein Werbespot für ein Fitnessstudio. Sie sprechen über Ihre Tagesroutine, sagen, dass Sie jeden Dienstag und jeden Donnerstag laufen gehen und nur „Balance Meals“ essen. Was war denn da los?

SL Oh shit, das war eine Lüge, haha! Ich habe in der Zeit nur Bullshit gegessen. Das Video war für so eine Aktion von meinem Cousin. Er muss das jetzt echt mal offline nehmen. Meine Stimme klingt da so komisch, und ich sehe außerdem auch noch komisch aus.

JV Sie sehen jedenfalls eher aus wie ein Gym-Kid, nicht so wie ein Gitarrengott.

SL Ich war damals Track Runner.

JV Seit diesem Video hat sich in Ihrem Leben viel verändert. Wie fühlen Sie sich jetzt im Vergleich zu Ihrem damaligen Track-Runner-Ich?

SL Ich fühle mich mittlerweile besser verstanden und akzeptiert. Als ich jünger war, habe ich mich oft missverstanden gefühlt. In der Schule konnte ich zu niemandem eine richtige Beziehung aufbauen. Ich bin zwischen den Leuten umhergeschwommen, hatte keinen richtigen Freundeskreis und wurde von vielen Menschen abgewiesen. Jetzt habe ich ein wenig Erfolg. Jetzt ergibt alles Sinn. Mehr als damals in der Highschool, als die Leute mich für verrückt gehalten haben. Irgendwann dachte ich selbst, dass ich komisch bin.

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Das ganze Interview ist in unserer FALL/WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich.

 

Fotos HARRY CARR

Styling LOUISE FORD & STEVE LACY

Text JOHANN VOIGT

Foto-Assistenz JODIE HERBAGE

Styling-Assistenz YNES GARROUJOU

Make-up NATALIA SOBOLEVA @ LIGANORD

Produktion CHRISTIN BETTINGHAUS

Studio CANALSTUDIOS BERLIN