RICO: NASTY

Dürfen wir vorstellen: RICO NASTY, 22 Jahre alt, Rapperin aus New York und Jongleurin multipler Identitäten. Sie ist Tacobella und Trap Lavigne, sie ist das nächste neue Ding. Und wenn sie eine Pause macht, ist Rico Nasty manchmal auch sie selbst. Dürfen wir vorstellen: Maria-Cecilia Simone Kelly, 22 Jahre alt, Rapperin aus New York und Jongleurin multipler Identitäten

Weil die Vintage-Designer-Moonboots im Hinterraum des Fotostudios Rico Nasty so sehr ablenken, geht es zum Interview raus an die Spree. Bescheid sagt sie keinem ihrer Manager, die allesamt im Studio sitzen und müde sind vomknapp fünfstündigen Fotoshooting. Einer hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt und schläft. Rico Nasty dagegen streckt ihren Kopf in die Luft, ist fit, spricht schnell, lacht viel, springt herum wie ein Flummi. Sie ist 22 Jahre alt, lebt in New York, ist Muttereines Sohnes und aktuell eine der besten Rapperinnen in denUSA. Gerade war sie auf dem diesjährigen Freshman-Cover desUS-Magazins „XXL“ – eine der wichtigsten Auszeichnungen innerhalb der Rapszene.

Auf ihrem aktuellen Album „Anger Management“ hört man sie passend zum Titel schreien und wüten, und wenn sie mal keine Lust auf diese Wut hat, dann nennt sie sich Tacobella oder Trap Lavigne, macht süßlichen Bubblegum-Pop mitüberdrehtem Gesang, der von Quietsch-Sounds begleitet wird.Sie hat verschiedene Identitäten und veröffentlicht unter jeder andere Musik. Doch während des Gesprächs ist sie einfach nur Maria-Cecilia Simone Kelly. So heißt Rico Nasty mit bürgerlichem Namen. Bevor das Interview beginnen kann, bekommt Maria noch einen Joint gereicht. Sie raucht viel. Wenn der eine Joint verglüht ist, hat sie schon den nächstenin der Hand. Ihre Energie scheint es nicht zu dämpfen. Aber derneue Joint zwischen ihren Fingern will einfach nicht brennen. Was nun?

JOHANN VOIGT Geht Ihr Feuerzeug nicht?
RICO NASTY Ja. Oh Mann, und mein Stylist hat Ihnen vorhin Ihres abgezogen?

JV Ja.
RN Mist.

JV Aber ich bin gerade einfach durchs Fenster in ein Büro eingestiegen und habe uns eins besorgt. Die Leute dort waren jedenfalls verwirrt.

RN Gut, haha.

JV Wie geht es Ihnen?

RN Mir geht es gut, ich bin glücklich.

JV Ist es einfach für Sie, fremden Leuten ehrlich zu sagen, wie es Ihnen geht?

RN Ja. Meistens bedeutet die Frage ja eher: „Wie fühlst du dich jetzt gerade im Moment?“ Und ich fühle mich gerade gut, ich bin optimistisch. Das ist das, was ich meistens antworte. Und wenn es plötzlich super deep wird und Leute versuchen herauszufinden, wie es mir wirklich geht, dann versuche ich auch, das zu erklären. Ich sage direkt, was Sache ist, und würde niemals behaupten, dass es mir gut geht, wenn es nicht stimmt. Ich muss es aussprechen. Ich bin sehr extrovertiert, was das angeht.

JV Ich frage Sie, weil Sie ja in recht kurzer Zeit sehr bekannt geworden sind. Das zieht nach sich, dass Sie plötzlich viel Small Talk führen müssen. Können Sie das gut?

RN Ich mag Small Talk. Allerdings versuche ich, Leuten in Gesprächen näherzukommen, also mit ihnen über den Small Talk hinauszugehen. Aber es gibt Leute, die kann man einfach nicht erreichen, die bleiben im Small-Talk-Modus. Ich verstehe nicht, warum man nicht normal miteinander redet. Ich versuche, ganz normal zu sein. Ich will nicht, dass Leutedenken, dass ich von oben herabgucke und unfreundlich wirke, weil ich als Künstlerin verrückte Musik mache. Ich finde Small Talk nur nervig, wenn Leute versuchen, dir irgendwelche Infos zu entlocken.

JV Fällt es Ihnen leicht, über Ihre Musik zu sprechen. Ich kenne nämlich viele Musiker, die das gar nicht so gern machen.

RN Wahrscheinlich, weil sie keine richtige Verbindung zu ihrer Musik haben. Ich finde das falsch. Ich finde, jeder sollte über seine Musik sprechen. Jeder Künstler hat Momente, in denen es nicht vorangeht, in denen man vielleicht sogar eine Schreibblockade hat. Gerade dann ist es wichtig, darüber zu reden.

JV Hatten Sie schon mal eine Schreibblockade?

RN Ja, hatte ich. Aber es war mir egal. Bei einer Blockade versuche ich, nicht darüber nachzudenken und stattdessen einfach zu leben. Ich gehe in den Club, trinke ein bisschen was, treffe Freunde.

JV Ich gehe bei Schreibblockaden immer auf Twitter und poste dummes Zeug.

RN Ich stelle lieber Fragen, spreche mit Freunden darüber, was sie von bestimmten Themen halten, frage sie, auf was für einer Art von Song sie mich gern hören würden.

JV Ihr aktuelles Album heißt „Anger Mangement“. Wie managen Sie Ihren Zorn?

RN Zunächst versuche ich herauszufinden, was genau mich zornig macht. Viele Leute denken nicht darüber nach, worüber sie sich eigentlich ärgern. Meistens ist man sauer auf sich selbst. Vielleicht, weil du einen entscheidenden Schritt verpasst hast, nicht auf Leute zugegangen bist und mit ihnen gesprochen hast, wenn sie Mist gebaut haben. Dann ärgerst du dich. Ich gehe ins Studio, wenn ich wütend bin. Dann bleibt der Ärger nicht zu lange in meinem Kopf. Es ist wichtig, seinen Ärger zu verbalisieren, in einem Gespräch, in einem Tagebuch oder in Songs. Es ist besser, den Ärger produktiv zu nutzen, anstatt sich in etwas reinzusteigern und zu streiten. Wenn mich jemand abfuckt, dann mache ich einen Song darüber. Denn Wut ist eine Emotion, die jeder Hörer nachvollziehen kann. Aber ich laufe nicht durch die Gegend und bin wütend as fuck, haha.

JV Waren Sie wütend, als Sie „Anger Management“ aufgenommen haben?

RN Ja, ich war richtig sauer. Es gab viele Veränderungen in der Zeit, als ich das Album aufgenommen habe.

 

Das ganze Interview ist in unserer FALL WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

Look SAINT LAURENT BY ANTHONY VACCARELLO

Kleid ANDREAS KRONTHALER X VIVIENNE WESTWOOD, Haarreif PRADA