PROUD JOCHEN SCHROPP

Schauspieler und Moderator Jochen Schropp ist bekannt aus dem deutschen Fernsehen: in Vorabendserien und romantischen Komödien mimt er den Herzensbrecher oder den Schwiegermutter-Liebling und im „Sat.1-Frühstücksfernsehen“ oder bei Castingshows wie „X Factor“ moderiert er sich freundlich lächelnd in die Wohnzimmer der Republik. Ein Vorzeige-TV-Gesicht ohne Ecken und Kanten, möchte man meinen, doch dann kommt das Outing: Mit einem offenen Brief im Nachrichtenmagazin der Stern teilte er öffentlichkeitswirksam mit: „I´M GAY“. Sehr privat und sehr emotional schildert er sein langes Hadern, diesen Schritt zu gehen. Und gerade weil sich einige die Frage stellen mögen „muss man das heutzutage überhaupt noch erwähnen?“ sagt Schropp „ja. Klar (…), denn von Normalität sind wir in vielen Bereichen noch weit entfernt“. Homosexualität ist keine Entscheidung, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, mit der Angst Rollenangebote und Image zu verlieren, aber schon. So sieht er sich heute als Aktivist, der sich nicht „nur“ geoutet hat um des Outens willen, sondern der helfen möchte und zum Nachdenken anregen will.

Im Zuge des Pride-Month haben wir den wirklich sehr sympathischen Wahlberliner auf einen Kaffee in Berlin-Mitte getroffen.

photo credit: Sven Serkis

TOBIAS LANGLEY HUNT Die wichtigste Frage vorweg: Ist es ok für Sie, wenn wir uns über die doch recht privaten Themen Homosexualität, Ihr Outing vor einem Jahr, Pride usw. unterhalten?

JOCHEN SCHROPP Dafür sind wird doch hier…

TL Stimmt

JS Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Momentan habe ich zwar schon ein bisschen das Gefühl über nichts anderes zu reden, das kommt aber sicherlich daher, dass jetzt Pride-Season ist. Ich bin bei diversen LGBTQ-Talks zu Gast, in der queeren Sendung des WDR werde ich einen ganz besonderen Auftritt haben,  aber neben der Wichtigkeit des ‚darüber-redens‘, habe ich auch tierisch viel Spaß dabei. Ich war gerade in Amerika und in England und habe gemerkt,  wie unsere Community  zur alltäglichen Kultur gehören kann  – und weil das hier noch nicht so ist, ist es mir ein Anliegen darüber zu sprechen.

TL Ist das in der Zwischenzeit vielleicht sogar ein bisschen zu Ihrem Markenzeichen geworden?

JS Es ist ein Teil meiner privaten Identität. Eventuell könnte es zu einem Markenzeichen werden, aber auch damit hätte ich kein Problem. Ich stehe als Moderator für Unterhaltung, und ich finde es schön, eine Stimme zu haben, Leuten zu helfen oder sie zum Nachdenken anzuregen.

TL Ihr Outing ist jetzt ungefähr ein Jahr her, hat sich Ihr Leben in irgendeiner Weise verändert, sowohl beruflich als auch privat?

JS Schon ein bisschen, und da mischt sich das Private mit dem Öffentlichen. Ich saß irgendwann kurz vor meinem Outing im Zug und habe überlegt ob ich posten kann, dass ich die britische Serie „Queer as Folk“ wieder entdeckt habe und finde, dass sie jeder gucken sollte, der sich für queere Kultur interessiert. Ich hatte Angst, dass es sofort irgendwelche schwulenfeindlichen Kommentare hagelt. Über so etwas mache ich mir jetzt weniger Gedanken. Wer haten will, hatet. Und insgesamt habe ich aber sowieso ganz tolle, tolerante Follower. Nichtsdestotrotz, bei gewissen Themen denke ich nach wie vor darüber nach, wie ich damit umgehe. Kann ich ein Bild posten auf welchem ich meinen Freund küsse, auch wenn man ihn nicht so richtig sieht? Oder kann ich als Drag Queen geschminkt ein ‚Lip-Sync-Battle‘ performen, immerhin ist die Drag Kultur in Deutschland, außerhalb der Großstädte, noch nicht so bekannt? Ist das zu viel? Ich mache mich also noch immer frei, aber das tut mir gut.

TL Und beruflich? Bekommen Sie andere Jobs aufgrund Ihres Outings?

JS Ja, ich werde teilweise als Sprecher eingeladen, ob das jetzt Diversity-Veranstaltung von Firmen sind, oder eine Spezialsendung wie die beim WDR; oder in einem Kinofilm eines namenhaften Regisseur eine schwule Rolle spielen. Ich glaube, ein solches Casting hätte ich vor meinem Outing gar nicht erst bekommen. Einerseits ist es schon verrückt, dass es jetzt in so eine Richtung geht, andererseits habe ich nach wie vor Moderationsjobs, wo meine sexuelle Orientierung kein Thema ist, und da ich in den letzten Jahren als Schauspieler relativ wenig in Erscheinung getreten bin, finde ich die Entwicklung spannend, auch weil die Rollen für mich tiefgründiger sind.

TL Aber ist das nicht auf eine Art auch stigmatisierend?

JS Nein, so fühlt sich das für mich nicht an. Ich spiele auch noch heterosexuelle Rollen, zuletzt im Theater oder in einer Serie als Episodenhauptrolle, in der sich eine Nonne in mich verliebt und den Orden verlässt. Ich müsste ja auch nicht über meine Homosexualität sprechen. Es gibt genug Beispiele von anderen Schauspielern die sich geoutet haben und danach nie wieder darüber gesprochen haben, aber deswegen hab ich mich ja nicht geoutet. Ich habe mich eben auch geoutet, weil ich als Aktivist etwas verändern möchte.

TL Gerade das deutsche Fernsehen neigt gern dazu den Diversitätsgedanken Schubladenmäßig abzuarbeiten.

JS Ich glaube dafür ist es, was mein Outing angeht, einfach noch zu früh, ich habe damit zum momentanen Zeitpunkt noch keine Erfahrung gemacht.

TL Ich meine das eher allgemein: es gibt für jede von der „Norm“ abweichende Rolle ein, zwei Charaktere und die werden dann immer genau so eingesetzt.

JS Klar, da fallen mir die vielen Paradiesvögel aus den 80ern ein mit denen ich großgeworden bin. Die bedienten ein Klischee, waren in ihrer Gestik und in ihrem Habitus eher „tuntig“. Dieses Bild eines schwulen Mannes ist wohl bis heute das gängigste.

TL Sie sagten mal, dass kurz nach Ihrem  Outing ein regionales-Szenemagazin ziemlich fies titelte: „Der Papst ist katholisch und Jochen Schropp ist schwul“. War das wirklich so böse gemeint? Oder vielleicht auch einfach die Angst vor einer zu großen Thematisierung? Bei dem Outing des ehemaligen Fußballnationalspielers Hitzelsberger gab es auch die Stimmen welche fragten, warum genau das heutzutage immer noch thematisiert werden muss.

JS Ein Redakteur von einem solchen Magazin sollte aber auch wissen, wie die Situation in Deutschland ist, und die ist einfach noch nicht normal. Auch nicht im Fernsehen: wenn eine schwule Figur in einer Serie oder in einem Film erscheint, dann ist das meistens eine Teekanne die nasal redet und over the top angezogen ist, es gibt so gut wie keine Filme oder Serien wo eine schwule Figur einfach vorkommt und die Homosexualität nicht irgendwie komisch thematisiert wird. Es wird kein „normales“ Leben gezeigt, die Figuren sind immer mit einem Problem behaftet, ihre Homosexualität muss immer ausgestellt werden und das finde ich sehr sehr schade. Und der Artikel, ich hab ihn ja gelesen, der war leider nicht so wie Sie das sagen gemeint. Ich fand es schade, dass die heterosexuellen Medien sehr positiv mit meinem Outing umgingen und ein Heft aus der Community drauf haut. Ich habe dem Chefredakteur daraufhin geschrieben und wollte wissen, ob er meinen offenen Brief im „Stern“ überhaupt gelesen hat – hatte er nicht. Ich habe ihm den Brief dann geschickt und ihm gesagt er solle nochmals darüber nachdenken, ob er den Artikel fair findet. Daraufhin haben sie einen Zweiten verfasst, in welchem sie schrieben, dass sie nicht gut fanden wie der „Stern“ meinen Brief mit plakativen Aussagen ausgeschlachtet hat,  sie hätten sich mehr Normalität gewünscht. Ich persönlich habe das übrigens nicht so empfunden. Der „Stern“ versucht sein Heft eben auch gewinnbringend zu vermarkten, das gehört einfach dazu. Ich habe das jetzt nicht als Affront verstanden.

TL Wie sehr beeinflusst die Schauspielerei Ihren Alltag? Ganz besonders natürlich bevor Sie sich geoutet haben – fällt es leichter eine Art Rolle „zu spielen“ weil man das Handwerk gelernt hat?

JS Ich habe privat nie eine Rolle gespielt. Da hätte ich auch gar keine Lust drauf. Ich bin ein recht authentischer Mensch…

TS Es gibt sie ja, die Schauspieler, bei welchen man den Eindruck gewinnen könnte, sie würden eigentlich ständig eine Rolle spielen, es gibt ganz selten den Moment wo man sie als „echt“ wahrnehmen würde…

JS Die gibt es sicherlich.

TL …Natürlich aus einer Unsicherheit heraus, für welche gerade ein öffentliches Leben nicht besonders hilfreich ist. Und wenn Sie einen nicht unwesentlichen Teil Ihrer Persönlichkeit lange versteckt haben, dann haben Sie doch auch eine Art Rolle gespielt, oder nicht?

JS  So habe ich mich nicht gefühlt. Mein Umfeld wusste ja, dass ich schwul bin. Also Familie, Freunde und auch Leute im beruflichen Umfeld. Insofern musste ich mich da auch nie wirklich verstecken.

photo credit: Sven Serkis

TL Werden Sie auf der Straße erkannt?

JS Kommt darauf an wo ich bin. In Berlin-Mitte interessiert das eigentlich niemanden, weil sie ja ständig irgendwelche Schauspieler, Sänger oder andere Prominente auf der Straße sehen. Gestern habe ich in einem Drogeriemarkt einer Frau die Tür aufgehalten, sie sagte dann „Ach vielen Dank Herr Schropp“, das hat mich natürlich gefreut. Die Menschen sind in meiner Gegend super zurückhaltend, in touristischeren Gegenenden in Berlin, oder auch in kleineren Städten ist man eine größere Sensation. Mich stresst es allerdings, wenn Leute so gar keinen Filter haben. Ich weiß aber manchmal auch bei netten Begegnungen nicht, wie ich mich verhalten soll, da ich in solchen Situationen eher schüchtern bin. Als ich kürzlich in London war, hat mich eine junge Frau angesprochen, dass sie mich jeden Morgen im Frühstücksfernsehen sieht, dass sie das toll findet und es ihr morgens richtig gute Laune macht. Sie war wirklich cool, aber ich habe mich recht schnell aus dem Gespräch gewunden. Später habe ich dann meinen Freund gefragt, ob das jetzt unhöflich war, und ihm fiel auf, dass ich kurz angebunden war. Ich habe mich natürlich bei ihr bedankt und gesagt, dass mich ihre Worte freuen,  aber ich empfinde mich als so normal, dass ich mit Komplimenten gar nicht gut umgehen kann. Was hätte ich denn sonst noch sagen sollen?

TL Sie sind ja schon relativ früh durch Fernsehauftritte usw. in die „Öffentlichkeit“ getreten, war Ihnen das ganze Drumherum bewusst, oder haben Sie das vielleicht sogar forciert um Selbstbewusstsein für gewisse Themen zu bekommen?

JS Ich glaube schon, dass es da sehr viele Verknüpfungspunkte gibt. Jeder, der vor der Kamera steht, braucht irgendeine Form von Aufmerksamkeit, woher das auch immer rührt: zu wenig Liebe in der Familie oder die Scham der Homosexualität, des „Andersartig seins“. Ich wollte in erster Linie immer erfolgreich sein, Berühmtsein finde ich jetzt gar nicht so erstrebenswert, aber es geht halt Hand in Hand. Ich habe auch schon Jobs bekommen, bei denen ich schnell gemerkt habe, dass es nur an meiner Follower-Zahl lag. Da nötigt Dich die Produktion alles mögliche zur Ausstrahlung zu posten, und am Ende sieht man Dich im Film in einer Szene.

TL Andere machen das heutzutage hauptberuflich.

JS Und das ist auch viel Arbeit! Ich habe ja auch manchmal Tage, an denen es mir nicht so gut geht , und da habe ich dann einfach keinen Bock mir zu überlegen, was ich jetzt posten könnte. Ich habe großen Respekt vor den  Leuten, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als sich zu inszenieren.

TL Bevor wir zu sehr vom Thema abkommen…

JS Es gib noch etwas, was ich unbedingt loswerden würde..

TL Ja, bitte!

JS …weil mir das total wichtig ist: ich hoffe einfach, dass dieser ganze Pride-Gedanke und diese Geschichten wie die, welche Interview.de zum Pride Month  macht, Leute dazu bringt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzten. Nach einem schwulen Geburtstag in New York mit sehr viel „Pride“ hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch am Time Square, für meinen Freund war es lustig und schlimm zugleich – weil ich heulend da stand und sagte, dass ich mich manchmal einfach so missverstanden und allein gelassen fühle. Auch von manchen Freunden, die diesen Leidensweg nie hatte und denen viele Themen in meinem Leben eben nicht so bewusst sind. Ich wünsche mir Solidarität! Ich wünsche mir von Leuten die mit Homosexualität nichts zu tun haben, dass sie beim CSD nicht am Rand stehen und mit dem Finger auf Leute zeigen und sie als Belustigung sehen, sondern  dass sie für unsere Community offen sind. Genauso wie wir, die LGBTQ+-Community, zur heterosexuellen Kultur dazu gehören, so dürfen heterosexuelle Menschen einfach auch ein Teil unserer Kultur sein. Gerade das habe ich in den Staaten und auch in England während meiner Reise gesehen, viele heterosexuelle Künstler unterstützen uns da, um deutlich zu machen: „Wir sind für euch da“! Wenn wir diesen Weg gemeinsam gehen, dann wird das Thema LGBTQ+ auch immer mehr zur Normalität.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT