RICCARDO SIMONETTI

Er ist wahrscheinlich der engagierteste Social-Media-Star Deutschlands. Markenzeichen: langes braunes Haar und eine einnehmende Freundlichkeit. Eigenbezeichnung: Entertainer. Er teilt nicht nur seinen Alltags mit den Followern, sondern schreibt auch Bücher, gewinnt Preise und besucht alle möglichen Veranstaltungen, um sich für das einzusetzen, was ihm wichtig ist: Vorbild zu sein, zu helfen, etwas zu verändern für die Menschen, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind, auch wegen ihrer Sexualität.

„Ich empfinde es als ein riesiges Privileg, schwul zu sein“, sagt er, weil es ihn gezwungen habe, mindestens einmal im Leben darüber nachzudenken, was ihm wichtiger sei: der Gesellschaft zu entsprechen oder sein individuelles Glück zufinden. „Diese Frage schenkt dir Freiheit, weil du realisierst, dass du dem gesellschaftlichen Bild eines Mannes eh nicht ganz entsprechen kannst. Du hast also die Freiheit, dich auszuprobieren und du selbst zu sein.“

INTERVIEW Kürzlich wurden Sie vom deutschen Forbes Magazin in die „30 unter 30“-Liste gewählt. Was müssen Sie eigentlich noch alles erreichen, um keine Interviews mehr über Ihre Haare führen zu müssen?

RICCARDO SIMONETTI Ich finde es gar nicht schlimm, über meine Haare zu reden. Meine Haare sind für mich auch viel mehr als das, was mir auf dem Kopf wächst. Sie sind für mich ein Symbol, das nach all den Jahren offenbar immer noch eine Provokation darstellt – und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Gerade, als ich noch keinen Bart getragen habe, haben mir meine Haare super viel über das Mannsein beigebracht. Ich konnte beispielsweise kein öffentliches Klo besuchen, ohne gefragt zu werden: „Entschuldigung, aber bin ich auf der richtigen Toilette?“ Die Leute haben sich immer über meine Haare lustig gemacht. Ein Mann, der lange Haare hat, stellt etwas Feminines dar, was vehement bekämpft wird, und das sagt unglaublich viel darüber aus, wie die Gesellschaft Männlichkeit und Weiblichkeit definiert,wie Geschlechterrollen anhand von Äußerlichkeiten festgemacht werden, wie wichtig es ist, sich seiner selbst bewusst zu sein und zu wissen, was man äußerlich ausdrücken kann. Ich rede also sehr gerne über meine Haare, weil das alles ist, nur kein oberflächliches Thema. Außerdem hat ein Mann mit langen Haaren immer schon eine Faszination ausgeübt, auch Christus hatte ja lange Haare.

INTERVIEW Spannend, dass Sie Christus erwähnen, seine Darstellungen sind ja oft von einer gewissen Androgynität geprägt, die schon immer als eine Art Ideal galt, eben auch für Männer.

RS Und trotzdem werden Männer mit diesem Look von der Gesellschaft als polarisierende Figuren betrachtet.

INTERVIEW Wahrscheinlich aber auch aus einer Angst vor etwas Unbekanntem heraus.

RS Total, aber auch aus dem Gedanken, dass Weiblichkeit, die man vermutlich aufgrund der langen Haare mit diesem Look verbindet, als etwas Schwaches gilt. Und ähnlich geht es einem Mann, der seine Weiblichkeit eher umarmt, als sie zu verstecken. Das finde ich sehr traurig und manchmal sogar gefährlich, weshalb es sehr wichtig ist, darüber zu sprechen.

INTERVIEW Weil Sie eben schon die Toilette erwähnt haben: Was halten Sie eigentlich von der Idee der geschlechtsneutralen Toilette?

RS Diese Frage können Menschen, die ihr Gender nicht im Spektrum männlich und weiblich verorten, wahrscheinlich besser beantworten. Ich selbst habe kein Problem damit, auf die Herrentoilette zu gehen. Ich glaube aber, dass wir versuchen sollten, eine Gesellschaft zu etablieren, die auch auf die Menschen Rücksicht nimmt, deren Geschlechtsidentifikation man nicht nachvollziehen kann. Deshalb fände ich genderneutrale Klos sehr gut.

Alle Klamotten NIGHTBOUTIQUE

 

INTERVIEW Wie vermitteln Sie diese Themen eigentlich Ihrem Publikum? Die Sache tendiert ja schon ein bisschen dazu, sehr kompliziert und wissenschaftlich zu werden.

RS Indem ich viel Persönliches von mir und meinen Freunden erzähle, von denen viele ebenfalls nicht allzu „gesellschaftskonform“ auftreten. Natürlich lese ich auch viel, und wenn ich das dann weitergebe, versuche ich es auf eine Art und Weise zu machen, mit der sich möglichst viele Leute identifizieren können. Gerade auch, weil ich eher in Mainstreammedien stattfinde und in Sendungen sitze, von denen ich weiß, dass die Zuschauer viel zu verdauen haben. Das muss dann nicht auch noch unnötig kompliziert sein. In meinen frühen Zwanzigern habe ich zwei, drei Mal in Dokumentationen für ARTE mitgewirkt und über diese Themen gesprochen – das war spannend, aber du richtest dich damit an Zuschauer, die überdurchschnittlich gebildet sind und die du damit überhaupt nicht überzeugen kannst, weil sie die Sachen entweder genauso sehen wie du oder eine andere Meinung haben, die sie dann gut begründen können. Wenn ich darüber aber in Mainstream-Sendern und Formaten spreche, dann habe ich ein Publikum, das sich mit diesen Themen vielleicht noch nie beschäftigt hat. Ich möchte auch diesen Leuten die Möglichkeit geben, etwas zu lernen. Es war auch immer mein Traum, in den Massenmedien stattzufinden, weil dort etwas verändert werden kann.

INTERVIEW Aber birgt das nicht auch ein wenig die Gefahr, auf eine falsche Schiene zu geraten? Es gibt ja genug nicht-heterosexuelle Menschen, die in manchen Formaten die Funktion einer, nun ja, clownesken Figur erfüllen – und diese Rolle dann, um des Erfolges willen, auch bedienen.

RS Das Ding ist, dass ich ein Leben ohne Verurteilung nicht kenne. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und egal, wie ich mich selber definieren wollte, war mein Tag davon geprägt, wie andere mich wahrgenommen haben. Das hat bei mir eine gewisse Egal-Haltung ausgelöst. Man muss versuchen, sich und seiner Botschaft, treu zu bleiben. Die Leute glauben immer, dass man sein Selbstbewusstsein behält, wenn man es einmal gewonnen hat, das stimmt aber nicht. Es ist mir aber egal, wenn mich einige Leute als Clown wahrnehmen, wenn die Botschaft, die ich vermitteln will,davon profitiert und die Plattform bekommt, die sie verdient.

INTERVIEW Woher kommt eigentliche diese Motivation?

RS Ich wollte immer ein Vorbild für den Jungen sein, der ich selbst einmal war, der Junge, der auf der Straße unglaublich viel einstecken muss für das, was er ist. Ich nutze also die Plattform, die ich habe, um das Leben für diesen Jungen leichter zu machen. Und egal, was ich tue, egal, was ich erreiche, wenn ich nicht wüsste, dass es dieser Junge, den es da draußen immer noch ganz, ganz oft gibt, durch das, was ich mache, nicht irgendwie leichter hat, dann würde ich mich auch nicht erfolgreich fühlen. Und ich bekomme ja jeden Tag hunderte Nachrichten von Leuten, die an sich zweifeln und ihren Platz in der Gesellschaft noch suchen, und wenn ich ihnen helfen kann, dann ist das der Erfolg, der mich motiviert.

INTERVIEW Ist das nicht wahnsinnig anstrengend, täglich dieses ganze Leid filtern zu müssen?

RS Es ist auf jeden Fall viel Druck und man kann sich gar nicht vorstellen, mit was für Schicksalen man regelmäßig konfrontiert wird. Jeden Tag, wenn ich meine Mails oder Nachrichten bei Instagram öffne, werde ich geflutet mit den teilweise schrecklichsten Geschichten und, ja, das tut weh. Aber dieser Schmerz, den man jeden Tag sieht und spürt, der motiviert einen auch weiter zu kämpfen, weil er zeigt, wie wichtig es ist, seine Stimme immer und immer wieder einzusetzen. Mir macht das ja auch keinen Spaß, im Fernsehen zu sitzen und einer super abgestumpften Redakteurin, die sich wohl kaum für mich oder meine Gefühle interessiert, immer wieder die gleiche Geschichte zu erzählen, dass ich einmal im Bus angezündet wurde. Ich würde das gerne hinter mir lassen und mich auf die schönen Dinge im Leben konzentrieren, die mir ja mittlerweile zum Glück passieren. Aber ich habe gemerkt, dass das einen Unterschied macht. Ich kann nicht jedem einzelnen die Antwort geben, die er oder sie verdient hätte, aber ich kann durch meine eigene Geschichte versuchen, für all diese Leute eine Identifikationsfigurzu sein.

INTERVIEW Können Sie sich an Ihre erste Pride-Parade erinnern?

RS Mein erstes Mal war in München, kurz nach dem Abi zusammen mit ein paar Schulfreundinnen. Anfangs war ich ziemlich nervös, wie meine Freundinnen, die nichts mit der LGBTQ Community zu tun hatten, mich in dieser neuen Umgebung wahrnehmen würden. Ich stand damals noch nicht ganz offen zu meiner Sexualität, weshalb ich ziemlich unsicher war. Als ich dann aber gesehen habe, wie offen wir willkommen geheißen wurden und wie viel Spaß wir alle zusammen hatten, wurde ich nachhaltig inspiriert und ich habe mich in den Pride-Gedanken verliebt. Das ist auch der Grund warum ich weltweit so viele Prides besuche und auch mit einem Schild Stunden mitlaufe: Weil ich dafür sorgen will, dass die Menschen, die das erste Mal in den Kontakt mit LGBTQ treten, ein genauso schönes erstes Mal haben wie ich damals.

3 WETTER TAFT Ultra Styling Gel & Glanz Gel Wax

GOT2B GLANZSTÜCK Hair & Body Spray GOT2B GLITTERGLAM Shimmering Silver Glitzer Haargel

 

 

 

 

 

Foto MAXIMILIAN SEMLINGER

Styling BERNARDO MARTINS

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT

Haare & Make-Up PATRICK GORRA mit Produkten von SCHWARZKOPF

Danke an COCO COSTUMES