SIE IST SCHWEDENS EIGENSINNIGSTER POPSTAR

Sie ist 12, als sie für eine schwedische TV-Sendung den Titelsong aufnimmt, und 16, als sie mit ihrem Debütalbum „Robyn Is Here“ 1995 zu der schwedischen Antwort auf Britney Spears aufgebaut werden soll. Das Album wird ein internationaler Erfolg, doch spätestens mit dem Nachfolgewerk „My Truth“ wächst bei Robyn der Unmut über die mangelnde künstlerische Kontrolle, weswegen sie nach dem dritten Album „Don’t Stop The Music“ ihre eigene Plattenfirma gründet. 2010 veröffentlicht sie ihre wunderbare „Body Talk“-Trilogie, mit der sie auf unvergleichliche Weise klassische Popsongs mit beinah zeitloser Dancemusic versöhnt. Ein paar Kollaborationen mit Royksopp, La Bagatelle Magique und Mr. Tophat folgen, doch um Robyn als Solokünstlerin wird es still, acht Jahre lang, bis 2018 endlich „Honey“ erscheint. Nun geht das Ausnahmetalent mit einem neuen Hit und Video an den Start: Ever Again!

Mit INTERVIEW spricht Robyn über ihre neue Musik und über die Dinge, die sie bewegen:

HARALD PETERS Als ich Ihr neues Album hörte, war mein erster Gedanke: „Oh, ich glaube, ich habe diesen Sound vermisst!“

ROBYN Vielen Dank. Es fühlt sich gut an, wenn man nach so einer langen Pause wieder willkommen geheißen wird.

HP Besonders gefreut hat mich, dass Sie Ihren Sound nicht großartig verändert haben. Ihre neuen Songs lassen sich sofort als Robyn-Songs identifizieren, was vielleicht auch daran liegt, dass niemand sonst diese Art von Musik macht.

R Ach, das freut mich. Ich meine, ich habe natürlich exakt das Album aufgenommen, dass ich aufnehmen wollte, aber ich war mir nicht sicher, ob meine Fans es mögen würden. Es ist ein wenig sanfter als die Vorgänger. Aber ich höre es gern, wenn Sie sagen, dass es eine Verbindung zwischen den neuen und meinen älteren Sachen gibt. Ich denke nämlich auch, dass die Verbindung existiert. „Honey“ ist eine Weiterentwicklung.

HP Ihre Herangehensweise an Club Music scheint die einer Singer/Songwriterin zu sein.

R Ja, genau.

HP Ich frage mich, warum das sonst niemand macht.

R Keine Ahnung, haha. Ich meine, es ist ziemlich schwer Popmusik zu schreiben, die von Club Music inspiriert ist. Das kann schnell kitschig und abgeschmackt klingen. Vielleicht machen es nur wenige Leute, weil es nicht sonderlich dankbar ist, keine Ahnung.

HP Irgendwie schaffen Sie es, dem grundsätzlich beschwingten Groove Ihrer Songs eine Art von Sehnsucht und auch Traurigkeit zu verpassen.

R Bei meinen früheren Alben war es so, dass die Melodien und die Text am Anfang standen. Dieses Mal fing es mit der Produktion an. Ich wollte etwas, das einen anderen Groove hat. Ich habe schon immer zu House und Disco und Techno getanzt, weil es die Musik ist, die ich höre, wenn ich nicht gerade selbst Musik mache. Darin stecken so viele Dinge, die ich liebe, sie inspiriert mich einfach. In House und Techno gibt es nämlich diese Riffs, diese typischen Motive, um die die Stücke herum gebaut werden. So wie man im Blues mit typischen Motiven arbeitet, macht man es im House und Techno auch. Und das war es, was mich bei dem neuen Album vor allem interessiert hat: Mit dem Groove so einfühlsam und genau zu sein, wie ich es auch mit den Texten bin.

HP Und das war früher anders?

R Ja, nein. All das war mir früher schon wichtig und ich war auch genau so sehr in die Produktion involviert, aber ich habe sonst nie so klar den Rahmen gesteckt. Dieses Mal fing es damit an, dass ich zusammen mit Joseph Mount von Metronomy an den Songs geschrieben habe, weil ich schon immer mit ihm arbeiten wollte und seine Musik so mag. Sie hat so eine offene Qualität, sie kann sich theoretisch in jede Richtung entwickeln, die einem vorschwebt.

HP Sie meinen, dass man innerhalb eines Stücks eine Reise machen kann?

R Ja, Joseph arbeitet mit, wie soll ich sagen, ambivalenten Akkorden. Und er lässt viel Platz für Dinge wie Freude oder Trauer oder Licht oder Dunkel.

HP Das heißt, dass bei ihm die Songs eine Offenheit zulassen, bei der das Ende nicht vorbestimmt ist?

R Exakt. Und als die erste Arbeit getan war, bin ich nach Stockholm gegangen und habe ein Jahr allein an den Songs weitergearbeitet und meine Fähigkeiten als Produzentin erweitert. Ich habe Dinge gelernt, die ich vorher nicht konnte. Es ist nämlich wesentlich einfacher, mit Demos ins Studio zu gehen, als den Leuten im Studio mit Worten zu erklären, wie eine Sache klingen soll.

HP Weil sie das, was Sie ihnen erklären, nicht verstehen?

R Doch, sie verstehen es schon, aber dabei ist viel Interpretation im Spiel. Geht man mit Musik ins Studio, hat man mehr Kontrolle. Irgendwann kam dann auch Klas Åhlund hinzu, mit dem ich schon seit Ewigkeiten Musik mache, dann bin ich Paris gegangen, um weiter mit Joseph zu arbeiten. Nun, es hat dadurch ziemlich lang gedauert, bis das Album fertig war.

HP Ja, acht Jahre.

R Tatsächlich waren es vier. In den ersten vier Jahren, war ich mit anderen Dingen beschäftigt. Und auch in den vergangenen vier Jahren war ich nicht nur mit „Honey“ beschäftigt.

HP Brauchen Sie Deadlines?

R Nun, es kann jedenfalls nicht schaden, einen Abgabetermin zu haben. Auch wenn ich in diesem Fall, den Abgabetermin das eine oder andere Mal verschoben habe. Die Wahrheit ist, dass ich mir gerne Zeit lasse, um Dinge immer wieder zu verändern. Sogar jetzt, wo das Album bereits fertig ist, bin ich bei ein paar Songs immer noch mit der finalen Abmischung beschäftigt. Ich glaube einer der Songs, wird sich demnächst anders anhören.

HP Bei den Streamingdiensten ist ein Austausch ja auch jederzeit möglich.

R Exakt. Andererseits bin ich aber auch froh, dass ich eigentlich endlich damit fertig bin.

 

 

Robyn „Honey“ ist bei Embassy One/Konichiwa erschienen.

 

Interview HARALD PETERS

Photography MARK PECKMEZIAN