NAOMI STATE OF MIND #2

Immer wieder Dienstags unsere Rubrik „NAOMI STATE OF MIND“, letzte Woche mit Malerfürst Julian Schnabel, heute mit Rolling-Stone Ron/Ronnie Wood. Aus unserem Archiv, Mai 2012.

 

Ein sonniger Morgen am Stadtrand von London. Der Rolling-Stones-Gitarrist RONNIE WOOD ist (hoffentlich immer noch, Anm.d.Red.) guter Dinge: Seine Band wird (wurde, Anm.d.Red.) 50!

Er hat JÄGERMEISTER und Kokain besiegt! Und dann steht auch noch das wohl schönste britische Model vor seiner Tür. Im Gespräch erklärt WOOD, wie DAMIEN HIRST ihn gerettet hat, warum man sich auf MICK verlassen kann und was er beim letzten Entzug gelernt hat (Wäsche waschen).

 

 

Als ich Ronnie Wood das erste Mal traf, war ich gerade mal 19 Jahre alt. Ich war in New York, und die Musikjournalistin Lisa Robinson fragte Christy Turlington und mich, ob wir nicht Lust hätten, auf ein Konzert der Rolling Stones zu gehen. Die Show haute mich um! Ein paar Jahre später, ich wohnte gerade in Dublin, lernte ich dann die Privatperson Ronnie Wood kennen: ein wandelndes Musiklexikon, ein Mann mit riesigem Herzen und unfassbar begabten Händen.

NAOMI CAMPBELL Ich habe im Guardian gelesen, dass du von Damien Hirst entführt worden bist, um dich vor deiner Alkoholsucht zu retten. Ist Damien ein Freund von dir?

RONNIE WOOD Ja, er hat mich aufgesammelt und mich in die Entzugsklinik gebracht. Aber er hat mich vorher selbstverständlich gefragt: „Brauchst du Hilfe?“ Und ich meinte: „Ja, ich denke schon.“ Ich war damals in Irland …

NC… ja, ich erinnere mich. Ich glaube, wir sind uns in Dublin begegnet.

RW Stimmt, in Dublin, das war lustig. Damals habe ich gerade Jägermeister getrunken …

NC Oooh!

RW Ich habe das geliebt, ich war nur so drauf: „Yeah, Baby, runter damit. Mal schauen, wie viel du davon trinken kannst, bevor du umfällst!“

NC Dieses Getränk ist jenseits von jenseits.

RW Ja, und Damien meinte nur: „Trink es aus!“ Und auf dem Weg in die Klinik sind wir dann noch in jeden Pub auf der Strecke rein, wie man das eben so macht. Damien fragte noch, ob ich den Entzug wirklich wolle, und ich meinte nur: „Ja, dieses Mal will ich wirklich.“ Und als ich wieder rauskam, meinte er: „Ich habe ein Plätzchen für dich, du musst nicht einmal Miete zahlen.“ Es war ein Atelier in Belsize Park, das er so großzügig mit Material ausgestattet hatte, dass eine ganze Kunsthochschule damit über die Runden gekommen wäre. Pinsel, Farbe, Leinwände.

NC Alles, was du gebraucht hast.

RW Alles.

NC Wann hast du deinen Namen eigentlich von Ronald zu Ronnie ändern lassen?

RW Gute Frage. Schuld an Ronnie ist auf jeden Fall Ronnie Spector von den Ronettes. Ronald oder abgekürzt Ron kann ich nicht leiden, die klingen nicht nach Rock ’n’ Roll. Ronnie schon.

NC Aber um das klarzustellen: Du bist überhaupt nicht wie Ronnie Spector (lacht).

RW Hey, Ronnie Spector ist ja auch ein Mädchen.

NC Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal nicht erkannt worden bist?

RW Neulich, vor einem Radiosender. Da war eine Frau und rief: „Mike Jagger, ich bin ein Fan von dir, Mike Jagger!“ Und ich meinte: „Hallo, Madame, ich habe zwar die gleiche Haarfarbe und die gleichen Lippen, aber er heißt Mick und nicht Mike!“

NC Wen hast du zuletzt getroffen, der berühmter ist als du?

