PEOPLE OF INTERVIEW – NORBERT BISKY

Liest man Geschichten, in denen Journalisten den Künstler Norbert Bisky in seinem Atelier besuchen, dann wird gerne beschrieben, wie sich bei ihm halbleere Leinwände aneinanderreihen. Auf die Frage, an wie vielen Bildern er denn gleichzeitig male, muss Bisky dann tatsächlich selbst erst einmal zählen. Es seien 20, sagt er. Auf den meisten Leinwänden erkennt man schon die typischen Bisky Figuren.

Gewöhnlich ist der Anblick halbnackter Männer in Verbindung mit Malerei offenbar nicht, denn ständig gibt es Versuche, seine Kunst im Spannungsfeld von „Neuen Realismus“, „ Propagandamalerei“ und „Homoerotik“ zu kategorisieren.

Alles ein bisschen zu einfach für Bilder, die mindestens einen zweiten Blick brauchen, um erfasst zu werden.

 

INTERVIEW Wie fangen Sie an, Ihre Bilder zu malen?

NORBERT BISKY Ich habe eine Ausgangsidee, aber das Bild wird dann meistens ganz anders. Manchmal fange ich auch ohne Idee an, einfach weil das Beste am Malen der Prozess ist. Das Ergebnis interessiert mich eigentlich gar nicht, das ist ein Produkt, das nebenbei entsteht.

INTERVIEW Dann sind also all die politischen und gesellschaftlichen Dinge, die in Ihre Bilder hinein interpretiert werden, ziemlich weit hergeholt?

NB Das ist ein komplexes Thema. Als ich an der Kunstakademie in Berlin angefangen habe, Bilder zu malen, habe ich mich mit meiner ostdeutschen Kindheit beschäftigt, was absolut nicht politisch gemeint war. Die Leute haben das aber so aufgegriffen und darauf habe ich dann wiederum reagiert. Eigentlich kann ja alles politisch sein.

INTERVIEW Wenn Sie sagen, dass Sie das Ergebnis nicht interessiert, wie sieht es dann mit den Interpretationen der Rezipienten aus?

NB Ich meine damit nicht, dass mich das Ergebnis nicht interessiert, ich meinte damit, dass es mir eher um den Prozess geht. An einem bestimmten Punkt höre ich auf zu malen, weil das Bild dann nicht mehr besser wird. Das Ergebnis wird anschließend fotografiert, verpackt und weggegeben und spielt danach in meinem Alltag keine große Rolle mehr. Es ist auch total legitim, dass die Leute mit ihren eigenen Gedanken an die Bilder treten. Es gibt da aber auch Dinge, die ich ablehne, zum Beispiel, dass es bei meiner Malerei um Realismus gehen würde. So ein Unsinn, das hat überhaupt nichts mit Realismus zu tun.

INTERVIEW Und, dass der Inhalt Ihrer Bilder oft Männer in einer gewissen „Homo-Ästhetik“ sind, darf man das sagen?

NB Was heißt denn überhaupt „Homo-Ästhetik“?

INTERVIEW Das wollte ich Sie gerade fragen?

NB Die Ästhetik, auf die ich mich beziehe, ist eigentlich gar nicht so speziell „homo“, sondern allgegenwärtig. Es ist eine Ästhetik, die mit Bildern von Männlichkeit operiert, die zum Beispiel Diktaturen nutzen: männliche Helden, die sich für die Sache opfern. Und dann gibt es noch die Parfüm-Werbung. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Männer, die heute in der Großstadt leben, sich damit auseinandersetzen müssen, ihre Körper zu stählen, immer zum Friseur zu rennen, alles Dinge, die sie vor 50 Jahren vielleicht noch nicht getan hätten. Das sind so Bilder, auf die ich mich beziehe.

INTERVIEW Für den Großstadtmann, der sich mit seinem Körper auseinandersetzt, wurde ja das Wort „metrosexuell“ erdacht.

NB Ich habe ab und zu Atelierbesuche von Leuten, die das erste Mal Bilder von mir im Original sehen und dann feststellen, dass darauf ganz schön viele Männer zu sehen sind, die auch nur wenig anhaben. Einmal waren Leute einer kalifornischen Superfirma hier, die hatten sich überlegt, meine Bilder in die Firmenzentrale zu hängen. Die haben sich dann aber ganz schön schnell dagegen entschieden, das war denen nicht seicht genug. Darauf bin ich stolz. Als ich anfing, Kunst zu studieren, war es für mich ein wichtiger Schritt, Situationen und Menschen zu malen, die mich wirklich beschäftigen, das waren dann eben auch erotische Bilder mit Männern darauf.

INTERVIEW Können Sie sich noch daran erinnern, wie die Situation für Homosexuelle in der DDR war?

NB In den Siebzigern und Achtzigern galten Schwule in der DDR oft als bemitleidenswerte Gestalten, als Leute, die immer unglücklich sind, Alkoholiker, die sich umbringen wollen, arme Schweine.

INTERVIEW Welche Bedeutung hat in diesem Kontext „Pride“ für Sie?

NB Vor zehn Jahren hätte ich vielleicht noch anders darüber geredet, aber ich glaube, die Schlacht ist noch nicht geschlagen. Ich glaube, der gesellschaftliche Umgang mit LGBTQ ist eine Art Seismograph für den Grad der Freiheit, den eine Gesellschaft hat. Und noch einen Gedanken: Ich finde, dass Leute, die schwul sind, auch eine Verantwortung haben, ein bisschen freier, offener und toleranter zu sein. In diesem Sinne verehre ich Leute wie Rio Reiser oder David Wojnarowicz, die zu einer bestimmten Zeit gesagt haben: Wenn du queer bist, dann bedeutet das auch etwas. Hab einen schärferen Blick auf die Gesellschaft und verliere nicht deinen rebellischen Zug.

Das Interview erschien im INTERVIEW Pride Fanzine und kann hier bestellt werden. 

Fotos BERNARDO MARTINS
Fotografiert mit POLAROID ORIGINALS ONE STEP+
Interview TOBIAS LANGLEY HUNT