DR. MICHAELA DUDLEY

Es ist bedauerlich, dass über gewisse Dinge erst dann gesprochen wird, wenn Furchtbares passiert. Denn der Mensch hat die schlechte Angewohnheit, Probleme so lange zu ignorieren, bis sie ihn persönlich betreffen. Probleme wiederum haben die schlechte Angewohnheit, sich dadurch nicht in Luft aufzulösen. Ganz im Gegenteil: meistens werden sie schlimmer und im schlechtesten Fall enden sie tödlich. So im Falle des rassistisch motivierten Mords an George Floyd vor nunmehr vier Wochen, welcher eine Bewegung auslöste, die rückblickend, global betrachtet, an Vehemenz ihresgleichen sucht. Der Westen hat reagiert, teils solidarisch, teils hilflos, teils auch selbstkritisch. Wir könnten uns bekräftigend zunicken, dass die Debatte anzuhalten scheint, gleichzeitig aber könnten wir umso heftiger unseren Kopf schütteln darüber, dass nach dem anfänglich doch recht anständigen Bedürfnis, die Situation auf Deutschland zu übertragen (sich nach Vorfällen wie Hanau, Halle oder Chemnitz an die eigene Nase zu fassen), die Stimmung inzwischen zu kippen droht und zumindest gewisse Politiker es für angebrachter halten, Journalisten zu kritisieren, als die Diskussion konstruktiv voran zu treiben. Zumindest würde es der Anstand gebieten, sich an die eigenen Freunde zu erinnern, die teilweise Vorsitzende des Verfassungsschutzes und gleichzeitig auf dem rechten Auge blind und populistisch waren. Oder einfach die Klappe zu halten und in Rente zu gehen.
Erinnern wir uns nochmal an die  Aussage unseres Innen- und Heimatministers Horst Seehofer: „Denn aus Worten folgen immer auch (…) Taten“. Toll. Irgendwas scheint da wohl irgendwo hängen geblieben zu sein, wobei  der Kontext seiner Aussage nicht ganz klar macht, ob das eine Drohung oder ein Versprechen war. Anyway, keiner hat je bezweifelt, dass auf Worte Taten folgen, weshalb die viel interessantere Frage sein sollte: Auf welche Worte folgen welche Taten? Oder noch präziser: Auf welche von wem ausgesprochenen und an wen gerichtete Worte folgen welche Taten?
Und so dreht sich der deutsche Mainstream in einer Endlosschleife im Kreis. Kritik gilt den anderen. Kritik gilt niemals mir, und wenn sie es dann doch mal tut, dann ist das ein Skandal, ein Angriff auf das System, eine Bedrohung für das wohlige Gefühl das Privileg zu haben, Probleme so lange ignorieren zu können, bis es knallt – was dann natürlich wieder die Schuld der anderen ist.

Unsere Gesprächspartnerin Dr. Michaela Dudley erklärt, dass die auf den Black Lives Matter Demonstrationen vielfach skandierten Worte „no justice, no peace“ lange als Bedrohung aufgefasst wurden, dass das aber eine falsche Interpretation sei, denn „Eine Gesellschaft, die nicht dazu bereit ist, dafür Sorge zu tragen, dass alle Mitglieder eine Chancengleichheit in punkto Gerechtigkeit haben, ist eine Gesellschaft, die auf Dauer niemandem Frieden gewährleisten kann.“  Zuhören, Seehofer, und lernen. Manchmal folgen die besseren Taten, wenn man einfach nur zuhört.
Wir sind überaus dankbar, dass wenigstens wir Frau Dudley zuhören durften. Wie kaum eine andere Person in Deutschland ist sie in der Lage, tatkräftige Worte zu finden. Studierte Juristin, Humoristin auf Berliner Kleinkunstbühnen und afroamerikanische trans Frau. In ihrem Alter sei Schminken Denkmalpflege, sagt sie, den Sockel für solche Denkmäler stellen wir gern:

TOBIAS LANGLEY HUNT Frau Dudley, entschuldigen Sie bitte, dass das gestern nicht geklappt hat mit dem Telefonat und vielen Dank für Ihre Geduld.

MICHAELA DUDLEY Geduld muss man haben, besonders wenn alles so eilig ist, ist sie nicht minder entscheidend. Das ist eine Paradoxie, aber gerade dann ist Geduld…

TLH Dann ist Geduld eine Tugend?

