SAMUEL SCHNEIDER

Schneider wuchs als Sohn einer Deutschen und eines Türken in Berlin auf und stolperte im reifen Alter von acht Jahren zufällig in die Schauspielerei. Er blieb. Heute ist er 23, hat bei René Pollesch gespielt und in Caroline Links „Exit Marrakech“. In „Agonie“ gab er einen Jurastudenten, der seine Geliebte vielleicht, vielleicht auch nicht scheibchenweise in Wien verstreut hat. „Asphaltgorillas“ ist da deutlich heiterer. Es handelt sich nämlich um eine grellbunte Satire, in der goldene Automobile eine ebenso wichtige Rolle spielen wie tanzende Gangster, russische Erbinnen, süße Dobermänner und ein hysterischer Österreicher im Pelz.

This interview originally appeared in the September, 2018 issue.

FRAUKE FENTLOH:  Sie sind in Ihrem neuen Film ganz schön viel Lamborghini gefahren.

SAMUEL SCHNEIDER: Das war leider das Deprimierendste überhaupt. Der Lambo war ein Kindheitstraum. Das ist früher tatsächlich mein Lieblingsauto gewesen. Und dann saß ich endlich drin und durfte ihn gar nicht fahren. Aus versicherungstechnischen Gründen. Es waren immer zwei Aufpasser dabei. Ich wurde immer nur ins Bild reingerollt und wieder rausgerollt. Das war
extrem traurig.

FF: Ist ein goldenes Auto nicht auch ein bisschen peinlich?

SS: Es hat aber auch etwas Menschliches: der kleine Junge, der Aufmerksamkeit möchte, der Sound, es hat etwas sehr Verbraucherisches. Der Sprit, den der zieht. In anderen Kulturen ist das Auto extrem wichtig. So wie bei uns Bildung. Bei uns geht es oft darum, ob jemand Abi hat. Woanders ist es halt das Auto. Beides ist absurd. Ich fand es ganz schön und charmant, dass in unserem Film mit dem Lambo nicht nur geprollt wird, dass wir uns ein wenig über ihn lustig machen, dass der Hund da reinmacht, dass er auf dem Abschleppwagen landet.

FF: Und die Autos hatten Bodyguards?

 

„Mein Vater hatte eine winzige Surfschule am Mittelmeer. Manchmal denke ich darüber
nach, wie es ge-wesen wäre, in der Türkei als Sohn eines Surflehrers auf-zu-wachsen”

Samuel Schneider

SS: Ja, das waren zwei recht lustige -Gestalten. Wenn man mit so einem Auto am Kottbusser Tor dreht, dann ist das wie mit dem Licht, auf das die Motten fliegen. Die Leute kamen aus allen Winkeln. Es gab sowieso immer lustige Erlebnisse am Kotti. Wir hatten ja nur Nachtdreh. Du siehst, wie der Kotti einschläft und wieder aufsteht. Da habe ich den Ort anders kennengelernt.

 

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FF: Und wie?

SS: Das Kottbusser Tor ist ja eigentlich ein Umschlagplatz, ein Ort, an dem man nicht lange bleibt. Manchmal sitze ich dort mit meinem Vater bei unserem Lieblingstürken, aber ich bleibe selten länger als eine Stunde. Nun war ich von 5 Uhr nachmittags bis 5 Uhr morgens da. Wir haben oben im Xara Beach gedreht. Das hat eine Terrasse mit Blick über den gesamten Kotti. Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass die Gebäude aneinandergereiht sind wie eine Arena.

FF: Wie ein Kolosseum.

SS: Und drinnen finden die Spiele statt. Es gibt dort einen Typen, der trägt immer Mantel und einen toten Fisch in der Hand. Wir haben dort oben eine Schlägerei gedreht, als der plötzlich auf eine Bushaltestelle geklettert ist. Ich habe ihn die ganze Zeit aus dem Augenwinkel beobachtet und überlegt, springt der jetzt auf den Bus oder nicht. Da ist man anders geladen als im Studio. Es gibt eine andere Energie, Störfaktoren, die einen unter Druck setzen.

FF: Sie spielen Atris, er ist Drogenticker, wie geht’s dem sonst so?

SS: Er ist ein junger Mann mit einer tiefen Sehnsucht nach einer anderen Welt. Arbeitet, seit er klein ist, für den Clanchef El Keitar, der wiederum Familienfreund ist, die Familie unterstützt hat, dafür die Hilfskraft von Atris einfordert. Atris ist ein Träumer. Er wartet darauf, dass etwas passiert.

FF: Eigentlich ganz charmant, dass er bei seiner Familie im Kinderzimmer wohnt.

SS: Genau, und auf der Straße verkauft er Kokain. Und wartet auf eine Möglichkeit auszusteigen. Das ist natürlich nicht so einfach, auch in der Realität, aus so einem Clan auszusteigen.

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FF: Und Franky, mit dem er einen Falschgelddeal durchziehen will, ist sein Seelenverwandter?

SS: Er ist ein Kindheitsfreund, jemand, zu dem Atris aufgeblickt hat. Jetzt, viel später, eröffnet Franky ihm die Möglichkeit, an viel Geld zu kommen. Atris traut der Sache nicht so richtig. Aber wenn man einen Menschen aus der Vergangenheit trifft, löst das oft eine Art alte Rollenverteilung aus. Es geht aber auch um einen Verrat unter Freunden. Franky bringt ihn ja in Lebensgefahr. Es geht um die großen Themen: Verrat, Vergebung, Liebe.

FF: Sie selbst sind im Wedding und Prenzlauer Berg aufgewachsen.

SS: Ich war aber schon viel in Kreuzberg. Meine Mutter hat mir letztens erzählt, dass ich auf der Mai-Demo in Kreuzberg laufen gelernt habe. Sie war 1983 Hausbesetzerin. Wir waren politisch aktiv.

„Eigentlich gibt es in Berlin die Zeit zwischen 16 und 18 nicht. Jedenfalls war das bei mir und meinen Freunden so”

 

FF: Sie haben auch in einem besetzten Haus gewohnt?

SS: Das war davor. Meine Mutter ist dann in die Türkei gegangen, hat meinen Vater kennengelernt, und dann sind sie zusammen nach Berlin. Meine Mutter hat fünf Jahre in der Türkei gelebt. Mein Vater hatte eine winzige, einfache Surfschule am Mittelmeer. Manchmal denke ich darüber nach, wie es gewesen wäre, in der Türkei als Sohn eines Surflehrers aufzuwachsen, den Leuten das Surfen beizubringen, und das wäre dann mein Leben.

FF: Hat man in Berlin eine kürzere Kindheit als anderswo?

SS: Es werden einem schon ein paar Jahre genommen. Eigentlich gibt es die Zeit zwischen 16 und 18 nicht. In diesen zwei Jahren machst du schon alles, was du sonst als 18-Jähriger machst. Jedenfalls war das bei mir und meinen Freunden so. Wir sind mit 17 ins Berghain gegangen. Dadurch, dass wir älter aussahen und schon mit 14, 15 regelmäßig ausgegangen sind, sind wir auch überall reingekommen. Diese zwei Jahre, die man auf dem Land länger hat, sind vielleicht auch ganz schön. Man macht bestimmte Dinge früher. Aber die kann man ja noch sein ganzes Leben lang machen. Ich habe natürlich schon früh gedreht, das hat nicht nur mit Berlin zu tun.

FF: Wie sind Sie zu Pollesch an die Volksbühne gekommen?

SS: Den habe ich einfach in der Kantine kennengelernt. Ich war das erste Mal in meinem Leben in der Volksbühne und habe „Service / No Service“ gesehen. In der Kantine hat mich jemand angesprochen: „Samuel, was machst du denn hier?“ Ich habe ihn gefragt, wer er ist. Und er: „Ich bin René Pollesch.“

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FF: Aber wieso kannte er denn Sie, wenn Sie ihn nicht kannten?

SS: Er meinte, er hätte meine Arbeit verfolgt. Dann haben wir zwei Stunden in der Kantine geredet. Das war sehr locker. Durch Naivität entsteht oft ein guter Zugang. Er hat noch am selben Abend gefragt, ob ich Lust hätte, in einem seiner letzten Stücke mitzuspielen. Das hat mich wachgerüttelt. An der Volksbühne durfte ich mal kurz heraustreten aus dieser Jungdarstellerschauspielerwelt. Ich bin in Kontakt gekommen mit Soziologie, Philosophie, habe Dinge gelesen, durfte an diesem tollen Haus Zeit verbringen. Dadurch habe ich auch eine unglaubliche Klarheit über die Filmwelt bekommen. Wer stinkt, wer nicht.

FF: Bei Pollesch wurde ja immer wahnsinnig viel geraucht.

SS: Bei uns waren das Kräuterzigaretten. Für „Bad Decisions“ haben wir es über-trieben. Wir hatten „Husbands“ von John Cassavetes geschaut. Da geht es um drei Männer, die die ganze Zeit rauchen. Wollten wir auch so machen. Trystan Pütter, Franz Beil und ich haben eine Kräuterrette nach der anderen geraucht. An der Volksbühne durfte man das ja. Interessanterweise habe ich am Anfang auch noch sehr zuständlich gespielt, weil ich vom Film kam.

FF: Was bedeutet das?

SS: Dass man in einen Zustand kommt. Wir haben eine Szene mit einer Bong geprobt, und ich dachte, dass ich dann stoned sein müsste. Aber beim Theater kann Kiffen ja auch einfach nur ein Vorgang sein. Dazu kommt ein Text, der gar nicht dazu passt, der auch nichts mit Kiffen zu tun hat. Die Texte laufen ab, das ist einfach ein Vorgang, aber das heißt nicht, dass du stoned sein musst. Was man beim Film immer machen würde. Das musste ich mir erst mal abgewöhnen. Denn bei Pollesch geht es ja gleich zack, zack, zack weiter. Aus diesem Zustand kannst du gar nicht Pollesch spielen.

FF: Gehen Sie noch in die Volksbühne?

 

„Am Anfang habe ich sehr zuständlich gespielt, weil ich vom Film kam. Wir haben eine Szene mit einer Bong geprobt, und ich dachte, ich müsste jetzt stoned sein. Aber im Theater kann Kiffen einfach ein Vorgang sein. Und bei Pollesch geht es gleich zack, zack, zack weiter. Aus diesem Zustand kannst du gar nicht Pollesch spielen”

 

SS: Nein, jetzt nicht. Einmal war ich da seit der neuen Intendanz, da habe ich ein Tanzstück gesehen. Seitdem nicht mehr. Obwohl ich nur zwei Jahre dort gewesen bin, habe ich die letzte Zeit noch voll mitgelebt. Das war sehr intensiv.

FF: Für Lexy & K-Paul haben Sie gerade einen schwulen Boxer namens Süleyman gespielt.

SS: Das war eine Art Teaser. Igor Plischke, der Regisseur, und ich wollen einen Film über einen schwulen, muslimischen Boxer drehen. Lexy & K-Paul haben uns angeboten, das als Musikvideo zu machen. Da konnten wir die Figur ausprobieren. Die Coen-Brüder haben es früher ähnlich gemacht. Bevor sie ihren „Blood Simple“ drehen konnten, haben sie einen Drei-Minuten-Trailer angefertigt und sind damit von Villa zu Villa gegangen und haben ihn den reichen Leuten vorgespielt. Es ist schon ein sehr gewagtes Thema: Homosexualität im Islam.

FF: Macht Ihnen das Sorgen?

SS: Wir haben in einer Moschee mit einem schwulen Imam recherchiert. Die bekommen Todesdrohungen, haben 24 Stunden Polizeischutz. Klar, da gibt es schon Gedanken. Natürlich mache ich mich repräsentativ für diese Sache, was leider gefährlich werden kann. Da muss man dann dafür einstehen.

FF: Kennen Sie sich mit dem Islam aus, durch Ihre Familie?

SS: Witzigerweise fand ich den Islam früher immer cooler als das Christentum, weil man in der Moschee Gymnastik gemacht und nicht so viel herumgesungen hat. Das war meine kindliche Meinung dazu.

FF: Gymnastik?

SS: Na ja, man betet.

„Asphaltgorillas“ läuft ab dem 30. August im Kino.

 

Interview FRAUKE FENTLOH
Photography JOSEPH KADOW
Styling PAUL MAXIMILIAN SCHLOSSER
Talent SAMUEL SCHNEIDER