HAPPY BIRTHDAY MILEY CYRUS

Eine Kindheit im Schaugeschäft (als Mädchen sammelte sie die Schlüpfer am Bühnenrand ein, die ihrem Vater zugeworfen wurden), eine Jugend im Fernsehen (Hannah Montana, kreisch!), der reichste Teeniestar aus dem Disney-Stall (#nimmdasjustinbieber): Um Miley Cyrus muss man sich keine Sorgen machen – und wer sich über ein paar Ecstasy (sie ist 20!) tatsächlich aufregt, soll halt um acht ins Bett gehen

INTERVIEW: Du kommst gerade aus London. Wahrscheinlich war die Aufregung um Baby-Prinz George noch größer als die Entrüstung über dein neues Video.

MILEY CYRUS: Gerade als wir die Stadt verließen, kamen die Breaking News: „Kate fährt ins Krankenhaus.“
Den richtigen Wahnsinn, der dann folgte, haben wir also gar nicht mitbekommen. Und ehrlich gesagt, war ich ganz froh darüber. Sonst hätte ich in jedem Interview nur über das Baby sprechen müssen.
INTERVIEW: Amerika braucht eigentlich keine Royals: Ihr habt die Kennedys, Oprah, die beiden Justins und natürlich dich, Miley Cyrus.
CYRUS: Oprah ist unsere Queen. Ob ich als Prinzessin tauge, bezweifle ich.

INTERVIEW: Du bist vielleicht eher der Prinz-Harry-Typ – zumindest, wenn man sich die Party in deinem neuen Video anschaut. Eigentlich wirkt es eher wie fünf Partys auf einmal.
CYRUS:
Das soll auch so sein! Ein wildes Party-Mash-up aller Partys, auf denen ich in den vergangenen Jahren Spaß hatte. Das meiste basiert auf echten Begebenheiten.

INTERVIEW: Die Aufregung um dein Video war bemerkenswert. In England wurde es zensiert. Angeblich, weil es zu sexy sei. MTV darf es dort nicht spielen.
CYRUS: Weswegen wir eine bravere Version vorlegen mussten.

INTERVIEW: Kontroversen verkaufen sich immer am besten.

CYRUS: Dennoch frage ich mich, was falsch läuft: Alle regen sich über mein kleines Video auf – und in Amerika erschießt George Zimmerman einen 17-jährigen schwarzen Jungen und wird freigesprochen. Die Medien sollten sich mal darauf besinnen, was wirklich wichtig und berichtenswert ist. Es wird echt Zeit, dass wir bestimmte Dinge wieder in die richtigen Relationen setzen: Warum dürfen in Amerika in Filmen mit der Altersfreigabe ab 13 ständig Leute niedergemetzelt, aber nicht eine einzige Titte gezeigt werden? Und dann fragen sich alle, wie die Welt zu so einem brutalen und gewalttätigen Ort verkommen konnte.
INTERVIEW: Na ja, man darf in Amerika ja auch mit 18 in den Krieg ziehen – und erst mit 21 Bier bestellen.

CYRUS: Ganz genau.
INTERVIEW: Was hat eigentlich dein Vater zu all dem Spanking im Video gesagt?
CYRUS: Der findet das Video super. Er schaut mir ja nicht auf den Arsch. Das wäre auch gruselig, oder? Außerdem darf er sich nicht beschweren: Mein Dad hat ziemlich viel Erfolg wegen seines eigenen Hinterns gehabt.INTERVIEW: Mittlerweile wurde das Video fast 100 Millionen Mal auf Youtube angeklickt: Schaust du heimlich nach, damit du nicht verpasst, wenn die 100 Millionen erreicht sind?

CYRUS: Nein, ich verfolge nur Twitter. Meine Fans werden sich schon melden, wenn es so weit ist. Heute morgen fehlten noch 12 000 Klicks.
INTERVIEW: Machen Klickzahlen, Follower und Ruhm süchtiger als Pot?

CYRUS: Hell no!
INTERVIEW: Ich durfte vorhin eine Handvoll Stücke hören – aber keiner verriet, wie das Album denn heißen wird.

CYRUS: Wenn ich dir das verrate, muss ich dich umbringen. Leider.
INTERVIEW: Okay, verrate es mir.
CYRUS: Das ist ein billiger Trick! Dafür bin ich zu schlau.

INTERVIEW: Als Hannah Montana wurdest du zum größten Teeniestar, den Disney je erfunden hat. Du warst die All-American-Daughter einer ganzen Nation, die dir dabei zugesehen hat, wie du älter und immer erfolgreicher wurdest. Ein wenig erinnert deine Jugend an die Truman Show. Fühlte sie sich auch so an?
CYRUS: Die Truman Show ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Ich liebe Truman.
INTERVIEW: Im Gegensatz zu ihm bekamst du dafür wenigstens ein paar ziemlich fette Schecks.
CYRUS: Das stimmt. Ich wurde bezahlt. Und im Gegensatz zu Truman wusste ich, dass Amerika mir bei jedem meiner Schritte zuschaut.

INTERVIEW: Stell ich mir furchtbar stressig vor.
CYRUS: Vor allem weil die Leute wirklich denken, sie wür- den mich kennen – deshalb denken sie auch, sie dürften über mich urteilen.
INTERVIEW: Kann jemand in deiner Position eigentlich ver- stehen, warum so viele Menschen wegen dir durchdrehen, geradezu besessen sind?
CYRUS: Ich kann gut nachvollziehen, warum man Fan von irgendwas ist oder wird. Mit der Besessenheit tue ich mich deutlich schwerer. Ich verstehe, wenn man die Musik oder einen Film einer Person toll findet und alles darüber wissen will. Aber ich kapiere nicht, warum Menschen, die sich kein bisschen für die künstlerische Arbeit einer Person interessieren, es toll finden, sich Tag und Nacht Celebritys ohne Make-up oder im Bikini anzuschauen.
INTERVIEW: Von was warst du denn Fan in deiner Zeit als Teenager? Welche Poster hingen in deinem Jugendzimmer?

CYRUS: Metallica!
INTERVIEW: Ach ja?
CYRUS: Klar. Aber auch, weil mein Bruder total Angst vor Metallica hatte. Er dachte, es sei die Musik des Teufels. Damals teilten wir uns ein Zimmer – und ich besorgte mir das größte Metallica-Poster, das ich finden konnte, und hängte es so auf, dass er jeden Abend vorm Einschlafen darauf schauen musste. Ich war eine ziemlich gemeine kleine Schwester.
INTERVIEW: Du wurdest mit 12 für Hannah gecastet, hattest mit 16 vier Nummer-eins-Alben und wurdest bereits dann von Forbes als der reichste Teenager Hollywoods geführt. Es macht durchaus Sinn, dass du dir mit 17 den Schriftzug „Just Breathe“ unter deine linke Brust hast stechen lassen.
CYRUS: Eine Freundin von mir ist an Mukoviszidose gestorben, als ich 17 war, ihr habe ich dieses Tattoo gewidmet. Aber natürlich ist es auch als Hinweis für mich gedacht: einfach mal durchatmen. Daran denke ich immer, wenn alles zu viel wird: atmen, Miley, atmen.

INTERVIEW: Hat Disney dir eigentlich einen Therapeuten zur Seite gestellt, um mit dem ganzen Druck und der großen Verantwortung leben zu lernen?
CYRUS: Ich brauche keinen Psychiater, ich schreibe Songs – und im Gegensatz zu einer Sitzung beim Therapeuten stehe ich am Ende nicht mit leeren Händen da…

INTERVIEW: Themen, für die du dich seit Jahren starkmachst, sind die gleichgeschlechtliche Ehe und die Rechte von Homosexuellen.
CYRUS: Die gerade in Kalifornien legalisiert wurde! Leider war ich gar nicht da, als es endlich so weit war: Ich bin mir sicher, West Hollywood dreht gerade völlig durch. Ich kann nicht glauben, dass es überhaupt so lange gedauert hat. Wahrscheinlich werden meine Kinder die Tatsache, dass früher Menschen gleichen
Geschlechts nicht heiraten durften, für ebenso abstrus halten, wie ich die Vorstellung, dass es tatsächlich Rassentrennung in Amerika gab.
INTERVIEW: Und das sagt jemand, der aus Nashville kommt.
CYRUS: Für ein Mädchen aus den Südstaaten bin ich ganz schön liberal. Ich will die Menschen dort nicht verteidigen, aber viele wissen es einfach nicht besser. Bei mir hat das jedoch Familientradition: Mein Großvater (Ron Cyrus) war Politiker in Kentucky, ein Demokrat. Schon ihm war egal, wer vor ihm stand: weiß, schwarz, gay, straight, total egal. Sein Blut fließt in meinen Adern. Zudem weiß ich, welches Glück ich habe, in Los Angeles zu leben. Dort darf jeder sein, wer oder wie oder was er will. Es herrscht die absolute Freiheit – und das hat nichts mit einer angeblichen Oberflächlichkeit zu tun. In L. A. werden Menschen nicht in Schubladen gesteckt und abgeurteilt. Für jeden Freak gibt es einen weiteren Freak, der auch so drauf ist. Das ist L. A. Ich liebe die Stadt.

INTERVIEW: Ein interessantes Sendungsbewusstsein für einen ehemaligen Disneystar.

CYRUS: Ich kann ja nicht We Can’t Stop singen und dann nicht sagen, was ich denke! Viele Stars haben Angst, ihre Meinung zu sagen, weil sie fürchten, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Aber das ist Schwachsinn. Wir werden auf dieses Podest gehievt – und sollten das auch nutzen. Das geht natürlich nur, wenn man eine eigene Meinung hat und nicht nur irgendetwas wie ein Papagei nachplappert.

INTERVIEW: Ach, jetzt kommen die Fragen, die ich nicht stellen darf. Warum eigentlich nicht?

(Die Aufpasserin der Plattenfirma, Ende 40, die vor dem Interview alle Fragen streng auf die Schlagworte Molly, Marihuana und Scheidung der Eltern durchforstet hatte – und in unserem Fall energisch mehr als ein Dutzend mit einem Kuli wegstrich –, schnellt hoch. Sie schaut, als könnten ihre Augen Feuer spucken. Nennen wir sie einfachheitshalber „Drachendame“)

CYRUS: Weil ich sonst wieder Ärger bekomme!
INTERVIEW: Du hast also in We Can’t Stop tatsächlich Molly (Slang für Ecstasy) besungen? In einer Pressemitteilung heißt es nun, der Text würde „We like to party/dancing with Miley“ lauten – und nicht „dancing with Molly“.
CYRUS: Rate mal.
DRACHENDAME: Wenn Sie so weiterfragen, müssen wir das Interview jetzt abbrechen.
(Der Interviewer zeigt Miley seine Hand. Auf der Innenseite steht: Molly)
CYRUS: Netter Versuch! Aber ich heiße doch Miley.

INTERVIEW: Dann liegt die Verwechslung wohl an deinem Südstaatenakzent.

CYRUS: (lacht) Nur so viel: Es nervt mich sehr, dass irgendein Journalist das Ganze an die große Glocke hängen musste, um ein wenig Aufmerksamkeit für seinen schlechten Artikel zu bekommen. Als die Single rauskam, störte sich niemand daran. Und jetzt hat dieser Journalist es uns allen verdorben. Wegen ihm musste ich eine neue Version fürs Radio aufnehmen.

INTERVIEW: Vor einigen Wochen gab es bereits Ärger, weil du in einem Interview gesagt hast, Alkohol sei viel gefährlicher als Marihuana.

CYRUS: (zur Drachendame) Es ist nicht meine Schuld. Er hat angefangen, darüber zu reden.

DRACHENDAME: Bitte keine weiteren Fragen zu irgendwelchen Drogen, das haben wir doch so besprochen.

INTERVIEW: So gesehen ist es also wirklich sehr praktisch, dass du in Los Angeles lebst. Dort ist Gras legal.

CYRUS: Wie gesagt: L. A. ist perfekt.
INTERVIEW: Aufgewachsen bist du in Nashville, Tennessee. Dein Vater, Billy Ray Cyrus, hatte wenige Monate, bevor du 1992 zur Welt kamst, einen ziemlich großen Hit mit Achy Breaky Heart. War es als Tochter merkwürdig zu sehen, wie all die Frauen Daddy anschmachteten?

CYRUS: Auf jeden Fall. Mein Bruder und ich mussten immer die ganzen Unterhosen einsammeln, die die Girls meinem Vater zuwarfen, wenn er auf der Bühne stand. Manchmal, wenn ich eine besonders große fand, rannte ich zu ihm und meinte nur: „Dad, deine Fans sind hot!“

INTERVIEW: Wie muss man sich Miley Cyrus als Schülerin vorstellen?

CYRUS: Dankbar für jedwede Ablenkung. Zum Glück wurde ich zu Hause unterrichtet.
INTERVIEW: Du durftest gar nicht zum Abschlussball?

CYRUS: Doch, mit 16. Als Begleitung eines schwulen Freundes.

INTERVIEW: Was würde die 16-jährige Hannah Montana über die Miley Cyrus sagen, die heute hier sitzt?
CYRUS: Sie wäre erleichtert: endlich geile Klamotten und eine gute Frisur. Und nicht mehr ständig diese Doc Martens …

INTERVIEW: Gab es eigentlich den Wendepunkt in deinem Leben, an dem du dachtest: „Ich bin nicht mehr Hannah Montana.“?
CYRUS: Der letzte Drehtag.

INTERVIEW: Warst du traurig?
CYRUS: Sehr glücklich.
INTERVIEW: Hattest du nie Angst, ähnlich zu straucheln wie viele Kinder- und Disneystars vor dir?

CYRUS: Man sollte möglichst wenig Zeit darauf verschwenden, über so etwas nachzudenken oder zu reden.

INTERVIEW: Was sagen denn die alten Freunde von Disney zur neuen Miley – kurzhaarig, frech und sexy?
CYRUS: Wir haben eigentlich keinen Kontakt mehr. Wahr- scheinlich versuchen sie sich zusammenzureimen, warum bei mir das mit dem Erwachsenwerden funktioniert.

INTERVIEW: Einer deiner Nachbarn in L. A. bekommt das jedenfalls nicht so galant hin. Hat sich Justin Bieber eigentlich bei dir gemeldet, als du ihm kürzlich öffentlich geraten hast, kürzerzutreten und eine Auszeit zu nehmen?

CYRUS: Ich habe es ihm übrigens nicht gesagt, weil ich denke, dass er irgendetwas schlecht macht. Alle normalen Menschen machen Urlaub und gönnen sich Pausen,
um Dinge zu überdenken. Warum sollte das nicht auch für Celebritys gelten?
INTERVIEW: Würdest du so einen Ratschlag denn annehmen?
CYRUS: Das kommt darauf an, wer ihn mir gibt.

DRACHENDAME: Die Zeit ist um: letzte Frage. Bitte nur eine Frage zur Musik.
INTERVIEW: Wir sind doch nicht der Musikexpress …

CYRUS: Frag einfach.
INTERVIEW: Du trägst einen auffallend schönen Ring am Finger (die Drachendame hatte vorab auch alle Fragen zu ihrer Beziehung / Verlobung / Trennung / heimlichen Hochzeit mit Liam Hemsworth strikt untersagt).
CYRUS: Danke! Ich trage ihn jeden Tag.

 

Von JÖRG HARLAN

Fotos HEJI SHIN

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Das Interview erschien in unserer September Ausgabe 2013