ICH HABE STUDIOENTZUG

Die Sängerin Esther Graf hat ihren Platz in einer Lücke gefunden – Hip Hop Beats unter eingängigen Melodien, darüber rauer Gesang – ganz ohne Schnick Schnack, ganz ohne Autotune und erfrischend: Auf Deutsch.

Die junge Österreicherin erlebt momentan die ersten Höhepunkte ihrer Karriere – so konnte sie zum Beispiel bereits als Support von Alma‘s Deutschland Tour punkten. In ihren selbstgeschriebenen Songs verarbeitet sie die Dinge, die sie bewegen. Fast ritualisiert führt sie ihre Gedanken durch diesen Prozess, um am Ende gestärkt – und mit einem fertigen Produkt – daraus hervorzukommen.

Interview traf Esther Graf auf Kaffee in Kreuzberg und lernte eine quirlig-bodenständige Künstlerin kennen, die wortgewandt von sich selbst und ihrer großen Liebe (der Musik) erzählt.

Julia Deutsch Wie fühlen sich die ersten großen Schritte deiner Karriere an?

Esther Graf Im Moment voll gut. Jeder kleine Erfolg freut einen einfach, weil ich noch nicht so lang in diesem Business bin. Alles ist eine Erfahrung gerade, egal ob gut oder schlecht und bringt mich weiter.

JD Willst du mir vielleicht ein bisschen von deinem Werdegang erzählen? Du bist ja aus dem österreichischen Tirol, oder?

EG Ne, ich bin ursprünglich aus Kärnten. Ganz im Süden von Österreich. Fast schon bei Italien.

JD Bist Norditalienerin quasi.

EG Ja quasi. Ich bin aufgewachsen in einer siebenköpfigen Family.

JD Ach krass.

EG Ja genau und meine Mum ist Kindermusical- Autorin, deswegen bin ich schon ganz früh in diesem ganzen Musik-Ding drin gewesen. Meine Mum hat gleich gecheckt, ok, das Kind ist talentiert in diesen Bereichen und die sollte man auf jeden Fall fördern. Deshalb habe ich dann eigentlich schon ganz früh Klavierunterricht gehabt und eine Gesangs-, Tanz- und Schauspielausbildung gemacht neben der Schule. Bin dann aber nach Salzburg gezogen, weil es da ein Oberstufengymnasium gab, das auf Pop-Musik basiert. Da wollte ich unbedingt hin, weil ich mich schon früh dazu entschieden habe, irgendwann wirklich Musik machen zu wollen. Die Matura (Anm. Abitur) habe ich dann aber in Wien in der Abendschule beendet, weil ich parallel zu modeln angefangen habe.

JD Hast du das alles eigentlich selbst produziert?

EG Ich habe versucht, so hochwertig wie möglich Demos zu machen, um Leuten zu zeigen, was ich mache. Es ging gar nicht darum, gesigned zu werden, ich wollte einfach schauen in welche Richtung es geht.

JD Aber es ist extrem spannend, dass du so schnell von dir selbst aus die Initiative ergriffen hast.

EG Bereits mit 14 oder 15 wollte ich eigentlich nur Musik machen – und ich kann eigentlich nur Musik machen. Das ist das, was mir am meisten Freude macht. Und ich glaube der größte Schritt für jeden Musiker ist es zu sagen: ok ich nehme das jetzt ernst und nehme mich selbst ernst, weil nur so kann wirklich was daraus werden. Und dann habe ich mir gedacht, ich schicke einfach mal ein paar Demos raus, weil ich gern auch mit professionelleren Leuten arbeiten wollte. Es sind auch gleich Antworten gekommen. Bin dann nach Berlin eingeladen worden ins Haus 2000, wo ich dann meine ersten Sessions hatte. Es ist dann relativ schnell gegangen, dass es total gut funktioniert hat, ich mich mega wohl gefühlt habe und mich musikalisch ausprobieren konnte und ich eigentlich gefunden habe, was ich gesucht hab.

JD Wie ist der Prozess? Gehst du einfach rein und jammst mit Leuten?

EG Ja immer ganz unterschiedlich, am Anfang habe ich ganz viele Sessions gemacht mit anderen Songwritern. Das war eine krasse Erfahrung für mich, um mal deren Herangehensweise an Songs zu sehen. Ich plane es nicht nur Songs zu schreiben, sondern es mit anderen Leuten zusammen zu tun, die das beruflich machen.

JD Ja und wie entwickelt man einen Sound eigentlich?

EG Man verliert sich oft in Details, es war wichtig, wieder mich – meine innere Stimme – zu finden und trotzdem den Fokus darauf zu legen, den eigenen Sound zu definieren, meinen Wiedererkennungswert. Jetzt ist es eigentlich meistens so, dass ich mich mit einem Producer zusammensetze, ich manchmal schon mit einer Skizze komme, aber meistens schon eine Idee im Kopf habe und sage: lass uns sowas in die Richtung machen.

JD Und die Lyrics kommen dann später?

EG Genau. Im Moment bin ich so, im Vordergrund stehen die Melodien und dann kommt der passende Text dazu.

JD Und du singst auf Deutsch?

EG Genau.

JD Ist R’n’B die richtige Bezeichnung für deine Musik? oder wie würdest du deinen Sound beschreiben?

EG Ich glaube schon immer noch, dass es Pop ist. Urban Pop, wenn man es so sagen will. Ich schaue, dass es im Kern vom Writing Soul und R’n’B ist, weil ich mich da auch melodienmäßig am wohlsten fühle. Aber so, dass ich nicht zu 90s/ Oldschool mäßig unterwegs bin, sondern mit modernen Elementen spiele.

JD Verstehe, und wie geht es dir mit dem Deutschen als Gesangssprache selbst? Das schreckt ja viele Sängerinnen und Sänger ab.

EG Ja, aber mir geht es ultra gut damit. Für mich stand auch nie zur Debatte es auf Englisch zu machen. Weil ich erstens auf Deutsch denke und zweitens auch das Genre noch nicht so bedient ist. Eigentlich gibt es da einen totalen Hunger danach. Die Sprache ist wunderschön und jeder wird es feiern, die Texte voll zu verstehen.

JD Ich bin auf jeden Fall gespannt, was da noch von dir kommt…

EG Ja ich bin auch mega gespannt, auf das, was jetzt noch kommen wird. Wenn ich mal eine Woche keine Musik mache, habe ich schon Studioentzug, sodass ich wieder schreiben muss und das verarbeiten muss. Es hat sich richtig ein Ritual entwickelt, plötzlich Dinge zu verarbeiten. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten beim Songwriting, weil ich es nicht kannte. Da dachte ich mir, ich kann das nicht.

JD Ja man muss wahrscheinlich sich sehr öffnen dabei.

EG Man muss sich total öffnen. Man muss sich über seinen eigenen Schatten trauen. Sich selbst den Raum geben. Erst war es so: wen soll das interessieren, was ich denke? Aber man macht es ja auch für sich. Ich glaube, dass sich viele mit Themen identifizieren können, die mich auch beschäftigen. Viele Mädchen oder auch Jungen – aber vor allem Mädchen.

JD Jeder findet sich irgendwo selbst in einem Song, den er hört. Egal wie die Lyrics eigentlich gemeint sind. Man nimmt sich immer nur das raus, was für einen selbst relevant scheint und kann trotzdem den Bezug herstellen.

EG Absolut. Das war für mich selbst auch interessant, bei der letzten Single, die ich rausgebracht habe. Da habe ich ganz unterschiedliches Feedback bekommen.

JD Den Song Nummer 10 meinst du?

EG Genau. Was Leute daraus gezogen haben…

JD Was war das zum Beispiel? Oder soll ich erst sagen, was ich daraus gezogen habe?

EG Ja, bitte!

JD Naja also bei mir war es einfach der Gedanke daran: Bei manchem Ex-Partner oder Ex-Freund habe ich die Beziehung viel zu sehr in meinem Kopf aufgebauscht und im Nachhinein betrachtet, wollte ich eigentlich nur verliebt sein – die Person selbst war mir wahrscheinlich gar nicht so wichtig. Also das ist mein persönliches Finding aus dem Song. Aber sag mal, wie hast du es gemeint?

EG Also der Text ist in diesem Sinn nicht autobiografisch – was die Geschichte angeht – aber emotional auf jeden Fall. Ich wollte einfach mal einen Song schreiben, der mir 100% Selbstbewusstsein schenkt. Es gibt keinen deutschen Song, der mir diesen „Single Ladies“ -Kick gibt, einfach von der Attitude her. In dem Song geht es viel mehr um Attitude, als um die Lyrics an sich. Ich hab auch nicht nur positive Kritik bekommen. Also es gab auch Leute, die haben Zeilen rausgenommen und gesagt: warum kannst du das und das sagen? Es war für mich so, dass ich es aus einer Emotion raus geschrieben habe und das verpackt habe in eine Geschichte, ohne irgendwie wertend oder politisch zu werden. Sondern mich künstlerisch ausleben und vielleicht auch die klassischen Geschlechterrollen umdrehen wollte. Man kann in der Musik alles sein. Ich bin weit nicht so selbstbewusst privat, wie in dem Song Nummer 10. Der gibt mir für drei Minuten halt dieses Gefühl. Das ist so überspitzt geschrieben, dass es auch wirklich beim Hörer ankommt. Ich glaube, wenn ich es so formuliert hätte: „Ja vielleicht hätte ich dich gar nicht gebraucht.“ würde es mir diese Attitude nicht geben. Und darum geht’s in dem Song.

 

 

 

JD Auf Deutsch fehlt auf jeden Fall eine Beyoncé oder eine Lizzo. Hast du internationale Vorbilder? Oder wer ist generell dein Vorbild?

EG So konkrete Vorbilder habe ich nicht. Musikalisch auf jeden Fall viele aus dem R’n’B und Hip-Hop Bereich. Ich bin ein riesiger Frank Ocean Fan. Eine französische Künstlerin, die ich sehr feiere, ist…

JD Lolo Zouai?

EG Ja genau.

JD Du erinnerst mich auch von der Optik her total an sie, musste sofort daran denken.

EG Ich bin erst vor zwei Monaten auf sie gestoßen. Ich war so mindblown. Ich dachte: „Oh mein Gott, sie ist meine Schwester!“ Fühle ich auf jeden Fall. Aber auch so eine Lizzo oder Billie Eilish, die ich auch feiere, weil sie ein anderes Frauenbild darstellen. Ich versuche einfach ich zu sein. Ich bin an so einem Punkt angekommen, an dem ich glaube, dass ich auch genug bin, wie ich bin.

JD Das ist die beste Erkenntnis, die man im Leben haben kann. Wie alt bist du?

EG Ich bin 21. Ich meine, dass ich in dem Sinn „genug bin“, anderen Leuten irgendwas von meinem Leben erzählen zu können. Ich sage gar nicht, dass ich immer super bin. Gar nicht. Sondern dass meine Probleme groß genug sind, um die auch anzusprechen. Ich bin jetzt nicht aus dem Ghetto. Ich komme aus einer tollen Familie. Trotzdem hat jeder eine andere Geschichte hinter sich. Jeder hat Probleme, wenn er erwachsen wird. Was vielleicht Kleinigkeiten sind, wo man sich denkt: darf ich das jetzt überhaupt thematisieren? Aber ich glaube, dass es trotzdem viele Leute gibt, die sich damit identifizieren können.

JD Jeder hat ja seine eigene Geschichte und die kann niemand umschreiben. Was ich dich noch fragen wollte: Was hältst du von Autotune? Ich finde, es hat sich so eine extreme Autotune – Gesellschaft entwickelt.

EG Ich finde, Autotune kann man richtig nice nutzen. Ich liebe das. Es ist jetzt in meiner Musik nicht so relevant. Es gibt viele Künstler, bei denen ich das richtig cool finde, denen das auch gut steht. Aber als Frau bin ich da immer noch ein bisschen kritisch, weil Autotune die Stimme immer etwas schärfer macht. Und bei Frauen sind die Stimmen meistens höher und dann finde ich es oft nicht so angenehm fürs Ohr. Meine Musik lebt ja irgendwie von der Roughness und ist jetzt nicht so auf Hochglanz poliert, sodass ich das relativ wenig bediene.

JD Du meintest du kommst aus einer siebenköpfigen Familie. Das heißt du hast vier Geschwister?

EG Genau. Ich habe einen Bruder und drei Schwestern.

JD Bist du da die Älteste oder die Jüngste?

EG Ich bin die Zweitjüngste. Zwei meiner Geschwister sind auch in Wien. Der Rest ist noch in Kärnten. Ich bin auch ein absoluter Familienmensch. Ich ziehe zwar jetzt nach Berlin, aber sobald ich Zeit habe, schaue ich, dass ich zur Family komme. Weil ich auch so damit aufgewachsen bin.

JD Was lernt man in so einer großen Familie? Welche Werte haben dich am meisten geprägt?

EG Was ich schon früh gelernt habe, ist zu teilen. Aber auch irgendwie nicht kleinlich zu sein. Ich bin dann früh ins Internat gezogen und hab da mit anderen Leuten zusammengewohnt. Ich bin auch nie so ein Mensch gewesen, der viel Privatsphäre gebraucht hat. Ich bin ein Gemeinschaftsmensch. Ich bin eigentlich gar nicht gern allein. Ich bin außerdem aus einer sehr christlichen Familie. Ich bin total mit christlichen Werten aufgewachsen. Das ist auch ein Thema, was ich sehr stark in meinen Songs bearbeite. Zuhause war das immer normal, dann bin ich in die Schule gekommen und ich habe gemerkt, nicht jeder denkt so. Ich habe früh lernen müssen, andere Meinungen zu akzeptieren und zu respektieren.

JD Also spielt Christentum nach wie vor eine Rolle bei dir persönlich?

EG Ja, die Leitsätze auf jeden Fall. Da habe ich wirklich viel mitbekommen. Da macht man jetzt ein großes Fass auf. Es gibt Themen, die ich sehr kritisch beleuchte, nach wie vor, seit ich klein bin. Aber die Grundwerte auf jeden Fall. Was immer ein großes Thema in unserer Familie war, ist Nächstenliebe. Das ist Priorität Nummer eins gewesen. Das wird auch nie aus mir raus gehen. Das wird mich immer begleiten.

JD Du bist ja ein Mitglied der Generation Z, wie man so schön sagt.

EG Ja, genau.

JD Wie stehst du zu diesem Konzept, dem Konstrukt der Generation Z? Kannst du dich mit diesem Wort identifizieren? Und beinhaltet dies Instagram für dich?

EG Es ist krass. Ich habe nämlich einen Song geschrieben, der heißt „Generation Z“.

JD Achso?

EG Ja. Ja, Generation Z, Instagram, das alles hat irgendwie seine guten, seine schlechten Seiten. Ich bin eigentlich ein Mensch, der ein großes Problem mit Social Media hat – ich bin kein Fan. Ich versuche mich so gut wie möglich davon fernzuhalten. Für Musiksachen ist es aber total wichtig, weil ich die Chance habe mit einem Klick der ganzen Welt zu zeigen, was ich mache. Ich würde am liebsten mein Handy wegschmeißen, to be honest. Aber ich kann da halt nicht die einzige sein, die das macht.

JD Ich wäre sofort dabei! Nochmal ganz kurz zu deinem Style. Lässt du dich direkt von Designern beeinflussen oder wo kommt deine Inspiration her?

EG Viel von der Straße, auch von Pinterest.

JD Also hast du deine Boards?

EG Ja genau. Ich versuche mich ziemlich frei zu machen von Marken und so weiter, dass mich das unbewusst beeinflusst ist klar, ob mir das gefällt oder nicht. Deswegen gehe ich sehr gern Second Hand shoppen und habe eine große Liebe für Männermode. Das meiste, was ich trage, ist Unisex. Weil ich es irgendwie bequemer finde. Es ist auch nicht so, dass ich das politisch thematisiere, warum ich mich so anziehe – das gar nicht. Ich glaube, dass man dazu dann auch einen anderen Bezug hat, man hinterfragt, was schön ist oder was sexy ist, was männlich und was weiblich.

Interview JULIA DEUTSCH
Photos MATTHIAS LETON
Styling INA WITZEL
Make Up PALOMA BRYTSCHA