I AM (NOT) OK WITH THIS!

Fans von Netflix-Produktionen wie Stranger Things, Sex Education, Riverdale und hmm, die Liste könnte beliebig verlängert werden, beenden wir sie vielleicht mit The End of the F*** World, können sich freuen: es gibt wieder eine Serie, die in eine ähnliche Kerbe schlägt. Coming of Age für ein, zumindest laut FSK, älteres Publikum. Außenseiter-Teenager mit Hang zu 80er Jahre Musik erleben mysteriöse Dinge, die mit ihren seltsamen Talenten zusammenhängen.

Der neue Hit des Streaming Anbieters heißt I Am Not Ok With This, die nerdige Protagonistin (Sophia Lillis) ist ein bisschen zu cool um uncool zu sein und entdeckt nebst Akne ihre kybernetischen Fähigkeiten.

Nach dieser Erkenntnis plätschert das Teenagerleben weiter, und wir Zuschauer schauen uns sieben Folgen an, um mit der Frage zurückgelassen zu werden, ob wir froh oder traurig sein können, dass wir die Pubertät einigermaßen heil überstanden haben. Wir schwelgen in nostalgischen Erinnerungen an die eigene Schulzeit, sind traurig darüber, dass unsere Jugend nicht so divers war und  froh, dass der erste Liebeskummer plus Sturmfrei-Hausparty überstanden ist.

Wir können von Glück reden, dass wir den heimlichen Anti-Helden von I Am Not Ok With This für ein Interview gewinnen konnten. Einen klassischen Teenager, der noch in die gewohnten Kategorien passt. Gut aussehend, sportlich, bisschen dumm und arrogant – kann man unsympathisch finden, oder einfach nur angenehm unprätentiös – verkörpert wird er von dem tatsächlich wahnsinnig sympathischen Richard Ellis – ach richtig, er ist ja Schauspieler und nicht gleichzusetzen mit dem Charakter seiner Rolle, darauf legt er Wert. Ellis sieht gut aus, kann singen und, wie wir schon festgestellt haben, auch schauspielern. Einer steilen Kariere steht nach Corona also nichts im Wege.

 

 

 

 

Richard Ellis by Damon Baker

INTERVIEW Hallo Mr. Ellis, wie geht es Ihnen, wie ist die Lage?

RICHARD ELLIS Ich glaube, mir geht es ähnlich wie dem Rest der Welt. Ich versuche, drin zu bleiben, und wenn ich doch draußen bin, mit möglichst niemandem zu interagieren. Ich bin bei meiner Mutter und meinem Bruder, was echt schön ist. Die Gegend, in der wir leben, ist sehr ländlich, es gibt viel Freiraum, ich fühle mich also sehr wohl hier.

INTERVIEW Kann ich mir vorstellen. Alleine in einer Stadtwohnung zu sein, kann dieser Tage wohl sehr deprimierend sein.

RE Genau, selbst in LA ist es so, und da leben so viele Leute.

INTERVIEW  Leben Sie sonst in LA?

RE Ja, ich lebe eigentlich in Los Angeles, aber meine Familie kommt aus Connecticut. Ich habe schon vor ein paar Wochen entschieden, hierher zu kommen, noch bevor die Lage so schlimm wurde.

INTERVIEW Konzentrieren wir uns mal auf die positiven Seiten der Isolation. Man kann Serien binge watchen.

RE Haha

INTERVIEW Warum sollte man I Am Not Ok With This schauen, abgesehen davon, dass man Zeit hat?

RE Ich denke, die Serie macht erst einmal aus,  dass sie eigentlich für jede Altersgruppe funktioniert. Die Geschichte handelt zwar von Jugendlichen, die noch zur High-School gehen, aber die Art, wie sie mit den Themen umgehen, mit denen sie konfrontiert werden, ist sehr reif. Ich weiß das von meiner Mutter und auch von anderen Erwachsenen, welche die Serie geschaut haben und denen der Ton gefallen hat , weil er eben so erwachsen ist.

INTERVIEW Man könnte den Eindruck bekommen, dass dieser Ton momentan auf sehr viele Serien zutrifft. Coming-of-Age-Geschichten für Erwachsene sozusagen. Selbst Netflix empfiehlt, dass man mindestens 16 Jahre alt sein sollte, um das zu schauen. Haben Sie eine Idee, warum diese mystischen Teenager-Serien bei den Leuten so hoch im Kurs stehen?

RE Ich glaube, es liegt unter anderem daran, dass es oft dieselben Produzenten sind. Zum Beispiel wurde Stranger Things auch von 21 Laps (21 Laps Entertainment – Produktionsfirma) produziert. Sie haben einfach ein gutes Auge für Geschichten, die generationenübergreifend einschlagen.

INTERVIEW Was diese Serien noch gemeinsam haben ist, dass moderne Technik keine Rolle zu spielen scheint. Selten hat ein Charakter ein Handy. Und die 80er scheinen sowohl musikalisch als auch modisch wieder angesagt zu sein.

RE Ich weiß, dass unser Regisseur Jonathan (Entwistle), der übrigens auch The End Of The Fucking World gemacht hat, dieses zeitlose Gefühl kreieren wollte. Und ich glaube, dass dieser Technik-Aspekt  ein gutes Beispiel dafür ist, was ich vorher meinte. Wenn du die Technik weg lässt, dann können sich auch ältere Generationen damit identifizieren. Es geht eben nicht um das neueste Smartphone oder den aktuellsten Slang, es geht vielmehr darum, dass sich die Zuschauer mit persönlichen Themen auseinandersetzen- und sich dadurch mit den unterschiedlichen Charakteren identifizieren können. Ich glaube übrigens, dass sich diese Themen über die Generationen hinweg nicht wirklich verändern, aber eben der Rahmen, in denen sie sich abspielen. Und in der Serie passiert das eben auf eine etwas altmodischere Art.

INTERVIEW Denken Sie tatsächlich, dass die Jugend immer ähnliche Themen hatte? Ich habe das Gefühl, dass die Jugend heute an vielen Stellen wesentlich reifer tickt als noch vor zehn Jahren. Was sich in der Serie übrigens widerspiegelt, auch wenn die Leute in 80er Klamotten rumlaufen.

RE Nun gut, als ich jung war, bzw. als ich zur Highschool ging, ich bin in den 90ern geboren, da hatte noch nicht jeder Internet. Du musstest das Haustelefon nutzen oder an Türen klopfen wenn du jemanden treffen wolltest. Diese Erinnerung löst in mir schon ein nostalgisches Gefühl aus, das war schon ein bisschen wie ein anderes Leben. Heute kann sich jeder hinter seinem Bildschirm verstecken. Das fällt ganz besonders in der aktuellen Situation auf, ich glaube die Leute merken, dass sie diese zwischenmenschlichen Verbindungen vermissen, und ich hoffe, dass die Leute sich wieder neu darauf fokussieren werden, wenn wir die Krise einigermaßen heil überstanden haben.

INTERVIEW Und welche Jugend wird in der Serie dargestellt? Ist es die, nennen wir sie mal ‚prädigitale‘ Jugend?

RE Nehmen Sie die Serie so wahr, als würde eine „altmodische Jugend“ dargestellt werden?

INTERVIEW Einerseits, andererseits: wie Sie schon sagten, wirkt sie zeitlos, fast schon altmodisch, andererseits sind die einzelnen Rollen so abgeklärt, wie ich viele Teenager heutzutage wahrnehme.

RE Stimmt schon. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, wie es wäre, heute Teenager zu sein. Ich finde Smartphones eine tolle Technologie, aber ich erinnere mich auch noch gut an meine Middle- und High-School-Zeit, wie schwer es war, eine Identität zu finden. Und der Gedanke daran, was man heute alles sehen kann, mit wie vielen Informationen man ständig konfrontiert wird, ist schon überwältigend. Gerade wenn man jünger ist und sich noch entwickelt, kann das sehr stressig sein, denke ich.

Richard Ellis by Damon Baker

INTERVIEW Die Figur, die Sie spielen, fällt da ja angenehmerweise raus, der etwas eingebildete, dümmliche Footballer. Den gab es in unterschiedlicher Ausführung gefühlt schon immer. Während der klassische Nerd eine steile Aufmerksamkeits-Karriere hingelegt hat.

RE Meinen Sie Wyatt (Wyatt Oleff, Co-Star) zum Beispiel?

INTERVIEW Hmm Ja.

RE Ja, der ist unglaublich reif für sein Alter. Ich bin eigentlich ein bisschen älter als er, und trotzdem kommt es mir bei ihm immer so vor, als würde ich mich mit einem Gleichaltrigen unterhalten. Ich glaube, er ist ein tolles Vorbild für junge Leute. Er ist jung und trotzdem schon so aufgeklärt und bringt das auch noch cool und selbstbewusst rüber.

INTERVIEW Ich wollte eigentlich über die Rollen sprechen, aber wenn  Wyatt das erfüllt, dann passt das auch. Nichtsdestotrotz ist der fiese Gegenspieler doch auch eine reizvolle Rolle, oder?

RE Das Spannende an Brad, so heißt meine Rolle, ist, dass er wirklich viele Typen repräsentiert, die es in Middle- und High-Schools in den Staaten gibt. Ich kannte wirklich viele, die so sind. Ich muss dazu sagen, dass ich eine ziemlich ähnliche High-School-Erfahrung hatte wie die in der Serie, ich komme aus einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Es ist für mich trotzdem hart, diese Typen nachzuvollziehen. Sie kennen keine Konsequenzen für ihr Handeln, sie haben einfach keine Lebenserfahrung, keine Referenz dazu, was es heißen könnte, ein guter Mensch zu sein. Es hat echt Spaß gemacht, diese Rolle zu spielen, er ist ja das absolute Gegenteil von mir, und es ist echt spannend, was es in dir auslöst, wenn du dich so verhalten sollst, wie du dich sonst nicht verhalten würdest.

INTERVIEW Was genau meinen Sie mit den Konsequenzen?

RE Wenn du als Kind eine heiße Herdplatte anfasst, dann lernst du, dass du das nicht tun solltest. Und Brad hat eben noch nie auf diese Herdplatte gefasst, er kennt die Resultate seiner Handlungen einfach nicht. Ich möchte ihn damit aber auf keinen Fall in Schutz nehmen, ich habe ihn nur auf diese Weise interpretiert. Wenn du einen Charakter spielst, der nicht weiß, dass er etwas falsch macht, dann kannst du ihn noch viel gemeiner spielen, weil der Charakter ja denkt, dass er recht hat.

INTERVIEW Gibt es diese typischen High-School-Hierarchien heute eigentlich noch? Also die coolen Sportler, die uncoolen Mathe-Nerds usw.?

RE Da, wo ich aufgewachsen bin, gab es diese Cliquen noch. Es gab die Football-Kids, die Party-Kids, die Musik-Kids usw., und jeder blieb in seinem Kreis. Ich habe das also hautnah miterlebt. Vielleicht gibt es progressivere Schulen in New York oder LA, wo das nicht so ist, aber meine war da altmodisch, zumindest was dieses Thema betrifft.

INTERVIEW Können diese sozialen Hierarchien vielleicht  als gesunde Vorbereitung für das Leben nach der Schule verstanden werden? Bzw. ist die High-School sowas wie ein Mikrokosmos des Erwachsenenlebens?

RE Ich glaube nicht, dass sich das jemand bewusst so ausgedacht hat, junge Leute sind einfach so. Aber das mit dem Mikrokosmos sehe ich auch so. Leute wollen sich ja immer mit Leuten umgeben, die ihnen ähnlich sind, und das kann zum Problem werden, wenn wegen der Unterschiede bestimmte Gruppen andere Gruppen gemein oder herablassend behandeln. Wir sollten also mehr Verständnis gegenüber anderen Leuten entwickeln und vielleicht die Art und Weise verändern, wie wir uns gegenseitig behandeln.  Das gilt selbstverständlich für alle Gruppen. Ich selbst habe mich immer zwischen unterschiedlichen Gruppen bewegt, ich war an Musik genauso interessiert wie an Sport. Es war schon lustig, wie die Leute gesagt haben: „Er ist doch nur ein Jock“, und nicht kapiert haben, dass auch ein „Jock“ etwas durchmachen kann, du weißt ja nie, was im Leben eines anderen wirklich los.

INTERVIEW Wir wollen ja nicht spoilern, aber dass ich ausgerechnet Ihnen die folgende Frage stelle, finde ich trotzdem lustig: Ist eine weitere Staffel geplant?

RE Da bin ich mir tatsächlich nicht sicher, ich bin da in derselben Situation wie der Rest der Welt. Das hängt von Netflix und den Machern ab, ich würde mich aber freuen, das ganze Projekt war die beste Erfahrung meines Lebens.

INTERVIEW Und haben Sie sonst irgendwelche Pläne, beruflich?

RE Ich mache mit meinem Bruder zusammen viel Musik, außerdem sitze ich an einem eigenen Drehbuch. Das sind Sachen, die ich neben der Schauspielerei gerne weiterverfolgen würde, und die aktuelle Situation auf dieser Welt lässt ja sonst auch nicht viel mehr zu. Ich sehe das aber positiv. Es gibt mir die Möglichkeit, mich mit meiner Familie zu umgeben und so kreativ wie möglich zu sein.

 

 

Fotos DAMON BAKER
Grooming PATRICIA MORALES

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT