HUSSEIN CHALAYAN IM INTERVIEW

Seit gut drei Monaten nun, lehrt der Designer, für den Konzeptkunst Teil seines Lebenswerks ist, an der Berliner Hochschule für Technik Wirtschaft (HTW). Hussein Chalayan übernahm im Fachbereich Gestaltung und Kultur das Lehrgebiet „Grundlagen Gestaltungsbasis und Entwurfsprozess“ mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Innovation. Laut Aushang der Hochschule stehe im Zentrum von Chalayans Tätigkeit, die angewandte interdisziplinäre Forschung und praxisnahe Kooperationsprojekte mit der internationalen Modebranche.

Wir wissen nicht, ob diese Beschreibung des Lehrinhalts auch Inhalt der ausgeschriebenen Jobbeschreibung war, wenn dem allerdings so gewesen wäre, hätte die HTW keinen passenderen Kandidaten finden können. Chalayan steht, Zeit seiner Kariere, für genau das: Interdisziplinarität und Innovation. Seine inzwischen Kult gewordenen Mode-Präsentationen der späten 90er und frühen Nullerjahre, suchen, nicht nur in der Einbindung modernster Technologie, ihresgleichen, immer waren sie auch hochpolitisch, mutig und künstlerisch so ausgefeilt, dass selbst Kunsthistoriker dazu geneigt sind, ihn als einen begnadeten Performance-Künstler zu bezeichnen, denn als „künstlerisch arbeitenden“ Modedesigner. Chalayan bleibt dabei bescheiden, er scheut sich vor den Lorbeeren überschwänglicher Berufsbezeichnungen und arbeitet fleißig weiter. Dabei ist es um seine Kollektionen in den letzten Jahren etwas ruhig geworden, die Inszenierungen konzentrieren sich heute mehr auf Tragbarkeit und schöne Form. Kein Grund zur Sorge, der nächste Coup kommt bestimmt ­– bis dahin kann sich ein kleiner Teil Berliner-Studentinnen glücklich schätzen, von dem Meister aus London, für den Mode vielmehr als Kleidung ist, zu lernen. Dem Modeverständnis der deutschen Hauptstadt schadet das bestimmt nicht, im Gegenteil.

Photo: Semra Russel

 

INTERVIEW Herr Chalayan, sind Sie momentan eigentlich in Berlin?

HUSSEIN CHALAYAN Nein in London, aber ab nächsten Sonntag wieder.

INTERVIEW Wie oft werden Sie hier sein?

HC Ohh recht oft haha, jeden Monat.

INTERVIEW Das klingt stressig.

HC Nein, das sollte hoffentlich spaßig werden, vielleicht eher ermüdend als stressig. Aber ich freue mich darauf.

INTERVIEW Sie kennen Deutschland und speziell Berlin recht gut, oder? Sie haben hier schon des Öfteren gearbeitet.

HC Nicht wirklich, ich war nur einige Male dort, ich habe einige Freunde in Berlin. Aber die Stadt kenne ich nicht so gut, ein bisschen vielleicht, also die offensichtlichen Orte. Ich mag Berlin aber sehr gerne, es gibt viele Parallelen zu London.

INTERVIEW Abgesehen von den Parallelen der Hauptstädte, einer der großen Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien ist die Mode, haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass die Deutschen nicht wirklich an Mode interessiert sind?

HC Ja, den Eindruck hatte ich auch, aber vielleicht können wir sie inspirieren das zu ändern. Ich denke die Kunstszene ist ziemlich stark, besonders in Berlin und auch die Modeszene hat großes Potential es wesentlich besser zu machen.

INTERVIEW Immerhin unterrichten Sie hier jetzt an einer Modeschule.

HC Ich glaube, eine Person kann schlecht einen großen Unterschied machen, es geht vielmehr um die Anstrengung des Teams. Aber ich denke es könnte wesentlich mehr gemacht werden, wie gesagt, das Potenzial ist da. Und tatsächlich gefällt mir auch der Fakt, dass die Kunstwelt die Modewelt beeinflussen kann. Ich kenne viele Leute in London, welche auf die Kunstwelt als Inspirationsquelle blicken und da in Berlin viel mehr Künstler leben, könnten die Leute starke Verbindungen eingehen. Die HTW, an der ich lehren werde, hat ein Departement in welchem sie Mode mit der Umwelt verbindet, hoffentlich bedeutet das, dass es einen interdisziplinären Ansatz gibt, das wäre eine tolle Basis für Inspiration.

INTERVIEW Ist ein interdisziplinärer Ansatz heutzutage nicht elementar? Ich habe das Gefühl, dass viele junge Designer das Bedürfnis verspüren, das System Mode als solches  zu hinterfragen.

HC Absolut, und ich denke, dass Mode viele Ebenen hat, es gibt viele Ansätze die verfolgt werden können. Einige davon scheinen gegeben und das hinterfragt die junge Generation. Immerhin sind sie es ja auch, die das System verbessern können. So wie es momentan existiert ist es menschlich in vielerlei Hinsicht auch gar nicht möglich daran teilzuhaben: Die Geschwindigkeit, die hohen Kosten, die Unzuverlässigkeit des Marktes usw. Es gibt so viele Probleme welche die junge Generation ändern könnte, hoffentlich.

INTERVIEW Und kann es sein, dass durch diese Probleme die Kreativität behindert wird?

HC Ja, heutzutage geht es oft weniger um Kreativität, als um eine Präsenz auf Social-Media-Kanälen, außerdem ist es wichtig, dass du Teil einer großen Firma, oder Popstar bist usw. all diese Dinge erscheinen wichtiger als die eigentliche Kreativität.  Außerdem habe ich das Gefühl, dass niemand mehr wirklich bereit dazu ist ein Risiko einzugehen, man möchte keine Fehler machen. Diese Fehler sind aber wichtig, sie helfen dir dich zu entwickeln, etwas zu lernen. Viele junge Leute sind meiner Meinung nach zu sehr damit beschäftigt gemocht zu werden und natürlich ist die digitale Kultur ein Grund dafür.
Wenn du das Leben nur digital wahrnimmst und das betrifft auch die Mode, dann schaust du nur auf Abbilder, das kann natürlich auch spannend sein, aber man vergisst, dass es auch um ein Handwerk geht, um Materialien und wie sich der Körper in der Kleidung anfühlt usw.. Es gibt viele Dinge, auf die man achten muss, aber sie gehen alle ein bisschen unter, neben dem Aspekt wie viele Follower man hat.

INTERVIEW Auf der einen Seite gibt es die Angst nicht gemocht zu werden, aber ich glaube es gibt noch viel existenziellere Ängste, etwa die vor einer Klimakatastrophe. Wenn man die jungen Leute auf der Straße sieht, wirken sie komischerweise gar nicht so, als wäre ihnen Social Media so wichtig.

HC Ja, darauf wollte ich auch noch kommen haha.

INTERVIEW Vielleicht, nähern wir uns dem Thema aus einer anderen Perspektive: Sie scheinen Technologie zu lieben…

HC Ja, das tue ich. Das ist ein Teil meiner Welt. Es handelt sich dabei um eine Möglichkeit für mich, Ideen auszudrücken. Ich nutze Technologie in fast jeder Kollektion, allerdings nicht immer auf eine so offensichtliche Art. Die Kleidung muss ja auch schön sein und manchmal auch politisch, manchmal geht es also nur darum wie man ein gewisses Material herstellt oder wie man bestimmte Materialien miteinander mischt, dass sie aufeinander reagieren. Mich interessiert dabei eher Innovation und Innovation bedeutet nicht immer, dass man ein Klischee von Technologie  verarbeitet. Es geht vielmehr darum, welches Material man wie einsetzt, es betrifft also alle Bereiche des Schaffensprozesses.
Und in Bezug auf die schwierigen Themen heutzutage, also Klimawandel, Massenmigrationen, Brexit und der Situation in den Staaten, geht es mir auch darum, darüber nachzudenken, wie man mit gutem Design und Kreativität positiv, optimistisch sein kann. Das betrifft aber auch jeden einzelnen, man muss sich darüber Gedanken machen, wie man sein Leben verbessern will, was will ich tragen, was will ich konsumieren?

INTERVIEW Darauf wollte ich hinaus. Ich denke, einerseits kann innovative Technologie dabei helfen viele Probleme zu lösen, anderseits und hier beziehe ich mich auf das vorangegangene Thema, denke ich, dass sich Teile der Gesellschaft in eine Art post-digitales Zeitalter bewegen, es gibt nicht mehr das Bedürfnis überall auf der Welt gleichzeitig zu sein, man muss für seinen Urlaub nicht ins Flugzeug steigen und man unterstützt lokale Unternehmen und Produkte aus der Nachbarschaft…

HC Ja definitiv, auch ich spreche viel über „Community Building“, das frage ich auch meine Studenten, wie könnt ihr euch zusammentun, wie könnt ihr voneinander profitieren? Daraus kann viel entstehen, das habe ich auch schon in Wien gemerkt, wo ich früher unterrichtet habe. Und das Tolle ist, dass die jungen Leute das verstehen, sie unterstützen sich gegenseitig, weil sie die Herausforderungen begreifen vor denen sie stehen. Verglichen mit den 90ern, als ich anfing, ist das eine tolle Entwicklung, damals arbeitete man eher für sich, man machte sein eigenes Ding, man funktionierte in Blasen. Die junge Designergeneration kennt sich gegenseitig viel besser, das macht mich optimistisch und das unterstütze ich gerne.

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INTERVIEW Sie sind ja der Experte schlechthin, darin große Fragen oder Probleme zu erkennen und zu behandeln.  Themen wie Migration, Technisierung oder Multikulturalität waren oft Teil ihrer Arbeit, sie scheinen die Zukunft immer im Auge zu haben und das ist bemerkenswert bei der Schnelllebigkeit der Mode. Aktuell wirkt die Mode aber überraschend unpolitisch, darf man sich als Designer heutzutage nicht mehr positionieren?

HC Das hängt ganz davon ab wie man es macht, wenn du etwas zu sagen hast und du in der Lage bist das durch deine Kleidung zu äußern, warum nicht? Die Leute finden das allerdings oft schwierig, weil die Kommunikation der Mode ist auf Kleidung limitiert. Trotzdem glaube ich, dass es immer noch möglich und nötig ist durch die Kleidung zu sprechen. Aber du musst es fühlen und du musst einen Weg finden das so auszudrücken, dass die Leute es auch fühlen und dich verstehen. Wenn du das kannst, dann schätze ich das, aber wenn du nicht einfach darauf konzentrierst schöne Kleidung zu machen, kann ich das ebenso schätzen. Es muss authentisch sein, wenn es das nicht ist, dann gefällt es mir nicht.

INTERVIEW Sie sagten mal, Sie seien kein Künstler, sondern Designer, Ihre Arbeit wird und wurde allerdings von nicht wenigen als Kunst rezipiert, hat sich Ihre Meinung über sich selbst dahingehend geändert? Würden Sie das immer noch so sagen?

HC Hmm ja, das sind alles Rollenbeschreibungen, ich bin ein künstlerischer Designer, aber ich weiß nicht wie ich das nennen soll. Eigentlich interessiere ich mich viel mehr für die Idee, als die Worte, welche die Leute mir zuschreiben – diese Beschreibungen und manchmal auch Reduzierungen. Aber ja, ich bin ein künstlerisch arbeitender Designer und manchmal Künstler. Ich weiß es nicht. Ich denke bei Mode und Kunst handelt es sich um unterschiedliche Prozesse, Mode ist ein industrieller Prozess, Kunst nicht, bzw. Kunst war es nicht, inzwischen kann vielleicht sogar Kunst industriell sein. Die Aussage, auf die Sie sich beziehen, entstand wohl mit all diesen Fragen in meinem Kopf. Ich glaube, ich arbeite wie ein Künstler und mein Material bzw. mein Medium ist Kleidung aber das spielt keine Rolle, weil letzten Endes sind es die Ideen die mir wichtig sind.

 

Hussein Chalayan: Der britische Designer mit türkisch-zypriotischen Wurzeln, kam 1970 in Nikosia, Zypern zur Welt. Mit sieben Jahren kam er in ein Internat in England. Daraufhin studierte Modedesign am renommierten Central Saint Martin College of Art and Design in London, mit erfolgreichem Abschluss 1993. Seine vielbeachtete Abschlusskollektion „The Tagent FLows“ wurde vom Nobelkaufhaus Browns exklusiv gekauft und ausgestellt und sicherten ihm einen fulminanten Karierestart.  Es folgten zwei Jahre in Folge die Auszeichnung zum „British Designer of the Year“(1999 und 2000) und weitere Preise und Ehrungen. Von 2008 bis 2012 bescherte Chalayan die Stelle als Kreativdirektor beim deutschen Sportwear Giganten Puma noch größere Bekanntheit und den Beweis, auch kommerziell arbeiten zu können. Seine Kreationen wurden und werden in namhaften Museen und Galerien ausgestellt, er wird von der Kunstwelt ebenso geschätzt wie von der Modewelt.  

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT