Persischstunden

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt!“ schreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein und meint wohl eher die Begrenztheit des gesprochenen Worts, als eine tatsächlich begrenzte Welt. Doch wie steht es um Grenzen, die wie mit Stacheldraht bestückte Mauern, so eng gesteckt werden, dass sie einzig und allein in den sicheren Tod zu führen scheinen? Im Jahr 2005 versucht das Autor und Regisseur Wolfgang Kohlhaase zu beantworten. Das Ergebnis ist die Kurzgeschichte Die Erfindung einer Sprache. Eindrücklich und mit bedrückenden Bildern interpretiert Vladim Perelman nun diese Geschichte für die Kinoleinwand, mit seinem Film Persischstunden. Im Jahr 1942 misslingt der Versucht des Juden Gilles (gespielt von Nahuel Pérez Biscayart ) aus Antwerpen in die Schweiz zu fliehen, er wird zusammen mit anderen Juden verhaftet. Als Einziger kann Gilles sich vor der Hinrichtung retten, indem er sich als Perser, von nun an Reza, ausgibt. Sein qualvolles Glück: Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) ist eigentlich Koch und möchte nach gewonnenem Krieg ein Restaurant in Teheran eröffnen, dafür muss er Farsi lernen. In ständiger, existenzieller Angst aufzufliegen, bringt ihm Reza eine erfundene Sprache bei.

Auch wenn der Film an einigen Stellen etwas zähe Längen hat und gleichzeitig das Potential verspielt hochkarätig besetzten Nebenrollen Raum zu bieten, überzeugt er nachhaltig. Das liegt neben der brutal detailgetreuen Kulisse und einer schonungslosen Kameraführung mitunter auch am harmonierenden Zusammenspiel der Hauptdarsteller Biscayart und Eidinger.

Apropos Eidinger: Vielleicht hatten wir Glück, dass der wahrscheinlich beschäftigste deutsche Schauspieler dieser Tage momentan keine fragwürdigen Taschen designt oder Pop-Musik auflegt, so hatte er zwischen Filmfestivals, langen Drehtagen und allmählich wieder beginnenden Theaterauftritten kurz Zeit mit uns zu sprechen.

INTERVIEW Guten Tag Herr Eidinger

LARS EIDINGER Hallo… Sie sind ganz schön leise, sagen sie nochmal was…

INTERVIEW Hallo, Hallo…

LE Ich höre Sie nicht so gut – aber ich bin ja auch schon 44.

INTERVIEW Ich werde versuche laut und deutlich zu sprechen.

LE Kriegen sie es noch lauter hin?

Lars Eidinger stellt sein Handy auf laut

LE Das ist besser, ist das Okay für Sie?

INTERVIEW Ich kann Sie gut hören. Wie geht es Ihnen denn?

LE Sehr gut, ich stehe hier in einer wirklich malerischen Landschaft, ich bin ja beim Fünf Seen Filmfestival und total berauscht von der Natur, ich schaue auf die Alpen und vor mir liegt der Starnbergersee, wirklich sehr schön.

INTERVIEW Ist das Ihre erste größere Veranstaltung nach dem Lockdown?

LE Ja. Tatsächlich geht es mir auch deswegen so gut. Obwohl, so richtig freuen kann man sich ja nicht – man ist ein bisschen vorsichtig, man denkt: „Wer weiß, was einen jetzt erwartet.“ Natürlich, ich weiß darum, dass es nicht so viele Zuschauer sein werden und ich weiß darum, dass wenn man Kollegen begegnet, man sie nicht umarmen  kann – ich hätte vorher gar nicht gedacht, dass ich so ein körperlicher Mensch bin, weil ich eigentlich gar nicht so der Fan von der Bussi-Bussi-Gesellschaft bin, beziehungsweise den Leuten nicht ständig um den Hals fallen muss, aber ich merke doch, dass es mir fehlt. Das ist wie bei Kindern die nicht gestreichelt werden, in den Momenten vermissen sie es gar nicht, weil sie es nicht anders kennen, aber langfristig macht das schon was mit einem…

INTERVIEW Man wird ein bisschen asozial, im, nun ja, negativen Sinne..

LE Ich würde eher sagen, man verkümmert ein bisschen.

INTERVIEW Und wie steht es um das Künstlerische? Sie legen auf, sie machen Musik, sie spielen Theater, das war ja auch alles sehr lange weg.

LE Das ist immer noch weg, ich hab alles absagen müssen und ich hab auch seit sechs Monaten das Theater nicht mehr betreten.

INTERVIEW Man hört, dass die Proben langsam wieder beginnen.

LE Es gibt erste Idee, ja. Der Vorverkauf der Schaubühne geht am 15. September wieder los und so wie es im Moment geplant ist, spiele ich im Oktober zwölf oder 14 Mal, also fast zwei Wochen, Peer Gynt. Das war meine letzte Premiere im Februar, seitdem ruht das.

INTERVIEW Polemisch gedacht war der Lockdown ja gar nicht so schlecht, das Theater wurde auf eine Art demokratisiert, mit den ganzen Streaming-Angeboten und so weiter. Sie haben mich tatsächlich ein bisschen durch meinen persönlichen Lockdown begleitet, einerseits mit ihrem Film Persischstunden, andererseits mit den Aufzeichnungen ihrer Theaterstücke auf der Schaubühnen-Website. Ich habe das erste Mal Hamlet gesehen, weil ich nie Tickets bekommen habe. Mich würde interessieren was Sie davon halten, von Theater-Aufzeichnungen im Internet?

LE Ganz schlimm, ganz schlimm. Ich hab dafür auch überhaupt keine Werbung gemacht, ich war ein Gegner davon. Ich glaube, wir haben uns da um sehr viel gebracht. Ich fand das immer sehr außergewöhnlich und ich habe sehr genossen, dass es das gibt – Theater, wo alle rein wollen und keiner eine Karte kriegt. Das hat dadurch etwas sagenumwobenes bekommen. Jetzt sind das ja unglaubliche Zahlen, die man erreicht, wenn man überlegt, dass in eine Vorstellung 500 Zuschauer gehen und bei einem Stream, ich weiß nicht, Zehnausende zugucken. Ich würde mal behaupten, dass diese Tausende sagen „ich würde das schon gerne mal live sehen, aber ich habs ja jetzt schon online gesehen“ das finde ich schade. Tatsächlich wird auch der Trumpf, den das Theater hat, verspielt. Die Unmittelbarkeit und, dass es etwas Besondere ist, dass man das an dem Abend sieht und man weiß so wie ich das jetzt sehe, findet es nie wieder statt. Ich bin schon gar kein Fan das überhaupt  aufzunehmen. Ich glaube, das widerspricht ein bisschen der Idee oder dem Ideal von Theater, welches ja tatsächlich auch das Vergängliche zelebriert.

INTERVIEW Nachvollziehbar. Auch weil man sich als Zuschauer dabei erwischt, wie man sich ein Getränk einschenkt, eine Raucherpause einlegt oder während der Vorstellung spricht – das würde man im Theater wohl nicht machen. Aber was macht da den Unterschied zum Film aus?

LE Ich hab jetzt schon sehr viel gedreht in letzter Zeit. Beziehungsweise ich werde demnächst sehr viel drehen. Jetzt gerade habe ich eine Serie in Österreich abgedreht, Ich und die Anderen mit David Schalko und das ist eigentlich fast normal gewesen. Da gab es unterschiedliche Zonen: In Zone eins wurden alle zwei Tage getestet, da konnte man sich dann ohne Mundschutz bewegen. Es ist auch nichts passiert, keiner hat sich angesteckt, obwohl es ein sehr langer Dreh war. Aber klar, ich war in den sechs Monaten nicht im Kino, ich glaube die Leute müssen sich da auch überwinden, man muss erst wieder Vertrauen aufbauen. So richtig einladend ist das nicht und ich glaube, das ist etwas was ich vermisse, dieses Überschwängliche und dieses direkte und intime, was man ja auch erlebt, wenn man im Kino zusammensitzt, das empfinden bestimmt viele so.

INTERVIEW Nach dem Motto: Wenn der Sitznachbar keine Chips isst, dann fehlt etwas? .

LE Ich lerne gerade Französisch, für einen Film den ich im Anschluss drehe, mit Isabelle Huppert in Lyon,  dafür habe ich eine Französisch-Lehrerin in Berlin und die hat auch gesagt „Ja, ich geh sowieso nicht gerne ins Kino – da essen die alle Popcorn, ich kann den Geruch schon gar nicht aushalten“ ja klar, sowas gibt es auch, aber ich geh mit meiner Tochter teilweise nur wegen des Popcorns ins Kino.

INTERVIEW  Wir sollen uns noch ein bisschen über Ihren Film Persichstunden unterhalten: Wie ist das eigentlich einen Film zu promoten, der vor so langer Zeit abgedreht wurde. Ich nehme an das war vor über einem Jahr?

LE Ach naja, das geht eigentlich relativ schnell, dass man da wieder drin ist. Es handelt sich ja  auch um ein Thema, welches mich sehr beschäftigt, oder eigentlich schon immer beschäftigt hat, auch über den Film hinaus natürlich. Das Interessante ist ja, dass die Geschichte im Grunde eine Fabel ist. Die Idee entspringt einer Kurzgeschichte von Kohlhaase (Wolfgang Kohlhaase: Erfindung einer Sprache), eine Geschichte, die sich auf viele Konflikte übertragen lässt. Auch in der jetzigen politischen Situation fällt einem der Film wieder ein.

INTERVIEW Was ist denn das faszinierende an der Geschichte?

