PEOPLE OF INTERVIEW – HYPERAKTIVIST

Seit sechs Jahren lebt die venezolanische Musikerin Ana Laura Rincón bereits in Berlin. Ihren Künstlernamen Hyperaktivist hat sie dabei zum Programm gemacht: die von ihr organisierten Partys „MESS“ und „Mala Junta“ sollen neben der Liebe zum Techno auch Statement sein und gesellschaftliche Veränderungen bewirken und kurz vor Abgabe dieses Textes, erreichte uns folgende Mail:

„Ich bin mir nicht sicher, ob ihr schreiben wollt, dass ich auch Venezuela komme und dort vier Jahre einen Club betrieb und die elektronische Musik- Szene trotz der schwierigen politischen Situation, welche das Land seit inzwischen 20 Jahren beherrscht, blühte. In Venezuela herrscht ein diktatorisches Regime, dessen Politik das Land ruiniert. Man spricht heutzutage von der größten humanitären Krise in der Geschichte eines Landes, in welchem offiziell „Frieden“ herrscht. (…) Die Entwicklung einer kreativen Szene wurde gestoppt, heutzutage blüht dort nichts mehr, die meisten Künstler und Musiker haben das Land verlassen. Ich versuche, jede Möglichkeit zu nutzen, über die Situation in Venezuela zu kommunizieren, die meisten Leute haben keine Ahnung was dort los ist. Wenn ich die Möglichkeit dazu bekomme, ist es das Mindeste, was ich tun kann zu informieren.“

INTERVIEW Wie fällt man die Entscheidung, DJ zu werden?

ANA LAURA RINCÓN Als ich mit 13 Jahren das erste Mal eine DJ dabei beobachtet habe, wie sie auflegt, war ich total fasziniert. Meine Mutter hatte damals schon eine großartige Plattensammlung, auf der ich dann aufgebaut habe, und als die Leute von dieser umfassenden Sammlung hörten, fragten sie mich, ob ich damit nicht auflegen wolle. So kam das eine zum anderen.

INTERVIEW Wie sind Sie zu Ihrem Künstlernamen Hyperaktivist gekommen?

ALR Das ist ein Wortspiel. Ich war immer sehr aufgedreht und habe ständig alles gleichzeitig gemacht. Ich habe Journalismus studiert, hatte einen Club und Underground-Partys organisiert Außerdem produzierte ich natürlich Musik und legte auf. Meine Freunde sagten dann immer, ich sei so hyper. Damals begann die elektronische Musik in Venezuela zu blühen, die Szene war aber nach wie vor sehr klein und bestand aus einer recht überschaubaren Gruppe. Die meisten hatten genug Geld, um auf Reisen zu gehen und die Techno-Kultur in anderen Ländern kennen zu lernen. Also fing ich an, kostenlose Partys auf der Straße zu schmeißen, um die Musik für jeden zugänglich zu machen. Die Leute sagten dann: „Oh, jetzt bist du also Aktivistin und organisierst illegale Partys!“ So wurde ich zu Hyperaktivist.

INTERVIEW Was machen Sie genau in Berlin?

ALR Hauptsächlich organisiere ich hier zwei Partys. Einmal „Mala Junta“, das ist spanisch und bedeutet „schlechte Gesellschaft”. Die Party mache ich zusammen mit einem Freund aus Kopenhagen in der Fiesen Remise‘. Bei „Mala Junta“ konzentrieren wir uns auf einen schnellen, funky, oldschool Techno nach dem Motto: „Bringing you back to the days where it all began“. Und dann gibt es noch „MESS“, was die Kurzform für „Mindfull Electronic Sonic Selection“ ist. Die findet im Club OHM statt und legt den Fokus darauf, das Lineup mit zum größten Teil weiblichen und transgender Künstlerinnen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen zu besetzen. Ich versuche dafür immer Leute aus allen Orten der Welt einzufliegen, damit dadurch die Techno-Szene auch in nicht so prominenten Gegenden unterstützt wird.

INTERVIEW Gab es einen Auslöser für dieses Konzept?

ALR Berlin ist in vielerlei Hinsicht eine sehr maskuline Stadt, das betrifft die Musik- und auch ganz besonders die Clubszene. Dabei habe ich in Berlin die inspirierendsten und talentiertesten Frauen kennengelernt. Also beschloss ich, dass es Zeit wird, diese Frauen zu feiern. Außerdem wollte ich mit dem Vorurteil aufräumen, man fände auf den Lineups keine Frauen, weil es zu wenige Frauen gäbe, die auflegen. Totaler Unsinn, ich mache diese Party jetzt schon über einem Jahr alle zwei Monate und habe noch nicht zweimal die gleiche Künstlerin gebucht – und jede einzelne war großartig. Darauf bin ich sehr stolz. Dadurch, dass nur weibliche und transgender Künstlerinnen spielen, hat die Nacht außerdem einen ganz anderen Vibe. Sie ist auf eine Art sinnlicher, was aber jeder selbst herausfinden muss. Ich will das Ganze eigentlich auch gar nicht zu sehr thematisieren, weil die Aktion für sich stehen soll. Ich lasse es einfach passieren.

INTERVIEW Viele der legendären Partys in Berlin sind dafür bekannt, eine sehr strenge Türpolitik zu haben. Wie ist das bei MESS?

ALR MESS ist eine Party der Diversität, jeder ist willkommen und das funktioniert auch. Dabei gilt für sowohl MESS als auch Mala Junta: Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie und keine Transphobie. Wir sind der sichere Ort für all jene, die sich frei ausleben wollen und die eine Verbundenheit zum ehrlichen Underground- Techno spüren., basierend auf Respekt voreinander und Liebe zur Musik.

INTERVIEW Wie sehr ist man als Techno-Musikerin eigentlich Gesamtkunstwerk?

ALR Letztendlich ist alles auf natürliche Weise miteinander verbunden. Gewöhnlich spiele ich sehr schnellen, energischen Techno, der zu meiner Person passt. Momentan nutze ich außerdem viele lateinamerikanische Einflüsse und ich habe ganz zufällig herausgefunden, dass das ein großer Teil der DJs aus den 90ern auch getan hat. Das bedeutet für mich in doppelter Hinsicht, dass ich zurück zu den Wurzeln gehe. Die Musik, die ich gerade mache, orientiert sich sowohl an meinen, als auch an den Wurzeln des Techno selbst. Es hängt alles irgendwie zusammen. Was meine Kleidung betrifft, bin ich eigentlich ganz locker. Für das Interview und die Fotos habe ich aber meinen Freund Billy Lobos gefragt, ob er mir helfen kann, er ist Stylist. Aber wenn ich auflege, ist es vor allem wichtig, dass es bequem ist und ich mich wohl fühle.

 

Fotos BERNARDO MARTINS fotografiert mit POLAROID ORIGINALS ONE STEP+
Interviews TOBIAS LANGLEY HUNT

Das Interview erschien im INTERVIEW Pride Fanzine und kann hier bestellt werden.