JOESEF

Anfängliche Verständigungsschwierigkeiten aufgrund von pandemiebedingter Onlinekommunikation, schlechtem Empfang und einem wirklich sehr breiten Glasgow-Dialekt, taten unserer Begeisterung für den nächsten UK-Popexport keinen Abbruch.

Die Rede ist von Joesef, einem schottischen Allround-Talent, welcher seine Lieder aus dem Schlafzimmer heraus selbst produziert, aufnimmt und schreibt. Verglichen wird er mit stimmgewaltigen Vorbildern wie Frank Ocean oder Amy Winehouse, was wohl eher an seinem gefühligen Inhalten liegt, als an seiner doch sehr einmaligen Stimme. Damit es keine weiteren, unnötigen Verständigungsschwierigkeiten gibt, „gefühlig“ ist absolut positiv gemeint: Joesef schafft es, im Gegensatz zu vielen Gesangskollegen seiner Generation, Schnulz und Kitsch außen vor zu lassen und tatsächlich über echten Weltschmerz zu singen, verpackt in leichten, unaufgeregten Melodien. So geht es in seiner neuen Single um toxische Beziehungen und um schmerzhafte Trennungen, aber so hoffnungsvoll erzählt, als würde die Sonne nie untergehen.

Das Musikvideo dazu entstand in Zusammenarbeit mit unzähligen Menschen, verteilt auf dem ganzen Globus, die ihm Aufnahmen von Sonnenaufgangs- oder untergangssequenzen zukamen ließen. Wo genau die Sonne nun auf- oder untergeht ist oft gar nicht zu erkennen, denn  „The Sun Is Up Forever“, auch in Zeiten von Corona. Ein sehr tröstlicher Gedanke.

INTERVIEW Hey Joesef, wie geht es Ihnen und wie ist die Situation in Schottland?

JOESEF Mir geht es gut. Ich bin zwar viel allein und hatte noch nie so wenig physischen Kontakt mit Leuten, aber ich komme damit überraschenderweise ziemlich gut klar (lacht).
Und in Schottland ist es eigentlich nicht so schlimm, also natürlich nicht gut, aber nicht zu vergleichen mit England. Die Leute leben hier nicht so dicht zusammen. Natürlich hatten anfangs alle ein bisschen Panik, aber die meisten scheinen sich inzwischen an die Situation gewöhnt zu haben.

INTERVIEW Und wie ist es als Musiker zu Hause zu sitzen, ohne die Möglichkeit live vor Publikum zu spielen?

JOESEF Kurz vor dem Lockdown hatte ich noch eine Europa-Tour, ich war ziemlich k.o., die Pause kam mir also ziemlich gelegen. Und da ich meine Musik eh immer allein zu Hause gemacht habe, bin ich es auf eine Art gewöhnt isoliert zu sein. Es ist ein bisschen wie immer (lacht). Am meisten vermisse Ich es in Pubs zu gehen und Freunde treffen, ich würde gerne wieder raus gehen, aber ich will mich natürlich auch in infizieren.

INTERVIEW Ihre Lieder sind sehr persönlich, gefühlvoll – gibt es einen Song, der Sie am besten beschreibt?

JOESEF Oh das ist schwer. Aber ich glaube, das wäre dann Limbo. Der beschreibt mich ziemlich gut, auch meinen Musikstil. Und dieser Song beschreibt auch ganz gut, was ich selbst für Musik höre.

INTERVIEW In dem Song geht unter anderem um das ungewisse Gefühl, eine Person nach dem Ende einer Beziehung nicht gehen lassen zu können. Haben Sie inzwischen herausgefunden wie man das am besten macht?

JOESEF Hör auf mit der Person zu schlafen! Klar den Kontakt abbrechen. Viele versuchen ja eine gewisse Intimität aufrechtzuerhalten, aber das funktioniert nicht. Man kann auch nicht mehr befreundet sein, man sollte diese Person einfach gehen lassen.

INTERVIEW Man kann also nicht befreundet bleiben.

JOESEF Das ist echt schwierig. Am Ende trinkt man dann wieder zusammen, irgendwann ist man zu zweit, dann wird es gemütlich und dann landet man doch wieder im Bett. Theoretisch kann das bestimmt funktionieren, aber nicht bei mir. Ich bin was das angeht echt schlecht (lacht).

