KARL

Ein twitterndes Kätzchen, EmotiKarls und ein Supermarkt mit Ready-to-Wear – eines musste man Karl Lagerfeld lassen: Er hatte einfach ein Händchen für Trends. Wir wollten von dem Early Adopter wissen: Welche Trends von damals wirklich Sinn machten? Ein Quiz.

Paleo – Lifestyle

LAGERFELD: Den Ausdruck kenne ich nicht.

INTERVIEW: Leben wie die Neandertaler.

LAGERFELD: Jetzt, wo Sie es sagen. Aber Lifestyle hatten die Neandertaler nicht.

INTERVIEW: Das sehen Millionen Menschen anders. Hardcore-Anhänger schlafen sogar auf dem Boden …

LAGERFELD: Um Gottes willen! Nein.

INTERVIEW: … benutzen kein Shampoo …

LAGERFELD: Ich habe Dry-Shampoo.

INTERVIEW: … und schwören auf die Paleo-Diät: viel Fleisch, Nüsse, Obst und Gemüse.

LAGERFELD: Das ist aber nicht gesund. Ich esse kein Fleisch und nichts. Ich esse viel gedämpften Fisch, gedämpftes Gemüse und gedämpfte Früchte, Birnen und Äpfel. Und so ein Pro-teinzeug, das mir mein Doktor macht. Da muss man nur Pulver in ein Glas tun und ein bisschen umrühren.

INTERVIEW: Warum muss alles gedämpft sein?

LAGERFELD: So ist es bekömmlicher, habe ich gehört.

INTERVIEW: Kochen Sie selbst?

LAGERFELD: Ich kann nicht kochen. Ich bin null, null, null daran interessiert.

INTERVIEW: Gehen Sie in den Supermarkt?

LAGERFELD: Für Fotos ja, aber nicht in der Realität.

INTERVIEW: Ihre letzte Chanel-Show spielte in einem Supermarkt.

LAGERFELD: Weil das zum heutigen Leben gehört. Ich brauche das Leben ja nicht selbst zu leben, nicht? Was soll ich da kaufen? Wissen Sie, ich gehe nirgends mehr hin, weil die Leute mir auf die Nerven gehen. Ich habe ja gar nichts gegen diese Orte. Auch nichts gegen Züge und Flugzeuge, aber mit diesen Selfies überall! Die Leute wollen immer mit einem sprechen. Die Deutschen sind die schlimmsten. Das ist unmöglich. Man kann sich nicht mehr konzentrieren, man wird ständig unterbrochen. Selbst wenn ich an einen Kiosk gehe, die Leute stehen da und schauen mir zu, wie ich eine Zeitung kaufe. Ich bin ja nicht dafür da, mich mit fremden Leuten zu unterhalten.

INTERVIEW: Dann wären Sie also manchmal gern nicht berühmt?

LAGERFELD: Das kann ich mir nicht mehr vorstellen. Aus dem einfachen Grunde, weil ich mehr nach dem französischen Sprichwort lebe: Ich kann nicht die Butter haben und das Geld für die Butter behalten.

 

Athleisure Wear

LAGERFELD: Was soll ich Ihnen dazu sagen?

INTERVIEW: Wie gefällt es Ihnen, dass die Leute Yogahosen und Performance-Sneakers tragen, selbst wenn sie keinen Sport treiben?

LAGERFELD: Das ist eine Modefrage. Die Leute, die wirklich arbeiten, laufen nicht so rum. Ich finde das unmöglich. Auf der Straße sehen sie alle so schlampig aus.Wenn die so bei sich zu Hause in ihren Badezimmern sitzen, würde man da nicht ohne anzuklopfen reingehen. Ich hab das satt im Sommer mit all den dicken Bäuchen und den Hängebusen. Also die Leute lassen sich wirklich gehen wie ein Hefeteig.

INTERVIEW: Treiben Sie Sport?

LAGERFELD: Mein Doktor sagt, das wäre unnötig. Ich habe sehr viel gemacht, als ich sehr jung war.

INTERVIEW: Was haben Sie trainiert?

LAGERFELD: Nur Krafttraining. Ich mag nur Sport, bei dem man andere Leute nicht anfasst.

INTERVIEW: Haben Sie schon mal etwas von Baristi-Workout gehört? Das sind Körpergewichtsübungen am Barren oder Geländern.

LAGERFELD: Das habe ich noch nie gehört und auch noch nie gemacht. Ich kenne auch niemanden, der das macht. In der Beziehung bin ich ungebildet.

 

Normcore

LAGERFELD: Ist das was Unanständiges?

INTERVIEW: Es beschreibt einen normalen und unauffälligen Kleidungsstil als Reaktion auf den übereifrigen Look von Mode-Bloggern.

LAGERFELD: Ja okay, das ist alles gut und schön, aber dass die Leute alle anonym sein wollen, macht das Leben auch langweilig. Ein bisschen Relief und Leute, die sich Mühe geben irgendwie, die anders sein wollen, das bewundere ich mehr als all diese Schattengewächse.

INTERVIEW: Ihre eigene Devise ist ja auch eher: Anything goes.

LAGERFELD: Ich habe mich zu einer ambulanten Karikatur gemacht, das ist nun mal so. Das hat sich aber von allein ergeben, das ist kein Marketing meiner Person. Das hat sich so ergeben. Ich persönlich finde mich, tout à fait, ganz normal.

INTERVIEW: In welchem Designer kleiden Sie sich gerade gerne?

LAGERFELD: Den kleinen Anderson, hier, J. W. Anderson finde ich toll. Aber auch Sacai, die Japanerin. Die ist toll, die ist toll. Ich habe alles von ihr. Die schickt mir alle ihre Sachen. Karl Templer macht ihr Styling. Der ist gut, aber das Einzige, was ich bei Karl nicht ausstehen kann, ist, dass er den gleichen Vornamen hat. Wenn ich sage, Karl mach mal, habe ich das Gefühl, ich spreche mit mir selber. Karl ist ein toller Junge, aber leider mit meinem Vornamen.

 

Elektromobilität

LAGERFELD: Für den Stadtverkehr ist das gut, für die Autobahn nicht. Aber wissen Sie, das gab’s vorm Ersten Weltkrieg schon. Da gab’s schon elektrische Wagen. Sehr luxuriöse sogar.

INTERVIEW: Fahren Sie denn selbst?

LAGERFELD: Ich fahre selber nie. Aber einen elektrischen Wagen haben wir.

INTERVIEW: Aber Ihr Hummer ist Ihnen lieber.

LAGERFELD: Die habe ich alle noch, aber im Moment fahre ich die nicht. Ich habe ja auch Wagen, die die Angestellten haben. Die wähle ich gar nicht selber aus. Aber wo ich einsteige, suche ich selber aus.

INTERVIEW: Womit fahren Sie denn momentan, pardon, lassen Sie sich gerne fahren?

LAGERFELD: Das sind meine Rolls-Royce. Ich habe mehrere. Einen schwarzen für Paris und ein dunkelblaues Cabrio für mein Haus in Südfrankreich.

INTERVIEW: Wann saßen Sie das letzte Mal selbst am Steuer?

LAGERFELD: Mit 30. Ich habe meinen Führerschein schon mit 17 gemacht. Ich hatte einen Vater, der über 70 war, und da durfte man in Deutschland früher mit 17 einen Führerschein haben. Das waren die Adenauer-Jahre. Mein Vater ist nie gefahren. Nach zwei Autounfällen bin ich nie wieder selbst gefahren. Mit meinem Mercedes bin ich mal gegen einen Baum gerast, und mein Porsche landete im Graben. Beide Male war ich eingeschlafen. Wissen Sie, immer nur stumpf geradeaus zu schauen ist wahnsinnig langweilig. Und das ermüdende Geräusch von Motoren! Ich vermisse das nicht.

INTERVIEW: Was machen Sie, wenn Sie durch die Gegend chauffiert werden?

LAGERFELD: Wie alle Leute: was ich machen will und was ich machen muss oder machen könnte. Da habe ich keine spezielle thématique für Autogedanken.

 

Bunnies

LAGERFELD: Was ist damit?

INTERVIEW: Das sind die neuen Katzen in der Mode. Von Katie Grand bis zu Ihrem Liebling Cara Delevingne: Alle wollen gerade Häschen.

LAGERFELD: Nein, nein. Die wachsen schnell, die sind sehr böse, und ich bin -sicher, dass die Mädchen diese Hasen in drei Monaten nicht mehr haben.

INTERVIEW: Sie sprechen aus Erfahrung?

LAGERFELD: Ich habe mal Fotos gemacht von einer Kiste mit Hasen in einem Schloss bei Paris, die war total verkratzt und zerbissen. Ich muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen.

INTERVIEW: Dabei hat sogar Ihre Katze Choupette einen eigenen Twitter-Account.

LAGERFELD: Die Fotos werden geklaut. Ich habe keine Ahnung, wer das macht. Ich mache das nicht. Ich mache auch keine Selfies. Ich kenne das nicht.

 

Wearables

LAGERFELD: Ach, die von den Kindern. Diese Dinger, die so -gehäkelt sind. Meinen Sie die?

INTERVIEW: Das sind Armbänder, die den Puls messen, uns -navi-gieren …

LAGERFELD: Grauenhaft. Wenn ich die sehe, frage ich die Leute direkt: Warum tragen Sie die? Haben Sie einen Herzfehler?

INTERVIEW: Außerdem können sie die Schlafqualität messen.

LAGERFELD: Das weiß ich selber, wie ich geschlafen habe. Ich schlafe bestens. Sieben Stunden ohne aufzuwachen. Die Welt kann untergehen, und ich schlafe. Ich brauche keine Uhr, die mir das sagt. Denn wenn ich nicht geschlafen habe, bin ich nämlich sauer.

INTERVIEW: Sie könnten damit auch Ihre Schritte zählen. Wie viel laufen Sie am Tag?

LAGERFELD: Ich will gar nicht wissen, wie viel ich gelaufen bin. Das ist alles ein bisschen gimmicky, amüsant. Ich bin mir sicher, dass man das nach drei Tagen nicht mehr umtut. Ich kaufe diese Gadgets bergeweise bei Colette. Da spielt man drei Tage mit, und nachher weiß man gar nicht mehr, wo man sie gelassen hat. Ich benutze keinen ordinateur. Meine Mitarbeiter, ja. Meine Geschäftsleute wollen nicht, dass ich einen Computer habe, mit was immer auch drin. Ich habe keinerlei Internet. Das ist heutzutage zu gefährlich. Da wird einem alles geklaut. Ich hab meine iPads, um darauf zu zeichnen und Fotos zu machen. Und iPods für meine Musik.

INTERVIEW: Was hören Sie?

LAGERFELD: Mit Michel Gaubert habe ich alle Neuigkeiten dieser Welt. Und wenn ich eine neue CD bekomme, mache ich mir das -direkt auf meinen iPod, damit ich da nicht jedes Mal zur Anlage hinrennen muss. Da ist alles Mögliche drauf. Am Wochenende habe ich noch mal die Hits von Blondie gehört. Die ist toll. Heart of Glass gehört zu meinen Lieblingsliedern. Oder auch Purple Rain von Prince oder I Want to Break Free von Queen. Das sind meine Lieblingslieder, die nicht gerade neu sind.

 

GIF-Art

LAGERFELD: Gift-Art?

INTERVIEW: GIF. Kurz für Graphics Interchange Format, im Prinzip animierte Fotos.

LAGERFELD: Gift, das ist für mich Geschenk. Ich bin stolz darauf, dass ich noch anständig Deutsch kann, und dann muss ich mir so -einen Stuss anhören. Englisch gemischt mit so weiter und so fort. In Amerika sagt das kein Mensch. Das ist typisch deutsch. Die wollen trendiger sein als trendig. Das ist ein deutscher Komplex. Das hat auch ein bisschen, unter uns, Berlin gebremst. Die meinen, die wären so in gewesen, dass das schon allein genügt.

INTERVIEW: Was halten Sie von GIF-Art?

LAGERFELD: Bin ich nicht gegen. Bin sehr für solche Dinge.

INTERVIEW: Das teuerste GIF ist der Balloon Dog Deflated. Der Künstler Micheal Green lässt aus Koons Luftballon-Dackel die Luft raus.

LAGERFELD: Einer von Jeff Koons ist mir lieber.

INTERVIEW: Was haben Sie zuletzt gekauft?

LAGERFELD: Ich kaufe sehr wenig, ich bekomme das alles -geschenkt.

INTERVIEW: Was denn zum Beispiel?

LAGERFELD: So einen roten Dackel von Koons.

INTERVIEW: Ach, den echten Balloon Dog also?

LAGERFELD: Genau, genau. Den habe ich geschenkt bekommen. Den habe ich nicht gekauft.

INTERVIEW: Von Herrn Koons selbst?

LAGERFELD: Nein. Von jemand anderem. Ich kenne Jeff aber sehr gut und schon lange, noch aus der Zeit mit Cicciolina. Da habe ich

ihn sogar fotografiert mit ihr. Das war aber nicht seine beste Periode. Ich mag lieber, was er so vor fünf, sechs Jahren gemacht hat. Das Riesenherz und all das ist schon sehr schön.

INTERVIEW: Ihre neueste Sammelleidenschaft?

LAGERFELD: Ich habe in allen meinen Häusern in den Gästezimmern eine sehr schöne Sache von Claude- Lévêque über den Betten. Diese Neon-Schriftzüge. Was der macht, ist sehr poetisch. Über meinem eigenen Bett habe ich nie

etwas hängen, weil mir früher mal ein Spiegel ins Bett gefallen ist, und seither will ich nichts mehr über dem Kopf haben.

INTERVIEW: Wozu hatten Sie einen Spiegel über dem Bett?

LAGERFELD: Nee, nee, nee, nich’ wie Sie denken. Der hing am Kopfende und hatte einen schweren Holzrahmen. Das war gefährlich.

 

Foto NILS BINNBERG