RW Dich! Als du zur Tür hereingekommen bist. Und neulich, als ich Leo DiCaprio begegnet bin.

NC Was ist der größte Irrtum, der über dich kursiert?

RW Dass ich meine Haare färbe.

NC Wir halten fest: Ronnies Haare sind vollständig Naturbelassen

RW Mein Haar wäre grob und grässlich, wenn ich es färben würde.

NC Schneidest du deine Haare eigentlich immer noch selbst?

RW Yeah!

 

„OBWOHL ICH SO LANGE ABHÄNGIG WAR, GEHE ICH AUF DIE BÜHNE UND MACHE DEN SACK ZU! MAN MUSS SICH EBEN NUR DIE AKKORDE, DIE SONGS UND DIE PAUSEN MERKEN”

 

NC Wenn du in einen Raum kommst, steckst du immer alle mit deiner guten Laune an. Ist es eigentlich anstrengend, immer so gut drauf zu sein?

RW Nein, gar nicht. Ich habe mittlerweile meinen eigenen Rhythmus gefunden. Früher hätte ich den Leuten vielleicht ein „Fuck you!“ entgegengeschleudert. Morgens gehe ich ein paar Minuten in mich. Ich will positiv und glücklich sein. Es gibt doch gar keinen Grund für schlechte Laune.

NC Über die Jahre ist mir bewusst geworden, dass es gar nicht so sehr um materielle Dinge geht. Man muss viel mehr auf sein Herz hören.

RW Als ich von zu Hause abgehauen bin, habe ich alles zurückgelassen, bis auf die Klamotten, die ich am Körper hatte. Man braucht das alles gar nicht. Irgendwann habe ich mir dann mein Klavier, meinen Billardtisch und ein paar Bilder zurückgeholt. Aber selbst wenn ich das Zeug nicht zurückbekommen hätte, wäre ich glücklich. Außerdem habe ich jetzt die Frau, mit der ich immer zusammen sein wollte. Ein großes Glück!

NC Denkst du, du hattest neun Leben? Hattest du viele Schutzengel?

RW Definitiv! Rod Stewart und ich haben in Washington mal einen Zug in Bewegung gesetzt. Dann fuhr der einfach los, obwohl wir doch eigentlich gar nichts gemacht hatten. Irgendwann sprangen wir ab, und ich hab keine Ahnung, wo er hingefahren ist.

NC Ihr wisst es nicht?

RW Nein! (lacht) Frag Rod danach, wenn du ihn das nächste Mal siehst.

NC Wie würdest du jemanden, der dich nicht kennt, erklären, wie dein Job abläuft?

RW Es ist gar nichts Besonderes dabei. Ich hatte nie das Problem, dass ich nervös wurde, wenn ich raus auf die Bühne bin. Ich konnte immer alle Songs und alle Akkordfolgen. Mit der Malerei ist es dasselbe. Ich muss mich nur vor die Leinwand stellen, und dann passiert es – wie ein kleiner Zauber. Irgendjemand da oben muss mich wirklich mögen.

NC Wenn du „irgendjemand da oben“ sagst, wen meinst du damit? Gott?

RW Meine höhere Macht. Vielleicht Gott, ja.

NC Hallo!

RW Irgendetwas existiert da oben.

NC Was fühlst du, wenn du eine Gitarre anfasst?

RW Die Gitarre hat mein Leben gerettet. Es ist eine sehr spirituelle Sache. Das habe ich erst vor Kurzem herausgefunden. Leute, die sich nicht auf so eine Art und Weise ausdrücken können, wie zum Beispiel ich durch das Gitarrespielen, stellen sich irgendwann selbst infrage.

NC Für dich sind es das Malen und die Gitarre.

RW Das hat auch den Umgang mit meinen Mitmenschen verändert. Früher habe ich die Leute um mich herum wie den letzten Dreck behandelt. Ich war der Elefant im Porzellanladen. Wenn ich von mir selbst angekotzt war, habe ich das die anderen immer spüren lassen.

NC Ich kenne das sehr gut, ja.

RW Das Trinken hat nicht mehr geholfen, die Drogen auch nicht. Das ist so ein schreckliches Gefühl. Dabei liebte ich das Trinken!

NC Du hast dich durch das Trinken unbesiegbar und unfehlbar gefühlt.

RW Mir war egal, mit was ich mich zugeballert habe: Kokain und all das Zeug. Aber mittlerweile nehme ich Rücksicht auf mich selbst. Wenn ich auf mich selbst aufpasse, kann ich alles erreichen. Das ist mein kleines Mantra.

NC Ich habe das gar nicht verstanden, als ich meinen ersten Entzug gemacht habe. Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Dabei war ich es ja, die sich dazu entschlossen hat, diesen Entzug zu machen. Die ersten zehn Tage war es richtig seltsam, aber dann hatte ich es endlich verstanden.

RW Was ich in der Entzugsklinik noch gelernt habe, war das Wäschewaschen. Hast du deine Sachen selbst gewaschen?

NC (lacht) Ich konnte es nicht!

RW Ich auch nicht.

NC Ich habe gelernt, dass man die weißen Klamotten nicht mit den farbigen mischt. Und ich wusste nicht mal, bei wie viel Grad man wäscht.

RW Ich auch nicht. Wäscht man die Sachen etwa kalt, fragte ich mich.

NC Genau. Und wie lange genau? Das war mir so peinlich!

RW Ein Albtraum. Was für ein Erfolgserlebnis das war, als ich meinen ersten Korb gewaschen hatte!

NC Und dann nahm man es aus dem Trockner, und es war so weich und warm. Hast du eigentlich einen Lieblingsakkord?

RW Das ist eine interessante Frage. Ich denke, major seven. Es ist ein seltsamer Septakkord, ich habe ihn von Bobby Womack gelernt. Warte, ich spiele ihn dir vor (spielt). Klingt gut, nicht wahr?

NC Er klingt so romantisch! Das geht direkt in mein Herz-Chakra. Toll! Welchen Song hättest du gerne geschrieben, Ronnie?

RW Puuuh. Ich mag viele Songs von Bob Dylan, besonders von der New-Morning-Platte.

NC Was ist wichtiger: gute Musik zu machen oder das große Chaos?

RW Musik machen, wirklich. Ich mag es, großartige Musik zu machen und Teil eines Teams zu sein. Deswegen mag ich es so, wenn wir als Rolling Stones wieder zusammenkommen. Das große Rad kommt langsam wieder in Bewegung. Das ist fantastisch!

NC Sind die Rolling Stones entgegen ihrem Image eine disziplinierte Band?

RW Wir machen uns sehr viele Gedanken, um für uns und das Publikum das Bestmögliche herauszuholen. Das ist schwierig.

NC Ich finde, du bist sehr diszipliniert.

RW Ja, obwohl ich so lange abhängig war, gehe ich auf die Bühne und mache den Sack zu! Man muss sich eben nur die Akkorde, die Songs und die Pausen merken.

NC Der beste Moment bei deinem letzten Konzert?

RW Auch wenn ich mittlerweile nüchtern spiele, bekomme ich so ein Gefühl von einem natürlichen Rausch. Das Zusammenspiel zwischen dem Publikum und mir, was du ihnen gibst und sie dir – ein wunderbarer Zustand des High-Seins.

NC Das ist für mich sicher schwer nachzuvollziehen. Ich spiele ja kein Instrument.

RW Aber wenn du ein tolles Outfit anhast und die Leute durchdrehen, dann ist das sicher sehr ähnlich.

NC Ronnie, verrätst du uns die meistunterschätzte Tugend von Mick?

RW Er sorgt sich wirklich rührend um einen, wenn man echt Hilfe benötigt. Das würde man ihm eigentlich nicht zutrauen. Man würde denken, er rennt lieber auf und davon, aber das tut er nicht.

NC Wer hat dir Malen beigebracht?

RW Rembrandt in den Träumen, vielleicht auch Michelangelo.

NC Wann hast du angefangen? Gab es in deiner Familie Menschen, die gemalt haben?

 

„AUF DEM WEG IN DIE KLINIK SIND WIR DANN NOCH IN JEDEN PUB REIN, WIE MAN DAS EBEN SO MACHT. DAMIEN FRAGTE NOCH, OB ICH DEN ENTZUG WIRKLICH WOLLE, UND ICH MEINTE NUR: ,JA, DIESES MAL WILL ICH WIRKLICH’”

 

RW Ja, meine zwei Brüder. Sie sind älter als ich, und ich habe ihnen einfach immer alles nachgemacht: Wenn sie malten, malte ich. Als sie Schlagzeug spielten, setzte ich mich ans Schlagzeug.

NC Haben sie dich auch beschützt?

RW Klar! Ich durfte mit ihnen und ihrer Clique von Kunststudenten rumhängen. Auch mit den ganzen Mädchen. Ich war ein schlimmer kleiner Junge.

NC Hast du später, als du ständig, immer und überall auf Keith Richards warten musstest, wieder mit dem Malen angefangen?

RW Die Langeweile während des Wartens auf Keith: mein Lebenstrauma. Es gab Zeiten, da mussten wir auf die Bühne – und er lag noch im Bett. Er rief: „Ich kann nicht, ich werde nicht aufstehen.“ Ich antwortete: „Neeeeiiinn, wir sind jetzt dran.“ Darauf kam nur noch: „Okay, gib mir fünf Minuten.“

NC Welche Vorzüge hat denn die Malerei im Vergleich zur Musik?

RW Dass man alleine malen kann. Musik, zumindest unsere, ist ein Mannschaftssport.

NC Sammelst du auch Kunst?

RW Ich besitze ein paar irische Künstler, wenige Picassos, ein paar Bilder von George Braque, den ich liebe. Leider habe ich etliche Werke 2009 während meiner Scheidung verloren.

NC Auch etwas von Hirst?

RW Der schuldet mir noch zwei Bilder! Er wollte, dass ich an seinem Geburtstag ein Akustikset spiele, und meinte: „Wenn du das machst, male ich dir ein Bild.“ Für zwei Bilder habe ich es dann gemacht.

NC Was hängt in deinem Schlafzimmer?

RW Eine Eule. Ich liebe Eulen.

NC Eulen sind mysteriöse Wesen.

RW Und so still. Zudem habe ich noch einen Spruch an der Wand: „With gratitude I hand my will and my life over to the loving care of my higher power.“

NC Das ist toll. Ich versuche gerade, zu lernen, Dinge ziehen zu lassen, loszulassen.

RW Es ist wirklich einfach.

NC Sind Rockstars eigentlich eine vom Aussterben bedrohte Spezies?

RW Das waren sie schon immer.

NC Gab es den einen Drink, den du besser hättest stehen lassen?

RW Den ersten (lacht)!

NC In meinem Fall: den Jägermeister.

RW Keith würde antworten: Sambuca. Das kann ich ebenfalls wie Wasser trinken.

NC Du standst mit den größten Musikern unserer Zeit auf der Bühne. Wer hat dich besonders beeindruckt?

RW Bob Dylan ist immer eine lustige Erfahrung. Man weiß nie, was passiert. Er ist eben auch Zwilling.

NC Genau wie ich!

RW Yeah! Wir lieben die Unberechenbarkeit – und sind eigentlich ein netter Haufen.

NC Wann hast du Michael Jackson das letzte Mal getroffen?

RW Leider nur ein Mal. Da war er noch bei den Jackson Five! Er war noch so klein, ein sü.er Junge. Ich durfte ihm irgendeinen Preis überreichen.

NC Du hast den wahren Michael getroffen.

RW Ja, damals.

NC Seine Stimme war so hoch wie die eines kleinen Vögleins.

RW Yeah!

NC Das war’s. Mehr Fragen hab ich nicht.

RW Wir haben es geschafft. Wooohooo!

 

Interview NAOMI CAMPBELL