RAQUEL UND TAHNEE WELCH

Für Andy Warhols INTERVIEW gehörte Hollywoodstar Raquel Welch zum Inventar. Als sie im September 1993 wieder mal auf dem Cover war, brachte sie ihre Tochter Tahnee mit, so wie Warhol es sich immer gewünscht hatte.

INGRID SISCHY Raquel, du hast eine sehr lange Beziehung zu Andy Warhol und Interview. Du warst ziemlich oft im Heft – nicht zu vergessen die wunderbare Coverstory von 1975, für die Chris von Wangenheim dich mit einer Lederkappe fotografiert hat. Du bist Teil unserer Geschichte, und wir sind froh, dich wieder einmal sprechen zu dürfen.

RAQUEL WELCH Ich finde, dass Andy ein wunderbarer, spektakulärer und einzigartiger Mensch war, der in New York alles möglich gemacht hat. Den Leuten wurde erst klar, wie wichtig er war, als er nicht mehr da war. Es ist lustig, wissen Sie, ich traf ihn manchmal auf der Straße, und er sagte dann: „Wie geht es Tahnee? Würdet ihr beide euch zusammen fotografieren lassen?” Ich antwortete: „Das musst du Tahnee fragen!” – „Oh yeah”, hat er dann gesagt, „das wäre großartig!” Er hätte es geliebt, Tahnee und mich auf dem Cover von Interview zu sehen. Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem Andy starb. Es war so fürchterlich. Ich war mit einer New Yorker Freundin auf Mustique. Plötzlich kam sie aus dem Haus gerannt und rief: „Du wirst es nicht glauben: Andy Warhol ist gestorben.” Und ich sagte: „Wie? Was? Machst du Witze?” Ich lag im Pool und die Sonne schien. Es war eine dieser Situationen, die Andy geliebt hätte – Prinzessin Margaret und Lord Glenconner und Mick Jagger und all diese Leute. Aber als ich von seinem Tod hörte, bekam ich eine Gänse-haut: „Mein Gott, das ist das Ende einer Ära. New York wird nie wieder so sein, wie es war.”

IS In dem Interview von 1975 sagte Andy, dass man Ihren Film „Myra Breckinridge“, in dem Sie eine Transsexuelle spielen, in zehn oder 20 Jahren als einen der wichtigsten Filme bezeichnen wird. Es ist erstaunlich, wie vorausschauend Andy in Bezug auf unseren Zeitgeist war. Das ist auch ein Beispiel dafür, welche -Faszination Drag auf die Popkultur ausübt. Und auch wie Themen wie Sex, sexuelle Identität, sexuelle Vorlieben in den Vordergrund getreten sind und wir anfangen, über unsere mentale Entwicklung so nachzudenken wie über unsere körperliche. RuPauls Durchbruch in den Mainstream ist eines der befreiendsten Dinge überhaupt.

RW Ich habe schon vor vielen Jahren gesagt, dass Sexualität vor allem im Kopf stattfindet.

IS Ich hoffe, dass in sexuellen Fragen bei den Leuten eine Art Aufklärung ankommt und sie bereit werden für den Wandel.

Raquel & Tahnee Welch Interview Magazine, September 1993, by Sante D’Orazio

RW Also, ich weiß nicht, wofür sie bereit sind – ich denke, im Moment sind sie noch nicht für besonders viele Dinge bereit. Ich denke, wenn es einen Kratzer im Lack gibt, ist in Sachen Humor der Zug abgefahren. Und wenn man keinen Sinn für den Humor von RuPaul hat, dann wird man das Ganze auch nicht verstehen, oder? Ich glaube, die Leute werden verklemmter, je besser die Wirtschaft läuft. Es gibt dann einen Mangel an Offenheit und Toleranz. Man möchte seinen Schädel auf die Tischplatte hauen und fragen: Warum ist es nicht andershe-rum? Aber wissen Sie, dann wird es eben nicht besser, wenn das Rad sich dreht. Denn die Welt dreht sich ja, nicht wahr?

IS Sie haben immer wieder betont, dass man sein eigenes Image nicht ernst nehmen kann und darf, weil man dann anfängt, den Erwartungen, die von außen an einen gestellt werden, gerecht werden zu wollen. Haben Sie das schon immer gewusst?

RW Mon dieu, nein, ich glaube nicht, dass ich das schon immer gewusst habe – wie hätte ich auch? Dazu hätte ich ja immer ein Image gehabt haben müssen, haha. Und als ich eins hatte, wusste ich nicht, welches es war, bis die Presse so nett war, mich darüber zu unterrichten.

IS Ihr Image war es, ein amazonenhaftes Sexsymbol zu sein. Fühlt sich das -absurd an?

RW Ja, mir kam das sogar ziemlich absurd vor, andererseits aber auch ziemlich vorhersehbar. Was die Medien angeht, war all das ein großes, fettes Klischee. Und manchmal gibt es aus der Schublade, in die man hi-neingestopft wird, keinen Ausweg.

IS Erzählen Sie mir, wie es ist, zu arbeiten und auch Kinder zu haben?

RW Oh, das ist hart. Ich glaube, Katharine Hepburn war auf dem Weg zur Erkenntnis, als sie sagte, dass man nicht heiraten und auch keine Kinder haben sollte, wenn man eine Schauspielerin ist. Als meine Karriere begann, waren mir diese wunderbaren Worte der Weisheit leider nicht bekannt. Ich war damals in meinen ersten Mann verliebt, er war mein Highschool-Sweetheart, und es kam, wie es kam – ich wurde Mutter. Ich wollte Schauspielerin werden – und als ich noch jung war, hatte ich von mir die Vorstellung, dass ich eine Art Pionierin war. Ich dachte: „Oh, wenn es heißt, dass etwas nicht geht, dann werde ich beweisen, dass es eben doch geht.” Du kannst dein eigenes Glück schmieden. Du kannst hinaus in die Welt gehen und deine Karriere verfolgen, du kannst deine Kinder großziehen, du kannst alles haben, ja, das kannst du. Vielleicht war ich schon vor Helen Gurley Brown Teil dieser Denkschule. Aber jetzt kehren alle wieder zu der Vorstellung zurück, dass Mutterschaft das Tollste ist und jede andere Erfüllung, die die Welt dort draußen bietet, gegenüber dem Aufzug des Nachwuchses nur verblasst.

IS Aber denken Sie nicht, dass diese Haltung Frauen noch mehr bestraft, wenn sie versuchen, beides zu tun?

RW Nein, tue ich nicht – wirklich nicht. Ich denke, das man immer die Wahl hat. Und ich bin froh, dass ich die Wahl getroffen habe, meine Kinder zu haben, Tahnee und Damon.
Beide haben mir unglaublich viel Freude bereitet. Aber sie beide zu haben und eine Schauspielerin zu sein war sehr schwierig.
Du kannst nicht von 5 Uhr morgens bis 7 Uhr am Abend am Set sein, dann in einer spanischen Wüste drehen und hinterher in einem Studio in Italien oder Deutschland und gleichzeitig eine angemessene Zeit mit deinen Kindern verbringen. Ich habe es versucht, aber ich denke nicht, dass ich dabei so erfolgreich war, wie ich es gern gewesen wäre. Aber zum Glück sind meine Kinder in Ordnung.

IS Ich bin so dankbar, dass meine Mutter eine Karriere hatte. Deswegen hatte ich den Mut, meine Träume zu verfolgen.

RW Ich glaube, es ist doppelt schwierig, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Es gibt diesen gewissen Irrsinn, der mit dem Job verbunden ist – wissen Sie, diese Paparazzi, die in den Bäumen herumklettern und einen dann anspringen. Und dann gehen deine Kinder ins Kino und sehen, wie ihre Mutter von einem Pterodactylus verschleppt wird oder sich in heißer Umarmung mit einem Mann befindet, den sie vorher nie gesehen haben. Sie denken: „Wer ist das, der da meine Mutter küsst?” Sie fragen sich: „Liebt sie uns noch?” Es ist eigentlich alles viel zu viel. Wenn Kinder das überstehen und am Ende nette Leute werden, dann haben sie sich wunderbar geschlagen. Denn, seien wir ehrlich, das ist eine harte Nummer.

IS Aber eine Mutter zu haben, die keine Gelegenheit bekommt, sich selbst zu verwirklichen, ist eigentlich genauso heftig.

RW Das ist wahr. Ich glaube, mein Wunsch, hinaus in die Welt zu gehen und etwas Außergewöhnliches zu tun, hing zum Teil damit zusammen, dass ich spürte, dass meine Mutter sich durch das Leben, das sie für sich gewählt hatte, gewissermaßen vom Leben absonderte. Ich spürte, dass ich mehr wollte.

 

Interview INGRID SISCHY
Photos SANTE D’ORAZIO