SILVIA VENTURINI FENDI

Sowohl in Italien als auch auf internationaler Ebene steht FENDI für die große Tradition römischer Exzellenz. Fast ein Jahrhundert nach seiner Gründung ist das Modehaus immer noch eine Familienangelegenheit, selbst nach dem Verkauf an LVMH in 2001. Auch wenn die Ursprünge von FENDI in den Bereichen Leder und Pelz liegen, steht das Unternehmenbereits seit Jahrzehnten für einflussreiches Modedesign. Damitsind vor allem zwei Namen verbunden: Silvia Venturini Fendi, die Enkelin der Gründer und Kreativdirektorin der Sparten Männermode und Accessoires. Der andere ist Karl Lagerfeld, der die Frauenmode des Hauses seit 1965 betreute. Für die kommende Herbst/Winter-Kollektion fragte Silvia Venturini Fendi Lagerfeld, ob er sich vorstellen könne, der Gastkünstlerzu sein. Er antwortete sofort – mit einer Zeichnung, wie sonst.

 

PATRICK CLARK In Ihrer neuen Männerkollektion feiern Sie den Lagerfeld der 70er-Jahre. Sie haben praktisch Ihr gesamtes Arbeitsleben mit Karl Lagerfeld verbracht, sind gewissermaßen mit ihm aufgewachsen.

SILVIA VENTURINI FENDI Ja, ich kannte ihn, seit ich fünf bin. Er war für mich Teil meiner Familie. Wir mussten nicht einmal viel reden. Es war so, als könnten wir uns fast wortlos verstehen.

PC Wie wurde diese beinah wortlose Beziehung in die Kollektion übersetzt?
SVF Es war eine Art von Dialog. Das mag widersprüchlich klingen, weil wir ja nicht viel redeten, aber unser Dialog spiegelt sich in der Kollektion wider. Die Basis war die lebenslange Zusammenarbeit, seine Unterstützung und der gegenseitige Respekt.

PC Können Sie kurz beschreiben, wie sich Männermode entwickelt hat, seit Sie 2002 bei FENDI diese Sparte übernommen haben?
SVF Männer können sich heute freier ausdrücken, was eine gute Entwicklung ist. Die Mode ist viel entspannter, nicht so steif. Vorher war fast alles formal. Interessanterweise kehrt unsere kommende Kollektion wieder zu dieser Formalität zurück, aber viel leichter und überraschender, wie ich hoffe. Bei den vergangenen Männerkollektionen haben wir mit Künstlerinnen und Künstlern wie Sue Tilley, Hey Reilly und Nico Vascellari zusammengearbeitet. Wir haben dabei viel mit Kunst herumgespielt, mit geheimen Zutaten aus den Welten, für die unsere Gastkünstler stehen. Das hat sehr viel Spaß gemacht und war für mich und auch die Marke eine ganz neue Erfahrung.

PC Was bedeutet heute der Begriff „Männlichkeit“ in der Mode?
SVF Gute Frage. Was die Kollektionen von Männern und Frauen angeht, gibt es inzwischen jedenfalls eine Menge Gemeinsamkeiten. Sachen, die an Männern gut aussehen, können auch an Frauen toll aussehen – und andersherum auch. In der kommenden Herbst/Winter-Kollektion der Männer gibt es zum Beispiel eine Jacke, die es auch in der Pre-Fall-Kollektion der Frauen gibt.

PC Männermode richtet sich auch immer mehr an neuen Ausdrucksweisen urbaner Kultur aus. Wie positioniert sich FENDI in diesem Punkt?
SVF Wir sind natürlich ein Modehaus mit einer großenTradition, aber wir pflegen auch den kontinuierlichen Austausch mit der jüngeren Generation. Man darf nicht vergessen, dass sich die Welt verändert und man deshalb auch selbst offen für Veränderungen sein muss. Wenn man die Zukunft gestaltenwill, darf man sich nicht allein auf seiner Geschichte ausruhen.

PC Als Sie aufgewachsen sind, standen Ihre Mutter und deren Schwestern an der Führungsspitze von FENDI. Wie wichtig sind Frauen für das Unternehmen heute?
SVF Wie Sie wissen, hat sich unser Familienunternehmen aus einem Leder- und Pelzwarengeschäft entwickelt, das meine Großeltern 1925 in Rom eröffnet haben. Für meine Mutter und ihre Schwestern war es ganz normal, Frauen in Führungspositionen zu sehen. So, wie sie gelebt und gearbeitet haben, boten sie ein gutes Vorbild dafür, wie Frauen ihre Ziele erreichen können, vor allem im damaligen Italien. Es war natürlich nicht immer einfach. Sie waren fünf starke Persönlichkeiten. Heute führen bei FENDI immer noch Frauen die Geschäfte, aber es hat sich auch ein wenig geändert, gerade wenn man an die junge Generation denkt. Meine älteste Tochter Delfina arbeitet zum Beispiel als Schmuckdesignerin mit FENDI zusammen. Wenn ich zurückschaue und sehe, was wir alles erreicht haben, denke ich, dass meine Großeltern glücklich wären, wenn sie das noch erleben könnten.

PC Historisch betrachtet gründet sich die italienische Modeindustrie auf Familienunternehmen und die Art, wie die Familie in das Unternehmen integriert ist. Denken Sie, dass das auch noch auf die Gegenwart zutrifft?
SVF Über die Jahre ist Fendi gewachsen und gewachsen. Das war etwas, das uns immer wichtig war. Und obwohl wir uns 2001 dazu entschieden haben, die Firma an LVMH zu verkaufen, habe ich heute noch das Gefühl, dass das Unternehmen mir gehört. Ich wurde in dem Bewusstsein groß, alles zum Wohle der Firma zu tun. Die emotionale Bindung ist einfach zu stark.

PC Wäre FENDI eigentlich denkbar ohne Rom?
SVF Nun, Rom ist das Zuhause der Firma, der Familie und der Marke. Fendi ist Rom, wenn wir uns von der Landschaft und den Sehenswürdigkeiten inspirieren lassen, wenn wir die kulturellen Institutionen und den Wiederaufbau historischer Stätten unterstützen, wenn wir den Palazzo della Civiltà Italiana als unser Headquarter wählen, ein Gebäude, das dem Rationalismus zugerechnet wird, einer wichtigen architektonischen Strömung im Italien der 1920er-Jahre – die Verbindung zur ewigen Stadt ist nach wie vor stark.

Porträt: COURTESY OF FENDI