LE Ich finde dieses Thema sehr spannend und ich finde es auch wichtig, sich dem als Deutscher zu stellen. Man vergisst ja immer wieder, dass das unsere jüngste Geschichte ist. In der Schule hieß es noch, ja aber wir tragen ja keine Schuld, wir sind ja die darauffolgende Generation. Gut, die Schuldfrage ist nochmal was völlig eigenes, aber die Tatsache, dass mein Großvater im Krieg gekämpft hat und mein Vater im Krieg geboren wurde, führt schon dazu, dass ich natürlich charakterlich und persönlich geprägt bin von dieser Zeit. Schon allein deshalb, weil ich von den beiden erzogen und sozialisiert wurde. Deswegen freue ich mich, das aufarbeiten zu können, mich dem stellen zu können. Auch weil ich behaupten würde, dass die Deutschen, oder ich, ein gewisses Trauma davon getragen haben. Es geht ja auch immer um die Frage, in welchem Rahmen findet das statt: Es gibt sehr viele Filme aus dieser Zeit die ich angeboten bekommen, von denen ich dann aber Abstand nehme, weil ich merke, die laufen Gefahr Geschichte zu verfälschen oder zu verharmlosen, da muss man sehr vorsichtig sein. Gewisse Sachen sind nicht darstellbar. Film funktioniert immer über die Verführung, dass man denkt das ist so gewesen. Jemand der den Untergang gesehen hat denkt, er wüsste was im Führer-Bunker passiert ist. Dieser Verantwortung sehe ich mich oft ausgesetzt und da sträube ich mich dann. Aber bei dem Film habe ich das Gefühl, durch das künstlerische Stilmittel, welches ja eigentlich ein Kammerspiel ist, umgeht man die Problematik.

INTERVIEW Und Sie spielen eine äußerst spannende Rolle, wie ich finde. Ein Mensch, der kulturell interessiert ist, eine Sprache lernen will, gut kochen kann, vom Auswandern träumt, man spürt die Versuchung ihm zu unterstellen, dass er so böse gar nicht sein kann.

LE Beziehungsweise man würde das fast hoffen. So banal das manchmal klingt, die Erkenntnis, dass es sich bei Nazis nicht um Außerirdische oder Monster gehandelt hat, die sich der Erde bemächtigt haben, sondern, dass das Menschen wie du und ich waren, ist schon sehr wichtig. Dass man das nicht von sich weghält und sagt, das waren wir, die das gemacht haben, wir waren nicht die Opfer sondern die Täter. Ich finde, es gibt oft den Irrtum, dass man denkt Hitler, Goebbels, Himmler oder Göring waren die Nazis und der Rest waren einfache Soldaten, das ist gefährlich. Das war eine Massenbewegung und die wurden demokratisch gewählt und damit muss man sich konfrontieren. Das sehe ich auch klar als meine Aufgabe als Schauspieler, wenn es darum geht, der Gesellschaft ein Spiegel zu sein und mich auch selbst darin zu spiegeln, eine möglichst große Identifikationsfläche zu schaffen und die Figur nicht von mir wegzuhalten, oder zu sagen, das hätte nichts mit mir zu tun. Es ist ja interessant, wie viele im Nachhinein im Widerstand waren, das glaubt man ja gar nicht.

INTERVIEW Das glaubt man wirklich nicht. Wie viel Freiheit hatten Sie diese Rolle zu interpretieren?

LE Freiheit hat man eigentlich immer, die Frage ist, ob man sie sich nimmt. Wir haben einfach sehr gut zusammengearbeitet,  Vadim,  Nahuel und ich, wir haben uns die Freiheit genommen und sie uns auch gegenseitig gegeben. Da war die ganze Zeit eine sehr große Konzentration und ein Interesse an den Menschen, auch an dem Schauspieler. Ich finde es entscheidend für den Film, dass der Regisseur Vadim Perelman selbst Jude ist und Russe der in Kanada lebt, er hat eine vollkommen andere Perspektive. Es war wirklich imponierend zu sehen, welche Sympathie er selbst für meinen Charakter hatte, das will man sich ja fast nicht eingestehen.

INTERVIEW Ich finde auch, dass ihre Rolle, Klaus Koch, stellenweise fast sensibel, verletzlich wirkte: Als die Lüge des falschen Farsi aufzufliegen droht, wirkt Koch eher, als wäre er persönlich verraten worden. Als hätte eine ihm sehr nahestehende Person ihn hintergangen.

LE Das ist auch so. Ich habe mich auch gefragt, wo diese Art herkommt. Was Koch kompensieren muss. Mein Schlüssel war, zu erkennen, dass er ein wahnsinnig ängstlicher Mensch ist. Er kompensiert seine Unsicherheit, seine Angst. Die Figur wird ja als jemand erzählt der stottert, das wurde im Buch so vorgegeben und Stottern ist ja oft ein Hinweis auf eine Aufregung oder Angst. Interessant  ist, dass er das Stottern in der erfundenen Sprache, im Fake-Farsi dann überwindet.

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT