KATE MOSS

Wer in den 90er-Jahren heranwuchs, hat beim Betrachten dieser Bilder sofort einen Duft in der Nase, den Duft von Obsession, es duftet nach der jungen Kate Moss. Die Story dieser Bilder ist zur Legende geworden. Wie geht es Kate heute?

Sie hat einen angenehm kühlen Händedruck. Allerdings weiß ich das erst nach unserem zweiten Treffen. Das erste Mal sprechen wir am Telefon. Sie sagt „Hallo“ in den Hörer. Aber ist das denn auch wirklich Kate Moss?

This interview appeared in the Autumn 2017 issue.

SUSANNE KRAMMER Seien wir ehrlich, woher kann ich wissen, dass Sie es wirklich sind? Schließlich sitzen Sie mir nicht gegenüber.

KATE MOSS Oh, das werden Sie mir einfach glauben müssen. Hier auf dem englischen Land, wo ich wohne, werde ich öfter im Supermarkt angesprochen: „Hey, Sie sehen aus wie Kate Moss.“ Dann sage ich immer: „Ich bin Kate Moss.“ Ein älterer Herr wollte es mir erst glauben, als ich ihm meinen Ausweis gezeigt habe. Zum Glück ist Kate Moss mein richtiger Name, er hätte sonst keine Ruhe gegeben.

SK Wie war das denn damals, nach der Calvin-Klein-Kampagne – wurden Sie da nicht überall erkannt?

KM Ja, klar, ich hing ja überall auf der Welt an Plakatwänden, riesengroß.

SK Und wie hat sich das angefühlt, plötzlich zur Obsession von all diesen Menschen gemacht worden zu sein?

KM Erst mal habe ich das gar nicht mitbekommen. Ich habe ja gearbeitet, und dann kamen die ersten Freunde von mir, die mir erzählt haben, dass ich in ganz London überall an jeder Wand hänge. Aber das war mir irgendwie egal, was die Leute denken oder wen sie da meinen zu sehen. Ich war davon vollkommen unbeeindruckt. Habe weiter mein Leben gelebt und mich davon nicht beirren lassen.

SK Was, glauben Sie, war so besonders an diesen Bildern?

KM Die waren halt komplett anders, weil sie so überhaupt nicht inszeniert waren. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Kampagne eine wirklich lange Zeit zu sehen war.

SK Stimmt, das ist ja heute leider etwas anders.

KM Als Calvin damals gesehen hat, dass die Kampagne diesen Erfolg hat, beschloss er direkt, sie eine weitere Saison zu verwenden, und verlängerte sie dann immer weiter. Es waren am Ende acht ganze Jahre. Natürlich wirkt das in der Retrospektive ikonisch und so, als wäre es die Kampagne der Neunziger gewesen. Man muss aber auch fair bleiben. Wir haben wirklich Zeit geschenkt bekommen, uns ins Gedächtnis der Menschen zu schleichen.

SK Sie sind mit Ihrem damaligen Freund Mario Sorrenti losgezogen, mit Filmen und einer Kamera, und haben zehn Tage am Stück in einem Haus am Strand diese Bilder gemacht – so geht zumindest die Legende.

KM Ja, verrückt, oder? Mario hatte vorher ja nicht wirklich was fotografiert. Er war so nervös, hat dann extra noch einen Fotokurs belegt, um sich sicherer zu fühlen. Für mich war das eher ein Urlaub, er hat das damals sehr ernst genommen.

SK Wie verstehen Sie sich denn heute?

KM Wir sind wie Geschwister. Wir lieben uns immer noch, aber eben anders. Es ist halt schön, einen Menschen an seiner Seite zu haben, den man so lange schon kennt und der immer noch da ist, der alles miterlebt hat, jede Veränderung, aber wir sind uns immer noch so nah. Das ist ein großes Geschenk.

SK Sind Sie denn auch gemeinsam zu Stars geworden?

KM Nein, nein: Mario war da ja schon ein sehr bekanntes Männermodel. Als ich ihn getroffen habe, hatte er gerade mit George Michael das „Freedom“-Video gedreht. Er wollte aber einfach nicht mehr weitermodeln, sondern Fotograf werden. Also begann er damit, Bilder von mir zu machen, die hat er dann Calvin Klein gezeigt, der war begeistert und meinte, genau das sollten wir für seine nächste Kampagne machen.

Kate Moss, 1993 auf den Britischen Jungferninseln. Da war sie 18 Jahre alt.

SK Und er hat immer nur Bilder von Ihnen gemacht oder auch mal umgekehrt?

KM Ich habe ein paar Bilder von ihm gemacht. Die waren auch gar nicht so schlecht. Aber das Fotografieren wurde für mich nicht zur Leidenschaft.

SK In diesem Herbst kommt ja nun ein neuer Calvin-Klein-Duft raus – „Obsessed“, für dessen Kampagne ausschließlich Bilder verwendet werden, die damals geschossen wurden, aber nie an die Öffentlichkeit kamen. Wie fühlt sich das denn an, all die Bilder von früher wiederzusehen?

KM Wie heißt denn bloß das Wort dafür … Ich werde nostalgisch, wenn ich diese Bilder sehe. Dann denke ich mir, wie jung wir damals waren und wie verliebt wir ineinander waren. Ziemlich süß waren wir. Das ist schön, noch mal gedanklich dahin zurückzukehren.

SK Was gefällt ihnen denn am Jubiläumsduft „Obsessed“ am besten?

KM Er ist sehr clever gemacht. Die Parfümeure haben nämlich tatsächlich den Frauenduft so gestaltet, dass er Duftstoffe enthält, die Frauen eigentlich an Männern gerne riechen, und im Männerduft ist zum Beispiel Vanille enthalten, was wiederum Männer an Frauen gerne riechen.

SK Aber ist das dann nicht ein Problem, wenn ich als Frau auf einen Mann attraktiv wirken will?

KM Ganz im Gegenteil. Erstens riecht der Frauenduft ja trotzdem feminin, und außerdem gibt es doch nichts Besseres, als sich selbst zu lieben und sexy zu finden. Ich finde das sehr clever gemacht.

SK Zumal sich fast alle Menschen an den Duft des ersten Freundes oder der ersten Freundin zurückerinnern, oder?

“Ich kann nicht einmal mehr über die Straße gehen. Heute ist ja jeder ein Reporter und veröffentlicht dann gleich alles im Internet.”

KM Genau. Der Duft der ersten großen Liebe. Wir sehnen uns ganz oft nach dem Duft des geliebten Menschen, und wie gut fühlt es sich dann an, ihn bei sich zu haben, ihn immer riechen zu können.

SK Wenn wir uns schon auf einer Duftreise zurück in die Neunziger befinden – gibt es etwas, was Sie vermissen, wenn Sie an Ihre Jugendjahre denken?

KM Ich bin zumindest froh, dass ich wirklich nichts verpasst habe. Ich habe alles mitgenommen und hatte wirklich die beste Zeit. Aber was mir fehlt, ist die Möglichkeit, unbeobachtet zu sein. Dieses ganze Social-Media-Ding, so wichtig das ist, manchmal stört es doch dabei, im Augenblick zu sein. Wenn ich sehe, wie immer alle alles filmen, während sie irgendwo sind. Angeblich, damit die Leute zu Hause dann auch dabei waren, aber ich denke mir, am Ende war dann niemand wirklich dort. Nicht einmal der, der das Handy hochgehalten hat. Ich verstehe das nicht. Manchmal muss man doch einfach mal leben!

SK Und wenn Sie Pech haben, dann richtet einer dieser Men schen eben auch auf Sie das Handy.

KM Ich kann nicht einmal mehr über die Straße gehen. Früher ging das, da waren höchstens Paparazzi das Problem. Heute ist ja jeder ein Reporter und veröffentlicht dann gleich alles im Internet.

SK Glauben Sie, Sie haben es derart krachen lassen, weil es damals noch kein Social Media gab?

KM Auf jeden Fall. Wir waren ja komplett frei. Und was ich so schade finde für die Teenager heute: Durch das Internet glauben sie alles schon zu wissen. Da ist keine Neugierde mehr, die Dinge für sich selbst herauszufinden und zu erfahren. Es gibt keine Geheimnisse. Verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist jetzt einfach so, das bietet ja auch wahnsinnige Möglichkeiten, die sind zum Beispiel alle viel cleverer, als wir es damals waren.

SK Dadurch wird alles ziemlich berechenbar, oder?

KM Die Leidenschaft geht doch auch verloren, wenn man alles immer nur durch ein Handy erlebt.

SK Was ist denn Ihre Leidenschaft?

KM Englische Gärten. Während wir sprechen, sitze ich in meinem Garten und schaue in all dieses satte Grün und diese vielen Blumen. Es gibt für mich nichts Schöneres.

“Weißt du noch, wie wir herausfanden, wie der Film in die Kamera hineinkommt?”

Mario Sorrenti

SK Wie heißt Ihre Lieblingsblume?

KM Ich kann das gar nicht genau benennen, für mich ist es die Mischung aus allen Blumen. Die Rosen, die Hortensien, die Bergenien, Gladiolen, Dahlien, die Tulpen, der Flieder – all das zusammen macht für mich die Schönheit des englischen Garten aus.

Kate Moss flirtet mit ihrem damaligen Freund Mario

SK Haben Sie einen grünen Daumen?

KM Leider überhaupt nicht. Meine Leidenschaft hilft mir nicht dabei, eine gute Gärtnerin zu werden. Zum Glück habe ich großartige Gärtner.

SK Dann hätte ich vermutlich auch einen Garten. Am liebsten voller Rosen.

KM Rosen duften nach Frieden.

SK Schönes Abschiedswort.

Drei Wochen später traf ich sie wieder. Das war auf einer Party im Spencer House, in London, Mario Sorrenti war auch dabei. Kate war super gelaunt, sie lachte hinter vorgehaltener Hand und sah fantastisch aus.

KATE MOSS Mario ist immer so verkniffen. Er hat wirklich überlegt, ob es richtig war, die Bilder noch einmal für eine Kampagne herauszuholen.

MARIO SORRENTI Ich wollte sie beschützen. Ich wollte mir erst einmal anschauen, ob die Bilder mit dem nötigen Respekt behandelt werden. Als das Team dann zusammenkam und sich das alles richtig angefühlt hat, habe ich Ja gesagt.

KM Hello? Manchmal versteh ich dich nicht. Wir haben die Bilder vor 25 Jahren gemacht und werden jetzt noch einmal dafür bezahlt! Was gibt es da zu überlegen?

MS Diese Bilder sind mit die wichtigsten, die ich je gemacht habe.

KM Calvin hat uns mit einer Tüte Filmrollen und ein paar Fotoapparaten einfach losziehen lassen. Du wusstest nicht einmal, wie man einen Film einlegt – weißt du das noch?

MS Weißt du noch, wie wir herausfanden, wie der Film in die Kamera hineinkommt?

KM Das war der Anfang vom Ende. Kein Witz: Am Ende war es so schlimm, Mario hat mich selbst noch fotografiert, wenn ich geschlafen habe. Er lief den ganzen Tag mit der Kamera um mich herum. Ich war einfach nur noch genervt.

MS Du siehst einfach besser aus vor der Kamera als dahinter!

KM Das stimmt nicht. Damals warst du hot! Ich war einfach jung und hab mir keine Gedanken gemacht, ob ich Make-up drauf habe oder nicht. Ich war in Ferienstimmung.

MS Mittlerweile habe ich eine neue Obsession: Ich gärtnere gern.

 

Interview SUSANNE KRAMMER
Photography MARIO SORRENTI for CALVIN KLEIN