HANNELORE ELSNER

Ein Interview aus der Februar Ausgabe 2013.

Manche finden sie ein bisschen melodramatisch, dabei ist sie einfach eine Frau, die in jeder Situation eine Geschichte sieht. Manche finden, eine Frau mit 70 Jahren müsse sich nicht mehr mit einem nackten Jungling fotografieren lassen. Doch Hannelore Elsner mag einfach Rollen, die an Grenzen stoßen. Als Die Unberührbare und Die Kommissarin hat die Schauspielerin deutsche Film- und Fernsehgeschichte geschrieben, für INTERVIEW ließ sie sich kurz vor der Berlinale noch einmal in Szene setzen.

Die Idee war, ein Gespräch am Küchentisch zu führen. Doch kann man eine der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands einfach zu sich nach Hause einladen? Wir waren uns nicht sicher. Deshalb ließen wir Hannelore Elsner die Wahl: ein Treffen in einem Restaurant, an der Bar in ihrem Hotel – oder eben am Küchentisch. Gefühlte hundert Beratschlagungen später riss der Schauspielerin der Geduldsfaden: Sie habe den Eindruck, man wolle das Interview gar nicht wirklich führen. Und es sei doch klar, wo so ein Gespräch stattfinden müsse. Dort, wo montagabends bei ein paar Flaschen Wein alle guten Gespräche stattfinden – zu Hause am Küchentisch. Recht hatte sie, und es wurde eine lange Nacht im allerbesten Sinne. Denn das Leben von Hannelore Elsner ist durchaus abendfüllend.

Von Heike Blümner

 

HANNELORE ELSNER Wir planen gerade ein großes Ding zeitgleich zur Berlinale. Wissen Sie das?

INTERVIEW Nein, was denn?

HANNELORE ELSNER Dieser fantastische Film Die endlose Nacht von Will Tremper aus dem Jahr 1963, in dem ich auchmitspiele, wird dieses Jahr am 9. Februar wieder aufgeführt. Am Flughafen Tempelhof, dort wo er gedreht wurde und wo er damals auch in der Abflughalle mit der großen Uhr seine Premiere feierte. Ich bin von diesem Film nach wie vor begeistert. Harald Leipnitz, einer der Hauptdarsteller, spielt darin so unvorstellbar großartig wie der junge Marcello Mastroianni.

I Wann waren Sie denn das erste Mal auf der Berlinale?

HE Es ging erst relativ spät für mich los, obwohl, ich war ja noch ganz jung, so Anfang 30. 1973 hatte ich den Film Die Reise nach Wien mit Edgar Reitz gemacht und war zum ersten Mal dabei. Mein damaliger Partner, der Filmemacher Alf Brustellin, war auch dabei. Es war ganz toll damals. Das Festival war im Sommer, und oft war auch die Stimmung total aufgeheizt. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass Herbert Achternbusch den damaligen Innenminister Zimmermann vor den Kopf stieß, weil er von ihm keinen Preis für Das Gespenst entgegennehmen wollte, und alle protestierten. Aber vor allem saß ich Tag und Nacht im Kino, es war ein echtes Filmfest.

I Heute sind die Events ja mehr ins Zentrum gerückt.

HE Ja, aber es gab auch schon eine frühe Berlinale-Zeit, als Schauspielerinnen wie Ruth Leuwerik berühmt waren. Da standen die Events auch mehr im Mittelpunkt, doch mich hat das damals gar nicht interessiert. Heute hat das aber alles einen ganz anderen Stellenwert. Vor allem seit der Gründung der Deutschen Filmakademie gibt es ein anderes Bewusstsein in der Öffentlichkeit. Deshalb finde ich es wichtig, dort Präsenz zu zeigen. Die Berlinale und die Veranstalter sind heute einfach großartig.

I Feiern Sie gerne?

HE Ja, das macht Spaß. Feiern ist was Herrliches – aber nur, wenn ich nicht in einer Produktion bin. Na gut, vielleicht mal ein kleiner Unfall hier und da. Aber schau mal, es ist doch so, wenn ich in Berlin bin: Die Leute rufen an und sagen, komm doch hierhin und dahin, aber das geht einfach nicht. Ich muss ja abends arbeiten und Texte lernen. Ich kann dann nicht rausgehen und feiern. Leider.

I Was gab es noch für Highlights auf der Berlinale?

HE Am tollsten ist es natürlich, wenn man selbst mit einem Film da ist. Dann ist man irgendwie so geschützt und getragen von dieser Euphorie. Als Die Unberührbare im Panorama lief – das war auch so eine Sache. Das war ja die letzte schlimme Tat von Moritz de Hadeln, dass er Die Unberührbare ins Panorama steckte und nicht in den Wettbewerb. Das hat niemand verstanden. Dem hat der Film einfach nicht gefallen. Das ist doch unvorstellbar. Da sind auch die Filmjournalisten auf ihn losgegangen. Und dann wurden wir auch noch für den Oscar nominiert, das war für ihn schon ein bisschen peinlich. Unter Kosslick hätte das sicher anders ausgesehen.

Ich habe mich immer über das Älterwerden gefreut, weil es bedeutet, dass man länger am Leben ist. Aber ich komme jetzt schon in eine andere Zeit für mich, wo ich denke, dass ich noch nicht alles in Ordnung gebracht habe

I Entsprachen Ihre frühen Filme, als Sie ganz jung waren, Ihrem damaligen Lebensgefühl?

HE Ach, diese Filme wie Lausbubengeschichten. Mein Gott, das sind gut gemachte Filme, und Theo Lingen und solche Schauspieler, das waren ja ganz tolle Leute. Mein in Anführungsstrichen berühmtester Auftritt war der, wo ich die französische Austauschschülerin Geneviève spiele. Da war ich auch gerade in Paris gewesen und konnte diesen wunderbaren französischen accent so gut. Lustige Filme, sonst nichts. Das habe ich gemacht, um Geld zu verdienen. Ich nenne das Papas Kino, aber das war nicht das Wichtige für mich, das hat auch mich nicht geprägt.

I Wen interessierte dieses Kino damals?

HE Mich interessierte es nicht. Ich war ganz anders, und es gab ganz viele, die auch anders waren. Meine Anfänge liegen auch nicht in diesem Genre. Angefangen habe ich mit einem jungen türkischen Regisseur, Halit Refig, der mich auf der Straße entdeckt
hat und mich zu Dreharbeiten in die Türkei holte. Er wurde später ein anerkannter türkischer Filmemacher. Damals, mit 16 Jahren, habe ich nicht begriffen, warum der Film schlussendlich nicht zustande kam. Erst später habe ich verstanden, dass er einen ernsthaften Film machen wollte und nicht so eine läppische Liebesgeschichte, wie es der Produzent gern gehabt hätte. Auch vor Die endlose Nacht habe ich Filme gemacht, die waren ganz düster, so Schwarz-Weiß-Filme, wo junge Mädchen auf die schiefe Bahn geraten sind. Und dann gab es noch die berühmten Stahlnetz-Filme im Fernsehen, wo ich eine junge Mörderin spielen durfte. Und ich habe viele Jahre lang Theater gespielt.

 

 

 

I Heute spielen Sie kein Theater mehr?

HE Ich wollte mehr Film machen, und ich wollte nicht Teil eines festen Ensembles werden. Aber ich finde Theater nach wie vor spannend, und wie zum Beispiel Nina Hoss Theater und Film miteinander verbindet, finde ich super. Theater ist lebenstechnisch gesehen sehr anstrengend. Du bist den ganzen Tag mit diesem anderen Leben beschäftigt und abends immer auf der Bühne. Diese ewige Konzentration Tag und Nacht, und dann die Tourneen. Gerade mit einem kleinen Kind war das irgend wann auch zu krass.

I Das Fernsehen hat ja in Ihrer Karriere auch eine große Rolle gespielt.

HE Ja, da war natürlich Die Kommissarin ganz wichtig für mich.

I Das war eine sehr beliebte Serie.

HE Absolut, und es gab viele gute Fernsehspiele und Serien.

I Ich würde aber auch sehr gerne über das heutige deutsche Fernsehen mit Ihnen lästern.
Sind Sie dabei?

HE Ich kann nicht über das deutsche Fernsehen schimpfen, denn ich schaue nur die besten Sachen. Arte, 3sat, ZDFinfo und ZDF neo, da freue ich mich immer so sehr, zum Beispiel auf die Sendung Kulturzeit. Wenn ich dann noch wunderbare Dokumentationen über Oscar Niemeyer oder die deutsche Jazzsängerin Inge Brandenburg sehe, die es ganz schwer hatte und in den 50er- und 60er-Jahren auch dazu verdonnert wurde, blöde Schlager zu singen, obwohl sie doch Jazzmusikerin war, dann finde ich das toll. Im Übrigen hatte ich erst seit Anfang der 80er-Jahre überhaupt einen Fernseher.

I Das heißt, Sie konnten sich selbst im Fernsehen gar nicht sehen.

HE Genau. Ich saß lieber im Kino, habe praktisch in Filmen gewohnt. Französisches und polnisches Kino, das war meine Welt.

I Und heute sitzt wahrscheinlich die junge Garde Schauspieler fassungslos vor dem Tatort und träumt davon, in einer amerikanischen TV-Serie mitspielen zu dürfen.

HE Vielleicht, wer weiß das schon? Was mir nicht gefällt, schaue ich mir auch nicht an. Das war schon früher so. Deshalb bin ich erfüllt von guten Sachen, und ich sehe heute auch viel Gutes.

I Bei vielen Frauen, mit denen Sie damals Ihre Karriere begonnen haben, lief es auf der Langstrecke ganz anders als bei Ihnen. Elke Sommer, Barbara Valentin zum Beispiel.

HE Die Valentin war eine wilde Frau. Ganz anders als ich, das war nicht mein Ding. Ich habe immer auf mich aufgepasst. Fassbinder habe ich natürlich immer bewundert, aber da ist der Kelch an mir vorübergegangen. Er wollte, dass ich an seinem Theater spiele, aber ich war gerade an den Kammerspielen beschäftigt und musste ihm absagen. Hätte ich Zeit gehabt, wäre ich das Wagnis sicherlich eingegangen. Aber im Nachhinein glaube ich, dass mir das nicht gutgetan hätte. Ich war nicht so ein höriges Mädchen. Obwohl ich trotzdem eine Sehnsucht hatte nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Es bildeten sich ja überall Gruppen, und die waren sehr geschlossen.

I Einerseits träumten Sie vom französischen Kino, andererseits haben Sie pragmatisch und willensstark an Ihrer Karriere gearbeitet. Wie geht das zusammen?

HE Na ja, ich wollte zum Beispiel nicht mit alten Männern ins Bett steigen wegen irgendeiner Rolle. Da war ich wirklich moralisch und habe auf mich selbst aufgepasst. Da gab es ja auch zum Beispiel diesen französischen Produzenten. Der machte mir ein eindeutiges Angebot, und da wäre bestimmt was rausgesprungen, aber dazu hatte ich keine Lust. Später habe ich dann manchmal gedacht: Ach, warum eigentlich nicht? Aber nein, so bin ich einfach nicht.

I Was ist heute für junge Schauspieler anders?

HE Ich glaube, dass es besser geworden ist. Es gibt auch andere Stoffe. Die Bandbreite ist für junge Schauspieler größer als für uns damals.

I Und was noch?

HE Schau mal, ich weiß doch manchmal gar nicht, wie das alles heute läuft. Die jungen Schauspieler haben alle eine Agentur, Stylisten, PR-Leute, die alle das Bild für sie nach außen tragen.

I Und Sie?

HE Ich hatte immer mal wieder eine Agentur, aber ich habe doch keinen Stylisten und keinen Assistenten. Hach, das wär noch was. Es ist nicht so, dass ich das alles total ablehne. Das wär vielleicht schon schön, aber wer weiß. Bei einer Preisverleihung saß mal Sophia Loren vor mir und hatte so ein Spitzenkleid an. Und neben ihr saß immer so eine Frau, die ständig an ihr rumfummelte und zupfte. Das war ihre Assistentin, und ich dachte mir: Wow, das ist ja toll. Und dann dachte ich: Ach nein, das würde mir auf die Dauer auf den Wecker gehen.

I Gerüchteweise lässt sich Sophia Loren unter ihren Kleidern in Zellophanfolie einwickeln und wird dann beim Fotoshooting ins Bild geschoben, weil sie so nicht mehr laufen kann.

Ich lebe mehr denn je aus Koffern und frage mich manchmal, ob ich nicht irgendwo ein Sofa haben müsste, auf das ich mich setzen und sagen kann: Jetzt bin ich hier zu Hause

HE Okay, falsches Beispiel vielleicht, aber wir sind ja auch hier nicht in Hollywood. Wenn ich Millionen verdienen würde, fände ich es vielleicht auch chic, jemanden zu haben, der mir meine Kleider aussucht. Aber irgendwie ist mir das auch alles zu äußerlich. Ich finde meine Sachen selbst, und ich habe so ein paar Kleider, die ziehe ich dann auch immer wieder an. Als ich zum fünften Mal mein schönes schwarzes Kleid anhatte, wurde ich auch schon mal von einem Journalisten gefragt, wie oft ich es mir in meiner Position erlauben könne, dasselbe Kleid zu tragen. Und ich sagte, sooft es mir gefällt, natürlich.

I Es scheint, als müssten alle sich ständig umziehen.

HE Ja, es ist doch wirklich schlimm. Selbst bei Angela Merkel heißt es dann: Die Jacke hatte sie aber schon mal da und da an. Ja, was soll sie denn machen? Sie wegschmeißen?

I Und ständig muss man drüber sprechen.

HE Ja genau. Und wenn mir dann irgend so eine Moderatorin ihr Mikro unter die Nase hält, und ich schaue in ihre kalten Augen und sehe, wie es in ihrem Gehirn rattert, und sie schreit: „Frau Elsner, Frau Elsner, Sie sehen ja heute sehr gut aus, wie lange haben Sie dazu gebraucht, um das hinzukriegen?“ Da denke ich nur: Wie jetzt? Zum Glück sind das aber nicht DIE Medien, denn auf der Berlinale oder auf Premieren treffe ich wieder ganz tolle Menschen, das sind dann richtige Filmjournalisten, die stellen gute Fragen. Die kennen sich mit Schauspielern aus, denn sie wissen, wir müssen geliebt werden – dann ist es immer gut, dann ist es immer schön. Da können die Fragen auch kniffelig sein. Aber auf dem roten Teppich bekomme ich manchmal eine regelrechte Amnesie, mit dem Zeug, was die da wissen wollen.

I Als junge Schauspielerin hatte Sie Maria Nicklisch, der Star der Münchener Kammerspiele, die damals ungefähr in Ihrem jetzigen Alter war, so ein bisschen adoptiert.

HE Ja, das war so.

I Sie sagen, dass zwischen Ihnen beiden eine Art „wehmütiger Vertrautheit“ bestand. Kennen Sie das Gefühl heute auch jüngeren Kolleginnen gegenüber?

HE Absolut. Solchen Diven wie die Nicklisch eine war, denen wird ja gerne nachgesagt, dass sie junge Schauspielerinnen nicht leiden können. Dabei ging es eher darum, dass sie schlechte Schauspielerinnen nicht leiden konnte. Und so spießig sind die Leute auch heute noch, dass sie denken, eine ältere Schauspielerin kann die jüngeren nicht ausstehen. Als Kommissarin zum Beispiel hatte ich sehr viel mit jungen Schauspielerinnen zu tun und habe oft versucht, denen die Angst zu nehmen. Ich gebe doch gerne was weiter und gebe was her von mir.

I Und worin liegt die wehmütige Vertrautheit?

HE Ich meine das sehr zärtlich. Bei Maria Nicklisch habe ich gemerkt, dass sie sich in mir gesehen hat, wie sie war, als sie jung war. Und diese Wehmut, dass sie es nun nicht mehr war und trotzdem so eine stolze, schöne Frau, das meine ich damit. Das ist eher ein kleines Gefühl, so ganz süß. „Ach, jetzt fährst du wieder nach Paris!“, sagte sie zu mir. Ich habe sie vergöttert, hatte Ehrfurcht vor ihr. Heute achte ich darauf, dass es keine Abgrenzungen gibt zwischen den Generationen. Das tut ja nicht gut. Allerdings wird man dann immer verdächtigt, dass man sich jung machen will, deshalb bin ich vorsichtig. Aber wenn ich mich zum Beispiel mit den Freunden meines Sohnes unterhalte, bin ich doch immer wieder überrascht, wie viel wir voneinander verstehen.

“Heute achte ich darauf, dass e s keine Abgrenzungen gibt zwischen den Generationen. Allerdings wird man dann immer verdächtigt, dass man sich jung machen will”

I Beim Fotoshooting zu diesem Interview waren Sie ja auch von jungen Männern umgeben. Wie war das?

HE Das ist ein ganz spezielles Thema. Wir hatten mit dem Team regelrecht philosophische Gespräche während des Shootings, denn es ging ja um mich, wie ich als Frau mit diesen jungen, nackten Männern umgehe und sie als Helden irgendwie tragen muss. Als Assoziation fiel mir ein Dokumentarfilm ein über junge dänische Männer, die mit Überzeugung, Kraft und dem Willen zu helfen in den Afghanistankrieg gezogen sind. Nach einem halben Jahr waren sie alle kaputt und verzweifelt. Das Bild, das ich von mir in diesem Zusammenspiel mit dem jungen Mann hatte, war das einer mitleidenden Beschützerin. Dieser Mann, er war so ätherisch, fast wie ein Geist, und das war auch eine Metapher auf das junge Leben, das geopfert, aber auch geschützt werden muss. Es hatte für mich nichts Erotisches. Es war etwas anderes, selbst mütterlich würde zu kurz greifen.

I Entdecken Sie manchmal Verhaltensweisen an sich, die Sie an Ihre eigene Mutter erinnern?

HE Eher nicht, sie war ein sehr konventioneller Typ. Das war ja die Zeit, wo einem nicht aus einer Überzeugung heraus etwas verboten oder erlaubt wurde, sondern weil man das einfach so tat. Wie sie reagiert hat, als ich meinen ersten Freund nach Hausegebracht habe! Ich würde einen Teufel tun und mich einmischen, wenn mein Sohn Dominik seine Freundinnen nach Hause bringt. Das ist seine Sache.

I Ihre Mutter war jung auf sich gestellt und hat ganz allein die Familie durchgebracht. Ist das vielleicht eine Parallele zu Ihrem Leben?

HE Absolut. Meine Mutter war sehr stark. Aber trotzdem ist es schwierig, selbst diese Parallele zu sehen. Mütter und Töchter, das ist eine schwierige Sache. Außerdem bin ich zum Beispiel auch ein viel mütterlicherer Typ. Ich habe mich auch immer frei und lebendig gefühlt – trotz Einschränkungen …

I … und trotz früher Todesfälle in der Familie und des Todes Ihres Lebenspartners Alf Brustellin. Dann kam Ihr Sohn zu früh auf die Welt, und viele Jahre waren Sie alleinerziehend. Ganz schön viel zu verkraften.

HE Ich bin schon auch traurig. Aber weinen tue ich dann woanders, also zu Hause. Grundsätzlich bin ich aber sehr dankbar und könnte die ganze Welt umarmen, dass alles so toll gelaufen ist. Wenn einem was Schlechtes passiert, könnte es immer noch schlechter sein. Es dauert ziemlich lange, bis es einem wirklich nicht mehr schlechter gehen kann, beziehungsweise es gibt immer etwas, worüber man sich freuen kann. Selbst wenn ich krank werde, kann ich mich freuen, dass ich bis dahin gesund war. Ich bin ein melancholischer Mensch, aber ich versuche immer, es mir schön zu machen.

I Ein weiterer enger Freund, den Sie verloren haben, ist Bernd Eichinger. In Ihren Memoiren schildern Sie Ihre Beziehung als sehr sexy, intensiv und schnell.

HE In allen meinen Beziehungen ist so viel Glück und Liebe und Sexiness, und ich wollte immer jeden einzelnen der Männer lieben. Die Liebesbeziehung zwischen Bernd und mir war schon sehr speziell und auch schwierig, denn ich hatte ja ein kleines Baby, und es war nicht einfach, mit ihm die Nächte durchzumachen. Ich brauchte immer eine Babysitterin, die ihm übrigens sehr dankbar war, weil er so großzügig war. Aber dass es dann aufgehört hat – es sind halt Männer –, da musste ich oft konsequent sein. Ich wollte ihm das Kapitel über ihn so gerne noch zeigen. Es ist auch deswegen so kurz, weil ich ihm und seiner
Frau nicht zu nahe treten wollte.

“Im Übrigen hatte ich erst seit Anfang der 80er-Jahre überhaupt einen Fernseher. Ich saß lieber im Kino und habe praktisch in Filmen gewohnt. Französisches und polnisches Kino, das war meine Welt”

I Waren Sie von seinem Tod überrascht?

HE Ich habe immer Angst um sein Leben gehabt, weil er so schnell gelebt hat. Aber von seiner Frau Katja wurde er auch getragen, er hat aufgehört, zu rauchen und zu viel zu trinken. Ich hatte den Eindruck, dass er ruhiger wurde. In der Zeit nach seinem Tod bin ich nirgendwo hingegangen, weil ich nicht öffentlich über ihn reden wollte. Ich bin sehr froh, dass andere es gemacht und seine Arbeit gewürdigt haben. Ich hätte es nicht gekonnt, weil er mir als Mensch so nahestand.

I Sie haben einmal gesagt, dass man Routine braucht für „das unordentliche und durcheinanderne Leben“. Sind Sie für ein geregeltes Leben auf immer verloren?

HE Mit einem leisen Aufschrecken denke ich manchmal, dass ich ein bisschen ordent licher werden müsste. Ich habe mich immer über das Älterwerden gefreut, weil es bedeutet, dass man länger am Leben ist. Aber ich komme jetzt schon in eine andere Zeit für mich, wo ich denke, dass ich noch nicht alles in Ordnung gebracht habe. Ich lebe mehr denn je aus Koffern, meine Wohnung ist wie eine Durchgangsstation, da stehen noch Kisten von vor 20 Jahren. Ich mag das auch, einerseits. Andererseits frage ich mich manchmal, ob ich nicht irgendwo ein Sofa haben müsste, auf das ich mich setzen und sagen kann: Jetzt bin ich hier zu Hause. Ach, ich weiß es nicht. Eigentlich befürchte ich, es geht immer so weiter mit dem durcheinandernen Leben. Ich bin noch zu jung für so viel Ordnung.

I Und Müßiggang?

HE Dauernd, immer und überall.

I Aber sind Sie nicht auch ein bisschen Workaholic?

HE Ja, aber diesen Raum habe ich mir immer genommen. Also spazieren gehen zum Beispiel, immer, immer, immer spazieren gehen. Müßiggang heißt für mich …

I Abschalten?

HE Nein.

I Ach.

HE Schon ganz da sein, aber ich tue dann halt gerade nichts. Ich sag ganz oft, ich hab was zu tun, und dann gehe ich spazieren. Müßiggang heißt auch für mich, dass ich einkaufen gehe und nicht schnell wieder nach Hause rasen muss, sondern mit meinen Tüten noch ein bisschen rumstehe und hier und da reinschaue. Und dann habe ich ganz tolle Erlebnisse, dann schaut eine Frau aus irgendeinem Lokal raus und fragt mich, ob ich nicht reinkommen will. Glücklicherweise habe ich dann zwei Stunden Zeit, und dann trink ich mit ihr einen Wein. Müßiggang heißt für mich, kein Ziel zu haben. Dann nehme ich mir gar nichts vor. Das zelebriere ich richtig.

I Und Urlaub?

HE Urlaub mache ich eigentlich nicht mehr so oft. Früher habe ich Ferien mit meinem Kind gemacht. So nenne ich das. Urlaub … ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau, was das ist.

 

 

Interview HEIKE BLÜMNER
Photography RALPH MECKE
Styling KLAUS STOCKHAUSEN
Model CLEMENS BUCHWALD
Hair & Make-up ANDRÉAS BERNHARDT @ BASICS using BOBBI BROWN
Prop Styling TINA REISINGER @ PERFECT PROPS
Photography assistant FLORIAN AZAR & KRISTINA WEINHOLD
Styling assistant CAROLINE LEMBLÉ & ADRIAN FEKETE
Retouch POST-PRODUCTION RECOM
Production FRANK SEIDLITZ & DOROTHEA FIEDLER