FABER

“Ich hab alte Freunde gegen falsche ausgetauscht”, lauten die ersten Worte von “I fucking love my life“, Fabers zweitem Album. Die Zeit verglich den Gesang des Schweizer Liedermacher schon mit Nick Cave und Leonard Cohen.

Mit kratziger Raucherstimme singt er vom Rechtsruck und bezahlter Liebe in Texten, die gerne ordentlich unter die Gürtellinie zielen und aus fragwürdigen Perspektiven berichten. Dazu noch Posaunen, Piano, Gitarre und Violine und schon ist die Mischung perfekt.

Man will nicht nur bis in die späte Nacht dazu tanzen. Nein, Fabers Musik weckt auch auf, denn auf dem neuen Album wird sich wohl jeder auf die ein oder andere Weise wiederfinden.

Dass seine Texte messerscharf berühren und tiefgreifend aufwühlen, wird spätestens klar, wenn man sich die Kontroverse um den Song “Das Boot ist voll” ansieht, denn auch der Songwriter schneidet sich gelegentlich mal.  Nicht nur wurde der Refrain geändert, es kam auch noch ein gewaltiger Shitstorm oben drauf. So bewegt war Pop schon lange nicht mehr.

Im Interview verrät Faber woher sein Name kommt und welche Folgen es haben kann, wenn man den Mut aufbringt Politik und Kunst zu vereinen.

 

Milla Mann Woher kommt eigentlich der Name Faber, und was bedeutet er?
Faber haha
MM  …
F  Naja ich hatte zuerst den Namen und habe mir dann Stories dazu überlegt, dadurch sind sie alle irgendwie erlogen. Ich habe viele Stories, eine kann ich dir erzählen.

MM Erzähl mal eine.

F Der Name ist eine Kombination:- ich weiß nicht ob ihr Homofaber kennt, das Buch von Max Frisch, das ist jedenfalls sehr bekannt und Max Frisch ist ein super Schweizer Autor, den ich sehr mag. Ich hab das Buch allerdings erst gelesen, nachdem ich mir den Namen gegeben habe und hoffentlich hat Homofaber nichts mit mir zu tun weil das Ende ist ja ganz schlecht. Gleichzeitig gibt es Fabrizio De André, einer der wichtigsten ‚Cantautore‘, also Singer- Songwriter, Italiens und Fabrizio kürzt man mit Faber ab. Ich dachte der Name kommt nicht so schnell aus der Mode, ist aber auch kein Modename, ich dachte also, ich könnte damit länger leben…

 

MM Warum hast du dir überhaupt einen Künstlernamen zugelegt?

F Das hatte verschiedene Gründe: erstens glaubte ich so eine leichte Distanz zu wahren, nicht dass es funktionieren würde, aber stell dir vor, du musst als Billie Eilish aufs Amt, dann steht da Billie Eilish und jeder weiß jetzt kommt Billie Eilish. Aber das war nicht der Hauptgrund, mein Vater macht auch Musik, mit seinem echten Namen, ich wollte nicht unbedingt, dass das von Anfang an Thema ist.

MM Deine Songs erzählen oft aus anderen Perspektiven heraus, dient der Name ebenfalls einem gewissen Schutz?

F Wenn du ein Buch schreibst ist es klar, dass der Protagonist nicht gleich der Autor ist – solange es keine Autobiographie ist natürlich. In der Musik ist das irgendwie schwierig den Leuten zu erklären. Daran lag es eigentlich nicht, aber ich dachte immer das sei klar.

MM Und wie kommst du dazu, andere Perspektiven zu erzählen? Die meisten Popmusiker singen von ihren eigenen Gefühlen oder sind bekannt dafür über ihre Verflossenen zu schreiben.

F Das mache ich auch.
MM Du hast also auch Herz-Schmerz-Songs im Repertoire?

F Ja klar, ich habe das Gefühl viele Schmerz-Songs zu haben, ich will, oder wollte mich nur lange nicht auf das reduzieren, was unmittelbar mit mir zu tun hat, weil die Welt ist ja doch ein bisschen größer als dein unmittelbares Umfeld und das was dich gerade betrifft. Gerade die gesellschaftlichen Fragen betreffen uns ja auch alle irgendwie, bzw. sehr sogar. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb ich immer wieder aus anderen Perspektiven schreibe, weil man sich nicht ganz rausziehen darf aus diesen Sachen: Man ist Teil der Gesellschaft, man hat eine Mitverantwortung. Und auch wenn viele sagen: „Ich bin nicht so, ich bin anders“ hat man leider trotzdem ganze viele kleine Sachen von der Gesellschaft übernommen, auch wenn man die verabscheut und das zu erkennen ist ein wichtiger Punkt, wenn man was ändern will. Wenn man immer denkt “Ich sehe keine Hautfarben“, dann wirst du vielleicht immer unterschwellig rassistisch sein, weil du daran gar nicht arbeiten kannst, wenn du nicht weißt, dass du es bist.

MM Du scheinst nicht der Typ zu sein der Angst davor hat jemanden auf die Füße zu treten.

F Mir ist schon bewusst, dass ich gerade mit dem neuen Album wirklich jeder Gesellschaftsgruppe auf die Füße getreten bin und jetzt zahle ich auch den Preis dafür.

MM Wie groß schätzt du bei dem Preis, der zu zahlen ist, den Einfluss der Medien und auch der sozialen Medien ein?

F Wenn jemand etwas schreibt, dann nehmen alle das auf, und ihr Journalisten schreibt ja gerne auch ab. Natürlich bespickt ihr das dann später mit euren eigenen Ideen, aber mit so einem Artikel kann einiges losgetreten werden. Social Media ist ein anderes Phänomen, jeder Trottel kann da öffentlich und anonym seine Meinung sagen und das führt dazu, dass das eine riesen Plattform für irgendwelche Leute ist, die sich nicht dafür rechtfertigen müssen, sehr bösen Sachen zu schreiben.

MM Deine Single „Das Boot ist voll“ hat einen Shitstorm ausgelöst, dir wurden u.a. „Vergewaltigungsphantasien gegen rechts“ vorgeworfen, woraufhin der Inhalt in kürzester Zeit geändert wurde…

F Ja den musste ich ändern

MM Wegen des Drucks?

F Ne, nicht auf den Druck anderer hin, das ist kein Witz. Ich hab da einfach was falsch gemacht, ich war schneller als die Kritiker. Hat mir zwar nichts gebracht, aber ich war eigentlich schneller.

MM Bist du deshalb wütend?
F Auf mich?
MM Generell und auf die Reaktionen die es gab.

F Jein. Also auf mich bin ich schon bisschen wütend, aber ich hatte nicht die Kraft mich da durchzusetzen. Ich hatte eigentlich schon länger gedacht, ich müsse den Text ändern, aber da waren viele Leute, die gesagt haben „ey wenn du das änderst, dann wirkt das wie ein Rückzieher, als würdest du die Message nicht so meinen“ – das wollte ich natürlich nicht. Deshalb, habe ich das erst so gelassen. Und auf die Reaktion der Medien bin ich nicht wütend, es ist total fair und total berechtigt, dass man dafür auf die Fresse kriegt. In erster Linie habe ich von mir selber am meisten auf die Fresse gekriegt. Was mich vielleicht ein bisschen wütend macht ist die Polemik, ich hätte das gemacht um mich selbst zu profilieren. Einen Teil der Leute, die das als erstes geschrieben haben, kenne ich persönlich, einige von denen waren sogar bei mir zuhause oder haben bei mir gepennt, Damals hieß es aber noch „das ist der Retter der Popmusik, der nimmt kein Blatt vor den Mund“. Ich finde auch, dass die Wortwahl überhaupt nicht gerechtfertigt war, denn solche Dinge darf man einfach nicht sagen. Aber, dass man ernsthaft meinte, ich würde das wörtlich nehmen ist total Quatsch. Wenn jemand sagt „fick deine Mutter“, dann nimmt auch keiner an, die Message sei „hab Geschlechtsverkehr mit deiner Mutter“

MM Ist es anstrengend immer politisch zu sein?

F Ja, das ist schon ein bisschen anstrengend.

MM Und politisch korrekt sein?

F Ich finde es ganz schlimm, dass „politisch korrekt sein“ für viele ein Schimpfwort ist, gleichzeitig finde ich, dass man es nicht immer sein muss, gerade wenn man eine Beschreibung der Gesellschaft macht, dann soll das auch authentisch sein und wenn du so oder so sprichst, dann solltest du in deinen Liedern oder Büchern auch so sprechen. Auch wenn es nicht so wirkt, ich probiere privat sehr vorsichtig mit solchen Sachen umzugehen und das ist – ob anstrengend oder nicht – auf jeden Fall gut, weil Sprache schon eine gewisse Gewalt hat. Und, dass ich politisch bin in meinen Songs, ist auch mega mühsam, weil du so krass Gegenwind kriegst die ganze Zeit. Da hast du die Rechten die dich hassen und du hast die anderen, die dir sagen, du nutzt Themen aus, um dir Publicity verschaffen. Dabei würde ich mich natürlich freuen, wenn es gewisse Themen auf der Welt nicht gäbe und ich sie nicht besprechen müsste.

Fabers Album “I fucking love my life” erscheint am 01.11.19

 

Interview MILLA MANN

Fotos c: Universal