‘LOVE & POWER‘ NO BRA

No Bra ist Susanne Oberbeck und umgekehrt. Die klassische Kunstfigur, die mit Gender-Stereotypen spielt und sie dadurch bricht, möchte man meinen. Letztendlich ist sie der Ausdruck einer Avantgarde 2.0: ein bisschen schockierend, meist subtil politisch, intelligent und ziemlich cool. No Bra gibt es seit 2003, wir haben es also nicht mit dem „brandneuen, richtig frischen Blablabla“ zu tun, sondern mit einer etablierten Musikerin abseits kapitalistisch funktionierender Plattenfirmen, die kürzlich erst ihre inzwischen dritte Platte „LOVE & POWER“ veröffentlichte und sich trotzdem ständig neu zu erfinden scheint.

Photo: Wolfgang Tillmans

INTERVIEW Was ist Ihnen lieber, sollen wir uns auf Deutsch oder Englisch unterhalten?

SUSANNE OBERBECK Wird das auf Deutsch veröffentlicht?

INTERVIEW Ja, aber im Zweifelsfall kann ich auch übersetzen.

SO (auf Englisch) Mein Deutsch ist nicht so gut, wenn es um Musik geht.

INTERVIEW Wir können uns auf „Denglisch“ einigen.

SO Ok, machen wir es so.

INTERVIEW In der deutschen Presse findet man nicht sehr viel über Sie, bzw. alle Interviews und Berichte sind Englisch.

SO Das kann sein und da sind auch viele Fehlinformationen haha, man hat nicht immer die Möglichkeit das zu korrigieren.

INTERVIEW Damit uns das hier nicht passiert, wie würden Sie sich selbst vorstellen?

SO Mein Name ist Susanne, ich bin in Deutschland geboren aber lebe dort schon seit über 27 nicht mehr. Mein Hintergrund ist Film, ich habe Regie studiert, mich dann aber entschlossen zur Musik zu wechseln – aus logistischen Gründen haha. Seit ungefähr 15 Jahren mache ich No Bra, wir haben 2003 als Duo in East-London angefangen und seit 2006 ist das mein Soloprojekt.

INTERVIEW Ist der Einstieg in die Musikbranche denn so einfach? Sie sagen, es ging um Geld.

SO Ja, zu dem Zeitpunkt als ich die Filmschule beendete, gab es die Technologie noch nicht die heute existiert, die es möglich macht professionell aussehende Filme selbst herzustellen. Um Filme zu machen, musste man es irgendwie schaffen in die „Industrie“ zu kommen, weil diese, speziell in England, relativ klein ist und im Wesentlichen für Mitglieder einer bestimmten Klasse beschränkt schien, hatte ich das Gefühl, dass es sehr lange dauern würde eine Position zu erreichen, in der ich selbst Filme machen kann. In der Musik hingegen kann man innerhalb zwei Wochen ein Set zusammenstellen, sofort auftreten und man wird sogar bezahlt.

INTERVIEW In Deutschland würde man wahrscheinlich davon abraten Musik zu machen, man würde sagen das ist brotlose Kunst.

SO Da würde ich widersprechen, es gibt immer etwas was man tun kann, Musik ist überall. Es hängt natürlich stark davon ab was du machen willst, aber du kannst auf Festivals spielen, man braucht Musik für Werbung – wenn du bereit dafür bist sowas zu machen; für Fashion-Shows,  für Video-Spiele usw.  du kannst Geld verdienen und dabei ist es verglichen mit Film relativ günstig zu produzieren.

INTERVIEW Und  man kann mit Musik, in gewissen Szenen jedenfalls,  auch relativ schnell erfolgreich werden….

SO Das kommt wirklich darauf an und ich glaube, es ist eigentlich anders. Als Publikum sieht man ja nicht immer was hinter der Bühne passiert. Und die Medien kreieren eine falsche Vorstellung davon wie Leute erfolgreich werden, es ist oft eine Illusion. Vielleicht hat eine Person schon seit zehn Jahren an einem Projekt gearbeitet und du hast noch nie etwas darüber gehört. Speziell wenn dann eine Plattenfirma dahinter steht, wird dann plötzlich ein Hype erzeugt: „Das ist brandneu, richtig frisch, blablabla“. Das ist aber nicht notwendigerweise der Fall.

INTERVIEW Und trotzdem wird ihr Name mit Labeln verbunden wie “Gender subverting Icon“, ” – Queen“ etc. Diese Titel erscheinen größer als ein künstlich kreierter Hype.

SO Ich glaube das kommt daher, dass ich im Jahr 2003, als ich anfing, diesen Schnurrbart hatte und ‚oben ohne‘ – mit nichts weiter als einem Jock-Strap aufgetreten bin. Das wurde damals von einigen Leuten als schockierend oder als etwas Unbehagliches begriffen. Als ich dann nach New York kam, wurde es wohl so wahrgenommen, dass ich das wesentlich früher gemacht habe, bevor das ein weitgreifender Medientrend wurde. Und die Tatsache, dass ich bereit dazu war die Leute zu schockieren bedeutete zu der Zeit, dass ein weitreichender Erfolg schwierig war, da die Musikindustrie hauptsächlich von heterosexuellen Männern dominiert wird, die dir für so etwas keine Türe geöffnet hätten.
Und ein Aspekt meiner Shows ist es sich gegen die Beurteilung des Körpers zu wehren und ich glaube das ist etwas mit dem sich viele Homosexuelle oder Transgender Personen identifizieren können, weil sie daran gewöhnt sind unter ständiger Beobachtung und Beurteilung zu stehen. Das heißt, es soll eine bestimmte Freiheit darstellen.

INTERVIEW Und was genau war „das Neue“ daran? Gender-Stereotype zu hinterfragen hat ja, insbesondere in der Musikszene, eine relativ lange Tradition. Oder kommt nur mir das so aus der 2020-Perspektive heraus so normal vor?

SO Es ist normal! Für mich ist das auch normal, wir reden darüber gar nicht. Manchmal erscheint es mir, als würde die Presse sowas hören wollen, weil es sich vertraut anhört. Ich finde das gar nicht so interessant, speziell dann nicht, wenn keine Verbindungen zum Politischen  gemacht wird und es nur um Identitätspolitik geht. Meine neue Platte soll politischer–, ausdrücklicher antikapitalistisch sein – und natürlich besteht da auch eine Verbindung zur ‚Gender-Subversion‘. Die Platte versucht neue Wege zu suchen, nach einem Ausweg aus der augenblicklichen Situation mit dem Populismus und der Tatsache, dass die Welt von einer kleinen Gruppe super-reicher Leute kontrolliert wird. Ein Vorschlag wäre eine Veränderung des Bewusstseins, die Idee, dass wir diese reichen Leute entmachten können, indem wir dem Geld die Macht entziehen. Das klingt etwas simpel, aber als Künstler müssen wir manchmal simpel sein um neue Ideen zu verbreiten.
Andererseits gibt es außerhalb unserer Szene eine riesige Gruppe für die es überhaupt nicht normal oder akzeptabel ist Gender-Stereotype zu hinterfragen. Die Gewalt gegen Transgender-Personen, speziell bei People of Color, nimmt in den USA z.B. immer mehr zu.

INTERVIEW Ist das Brechen mit Gender-Grenzen dann aber trotzdem auch als Metapher zu verstehen, für das Brechen mit anderen Grenzen die diese Welt definieren?

SO Ich denke schon, dass es das ist. In meiner Auffassung wurden die Leute zu den beherrschenden Gender-Stereotypen erzogen, das ist eigentlich nichts natürliches, aber die Leute werden regelrecht dazu gezwungen entweder maskulin oder feminin zu spielen und das ist an das kapitalistische System gekoppelt. Wenn du mitspielst, dann bekommst du einfacher einen Job, es ist leichter zu Heiraten – und damit verbunden bekommst du eher Hypotheken oder Steuererleichterungen haha. All diese finanziellen Vorteile sind mit den bekannten Stereotypen verknüpft. Da nicht mitzuspielen ist daher inhärent subversiv. Aber der Kapitalismus schlägt zurück, indem dieser Identitätsaspekt betont wird um diesen dann den Leuten zurück zuverkaufen.

INTERVIEW Wie schaffen Sie es diese Kritik in Ihrer Musik zu formulieren?

Photo: Elly Clarke

SO Zum Beispiel, indem es unklar bleibt wer die Person ist, die in einem Lied spricht. Ist es ein Mann oder eine Frau? Häufig wird in der Musik erwartet, dass Frauen sich sozusagen selbst objektivieren – vielleicht betrifft das auch Männer. Man kommuniziert mit dem Publikum und wird dabei beurteilt, weil man auf der Bühne steht. Und inzwischen ist es fast die Norm, dass Musiker einen gewissen Narzissmus projizieren, mit dem sich die Fans identifizieren können und es ist sehr schwer dagegen anzukommen, weil es funktioniert, die ganze Gesellschaft scheint darauf angelegt zu sein.

INTERVIEW Ist das auch Thema ihres aktuellen Albums?

SO In meinem aktuellen Album arbeite ich mit einem Mix aus unterschiedlichen Genres, ein bisschen Dance mit Referenzen aus Hiphop, Techno usw. dann gibt es aber auch poetischere Teile, ich verarbeite das mit Song-basierendem Singen, weil ich nicht rappe da ich deutsch bin. Außerdem habe ich versucht Pop-Songs zu machen, bzw. mit dem Klischee von Pop-Songs zu arbeiten. Es ist schwer das zu beschreiben, weil es sich natürlich um Lieder handelt und die Platte nicht so sehr konzeptionell ist. Aber es geht viel darum mit Klischees zu brechen, zum Beispiel die Klischees davon wie Frauen über Gefühle, ihre Beziehung betreffend, sprechen sollen. Oder, dass viele Songs davon sprechen man solle ehrgeizig und finanziell erfolgreich sein – dieses Narrativ des ‚American Dream‘. Es ist natürlich leicht das zu kritisieren, aber ich bin eine Person die das tut und die dabei trotzdem versucht nicht konzeptionelle, experimentelle Musik zu machen, ich will all diese Themen eher in Pop-Song-Montagen verarbeiten.

INTERVIEW Es scheint bei Ihnen so, als wäre das „Gesamtpaket“ wichtig um ihre Themen zu begreifen. Denken sie die Performance auf der Bühne beim Schreiben der Musik immer mit?

SO So sehe ich das nicht, für mich ist es normal zu performen und das sollte für einen Musiker auch normal sein, Leute unterhalten usw. Manchmal sagen Leute zu mir, ich mache Performance-Kunst, ich glaube sie meinen damit, dass es nicht gewöhnlich ist, dass Frauen z. B. ihrem Publikum gegenüber aggressiv sind, das heißt aber nicht, dass es deswegen Performance-Kunst ist, sondern nur, dass du eine andere Version von dem siehst, an was du sonst so gewöhnt bist.

INTERVIEW Ich habe das eher gefragt, weil ich wissen will was sie von Streaming-Plattformen halten, Gesamtkonzepte lassen sich darüber ja relativ schwer verbreiten.

SO Man kann da nicht viel machen. Ich versuche mein Bestes so viel wie möglich mit der aufgenommenen Musik zu transportieren und die Leute dazu zu bringen, zu meinen Konzerten zu kommen.

INTERVIEW Hat man denn die Möglichkeit sie demnächst in Deutschland zu sehen?

SO Am 9. Mai spiele ich beim Creamcake in der Trauma Bar in Berlin.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT