SHIRA HAAS

In „Shtisel“, der über alle Maßen erfolgreichen Seifenoper über ultraorthodoxe Juden in Jerusalem, spielte sie das streng religiöse Mädchen Ruchami. In der neuen Netflix-Serie „Unorthodox“ ist Shira Haas nun als Esty zu sehen, eine junge Frau, die eine Gemeinschaft ultraorthodoxer Juden in Williamsburg, New York, verlässt. Inspiriert von Deborah Feldmans gleichnamigen Bestseller ist „Unorthodox“ die wahrscheinlich internationalste deutsche Netflix-Produktion überhaupt. Amerikanische Buchvorlage, deutsch-amerikanische Drehbuchautorinnen (Anna Winger & Alexa Karolinski), deutsche Regisseurin (Maria Schrader), Sprache Englisch und Jiddisch, Hauptdarstellerin aus Israel. Für die 24-jährige Shira Haas aus Tel Aviv ist es die erste Hauptrolle, für die sie schon wegen „Shtisel“ bestens vorbereitet war. Auch wenn sie das natürlich ganz anders sieht.

 

HARALD PETERS Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für die Hauptrolle in „Unorthodox“ eine Schauspielerin gibt, die besser passt als Sie.

SHIRA HAAS Danke!

HP Wegen Ihrer Rolle in der Serie „Shtisel“ über ultraorthodoxe Juden in Jerusalem waren Sie ja praktisch schon zwei Staffeln lang im Bootcamp für Orthodoxie.

SH Darf ich diese Formulierung übernehmen?

HP Unbedingt. Fanden die Macherinnen von „Unorthodox“ Sie für die Hauptrolle eigentlich auch so zwingend?

SH Nun, ich musste auf jeden Fall für die Rolle vorsprechen und hatte keinen Schimmer, dass es dabei um „Unorthodox“ gehen würde. Die Buchvorlage ist ja ziemlich bekannt. Zur Tarnung hatte das Projekt also zunächst einen anderen Namen. Ich wusste auch nicht, dass es sich um eine Netflix-Serie handelt. Ich hatte eigentlich nur ein paar Szenen, die ganz toll waren, aber nicht das komplette Drehbuch. Als dann nach dem ersten Vorsprechen klarer wurde, dass ich vielleicht den Zuschlag für die Rolle erhalte, habe ich weitere Szenen bekommen, auch mit anderen Schauspielern, um die Chemie zu testen. Das waren vor allem Szenen mit Amit Rahav, der meinen Ehemann Yanky spielt. Da wurde mir langsam klar, um was es geht. Ich war total begeistert. Es fühlte sich einfach richtig an, nicht weil es sich um eine Bestsellerverfilmung handelt, sondern weil es so gut gepasst hat. Das ist ein Gefühl, das man nur selten hat, und ich glaube, ich habe es noch nie so stark gespürt.

HP Kannten Sie die Buchvorlage eigentlich?

SH Nicht wirklich. Aber ich wusste, dass es eine große Sache ist. Und mir war die Geschichte auch in groben Zügen bekannt, aber viel mehr wusste ich nicht. Aber als ich herausfand, dass die Serie auf dem Buch basiert beziehungsweise das Buch als Inspiration diente, habe ich es natürlich sofort gelesen. Die Serie erzählt allerdings eine ganz andere Geschichte. Ich meine, der Anfang ist ähnlich, aber die Sachen, die in Berlin passieren, sind komplett ausgedacht. Die haben praktisch gar nichts mit Deborah Feldmans Buch zu tun.

HP Zum Beispiel hatte Deborah Feldman einen kleinen Sohn, als sie die Gemeinschaft verließ.

SH Ja, sie hatte ein Kind, ihr Weg fort aus Williamsburg war viel länger und windungsreicher, und dann wurde sie zu einer erfolgreichen Autorin …

HP Während Ihre Figur offenbar Musikerin wird.

SH Nun, in der letzten Folge gibt es ein paar Antworten, aber nicht alle Antworten. Jedenfalls habe ich mir das Buch auf Hebräisch besorgt und es innerhalb weniger Stunden gelesen. Das Buch hat meinen Wunsch, die Figur spielen zu wollen, nur noch bestärkt. Ich wollte unbedingt dabei sein und auch eine Verantwortung für diese Geschichte übernehmen, die im Kern, glaube ich, von Freiheit und Zugehörigkeit handelt.

 

HP Es ist interessant, Ihrer Figur zuzuschauen, wie sie durch Berlin läuft und all diese fremden Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen betrachtet und sich fragt: „Ist das richtig?“ Aber man erkennt sofort ihre Offenheit.

SH Ja, ich denke, was die Geschichte so interessant macht, ist, dass sie eben nicht aus der Enge Williamsburgs nach Berlin kommt und die Welt plötzlich rosarot und voller Schmetterlinge ist. Nein, denn nach der Flucht kommt die entscheidende Herausforderung ja erst: „Wie füge ich mich in meine neue Umgebung ein? Wo finde ich meinen Platz?“ Zur Vorbereitung habe ich mit einer Frau gesprochen, die ebenfalls die ultraorthodoxe Gemeinschaft verlassen hat, deren Geschichte aber ganz anders verlief als die von Deborah Feldman oder meiner Figur. Ich habe sie gefragt: „Warum wolltest du die Gemeinschaft verlassen?“ Sie sah mich nur an und meinte: „Shira, niemand will die Gemeinschaft verlassen!“ Die Antwort hat mir unglaublich geholfen. Denn so sehr meine Figur sich auch in ihrer Gemeinschaft als Außenseiterin gefühlt hat, ist die Gemeinschaft doch das Einzige, was sie kennt. In dem Augenblick, in dem sie die Gemeinschaft verlässt, verliert sie jede Unterstützung. Sie steht mit leeren Händen da, hat kein Geld, ist komplett allein. Sie geht also nur, weil sie keine andere Wahl hat. Und man sieht es ja auch in der Serie: Sie versucht es und versucht es, bis es nicht mehr geht. Sie heiratet, sie versucht, die Ehe aufrechtzuerhalten, irgendwann kapituliert sogar ihr Körper. Erst dann geht sie und findet sich plötzlich in Berlin zwischen all diesen modernen Leuten mit ihren fremden Verhaltensweisen wieder. Das ist natürlich auch beängstigend.

HP Ja, selbst Leuten, die nicht in einer isolierten Religionsgemeinschaft aufwachsen, würde es Angst machen, alle Brücken einzureißen, auch wenn sie sich in einer Welt bewegen, die sie kennen. Aber ihre Figur kennt praktisch gar nichts, sie hat ja nicht einmal Internet.

SH Ja, für sie ist es ein Kampf, der noch lange nicht endet. Aber ich glaube an ihr Glück.

 

Das gesamte Interview findet man in unserer aktuellen Spring-Ausgabe – in unserem Shop auch als digitaler Download erhältlich.

 

Fotos FRANÇOIS PRAGNÈRE
Styling CLAIRE LEMAIGRE
Alle Looks LOUIS VUITTON

Interview HARALD PETERS