“ICH SEHE MIR MEINE FILME NIE AN. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN”

Er war 13, als man ihn aus 2 000 Bewerbern für die Hauptrolle in „Billy Elliot – I Will Dance“ auswählte, hat seither über 20 Filme gedreht und stand unter anderem für Lars von Trier, Peter Jackson, Clint Eastwood und Steven Spielberg vor der Kamera. Demnächst wird er als Elton Johns Kreativpartner Bernie Taupin in dem Biopic „Rocketman“ zu sehen sein.

Ein Telefonat mit dem wohl nettesten und bescheidensten Mann in Hollywood und Umgebung.

 

HARALD PETERS Dieses Jahr haben Sie Ihr 20-jähriges Jubiläum im Filmgeschäft …

JAMIE BELL Ist das so? Ja, das stimmt wahrscheinlich, wenn man die Dreharbeiten von „Billy Elliot“ mitrechnet.

HP Und wenn ich mich nicht verzählt habe, sind bei Ihnen inzwischen 25 Filme zusammengekommen.

JB Kann sein, ich habe keine Ahnung.

HP Ich habe mir überlegt, ob Sie, wenn Sie sich dazu entschließen würden, sich alle Ihre Filme in chronologischer Reihenfolge anzuschauen, dann so etwas wie eine alternative Geschichte Ihres Lebens sehen würden?

JB Ich denke nicht, zumal es sich wie eine Idee aus einem Albtraum anhört.

HP Haha! Was denken Sie, wie viele Filme würden Sie schaffen?JB Wahrscheinlich nicht einmal einen. Und selbst dafür müsste ich furchtbar betrunken sein. Ich sehe mir meine Filme nie an. Unter keinen Umständen. Ich mag es nicht, ich kann es nicht aushalten, es macht keinen Spaß, alles daran ist schrecklich.HP Was, Sie schauen sich Ihre Filme nicht an? Nie?

JB Nein, nie! Ich meine, als ich viel jünger war, habe ich es noch getan. Aber jetzt, da ich älter bin, habe ich damit aufgehört. Es ist einfach zu grausam. Manche Regisseure und Produzenten, mit denen ich gearbeitet habe, fühlten sich verletzt und haben es persönlich genommen. Sie meinten: „Wir haben diese Sache doch gemeinsam erschaffen. Wie kann es sein, dass du sie dir nicht anschauen willst?“ Ich versuche ihnen dann immer zu erklären, was in mir vorgeht, wenn ich mir selbst auf der Leinwand zusehen muss, welche Torturen ich erleide. Es ist schwer, dieses Gefühl zu artikulieren.

HP Interessant.

JB Es bereitet mir einfach keinerlei Freude, ich erfahre dadurch keine Bestätigung. Ich habe auch keinen Abstand zu dem, was ich von mir sehe. Ich kann mir auch nicht Sachen sagen wie: „Gut gemacht!“, oder: „Genau das wollte ich in der Szene rüberbringen!“ Alles, was ich sehe, ist Endgültigkeit, was bedeutet, dass der kreative Prozess vorüber ist, tot. Ich kann nichts mehr daran ändern. Die Ohnmacht, die ich spüre, ist einfach zu überwältigend.

(Links) Look GIVENCHY. (Rechts) Anzug und Hemd COS, Boots GIVENCHY, Ring DAVID YURMAN

HP Was Ihnen an Ihrer Arbeit gefällt, ist dann also tatsächlich der Moment, in dem Sie vor der Kamera stehen und spielen. JB Ja, zu 100 Prozent. Obwohl, die Sache, die mir eigentlich ammeisten gefällt, ist die Arbeit davor. Die Zeit, in der praktisch noch alles möglich ist, in der man seine Figur kreiert. Man recherchiert, man liest, man trifft sich mit der Figur, die man spielen soll, sofern sie existiert. Das ist die Phase, in der man etwas über ein Leben lernt, das nicht das eigene ist. Man erkennt möglicherweise Parallelen zu sich selbst oder ist mit einer Figur konfrontiert, die so gar nichts mit einem selbst zu tun hat. Es ist auch eine Form von Eigentherapie. Und die Erkenntnisse, die man dabei gewonnen hat, nimmt man dann mit zum Dreh, um diese Person zu sein, die man für den Film sein soll. Und wenn man damit durch ist, kehrt man in sein eigenes Leben zurück, bringt vielleicht das Kind in die Schule, holt das Kind um drei von der Schule ab und geht Eis essen. Wenn ein Dreh beendet ist, ist auch die Arbeit einesSchauspielers getan, weswegen die Vorstellung, Monate später an den Ort des Geschehens zurückzukehren, zumindest für mich in jeder Hinsicht unangenehm ist.

HP Wie ist es mit all den Dingen, die Sie sich für eine Rolle angelesen und angeeignet haben: Vergessen Sie die nach dem Dreh?

JB Nein, überhaupt nicht. Die Sachen bleiben an einem haften wie ein Fleck. Dabei meine ich weniger die Figuren selbst, denn die Figuren knipst man an und aus, weil es letztlich ja sowieso nur Versionen von einem selbst sind, die einen ohnehin nie ver- lassen. Aber was durch die Arbeit als Schauspieler mit jedem Film neu dazukommt, ist das Eintauchen in andere Welten, aus denen man noch hinausblicken kann, wenn man sie längst verlassen hat.

HP Schön, dann können wir ja doch über Ihre drei neuen Filme reden, auch wenn Sie sie nicht gesehen haben.

JB Sicher. Ich war ja immerhin bei den Dreharbeiten dabei.

HP Ich kenne von den drei Filmen nur einen, nämlich „Skin“. Nicht unbedingt ein Spaßfilm, wenn ich das mal so sagen darf. JB Stimmt. Wie man sich bei dem Thema denken kann, war auch der Dreh ein ziemlich unerfreulicher Prozess. Ich glaube, wenn man so einen Film dreht, muss man in einer bestimmten Stimmung sein, sonst glaubt einem ja keiner, dass man das Leben der Figur, die man spielt, auch tatsächlich gelebt hat. Also jeden Morgen aufzustehen und als Erstes all die Tätowierungen ins Gesicht gemalt zu bekommen, das Outfit meiner Figur zu tragen und überhaupt als diese Figur herumzulaufen fühlte sich einigermaßen belastend an. Außerdem haben wir den Film in Upstate New York gedreht, und zwar im Februar, es war also entsetzlich kalt und es gab auch eigentlich nie ausreichend Geld, um den Film überhaupt zu realisieren. Die Umstände und Begleitumstände waren also ziemlich harsch, was andererseits aber auch zum Film passt.

HP Beim Gucken habe ich mich immer gefragt, was an einem Leben als hinterwäldlerischer Neonazi wohl so ansprechend sein mag?

JB Ich denke, dass es um ein Zugehörigkeitsgefühl geht, selbst wenn sich dieses Gefühl auf Hass gründet. Für die meisten Leute ist die verquere Gedankenwelt dieser Neonazis natürlichoffenkundiger Schwachsinn, aber die meisten, die daringefangen sind, wurden schon von klein auf in sie hineingezogen – entweder durch ihre Eltern oder auch die Abwesenheit von Eltern. Sie kommen in Kontakt mit Neonazi-Gruppen, finden Halt, werden ermutigt, spüren Stärke in der Anonymität. Bei meiner Figur Bryon war es so, dass er keine richtige Familie hatte, und auf das, was davon noch übrig war, konnte er gern verzichten. Und dann kam diese Gruppe, sein Familienersatz, wenn man so will, und machte ihm viele Dinge möglich, die er sich wünschte. „Du willst ein Auto? Hier hast du dein Auto! Du willst ein Tattoostudio? Bitte schön, es ist deins! Du willst dich besaufen? Okay, ich kaufe dir Bier! Alles, was du tun musst, ist, diesen Typen zusammenschlagen, dieses Fenstereinwerfen, dieses Haus anzünden. Und warum? Weil wir besser als die anderen sind. Du bist ein Prinz. Wir sind der Adel!“ In Bryons Leben fehlten einfach alle Regeln und Grenzen, jede Normalität, er war also unglaublich beeinflussbar. Um die Figur zu verstehen, ging es für mich vor allem um das Zugehörigkeitsgefühl. In seiner Gruppe war er jemand, außerhalb der Gruppe war er nichts.

Look BOSS

Look BOSS

HP Ein wichtiges Element im Film sind die ungezählten Tattoos, die Bryon im Gesicht trägt. Um sich aus dem Milieu zu befreien, muss er sie entfernen lassen. Ist das wirklich so schmerzhaft, wie es im Film aussieht?

JB Ja, es gibt über Bryon die Doku „Hass auf der Haut“, in der es genau darum geht. Ich glaube, jeder, der sich mal eine Tätowierung hat entfernen lassen, wird bestätigen, dass dieProzedur ziemlich schmerzhaft ist. Handelt es sich allerdings um ein Tattoo im Gesicht, ist es noch mal eine ganz andere Sache. Und bei ihm hat es zwei Jahre gedauert, bis er sie alle entfernt hatte. Er hatte sich einer schier endlosen Reihe von Behandlungen zu unterziehen, von denen er sich zwischendurch Wochen und auch Monate lang erholen musste. Es gab Zeiten,in denen er wie der Elefantenmensch aussah, so als hätte man ihn beinah zu Tode geprügelt. Aber um ihn spielen zu können, war es mir wichtig, dass er diese Art von Schmerzerfahren musste, weil er zuvor anderen Menschen unglaublicheSchmerzen zugefügt hatte. Ohne diesen Schmerz würde sich der Film für mich falsch anfühlen. Man muss sehen, wie er leidet, das ist ein wichtiger Teil der Transformation.

HP In Ihrem anderen neuen Film „Donnybrook“ geht es um einen illegale Faustkampf, bei dem der Sieger 100 000 Dollar gewinnt. Sehen Sie Parallelen zu „Skin“?

JB Ja, ich meine, in beiden Filmen geht es um Leute am Rande der Gesellschaft. Allerdings glaube ich, dass „Skin“ ein wesentlich hoffnungsvollerer Film ist.

HP Ach so?

JB Ja, seltsam, nicht wahr? Bei all der Trostlosigkeit ist „Skin“ immerhin ein Film, in dem es um Mitmenschlichkeit geht, weil es Leute gibt, die der Hauptfigur helfen, seinem Milieu zu entkommen. Von „Donnybrook“ kann man das nichtbehaupten. Die Geschichte ist ohne jede Hoffnung.

„Um ehrlich zu sein, hasse ich Kampfszenen. Mir ist es lieber, wenn Leute sich unterhalten“
JAMIE BELL

HP Es wird mehr gekämpft, oder?

JB Ja, im Wesentlichen geht es um einen Ex-Soldaten, der sich auf einen Faustkampf um Leben und Tod einlässt, um seiner Familie das Überleben zu sichern.

HP Es wird bis zum Tod gekämpft?

JB Ja, bis der Letzte überlebt. Die Geschichte ist allerdings fiktiv und basiert auf einem Roman von Frank Bill. Wenn Sie mich fragen, ist die Geschichte eine Metapher über das Amerika von heute.

HP Macht es eigentlich Spaß, Kampfszenen zu drehen? Und bekommt man dabei mitunter auch Schläge ab?

JB Ja, das kann passieren. Um ehrlich zu sein, hasse ich Kampfszenen, sie gehören zu den Dingen, die ich nur ungern drehe. Ich schaue sie mir auch nicht gerne an, mir ist es lieber, wenn Leute sich unterhalten. Und wenn beim Drehen etwas schiefläuft, kann es durchaus brutal werden. In „Skin“ gibt es zum Beispiel eine Szene, in der mir jemand in den Schritt treten muss. Wir hatten die Szene in der Nacht oft geprobt, und als wir sie endlich drehten, war es früh am Morgen und unglaublich kalt und überhaupt äußerst unangenehm. Na ja,jedenfalls hat mein Gegenüber sich beim Abstand verkalkuliertund mir sein Knie in den Schritt gerammt. Als es „Cut“ hieß, lag ich immer noch am Boden und kämpfte mit der Ohnmacht. Der Regisseur meinte: „Was ist los? Das war doch super.“ Und ich nur so: „Er hat mir sein Knie mit voller Kraft in die Eier gerammt, mit voller Kraft.“

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HP Eine Erfahrung, die Ihnen in dem Elton-John-Biopic „Rocketman“ wahrscheinlich erspart blieb. Ich gehe mal davon aus, dass der Film sowieso mehr Spaß macht.

JB Das hoffe ich zumindest, ansonsten nimmt meine Karriere endgültig eine nihilistische Richtung, haha.

HP Sie spielen darin Bernie Taupin, den unbekannteren Mannim Hintergrund, der für Elton John beinah alle Songtexte verfasste.

JB Ja, Taupin ist der Mann des Wortes. Aber er ist nicht der Mann, der auf der Bühne steht und singen muss. Dennoch ist sein Job unglaublich wichtig, weil nur Taupin und Elton John gemeinsam den Musiker Elton John, wie wir ihn kennen, komplett gemacht haben. Und sie sind immer noch die besten Freunde. Sie haben sich als Teenager kennengelernt, als sie auf eine Annonce einer Plattenfirma geantwortet haben. Ohne zu wissen, ob die beiden zusammenpassten, machte diePlattenfirma aus den beiden ein Team, wobei sie stets getrenntvoneinder gearbeitet haben. Taupin schrieb einen Text, schickte ihn zu Elton, der sich dazu die Musik ausdachte. Und so lief es über Jahrzehnte mit geradezu unvorstellbaremErfolg. Ich hoffe, dass der Film die Freundschaft, die sie haben, angemessen darstellt, auch wenn der Film natürlich in erster Linie von Elton John erzählt.

HP Sie haben mittlerweile auch angefangen, selber Filme zu produzieren.

JB Ja, das stimmt. „Teen Spirit“ mit Elle Fanning war vergangenes Jahr der erste.

HP Können Sie mir sagen, was ein Produzent eigentlich macht?

JB Schwierige Frage. Und ich werde jetzt nicht so tun, als hätte ich irgendeine Ahnung von dem gehabt, was ich da getan habe, haha. Es ist ein bisschen wie Schauspielerei. Man fühlt sich in eine Sache hinein, lernt dazu, etabliert Beziehungen, probiert herum – Sie sehen, mein Verständnis von der Produzentenarbeit ist nur ein zartes Pflänzchen, das hoffentlich noch wächst. Aber ich glaube, dass ein guter Produzent vor allem für den Film und den Regisseur eintritt.

HP Ich dachte immer, dass Produzenten fürs Geld zuständig sind.

JB Also, wenn es darum ginge, dann gäbe es niemanden, der für den Job ungeeigneter wäre als ich.

 

Interview HARALD PETERS 
Fotos
FILIP MILENKOVIC
Styling STAR BURLEIGH
Grooming LUCY HALPERIN @ THE WALL GROUP
Casting & Produktion NM PRODUCTIONS
Location 12954 BLAIRWOOD DRIVE. REPRESENTED BY HILTON & HYLAND