MICKALENE THOMAS

Mickalene Thomas ist eine gefragte Frau – gerade erst ließ sie ihre künstlerische Vision des “black, female gaze” in die Cruise Collection 2020 von Dior einfließen, die letzte Woche in Marrakesh präsentiert wurde. Das war aber nicht der erste Streich in Zusammenarbeit mit dem Traditionshaus – davor interpretierte sie die Lady Dior Bag neu und auch sonst ist die Künstlerin fleißig am Werk.

Es ist mittlerweile zu ihrem Erkennungszeichen geworden, die ikonischen Werke von klassischen Malern nachzustellen, jedoch durch die Linse einer schwarzen Frau gesehen mit schwarzen Frauen als ihren Modellen. Auf diese Weise thematisieren Thomas’ Arbeiten die gesellschaftlichen Normen von Schönheit, Macht und Sexualität, füllen eine Lücke in der Repräsentation, kommentieren das gängige Narrativ der Kunstgeschichte und ergänzen es um einen „weiblichen Blick“.

Thomas stellt ihre Frauen dabei in einer Vielzahl von Medien dar — Collagen, Malerei, Fotografie, Video oder gleich allen Medien zusammen. Weil Thomas ihre Modelle als Halbgöttinnen inszeniert, zwingt sie die Betrachter dazu, den eigenen Blick auf Weiblichkeit in der Kunst zu verändern. Die Muse wird gestärkt, sie wird vom Objekt zum Subjekt, wenn man so will. In der Kunstszene kommt sie damit bestens an, ihre Arbeiten wurden bereits im Brooklyn Museum, dem MOCA in Los Angeles und dem New Yorker MoMA gezeigt.

 

 

Die Künstlerin hat auch eine große Affinität für Mode, wobei es ihr vor allem der Style der 70er- und 80er-Jahre angetan hat. Für ihr Werk „Lounging, Standing, Looking“ von 2003 inszenierte Thomas zum Beispiel ihre eigene Mutter als die Blaxploitation-Heldin Foxy Brown und steckte sie kurzerhand in ein weißes, rückenfreies Oberteil.

Auch die Modebranche kennt den Namen Mickalene Thomas: So fotografierte sie Cardi B für das „W Magazine“ und ihre Partnerin Racquel Chevremont für „Garage“. Wir erreichten Mickalene Thomas in ihrem Zuhause in Connecticut, das sie mit ihrer Partnerin und zwei Labradoodles namens Puma und Toast teilt.

DALYA BENOR Was waren in modischer Hinsicht die prägenden Momente Ihrer Kindheit?

MICKALENE THOMAS Zum einen meine Mutter, sie war sehr stylish. Sie war 1,85 Meter groß, deshalb sah es immer sehr schön aus, wie die Kleidung an ihr fiel. Sie konnte alles tragen, sie hätte eine Papiertüte tragen können, wie man so sagt. Als ich zur Highschool ging, lebte ich eine Zeit lang bei meiner Großmutter, sie arbeitete bei der Heilsarmee, nachdem sie in den Ruhestand ging. Daher kommt auch meine Liebe für Secondhandkleidung, die zu der Zeit noch nicht als cool galt. Ich trug Sweater mit Stehkragen und kurzen Ärmeln, dazu einfache, gestreifte Hosen. Genau so zog ich mich an, bis ich nach New York ging, um am Pratt Institute zu studieren.

DB Wie würden Sie heute Ihren Stil beschreiben?

MT Mein Stil ist noch immer ziemlich androgyn. Ich trage meistens sehr coole, unisex Männersachen. Mein Stil schwankt zwischen cool, elegant und sportlich. Meine männlichen Freunde fragen mich immer nach meinen Sachen.

DB Um das Thema der Weiblichkeit anzusprechen: Gab es Glaubenssätze, mit denen Sie aufgewachsen sind, die Sie durch Ihre Arbeit versuchen zu ändern?

MT Ja, die Schönheit von schwarzen Frauen. Als ich aufwuchs, war das Stereotyp der schwarzen Frau animalisch und erotisiert. Sie wurde zwar als Objekt vergöttert, galt aber gleichzeitig als das Gegenteil der idealen Schönheit, nämlich der Schönheit von weißen Frauen. Unsere eigene Schönheit zu finden und sie jungen schwarzen Frauen zu zeigen war für mich ein langer Weg, bei dem ich auch lernen musste, meine Idee von mir selbst zu akzeptieren. Es war der Unsichtbarkeit schwarzer Frauen geschuldet. Heute hat sich das zwar geändert, doch für mich ist es weiterhin wichtig, diese Bilder zu machen. Wenn junge Mädchen ins Museum gehen und sich selbst in den Bildern wiedererkennen, wissen sie, dass es ihre Repräsentation in dieser Welt gibt. Wir lernen durch Selbsterkenntnis.

DB Viele Ihrer Arbeiten interpretieren den „männlichen Blick“ in moderner Kunst neu. Wieso haben Sie sich dazu vor allem Werke von Manet und Matisse ausgesucht?

MT Manet und Matisse fand ich interessant, weil die französischen Künstler des 19. Jahrhunderts Rebellen waren. Sie provozierten, in dem sie Probleme der Gesellschaft aufgriffen, die sonst nur schwer zu diskutieren waren. Ich setzte mich speziell mit Gemälden auseinander, in denen der männliche Blick als meisterhaft galt. Ich wollte verstehen, worum es darin ging — da kam das Thema sozusagen ins Rollen, für mich als Künstlerin und als schwarze Frau.

DB Welche Rolle spielt Mode in Ihrer Arbeit?

MT Eine große. Sie dirigiert die gesamte Komposition, weil sie die Pose und Haltung der Modelle bestimmt. Sie erlaubt meinen Modellen, sich selbst auszudrücken. Sie hilft, eine Rolle zu finden und auch in der Rolle zu bleiben. Ich denke auch, dass Mode eine Erweiterung von Identität und Ausdruck ist.

DB Erzählen Sie mir etwas über Ihren Arbeitsprozess. Wie kommen Sie zu Ihren Ideen?

MT Manche Ideen kommen mir in meinen Träumen. Wenn es mich dann so stark beschäftigt, dass ich nach dem Aufwachen und auf dem Weg in mein Studio noch immer daran denke, dann weiß ich, dass ich etwas daraus machen sollte.

DB Sie arbeiten sehr interdisziplinär. Wie entscheiden Sie, welche Ideen mit welchem Medium umgesetzt werden?

MT Es geht dabei stets um die visuelle Wirkung, die ich mit der Arbeit erzielen möchte. In der Malerei gibt es die Illusion von Fantasie, in der Fotografie und in Videoarbeiten gibt es die Illusion von Wahrheit. Wenn man etwas sieht, was repräsentativ für die Realität ist, dann glaubt man es. In meinen Arbeiten werden reale Frauen gezeigt, das Bild ist jedoch entfremdet — ich kreiere dadurch eine spielerische Fantasie.

 

Dieser Beitrag erschien in der Frühling/Sommer Print Ausgabe von Interview Magazin. Erhältlich als Druck oder digitalem Download hier.

Interview DALYA BENOR

Photographer PETER ASH LEE