JAMIE DORNAN

Jamie Dornans PR-Team bestand darauf, vorher alle Fragen zu lesen, also schrieben wir irgendwas zusammen, von dem die Hälfte dann gestrichen wurde: ob er sich auf der Leinwand gefalle, ob es von Vorteil sei, beim Dreh die Kollegen bereits zukennen, ob er gern mal einen Superhelden spielen würde, ob er mal Gesangsunterricht hatte, was er von seiner Stimme halte – alles offenbar ausgesucht heikle Themen, was uns aber egal war, da wir sowieso nicht mit vorbereiteten Fragen arbeiten. Kaum hatten wir Jamie Dornan dann am Telefon, erzählte er ungefragt, dass er gerade ein drittes Mal Vater geworden sei, seine Frau, die Filmkomponistin Amelia Warner, am Vorabend ein Konzert gehabt habe, er deswegen noch in London sei, denn eigentlich wohne die Familie ja zwei Stunden außerhalb. 1982 in Belfast geboren, begann Dornan seine Karriere in den Nullerjahren als Model, tauchte in Kampagnen von Dior Homme, Dolce & Gabbana und Calvin Klein auf und wurde wahlweise als „der goldene Torso“ bezeichnet oder als männliche Antwort auf Kate Moss. Über seine damalige Freundin Keira Knightley kam er zur Schauspielerei und war 2006 in Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ erstmals im Kino zu sehen. In der tollen Serie „The Fall“ spielte er einen Frauenmörder und einen Milliardär mit Neigung zu Fesselspielen in „Fifty Shades of Grey“.

HARALD PETERS Bei der Vorbereitung bin ich auf den Film „Beyond the Rave“ von 2008 gestoßen. Das war Ihr zweiter Film, und Sie spielen darin einen britischen Soldaten, der in der Nacht, bevor er zum Einsatz in den Irak muss, nach seiner Freundin sucht, die mit einer Gruppe von Hardcore- Ravern unterwegs ist, bei denen es sich in Wirklichkeit aber um Vampire handelt.

JAMIE DORNAN Oh Gott!

HP Taugt der Film was?

JD Es war irre, wie man damals versucht hat, den Film unters Volk zu bringen. Wenn ich mich recht erinnere, war der Film zunächst als eine Webserie für MySpace gedacht. Womit das Projekt ja eigentlich seiner Zeit voraus war. Heute wäre es eine vernünftige Idee, aber vor elf Jahren haben die Leute die Filme ja noch nicht auf dem Smartphone angeschaut. Aber davon abgesehen war das eine verrückte Erfahrung und ein großer Spaß. Fünf Wochen lang hatten wir Nachtdreh, das Budget war praktisch nicht vorhanden, niemand wurde bezahlt. Der Film war halt einer von diesen Schritten, die man entlang des Weges macht, wenn man Schauspieler ist.

HP Sollte ich ihn mir anschauen?
JD Ja, machen Sie das, wenn Sie ihn irgendwo finden. Wahrscheinlich gibt es ihn auf YouTube.
HP Oder bei MySpace, falls es MySpace noch gibt.

JD Ich habe keine Ahnung. Ich nutze kein Social Media, ich nutze ja kaum das Internet.

HP Kluge Entscheidung.
JD Ich weiß.
HP Drehen Sie im Moment, oder sind Sie zwischen zwei Filmen?

JD Mehr so dazwischen. Ich habe mir Anfang des Jahres eine lange Pause genommen, weil wir vor ein paar Monaten unser drittes Kind bekommen haben. Aber in zwei Wochen fange ich wieder an. Ein Film nach dem anderen. Bis Weihnachten bin ich damit dann beschäftigt.

HP Ist das „Untitled Drake Doremus Project“ einer davon?

JD Nein, der ist schon abgedreht. Beim Dreh hatte er auch einen anderen Titel, aber den darf ich Ihnen nicht verraten, weil es wahrscheinlich nicht der Titel ist, den er am Ende trägt.

HP Ich hätte es ganz charmant gefunden, wenn es bei „Untitled Drake Doremus Project“ als Titel geblieben wäre.

JD Ich hoffe, dass dem Regisseur, also Drake Doremus, noch was Besseres einfällt. (Ihm ist etwas eingefallen, das Werk heißt „Endings, Beginnings“)

HP Um was geht es in dem Film überhaupt?
JD Um eine Frau namens Daphne, die von Shailene Woodley gespielt wird und in einer schwierigen Lebensphase steckt. Sie hat gerade eine Beziehung hinter sich und fängt dann gleich zwei neue Beziehungen an, obwohl sie versucht, genau das nicht zu tun. Eigentlich wollte sie nämlich für eine Weile nichts mit Männern zu tun haben und auch mit dem Trinken aufhören und diese Dinge. Doch dann lernt sie in einer Nacht zwei Typen kennen, die ihr Leben auf sehr unterschiedliche Weise beeinflussen, was dann, nun ja, für allerhand Unruhe sorgt und sie dazu zwingt, wichtige Entscheidungen zu fällen. Das ist ziemlich cool, ich meine, der ganze Film ist improvisiert.

HP Ach, improvisiert?

JD Genau, das ist Drakes Arbeitsweise. Zunächst gab es zwar das grobe Gerüst einer Handlung, aber beim Spielen bekam die Geschichte dann eine ganz eigene Dynamik, was toll war. Ich bin richtig stolz auf die Arbeit. Ich glaube, das wird ein sehr schöner Film.

HP Sind Sie der nette oder der böse Typ? Ich nehme mal an, dass schon aus Gründen der Dramaturgie nicht beide Männer gleichermaßen nett sein können.

JD Das hängt natürlich davon ab, wo man sich moralisch verortet. Aber ich denke, der Typ, den ich spiele, ist ein guter Typ, jedenfalls deutlich netter als die meisten Männer, die ich bislang gespielt habe.

HP Eine Menge übler Typen.

JD Kann man wohl sagen.

HP Ein anderer Film heißt „Synchronic“.

JD Ja, das ist ein Science-Fiction-Film, mein erster Science-Fiction-Film übrigens. Irgendwie drehe ich in letzter Zeit öfter Filme, die, was das Genre betrifft, Neuland für mich sind. Das ist ziemlich cool, wenn ich ehrlich bin. Den kompletten Film habe ich aber noch nicht gesehen, nur neulich ein paar Szenen. Aber Anthony Mackie spielt mit, was super ist, weil ich schon lange mit ihm arbeiten wollte. Und das Regisseurteam Justin Benson und Aaron Moorhead ist einfach wahnsinnig interessant. Ein paar der Filme, die sie mit winzigen Budgets gedreht haben, haben auf Rotten Tomatoes eine Zustimmungsrate von 95 Prozent. Das ist irre, mit nur 100.000 Dollar solche Filme zu stemmen. Kurzum: Die beiden sind zwei talentierte Jungs, und als sich die Gelegenheit bot, war ich sofort dabei. Ich glaube, das wird ein cooler Film. Der Dreh hat jedenfalls riesigen Spaß gemacht. Aber als ich das Drehbuch gelesen habe, musste ich weinen.

HP Aber das ist kein Science-Fiction-Film mit Raumschiffen?

JD Nee, es geht mehr um Zeitreisen.

HP Womit wir zu „Carmen“ kommen. Basiert der Film auf der Oper von Georges Bizet?

JD Ja.

HP Dann spielen Sie darin wahrscheinlich Don José, aber irgendwie auch nicht Don José, weil in dem Film, wie ich gesehen habe, keine Figur namens Don José auftaucht.

JD So ist es. Der Film ist ein Update der Bizet-Oper. Er handelt von mexikanischen Einwanderern in Amerika.

HP Ach so?!
JD Ja, das ist eine modernisierte Reinterpretation des Themas, allerdings muss ich gestehen, dass ich die Originalgeschichte nicht parat hätte, wenn Sie mich danach fragen würden.

HP Aber es gibt Musik und Gesang?

JD Ja, genau. Und auch Tanz und Bewegung. Ich weiß nicht, wie sehr Sie mit der Arbeit von Benjamin Millepied vertraut sind, aber er ist der Regisseur des Films und einer der großen Choreografen unserer Zeit. (Millepied hat die Tanzszenen in „Black Swan“ choreografiert, war der Direktor des Balletts der Pariser Oper, ist Gründer und Leiter das L.A. Dance Project und der Gatte von Natalie Portman) Und die Filmmusik kommt von Nicholas Britell. Was der in den vergangenen drei, vier Jahren mit „Moonlight“ und „Beale Street“ geleistet hat, war so sehr auf dem Punkt, dass er neben meiner Frau wahrscheinlich mein Lieblingsfilmkomponist ist. Schon die Chance, mit ihm arbeiten zu dürfen, ist ein großes Geschenk. Und ein Musical wollte ich sowieso schon lange drehen. Darauf freue ich mich wirklich sehr, auch weil es sich von all dem, was ich bislang gemacht habe, total unterscheidet.

HP Aber Sie müssen auch tanzen? Ich erinnere mich, dass Sie mal in der „Graham Norton Show“ gesagt haben, Tanz zähle nicht zu Ihren Stärken.

JD Ja, als großen Tänzer würde ich mich jetzt nicht bezeichnen. Aber es geht wohl mehr um Bewegungen. Das ist schwer zu erklären, weil wir den Film erst Ende des Jahres drehen und noch in der Vorbereitung stecken.

Das ganze Interview ist in unserer FALL WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

Sein neuer Film “Synchronic” wird vom 06.10. bis 08.10.19 auf dem London Film Festival vorgestellt, “Endings, Beginnings” soll Ende 2019 in die Kinos kommen.

 

Fotos MATTHEW BROOKES

Styling NIKI PAULS

Groomer JOE MILLS

Text HARALD PETERS

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