MD Ich sage zu Leuten, die dazu verdammt sind auf mich zu warten: Pünktlichkeit kann gut sein, aber Timing ist optimal. Und wer eine Verabredung mit einer trans Frau hat und kein Zeitkissen von 45 Minuten draufschlägt, der ist selber schuld.  Es gibt Pünktlichkeitsfanatiker, die immer rechtzeitig da sind, aber ob sie dann auch betriebsbereit sind, ist eine andere Frage.

TLH Wie geht es Ihnen, ganz allgemein gefragt?

MD Es ist eine sehr bewegte Zeit für mich, zum einen gesundheitlich, im Winter bekam ich eine akute Bronchitis, eine schwere Lungenentzündung – nicht Covid, ich habe mich zweimal testen lassen. Jetzt bin ich zwischen Genesung und Genuss, aber es dauert an. Hinzu kommen die großen und kleinen Mikroaggressionen, ja, es gibt auch große Mikroaggressionen des  Alltags, mit denen alle Menschen zu tun haben, speziell aber People of Colour, in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Außerdem die Nachrichten aus den USA, über die Ermordung Schwarzer Menschen im Namen des Staates. Das versetzt dich in einen gewissen Weltschmerz. Anderseits habe ich auch Hoffnungen, dass die Entwicklung rund um George Floyd an Tempo gewinnt und sich in die richtige Richtung entwickelt. Es ist eine sehr melancholische Zeit für mich, manchmal wünsche ich mir in einer anderen Zeit zu leben, weil ich mich nicht sehr wohl fühle.

TLH Ist Ihr Weltschmerz der aktuellen Situation geschuldet oder ist er chronisch?

MD Neu ist er nicht. Eigentlich war er immer da, aber wir haben uns lange mit alltäglichen Routinen betäubt. Man ging seinen Beschäftigungen nach und wenn der Arbeitstag zu schlimm war, konnte man sich abends betrinken. Durch Corona und die Quarantäne, die ich persönlich für sehr richtig halte, wurde uns Zeit gegeben. Klar, einige fanden es wichtiger gegen Masken zu demonstrieren, aber viele haben die Zeit genutzt, um zum Beispiel über gesellschaftliche Missstände nachzudenken. Leute die früher reflexhaft gegen Dinge wie das bedingungslose Grundeinkommen waren, sehen das plötzlich anders.
Und auf die Vereinigten Staaten bezogen fällt auf, dass POC von Corona unverhältnismäßig stark betroffen sind. Aber auch viele weiße Menschen wurden von der Epidemie beeinträchtigt: Menschen aus der Mittelschicht haben ihre Arbeit verloren, was meistens auch bedeutet, seine Krankenversicherung zu verlieren. Sie fahren jetzt zu Suppenküchen, was sie sich zuvor nie vorstellen konnten. Die eigentlich privilegierte weiße Mittelschicht merkt, wie prekär sie eigentlich gelebt hat. Die Leute merken, wie krank das System ist, sowohl was das Soziale, das Wirtschaftliche, aber eben auch Themen wie Rassismus betrifft. Viele erleben ein Gefühl der Ohnmacht, welches sie nicht mehr hinnehmen wollen. Diese Ohnmacht, bezogen auf den Fall George Floyd, war auch für mich eine sehr persönliche Sache. Wie gesagt, ich hatte eine Lungenentzündung, ich konnte nicht singen, nicht auftreten, nicht atmen, und dann sehe ich im Fernsehen, dass ein Tatverdächtiger wegen vermeintlich 20 gefälschten Dollar mit dem Knie erwürgt wird. Nicht atmen konnte. Das Nicht-atmen-können, haben viele in der Gesellschaft auf die ein oder andere Weise verspürt. Auch vielen Weißen blieb die Stimme weg, sie haben in sich geschaut, gesehen, was da ist und konnten es dennoch nicht in Worte fassen.

TLH Warum glauben Sie, dass ausgerechnet der Fall George Floyd auch viele weiße Menschen plötzlich so betroffen macht?

MD Es gab immer schon Fotos von Lynchings, man konnte immer die Resultate sehen, den toten Schwarzen Mann am Baum baumelnd, aber selten hat jemand den Mord, den Tathergang gesehen. Im Falle George Floyd kann man nicht mehr wegschauen, und viele wollen das auch nicht mehr. Dieses Mal war es kein böser Unfall. Die Leute merken, dass sich etwas verändern muss, die vermeindlichen Privilegien der weißen Mittelschicht sind nicht gegeben, das hat Corona ihnen gezeigt. Und sie schauen in die Zukunft und wollen nicht, dass ihre Kinder in einem Umfeld leben, in welchem Rassismus und Hetze die Tagesordnung sind.

TLH Hinzu kommt wahrscheinlich auch das Video aus dem Central Park in New York: eine weiße Frau droht einem Schwarzen Mann mit der Polizei, obwohl dieser sie nur darauf hinwies, dass ihr Hund nicht angeleint ist.

MD Absolut. Amy Cooper. Interessanterweise trägt auch der Schwarze Herr den Nachnahmen Cooper. Man kann sich vorstellen, wenn er ihr das gesagt hätte, wäre sie noch mehr ausgerastet. Aber ja, unbedingt. Mit diesem Video konnten die Leute sehen, wie das anfängt. Klar, das „ich mag nicht, was du machst, ich rufe die Polizei“ ist ziemlich ausgeprägt, aber in diesem Fall sah man den Rassismus. Ich rufe nicht an und sage, irgendein Herr belästigt mich, sondern ich rufe an uns sage: „Ein Afroamerikaner belästigt mich.“ Übrigens sehr gewählte Worte, sie sprach nicht von einem „bad black man“, sie nutzte ausdrücklich das Wort „Afroamerikaner“. Die Wortwahl lässt erkennen, dass sie den Eindruck hinterlassen wollte, dass sie eigentlich tolerant ist, dieser Typ es aber zu weit treibt.
Wäre dieses Video an irgendeinem anderen Tag aufgenommen worden, wäre es wahrscheinlich auf dem Haufen der Karen-Videos gelandet. Karen als Prototyp der weißen Frau, die ihre Ansprüche erhebt. Im Zusammenhang mit George Floyd konnten viele weiße Menschen plötzlich das Potential der Karen in sich erkennen, die Gesellschaft konnte sehen, wie schnell es gehen kann. Der Ladenbesitzer in Minneapolis, der die Polizei gerufen hat, hat das aus seiner Sicht bestimmt aus gutem Grund getan, ich vermute, dass er nicht mit den Folgen gerechnet hat. Amy Cooper aber hat Wert darauf gelegt, dass es sich um einen Afroamerikaner handelt, sie wusste ganz genau, dass diese Betonung bedeutet, dass der Mann dann Freiwild ist.
Es gibt ein weiteres Video, ich glaube aus Georgia, eine weiße Frau wird auf dem Highway von der Polizei gestoppt, sie hat Angst, sie  sagt, dass so viele sterben, wenn die Polizei sie anhält. Und der Polizist beruhigt sie mit „don’t worry, you’re not black, nothing is gonna happen to you, don’t be afraid.“ Auch wenn man es so verstehen könnte, dass der Polizist das psychologisch meint und die Frau nur beruhigen will, zeigt dieses Video die Wahrheit.

TLH Die ganze Situation sorgt auch in Deutschland für viel Bewegung und zumindest anfänglich für Diskussion. Weil die Strukturen aber nicht wirklich vergleichbar sind, würde ich den Fokus gerne mit einer etwas anderen Frage hier her holen. Warum glauben Sie, dass wir in Deutschland so große Schwierigkeiten damit haben, Dinge zu benennen? Das fängt schon damit an, dass es kompliziert wirkt, Label im positiven Sinne zu nutzen. Die USA scheint da viel weiter, es ist kein Problem, die Fremd- oder Eigenbezeichnung „black“ bzw. „white“ zu benutzen.

MD Ja, das ist in der Tat so. Sie werden bestimmt auch festgestellt haben, dass mit dem Begrifft Race und Rasse unterschiedlich umgegangen wird. In Deutschland bringt man das Wort Rasse unweigerlich in Verbindung mit den 30er und 40er Jahren, mit der NS-Zeit und so weiter. In den Staaten werden Aussagen wie „Race-relations“ oder die Frage „whats your race?“ gar nicht so negativ gesehen. Wenn man auf meine Geburtsurkunde schaut, aus dem Jahre 1961, steht da Negro. Dabei bin ich, wie die meisten Menschen in den USA, gemischt. Es ist Tatsache, dass es auch Weiße, also Sklavenbesitzer, in meiner Familie gab. Es heißt aber immer, ein bisschen N* ist gleich N*. Damals war es normal, Negro-Race zu sagen, oder von coloured zu sprechen. Selbst die Bürgerrechtsorganisation NAACP beinhaltet CP, was für Coloured People steht. Heute würde man dir nicht empfehlen, das in deinem Namen zu tragen, wenn du eine Organisation starten würdest. Das erinnert sofort auch an Südafrika, wo ja ganz penibel unterschieden wurde. Black, Coloured und so weiter – und ganz oben weiß. Auch über „black“ wird immer wieder diskutiert, aber bei dem Beispiel Race, hat man sich darauf geeinigt, dass man darum keinen Bogen machen kann, wenn man Racism bekämpfen will. Das Wort sollte nicht negativ besetzt sein, sondern man sollte seine Race mit Stolz betrachten. Ich glaube, das ist der Grund dafür, die Amerikaner nennen etwas gerne offen beim Namen.

TLH Vielleicht andersherum gefragt: Auf Ihrer Website ist Ihre Selbstbeschreibung zu finden: „Die Berliner Kabarettistin Michaela Dudley, Juris Dr. (US), ist eine Transfrau mit afroamerikanischen Wurzeln.“ Warum reicht es nicht zu schreiben: „Michaela Dudley ist eine Berliner Kabarettistin?“

MD Weil ich stolz darauf bin. Weil ich offensiv damit umgehe und nicht will, dass man mir vorwirft, ich würde irgendwas verschleiern. Ich sage „afroamerikanisch“ mit allen Risiken und Nebenwirkungen, ich will Stellung beziehen bzw. buchstäblich Farbe bekennen. Wenn ich böse zu mir sein wollte, würde ich sagen: „Mensch Michaela, schreibst du das, um dich irgendwie von Afrikanern zu unterscheiden?“ Erfahrungsgemäß wird man als Afroamerikanerin besser behandelt. Das ist aber nicht der Beweggrund, es ist in der Tat einfach nur mein Stolz auf den amerikanischen Part. Außerdem will ich zeigen, dass es auch Amerikaner gibt, die für gute Sachen eintreten, die mehrsprachig sind, die Kultur nicht nur buchstabieren, sondern auch leben und erleben können.
In den USA ist man dazu sozialisiert Stellung zu beziehen und sich seiner Wurzeln bewusst zu sein. Ich ging in den 60ern und 70ern in die Schule, damals kam die Black-Power-Bewegung auf. Ich ging zwar auf eine katholische Klosterschule, aber selbst dort gab es viele links-orientierte Lehrerinnen. Es war eine Zeit des Aufblühens, an das Lied von James Brown „I’m Black and I’m Proud“ erinnere ich noch sehr gut. Ich wuchs also in einem Ambiente auf, in welchem man dazu ermuntert wurde, sich zu seinen Wurzeln zu bekennen. Das ist prägend, ich stehe dazu. Das war viele Jahre vor dem Buch „Roots“ von Alex Haley, aber im Grunde war das im selben Sinne.

TLH Stichwort „Stolz“. Der Pride-Gedanke wird ja von der LGBTQ+-Community sehr ausgeprägt zelebriert. Jährlich erleben wir den Pride-Month, Partys, den Christopher Street Day usw. Ist die Möglichkeit des Feierns dieses Stolzes ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft in dieser Hinsicht weiter ist als in Bezug auf Rassismus?

MD „Weiter“ ist relativ, auch die LGBTQ Leute werden weiterhin diskriminiert. Aber die Akzeptanz wächst. Parallel dazu darf man nicht vergessen, dass auch in der LGBTQ Community Rassismus stattfindet. Nur weil man in einer marginalisierten Nische lebt, ist man davor noch lange nicht gefeit. Einerseits wächst die Akzeptanz und damit auch die Community und gleichzeig wächst die Wahrnehmung dafür, dass es auch intolerante Elemente  gibt, die immer schon da waren. Einige fühlen sich sogar dazu berechtigt, sich in irgendeiner Weise rassistisch zu äußern und dann ihr Schwulen- oder Lesbendasein als Schutzschild dafür zu gebrauchen, nach dem Motto: „Ich bin doch auch Gay, aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“
Von außen betrachtet stimmt es schon, auch hier wächst die Akzeptanz, Unternehmen haben gemerkt, dass sie damit Geschäfte machen können und private Familien haben gemerkt: „Moment, meine Tochter ist lesbisch, dann ist das schon ok.“

TLH Und warum hinkt der Rassismus da so hinterher?

