PEOPLE OF INTERVIEW – ROSA VON PRAUNHEIM

Er ist einer der Mitbegründer der deutschen Schwulen- und Lesbenbewegung. Er drehte 1971 die maßgebliche und großartig betitelte Dokumentation „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Er machte sich mit „Die Bettwurst“ um die deutsche Komödie verdient und veröffentlicht bis heute einen Film nach dem anderen. Nur treffen wollte er uns nicht.

Wir sollten ihn anrufen. Aber als wir anriefen, ging er nicht ran. Nur sein Anrufbeantworter. Wir bei INTERVIEW fürchten uns allerdings vor ABs. Irgendwann sprachen wir dann aufs Band. Zum Glück rief Rosa von Praunheim dann zurück. Ganz die alte Schule.

 

 

 

INTERVIEW Hallo Herr von Praunheim, wie geht es Ihnen?

ROSA VON PRAUNHEIM Wie? Was soll das heißen?

INTERVIEW Ich will wissen, wie es Ihnen geht?

RVP Wie es mir geht? Zwischen Selbstmord und Ekstase.

INTERVIEW Das sind zwei sehr widersprüchliche Gefühle.

RVP Das bedeutet, dass ich in meinen Emotionen schwanke. Mal bin ich euphorisch, mal depressiv.

INTERVIEW Und hat das einen speziellen Grund? Oder ist das ein Dauerzustand?

RVP Das ist ein Dauerzustand.

INTERVIEW Wie sind Sie eigentlich auf Ihren Namen gekommen?

RVP ‚Rosa‘ ist ein Statement, das ich schon den 60er-Jahren als schwuler Mann gemacht habe, und ‚Praunheim‘ ist ein Stadtteil von Frankfurt, in dem ich aufgewachsen bin. Der Name klingt wie der einer älteren Kitsch-Schriftstellerin. Oder von einer Figur wie Lotti Huber, die ich dann ja als eine meiner Stars gefunden habe.

INTERVIEW Warum ist die Farbe Rosa eigentlich so sehr mit schwul verbunden?

RVP Das war damals noch nicht so, das hat sich, sehr wahrscheinlich auch wegen meines Namens, dann erst so etabliert. Damals war es eine Sensation, dass ein Mann sich einen Frauennamen gegeben hat. Und weil ich ja die Schwulenbewegung mitbegründet habe, wurde das auch ein bisschen zum Symbol.

INTERVIEW Die Verbindung zwischen schwul und rosa gibt es aber ja nicht nur in Deutschland. Kennen Sie beispielsweise den Ausdruck des „pink washing“?

RVP Gut,daskamabervielspäter.

INTERVIEW Auch aufgrund Ihres Namens oder handelt es sich da um eine Parallelentwicklung?

RVP Das weiß ich jetzt nicht.

INTERVIEW Könnte man also sagen, dass Ihr Name mit Klischees spielt?

RVP Das sind ja nicht nur Klischees. Das ist so ähnlich wie bei Stonewall, als die Tunten aufbegehrten – und weltweit sind es immer die Tunten gewesen, die die mutigsten waren. Sie haben sich nicht versteckt und waren als feminine Schwule auch die sichtbarsten. Sie wurden zum Teil ge- hasst, waren andererseits aber auch die Vorreiter. Das wollte ich mit meinem Name zeigen.

INTERVIEW Würden Sie sich selbst auch als Tunte bezeichnen?

RVP In meinem Äußeren war ich immer sehr männlich, das hat die Leute verwirrt. Sie hörten einen femininen Namen und dann kam da ein männlich wirkender, sehr gut aussehender, junger Mann. Das konnten die Leute nicht zusammenbringen. Ich war also äußerlich keine Tunte. Das war irritierend und das hat mir Spaß gemacht.

INTERVIEW Sie tragen aber trotzdem gerne auch recht auffällige Kostüme.

RVP Das kam später, erst mit dem Alter, früher war das überhaupt nicht so.

INTERVIEW Viele Ihrer Filme behandeln ernste Themen. Wie ist das mit der Kunstfigur Rosa von Praunheim zusammenzubringen?

RVP Ich habe auch sehr viele Komödien gemacht, schau dir „Die Bettwurst“ an, einer meiner bekanntesten Filme. Es handelt sich hier um eine Parodie auf das bürgerliche Leben, meine Tante Luzi in schrillen Kostümen vor bunten Tapeten. Das ist ja Gegenteil von Ernsthaftigkeit. Auch der „schwule Film“ ist ja oft sehr kitschig und übertrieben inszeniert, aber natürlich mit einem kämpferischen und politischen Unterton.

INTERVIEW Was genau bedeutet „schwuler Film“?

RVP Dass es schwule Inhalte gibt: Wenn du einen Film machst, der Homosexualität thematisiert, der feminine und auch maskuline Männer zeigt, die sich ineinander verlieben. Das gilt als schwuler Film. Solche Filme gibt es schon seit den Anfän- gen der Filmgeschichte.

INTERVIEW Brauchen wir dieses Label noch?

RVP Es ja immer noch nicht im Mainstream angekommen. In Deutschland haben wir zum Beispiel keine Serie, die explizit schwul ist. In Amerika oder England ist das anders, die haben sehr viele Serien, die sich mit schwulen Charakteren und einem schwulen Thema an ein großes Publikum wenden. Aber das haben wir hier nie geschafft. Ich habe mich da mehrmals bei Sendern bemüht, aber gelungen ist es mir nicht.

INTERVIEW Wird man Sie beim CSD am 27. Juli auf der Straße treffen?

RVP Nicht prominent, ich bin sicherlich mit dem Fahrrad unterwegs und fahre mal den Marsch auf und ab. Aber ich habe so viele Schwulendemos besucht und auch beruflich gefilmt, überall auf der Welt. Inzwischen ist das sehr kommerziell geworden und die Paraden hier sind nicht mehr so interessant. Zum Beispiel in meiner Geburtsstadt Riga wären das sicherlich interessanter, wo das Schwulsein noch wirklich schwierig ist. In Lettland stehen dann immer hunderte von Christen rum und schimpfen oder in Russland oder der Türkei, wo der CSD verboten ist. Dort bedeutet das noch was.

Das Interview erschien im INTERVIEW Pride Fanzine und kann hier bestellt werden.