INTERVIEW Sie machen ja alles allein und zu Hause. Sind dabei alle Aspekte des Musik-Produzierens gleich beliebt?

JOESEF Am schönsten ist wahrscheinlich das Gefühl, nachdem du einen Song fertiggestellt hast, wenn dir ein guter Song gelungen ist. Das ist ein unbeschreiblich euphorisches Gefühl. Aber ich mag es auch, wenn ich merke, dass ich mit meinen Lyrics genau das ausdrücken konnte, was ich sagen wollte. Das ist sehr befriedigend. Aber im Endeffekt gehört alles irgendwie zusammen, deswegen würde ich auch eher sagen, dass es der Prozess ist, den ich am meisten mag. Als ich anfing mit Musik machen, habe ich mit allem gleichzeitig angefangen und deswegen trenne ich die einzelnen Aspekte immer noch nicht. Ich habe das Gefühl, wenn ich das trennen würde, würde das Ergebnis nicht so gut sein.

INTERVIEW Und was ist beim Hören eines Songs wichtiger, die Melodie oder der Text?

JOESEF Ich glaube, auch das gehört immer irgendwie zusammen. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Wenn du eine gute Melodie geschaffen hast, dann klappt das auch mit den Lyrics. Du kannst zum Beispiel simple Lyrics haben und darüber eine aufwändige Melodie geben, dann verleiht die Melodie dem Inhalt Bedeutung. Und umgekehrt, eine simple Melodie kann einen komplizierten Text unterstreichen.

INTERVIEW Sie sagten, Sie haben eben erst eine Tour beendet. Was war das für ein Erlebnis?

JOESEF Ich bin so froh, dass ich das gemacht habe, es hat sich so gut angefühlt. Vielleicht haben wir ein bisschen zu viel getrunken (lacht). Nach der letzten Show in London war ich echt zerstört. Aber es war was ganz besonderes und irgendwie auch komisch manchmal: du kommst an so zufällige Orte und da stehen dann Leute vor dir, die deine Lieder singen. Die Feststellung, dass man Fans hat und diese dann auch noch zu treffen – eine wirklich seltsame Erfahrung.
Es ist unbeschreiblich, wenn Leute zu dir kommen und dir erzählen, was deine Songs bei ihnen auslösen. Oder ganz allgemein: die Interaktion zwischen dem Publikum, das ist echt das beste Erlebnis, welches man machen kann.

INTERVIEW Denken Sie, dass diese Erfahrung Ihre Art und Weise Musik zu machen beeinflussen wird?

JOESEF Ich möchte in Zukunft mit mehr Tempo arbeiten, ich will die Leute zum Tanzen bringen. Man will ja niemanden langweilen mit allzu langen, progressiven Balladen (lacht). Also ja, die Erfahrung hat mich schon beeinflusst: Tempo rauf und die Leute unterhalten!

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INTERVIEW Wollen Sie mir die Geschichte hinter Ihrer neuen Single „The Sun Is Up Forever“ erzählen?

JOESEF Ich hatte eine schlimme Trennung, vor einem Jahr oder so, und ich habe viel mit meiner Mutter gesprochen. Sie hatte eine ziemlich schlimme Beziehung mit meinem Vater, über 20 Jahre lang. Aber sie sagte mir, dass es nach all dem Schmerz trotzdem weiter gehen – und man neue Motivation schöpfen kann. Jede Beziehung – egal ob gut oder schlecht, lang oder kurz – prägt dich irgendwie, aber es geht darum sich daraus weiter zu entwickeln. Im Grunde handelt der Song der Befreiung nach einer dunklen Periode deines Lebens.

INTERVIEW Und die Sonnenunter- bzw. aufgangs-Metapher, woher kommt die?

JOESEF Meine Mutter sagt immer, dass am Ende eines schlimmen Erlebnisses die Sonne wieder aufgeht und irgendwo auf der Welt geht die Sonne immer auf. Das bedeutet, dass die Sonne theoretisch nie verschwindet.  Es geht aber weniger um eine Metapher, als vielmehr um einen Flair, um das schöne Gefühl, welches man hat, wenn die Sonne am Himmel steht. The Sun Is Up Forever. Und ich glaube, da alle Menschen auf dieselbe Sonne schauen, können sich auch alle Menschen mit diesem Gefühl irgendwie verbinden.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT