HAPPY BIRTHDAY A$AP ROCKY

Als A$AP Rocky im Herbst vergangenen Jahres sein erstaunlich schwungvolles Mixtape Live.Love.A$AP in die Öffentlichkeit entließ, hatten die Hip-Hop- Hörer, Musikblogger und Trendscouts einen neuen Liebling. Die Aufregung war derart groß, dass sogar die mittlerweile höchst zögerliche Plattenindustrie auf ihn aufmerksam wurde und von dem 23-jährigen Rapper aus Harlem nicht genug bekommen konnte. Seine eigentümliche Mischung aus bekifften Südstaaten-Beats und Reimen über die Welt des Verbrechens und der Mode klang einfach zu bezaubernd – und wann gab es zuletzt einen Rapper, der einfach mal so den Designer Rick Owens in seinen Doppelreimen nennt?

A$AP Rocky, der mit bürgerlichem Name Rakim Mayers heißt, hatte eine Kindheit, von der sich die meisten Menschen nicht erholen würden. Doch Rocky boxte sich durch, dealte, rappte, ließ sich von nichts und niemandem brechen. Seine Reime sind von ansteckender Positivität, seine Rap-Crew, in der alle den Vornamen A$AP (Always Strive and Prosper) tragen, wurde zu seiner zweiten Familie. Der guten Laune des 23-Jährigen dürfte der gerade unterschriebene Plattenvertrag über gerüchteweise drei Millionen Dollar keinen Abbruch getan haben. Als wir Rocky zum Foto-Shooting in einem Studio in der South Bronx trafen, trug er eine ziemlich konventionelle Hip-Hop-Uniform: schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarze Stiefel. Lediglich das Logo auf seiner schwarzen Mütze ließ erkennen, dass dieser junge Mann tatsächlich seinen Rei Kawakubo von seinem Yohji Yamamoto unterscheiden kann – darauf steht: „Commes des Fuckdown“.

Interview: Rocky, lassen Sie uns ein wenig über Ihre Jugend reden. Sie sind in Harlem aufgewachsen.

A$AP Rocky: Yeah. Als ich ein Kind war, wohnten wir in der 116. Straße. Ecke Morningside.

Interview: Ich kann mich an den Morningside-Park in den 80er-Jahren erinnern: alles voller Crack- Zombies.

Rocky: Es war verrückt! Ich könnte jetzt auch sagen: alles voller Hip-Hop. Wir wohnten jedoch auch einmal für drei Jahre bei meinem Dad in Pennsylvania, von acht bis elf. Die übrige Zeit pendelte ich zwischen der 116. und der 140. Straße in Harlem. Manchmal verbrachte ich auch die Sommer in New York und die Winter in Pennsylvania …

Interview: … zumindest so lange, bis Ihr Vater wegen Drogenhandels verurteilt wurde. Damals waren Sie zwölf Jahre alt.
Rocky: Und es war eine totale Katastrophe, die uns völlig aus der Bahn warf. Als mein Vater in den Knast musste, begann für meine Familie eine schlimme Zeit.

Interview: Zeitweise haben Sie und Ihre Mutter in Obdachlosenheimen gelebt.

Rocky: Ja, es war wirklich ziemlich hart.

Interview: Wo genau waren diese Unterkünfte?

Rocky: Eine davon war in North Carolina. Das war eine krass riesige Turnhalle voller Stockbetten, in der irgendwelche Penner Kopf an Kopf lagen und ihre Klamotten und Habseligkeiten am Fußende in großen Tonnen aufbewahrten. Als wir dort ankamen, schauten meine Schwester und ich uns nur an – und fingen an zu weinen. Eigentlich sind wir nur dorthin gezogen, weil meine Mutter hoffte, ihre Highschool- Liebe wiederzufinden, oder jedenfalls irgendwas in der Art. Es ist eine lange Geschichte, die man in einem Satz abkürzen kann: Sie wollte ein neues Leben beginnen. Mein Vater hatte ihr ein paar Babys angehängt, sich dann in der Gosse verlaufen und landete am Ende im Knast. Das hat meine Mutter natürlich alles sehr verletzt. Sie war allein. Und wollte einfach nur ihr bisheriges Leben zurücklassen. Später wohnten wir für eine Weile bei meiner Tante – aber das war fast noch härter, da wir plötzlich in so einer Mittel- klasse-Vorstadtsiedlung festsaßen. Wie ich diese ganzen Kids dort gehasst habe! Sie hänselten mich an der Bushaltestelle und spielten ständig ihre beschissenen Spielchen mit mir. Die einzigen Freunde, die ich in der Schule hatte, waren die Kids aus ärmeren Vierteln. Später, als meine Mum einen Job gefunden hatte, zogen wir in einen Block voller Sozialwohnungen. Dann hatte sie jedoch Streit mit einem Arbeitskollegen, woraufhin sie den Job – und wir die Wohnung – wieder los waren. Irgendwann entschied sie, dass wir zurück nach New York ziehen sollten. Also packten wir und zogen dorthin. Wieder in eine Obdachlosenunterkunft. Immer wenn Freunde nach der Schule meinten: „Yo, Rocky, lass uns doch mal zu dir gehen“, antwortete ich: „Nein, ich darf niemanden mit nach Hause bringen. Meine Mum arbeitet dort.“ Ich habe mich zu sehr geschämt, als dass ich jemandem erzählt hätte, wo und wie wir wohnen. Eines Abends erwischte mich ein Typ, den ich kannte, direkt vor der Tür und meinte nur: „Yo, was machst du denn hier, Mann, das ist doch eine Obdachlosenbude.“ Ich behauptete, meine Mum arbeite dort. Ich habe mich wirklich sehr geschämt dafür. Heute fällt es mir leicht, darüber Witze zu machen – was einfach ist, wenn man aus eigener Kraft etwas erreicht hat.

Interview: Sie haben Ihren älteren Bruder verloren, als Sie 13 Jahre alt waren. Welchen Einfluss hatte er auf Sie? Und wie hieß er?
Rocky: Er hieß Ricky. Und ich wollte immer so werden wie er. Ricky trug geflochtene Zöpfe, hörte Bone Thugs-N-Harmony und wusste, wie man bei den Mädchen landet. Er war jedoch auch ein Kämpfer, irgendwie verrückt, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Interview: Wie viel älter war Ricky denn?

Rocky: Sieben Jahre.
Interview: Wie ist er gestorben?
Rocky: Er wurde erschossen. Und zwar genau in dem Block, in dem ich geboren wurde. 116. Straße.

Interview: Das hat Sie nicht davon abgehalten, später selbst Drogen zu verkaufen …
Rocky: … mit 13 Gras, später, mit 14 oder 15, dann Crack in der Bronx. Das habe ich ein paar Jahre lang gemacht. Als ich 21 war, zog ich schließlich zu meiner Mutter rüber nach New Jersey.

Interview: Wann haben Sie aufgehört zu dealen?

Rocky: Ziemlich genau am Memorial Day … Es war hart. Ich hatte kein Geld und musste stark bleiben. Ich wollte unabhängig sein. Heute ist Geld ja kein Thema mehr, aber damals … Heute geht es mir gut: Die Musik, die Karriere, alles läuft.
Interview: Sie sind 23 Jahre alt und haben gerade einen Plattenvertrag über drei Millionen Dollar unterschrieben. Ihr Leben ist ein Traum. Sind Sie glücklich?
Rocky: Oh Mann, es hilft! Ich war immer zuversichtlich, aber jetzt werde ich noch viel härter arbeiten. Mein Team ist super, das Label auch: Jetzt ist es an der Zeit, völlig durchzudrehen!

Interview: Sie interessieren sich auch für Mode.

Rocky: Yep, seit meiner Geburt! Wer in den Vierteln aufwächst, aus denen ich komme, interessiert sich für Mode. Wir kompensieren durch unsere Klamotten die Tatsache, dass wir arm sind. Jeder versucht so gut auszusehen wie nur irgend möglich, um sich bei Laune zu halten. Diese Einstellung wurde mir mitgegeben. Mein Vater hat sich immer darum gekümmert, dass ich die richtigen Jordans und Zeug von Guess und so trage. Damit bin ich aufgewachsen. Mittlerweile hat sich mein Sinn für Mode allerdings ein wenig verändert.
Interview: Klar, in Harlem war die Mode auch immer ein weniger lauter. Während Ihrer Zeit an der Highschool sind Sie dann durch die Secondhandläden in SoHo gezogen. Woher haben Sie denn gewusst, nach was Sie suchen?

Rocky: Na ja, das Schwere ist, die richtige Kombination zu finden. Jeder in Harlem kennt Gucci. Und wenn man sich fragt, wo man Gucci kaufen kann, wird man irgendwann bei Saks Fifth landen. Dort gibt es Gucci – und viele andere Marken. Also fängt man an nachzuforschen. Ich bin mit dem Internet aufgewachsen. Man googelt die Designer, checkt die Schauen, schaut, was in der nächsten Saison für Sachen kommen und so weiter. Meine Jungs und ich wollten nicht Designerzeugs um jeden Preis – uns ging es darum, anders auszusehen als die anderen.

Interview: Anders sein zu wollen ist ja nicht immer einfach. Vor allem, wenn man 15 oder 16 Jahre alt ist, wenn die meisten Kids eigentlich bloß nicht auffallen wollen.

Rocky: Das stimmt. Ich wollte ja auch nicht wie ein Loser aussehen, aber eben auch nicht langweilig und gewöhnlich. Das war eine der Situationen, bei der ich einfach meinen Kopf weit genug oben getragen habe. Wie gesagt, es mangelte mir nie an Selbstbewusstsein. Und das tut es auch heute nicht! Es gibt auch nicht wirklich viel, was mir jemand entgegenschleudern könnte, um mich zu verletzen oder fertigzumachen. Ich weiß, wer ich bin und woher ich komme. Ich weiß, dass manche Dinge, die wir tun, anderen nicht passen. Aber das ist uns egal. Wir machen das, was wir machen, weil wir uns danach fühlen und weil wir so sind. Scheiß auf deine Gesetze, scheiß auf deine Regeln, scheiß auf deine Grenzen. Wir sind wir.

Interview: Eine Sache, die Sie offen ansprechen, ist die Homophobie im Hip-Hop. Wir leben in einer Zeit des rapiden Wandels, aber manche Dinge, beispielsweise die schwulenfeindlichen Zeilen, die im Hip-Hop weitverbreitet sind, scheinen dagegen immun zu sein.

Rocky: Ich bin weder ein Schwulenaktivist, noch habe mich für die Rechte der Schwulen eingesetzt – ich kann jedoch sagen, dass viele der Designer, die ich trage, die ich mag, schwul sind. Warum sollte ich auch nicht mit einem Schwulen befreundet sein? Warum bitte schön nicht? Man verpasst ziemlich viel, wenn man die Menschen so engstirnig und stereotypenbehaftet beurteilt. Es ist so dumm! Mir ist es egal, wer wen mag und was mit ihm macht. Das kümmert mich nicht. Ich weiß, was ich tue – und ich habe jede Menge Spaß mit den Frauen, die ich so treffe.

Interview: In die Welt des Hip-Hop passt es eigentlich auch nicht wirklich, dass Sie Vegetarier sind. Warum haben Sie sich entschieden, kein Fleisch mehr zu essen?

Rocky: Ich bin Pescetarier. Ich esse Fisch. Und ich mag Pelze, Nerze, Chinchillas und solche Dinge, deshalb bin ich auch kein Tierrechtsaktivist. Ich mag es einfach nicht, dass die Tiere in zu kleine Käfige gesteckt und dort mit Präparaten hoch- und großgespritzt werden, damit sie mehr Geld bringen. Und all die Steroide und der ganze Scheiß sind einfach nicht gut für uns. Ich habe aber auch gerade aufgehört, Süßigkeiten zu essen – und werde als Nächstes versuchen, mich vom Alkohol zu verabschieden und mehr zu trainieren. Noch bin ich jung, aber die Zeit verfliegt – und ich habe einfach keinen Bock, mit 40 irgendwelche Rückenprobleme oder so was zu haben, nur weil ich zu krass durchgedreht bin, als ich jung war.

Interview: Es war also eine Entscheidung aus gesundheitlichen Gründen.

Rocky: Ja, ich will meinen Körper, meinen Kopf, meine Seele rein halten. Deshalb habe ich beschlossen, nichts mehr zu essen, das lebendig ist, das bluten kann und atmen und rumrennt und Geräusche macht. Bald werde ich auch aufhören, Fische zu essen. Auch wenn es mir schwerfallen wird, aber ich muss das durchziehen.

Interview: Ich habe es versucht. Es ist wirklich schwierig.
Rocky: Wie lange?
Interview: Etwa drei Monate. Ich habe jedoch in der Zeit ziemlich viel Sport gemacht und musste immerzu an Truthahn denken – Truthahn, Truthahn, Truthahn –, nach einer Weile wurde ich schwach. Und Truthahn war der Anfang vom Ende: Steaks, Burger, ich weiß nicht, warum allein der Gedanke daran mir das Wasser in meinem Mund zusammenlaufen lässt.

Rocky: Sehen Sie den Kaugummi, den ich gerade kaue? Ich rede mir ein, er sei ein Steak.

Interview: Kaugummi mit Steak-Geschmack.

Rocky: Das klingt nach Willy Wonka.
Interview: In der New York Times war zu lesen, dass Sie Rapper aus New York nicht so gerne mögen.

Rocky: Ich wurde falsch zitiert. Was ich meinte, war, dass viele der Rapper, die auch gerade in New York hochkommen, nicht auf meiner Wellenlänge liegen.

Interview: Also die der neuen Generation.

Rocky: Ja, die aktuellen halt. Es steht jedoch außer Frage, dass New York ein paar tolle Rapper zu bieten hat. Vor allem die älteren halten das Spiel am Laufen!

IntervIew: Als Purple Swag veröffentlicht wurde, fielen die Reaktionen in New York anfangs eher verhalten aus. Wie sind Sie damit umgegangen?

Rocky: Alle außerhalb New Yorks haben es gefeiert, was in New York widerwillig zur Kenntnis genommen wurde. Aber mir ist das egal, auch heute: Ich kann nicht auf irgendwelche Geschmäcker und Erwartungen Rücksicht nehmen, sonst verliere ich mein eigentliches Ding, nämlich meine Musik, aus den Augen. Das ist Musik für Leute, die vorne sind. Das ist die Zukunft!

Interview: Und was kann da noch kommen?

Rocky: Ich muss es so deutlich sagen: die Spitze. Das letzte Stückchen. The top. Auch wenn wir eigentlich schon dort sind. Aber es gibt ja noch the tippy-top. Und: the tippy-tip-top.

 

Grooming MARRIEL BARRERA für DIOR/ JOE MANAGEMENT

Retouching THE REALNESS

Stylist Assistant JEAN HALL

Production Assistant MOLLY WELCH

Special Thanks LIGHTBOX-NY

Photography GREGORY HARRIS/ TRUNKARCHIVE.COM

TY (links): Basecap SSUR; Bandana PRIVAT; Jacke Y-3

RockY (mitte): Mütze SSUR;  Bandana & Ketten PRIVAT; Sweatshirt & Jeans RICK OWENS

Interview März 2012