SMALLTALK MIT VIOLET CHACHKI

RuPaul‘s Drag Race ist ein Phänomen, die Castingshow aus den Staaten, die irgendwie als Mischung aus „schon wieder ein neues Next Topmodel“ und „Project Runway“ zu verstehen ist. Also eine Mischung aus Catwalk-Walks, Photoshootings usw. und einer tatsächlichen Selbstverwirklichung, durch das kreative Schneidern (oder kleben, oder tackern) der eigenen Laufsteg- bzw. Bühnenoutfits. Dazwischen gibt es alle möglichen Challenges, Zankereien und Castingshow-typische Urteile. Am Ende jeder Folge fliegt jemand raus, bis zum Schluss, im großen Finale, die Queen gekürt werden kann. RuPaul, Erfinder, Host und Chef-Jurorin ist selbst Drag Queen, bzw. wie er erst kürzlich medienwirksam in Jimmy Fallons Talkshow korrigierte: Die Queen of Drag! Sie ist dabei sowohl strenge Respektsperson als auch, manchmal zumindest, liebevoller Tutor. Das ist es auch, was diese Sendung anders macht als ihre Entsprechungen auf der Suche nach Next Models oder Next Designern, sie agiert auf Augenhöhe, sowohl was die Teilnehmerinnen, die Zuschauer oder die mega-prominenten Gastjuroren betrifft (etwa Lady Gaga, Miley Cyrus, Ariana Grande usw., usw.), es wird zwar kritisiert, gestichelt und gestritten aber immer im Rahmen der Drag-Inszenierung, welche das gekonnte „Roasting“, also das Beleidigen von Kolleginnen ohne verletzend zu werden, als Teil der Gesamtperformance versteht. Im Großen und Ganzen ein sehr buntes, sehr lautes und sehr unterhaltsames Spektakel, ein bisschen ernst, ein bisschen Persiflage und auf jeden Fall eine Bereicherung für den doch sehr – Vorsicht Modewort – heteronormativen TV-Alltag. Übrigens so erfolgreich, dass der Privatsender Pro7 das auch haben wollte, die Rechte aber nicht bekam und deswegen ausgerechnet Heidi Klum den deutschen „Queen of Drags“ vor die konturierten Nasen setzte, alles ein bisschen veränderte und als etwas billigeren Abklatsch auch in der deutschen Fernsehlandschaft überraschend respektvoll für Diversität sorgen ließ. Wie auch immer, jetzt startet die schon 12. Staffel des amerikanischen Originals, weshalb wir es für angebracht empfinden unser Smalltalk mit Violet Chachki aus der vergangenen Holliday-Ausgabe wieder hervorzukramen.

Violet Chachki ist die Gewinnerin der 7. Staffel und, wieder in Abgrenzung zu anderen Casting-TV-Formaten, erfolgreicher denn je. Eigentlich ist fast jede der Gewinnerinnen  und auch viele der restlichen Teilnehmerinnen, nach wie vor unglaublich erfolgreich. Chachki sticht dabei trotzdem heraus, sie ist nicht nur Mode-Ikone, also Dauergast in den Frontrows aller nur erdenklichen Luxus-Modeschauen und auf den Covern aller nur erdenklichen Magazine, sondern auch Social Media Star und tanzende bzw. lip-syncende bzw. sich am Trapez räkelnde Entertainerin, die im vergangenen Jahr mit ihrer eigenen Show „A Lot More Me“ eine ausverkaufte Welttournee bestritt. Kurz vor ihrem Auftritt in Berlin haben wir sie Backstage getroffen und ein bisschen geplaudert:

TOBIAS LANGLEY HUNT Ist es eigentlich möglich, Stil zu kaufen?

VIOLET CHACHKI Ich persönlich habe mir meinen Stil nie gekauft – also nein, das ist nicht möglich. Es geht darum, was du hast oder was du nicht hast. Man kann Stil erlangen, aber es geht dabei nicht um Geld. Geld kann zwar helfen, es kann aber auch hinderlich sein, das hängt von vielen Faktoren ab. Du brauchst also kein Geld, um Stil zu haben, aber vielleicht gibt Geld einigen Leuten die Chance, sich Stil anzueignen.

TLH Ist Drag politisch?

VC Immer.

TLH Inwiefern?

VC Das ist ganz einfach: Als queere Person musst du dir Gehör verschaffen, und das ist immer ein Akt der Rebellion oder eben politisch. Als Drag hast du eine Bühne, es kommen Leute, die dich für das sehen wollen, was du bist. Du musst dir diese Bühne, diesen Platz aber erkämpfen, du musst laut und stolz darauf sein, was du bist. Das ist oft das Mindeste, aber auch das Kraftvollste, was du tun kannst.

TLH Ist es einfacher, „in Drag“ ein politisches Statement zu machen als „out of Drag“?

VC Nicht unbedingt, ich meine, ich trage meine Sexualität überall offen zur Schau, meine Identität steht mir auf meiner Stirn geschrieben. Ich gehe keine Kompromisse ein, wer ich bin und wofür ich stehe, eigentlich seitdem ich geboren bin. Ob ich dabei in Drag bin der nicht, ist mir egal. Für mich funktioniert das ganz gut. Wenn ich eine Reaktion bekomme, ob gut oder schlecht, bedeutet das für mich, dass ich bei den Leuten etwas auslöse.

TLH Das bedeutet dann im Umkehrschluss ja auch, dass Ästhetik oder Stil immer auch politisch sind und Drag dahingehend eigentlich die höchste Disziplin darstellt.

VC Das mag schon stimmen, hängt aber auch davon ab, was dein Drag Stil ist. Aber ja, absolut, den Leuten eine Reaktion zu entlocken ist das, was wir wollen.

TLH Würden Sie sich als Influencer bezeichnen?

VC Ich denke schon, dass ich ein Influencer bin, ich beeinflusse mich ständig. Ich weiß, was ich mag, und ich glaube, in der Zwischenzeit haben die Leute ganz gut verstanden, was das ist. Das ist für mich, per Definition, Influencer genug.

TLH Wie gefällt Ihnen diese Berufsbezeichnung?

VC Mir gefällt Geld. Ich meine, ich bin Künstlerin, irgendwie muss ich meine Kunst ja finanzieren. Aber das ist eine interessante Frage. Mir gefällt es besser, als Influencer dazustehen, indem ich bin, was ich bin, als eine Basic Bitch mit Ripped Jeans und Caffè Mocha zu sein.

TLH Ihre Show fängt gleich an …

VC Egal, wir sind eh schon spät dran.

TLH Muss man ab einem gewissen Bekanntheitsgrad immer mit Verspätung anfangen?

VC Man muss nicht zu spät anfangen, nein. Ich mag es, pünktlich zu sein, und darum geht es im Showbusiness auch. Man muss pünktlich und zuverlässig sein. Aber es ist, wie es ist. Ich bin dann fertig, wenn ich fertig bin.

 

Wir wurden gebeten zu erwähnen, dass alle Beauty-Looks der Shows in Kollaboration mit der bekannten Make-Up-Artist PAT MCGRATH entstanden sind.

 

Fotos BERNARDO MARTINS
Words TOBIAS LANGLEY HUNT