PEOPLE OF INTERVIEW- JENNIFER CARDINI

Geboren in Nizza, musikalisch sozialisiert in Paris, inzwischen wohnhaft in Berlin, aber eigentlich immer unterwegs, das ist Jennifer Cardini – ein Super- star des französischen Techno. Zum Interview erscheint sie mit einer kleinen Entourage, das Gespräch soll dann aber doch besser unter vier Augen geführt werden – sie wird nur ungern unterbrochen. Cardini erzählt sehr sprunghaft, mal ernst, mal lustig, manchmal beides zusammen. Wie kaum eine andere hat sie das queere Pariser Nachleben geprägt und umgekehrt das Nachtleben auch sie. Der Umzug nach Deutschland war die reinigende Kur. Heute wirkt sie wunderbar aufgeräumt und reflektiert, sowohl, was ihre Person betrifft, als auch in Bezug auf die Techno-Szene. Übrigens: Jennifer Cardini war es wichtig, dass an dieser Stelle steht, dass das Interview aus dem Englischen übersetzt wurde und an einigen Stellen einfach nicht nach ihr klingen würde.

 

INTERVIEW Wenn Sie nicht auf Reisen sind, wohnen Sie aktuell in Berlin, richtig?

JENNIFER CARDINI Ja, in Berlin wohne ich seit drei Jahren inzwischen.

INTERVIEW Und davor eine Weile in Köln…

JC Ich komme ja eigentlich aus dem Süden Frankreichs und habe dann lange Zeit in Paris gelebt. Als ich mich entschied, nach Köln zu zie- hen, hatte ich Suchtprobleme. Ich musste meine Routinen durchbrechen und mein Leben ändern. Köln schien mir die passende Stadt zu sein, weil sie mitten in Europa liegt und man viele Orte re- lativ schnell mit dem Zug erreichen kann. Au- ßerdem lebten viele Freunde von mir dort. Berlin wäre damals keine gute Idee gewesen, ich wollte ja schließlich etwas ändern. In Paris hatte ich das exzessive Partyleben lange genug gelebt, ich war ja Teil eines Clubs namens Pulp, ein großes Ding in der queeren Szene dort.

INTERVIEW Wie ist denn das Pariser Nachtleben momentan?

JC Sehr, sehr gut, aufregend, es entwickelt sich auf eine sehr positive Weise. Klar, dass der Con- crete Club schließt, ist traurig, aber es gab Proble- me mit dem Gebäude, die werden sicher woanders wieder neu aufmachen. Es entwickelt sich auch wieder mehr dahingehend, dass jeder Teil von Techno sein kann, so wie das in den Neunzigern schon war. Als Techno in den Nullerjahren Main- stream wurde, waren die Partys plötzlich sehr he- terosexuell und teuer. Heute tanzen wieder alle zusammen.

INTERVIEW Kann es sein, dass Berlin dabei ist, diese Diversität zu verlieren? Dass Partys entwe- der nur schwul oder nur hetero sind?

JC Spannende Theorie, aber ich empfinde das nicht so, allerdings ich lege hier auch nur alle zwei Monate auf und bin sonst viel unterwegs. Aber dass es hier Partys nur für Schwule gibt, sehe ich auch, die gab es auch in Paris. House-Music für schwule Bodybuilder in weißen Muskelshirts und Techno für Heteros, dazwischen gab es nichts.

INTERVIEW Die DJ-Szene ist auch ziemlich mas- kulin, oder?

JC Ja, das ist sie nach wie vor, es wird zwar besser, aber klar, zum großen Teil sind das alles Männer. Ich habe das Gefühl, dass ich schon meine ganze Karriere über dieses Thema sprechen muss. Alle sind immer unglaublich erpicht darauf zu wissen, wie es ist, als Frau in der Szene unterwegs zu sein. Aber es ist schön zu sehen, dass sich etwas ändert und dass die Frauen auch gebucht werden, weil sie gut sind. Ich war oft die einzige Frau unter zehn Männern und bekam dann die schlechteste Spielzeit. Da habe ich mich schon gefragt, was die eigentlich von mir wollen? Bin ich wegen der Quote hier oder was mache ich hier eigentlich?

INTERVIEW Worauf ich eigentlich hinaus will: Wenn wir hier im Zuge unserer Pride-Ausgabe mit schwulen Männern sprechen, wird natürlich die Homosexualität thematisiert, bei lesbischen Frau- en geht es aber primär immer erst einmal um das Frausein. Nervt das?

JC Ja, als Frau wirst du nach wie vor als Minder- heit behandelt, und klar nervt das. Man muss im- mer noch für die Akzeptanz kämpfen, dass Frauen dasselbe können wie Männer. Aber so ist das eben als Minderheit, in Konversationen wirst du immer wieder auf die Frage zurückgeworfen, wer du ei- gentlich bist und wie deine Umstände sind.

INTERVIEW Aber die Frage, wie es Ihnen als lesbische Frau in der Industrie geht, wird nicht gestellt, es geht nur um das Frausein allgemein?

JC Das weiß ich nicht, mich hat das noch nie jemand gefragt.

INTERVIEW Dann mache ich das jetzt hiermit.

JC Um ehrlich zu sein, vielleicht ist es ein Kli- schee, das so zu sagen, aber ich glaube irgendwie hat mir das sogar geholfen. Ich bekomme keine Kommentare zu meinem Äußeren, ich werde nicht sexualisiert. Ich kann auch behaupten, dass ich nie mit homophoben Kommentaren zu tun hatte. Der Fakt, dass ich lesbisch bin, sorgt für eine gewisse Distanz zwischen Männern und mir. Viel- leicht haben die aber auch nur Angst, dass die lesbische Frau ihnen ins Gesicht schlägt, haha.

INTERVIEW Das ist ein sehr schönes Privileg.

JC Ja, das ist ein Privileg, aber das ist auch ein Pri- vileg, für das ich gekämpft habe. Bevor wir damals das Pulp gründeten, haben sich lesbische Frauen immer versteckt. Meine Freundinnen und ich sag- ten uns dann irgendwann: Wir wollen uns nicht mehr verstecken, wir wollen auch oben ohne bei der Pride-Parade mitlaufen, wir wollen auch sagen dürfen, dass wir gerne Sex haben, und wir wollen auch cool sein. Dafür haben wir auf jeder Pride und auf jeder Party gekämpft. Heute sehe ich viele junge, stolze, lesbische Frauen auf den Pariser Straßen. Ich bin glücklich, dass ich damals da war, dass ich diese Leute um mich hatte und meine Eltern mir nie das Leben schwer gemacht haben. Ich bin eine glückliche Lesbe, haha. Dennoch ist die Pride auch heutzutage wichtig wie eh und je. Wegen der wiedererstarkten Homophobie und auch, um andere Minderheiten zu unterstützen. Es ist einfach wichtig, auf die Straße zu gehen und zu zeigen, was falsch läuft. Es macht ja auch unglaublich viel Spaß, auf der Straße zu tanzen.

Das Interview erschien im INTERVIEW Pride Fanzine und kann hier bestellt werden.