MD Dafür gibt es viele Gründe. Hauptsächlich geht es aber um die Hautfarbe. Schwarz ist auffällig, man kann schwul oder lesbisch sein und nicht auffallen, bei trans ist das etwas schwieriger, ginge aber auch. In deiner Haut steckst du aber drin, du kommst nicht raus. Ich bin nicht paranoid, aber es hat immer noch viel mit der Angst vor dem Schwarzen Mann zu tun. Schwarzsein ist sichtbar und konfrontiert andere Menschen immer, einige fühlen sich unwohl, andere haben Angst vor einerseits der Hautfarbe und andererseits davor, was die Schwarzen noch alles fordern. „Die reden immer von 400 Jahren Sklaverei, aber jetzt sind sie doch frei, was wollen die noch?“ Die Leute wollen nicht wahrhaben, dass die rassistischen Strukturen aus der Sklaverei nicht ausgelöscht worden sind, und ob sie es merken oder nicht, sie profitieren davon.
Es geht auch viel um die Deutung von Freiheit. Wenn weiße Menschen in Unterdrückung aufbegehren, wie damals zur Geburtsstunde der USA, dann ist der Überfall auf die Briten nicht Terrorismus, sondern der Gott gewollte Drang nach Freiheit. Aber wenn Schwarze Menschen aufbegehren, wird das sofort als etwas Bedrohliches empfunden. Auch das ist auf die Sklaverei zurückzuführen, beziehungsweise auf die Frage, warum so viele im Süden gegen die Abschaffung der Sklaverei waren. Die reichen Leute haben von der Sklaverei gelebt, und die Armen hatten etwas davon, jemanden unter sich zu wissen. Und wenn du ihnen dann gesagt hast, dass Menschen das Recht auf Freiheit haben, dann haben sie dir zugestimmt, aber der N*, der ist doch kein Mensch, der ist unser Eigentum, er muss für uns arbeiten, wenn er nicht mehr für uns arbeitet, was wird dann aus uns? Das habe ich jetzt überspitzt ausgedrückt, wie auf der Kleinkunstbühne, aber im Grunde stimmt es. Der Weiße denkt, und jetzt pauschalisiere ich, dass der Schwarze immer was für umme (Berlinerisch. umsonst)will. „Freiheit, Unterstützung vom Staat, was wollen die denn noch? Das muss endlich mal aufhören.“ Dabei ist es umgekehrt, der Weiße kann die Rechnung gar nicht begleichen, welche der Schwarze ihm ausstellen könnte, also warum damit anfangen?
Wenn heutzutage jemand schwul oder lesbisch ist, dann ist das okay, die bleiben unter sich, aber wenn du anfangen würdest, einer so großen Gruppe entgegenzukommen, was würden sie dann noch alles wollen?

TLH Können Sie ein Beispiel nennen, wo sich das Gefühl der Bedrohung heutzutage äußert?

MD Lange gab es die Aussage „No justice, no peace“, also keine Gerechtigkeit, keinen Frieden, sie wurde von vielen Weißen als Drohung empfunden. Wenn wir die Schwarzen nicht glücklich machen, dann schlagen sie alles kurz und klein, nach dem Motto: wenn die keine Gerechtigkeit bekommen, geben sie uns keinen Frieden. Nach und nach wird begriffen, dass das keine Drohung ist, sondern eine apodiktische Wahrheit. Eine Gesellschaft, die nicht dazu bereit ist dafür Sorge zu tragen, dass alle Mitglieder eine Chancengleichheit in punkto Gerechtigkeit haben, eine Gesellschaft, in welcher nur Privilegierte Gerechtigkeit erwarten dürfen, ist eine Gesellschaft, die auf Dauer niemandem Frieden gewährleisten kann. Schwarze wollen keine Sonderrechte, sondern Rechte. Fertig.

TLH Aber Sie sehen auch, dass sich dahingehend etwas verändert?

MD Ja, auch weil viele die Weißen die Resultate sehen. Die Resultate der toxischen Gesellschaft der letzten Jahre. Die Mischung aus Propaganda bei FOX, die Hetzparolen aus dem Weißen Haus, der Einsatz von Militär gegen Schwarze et cetera, et cetera. Sie merken, dass sich da etwas akzeleriert hat, dass sich etwas ändern muss, dass man den Schwarzen zuhören muss und nicht mehr nach dem Motto handeln kann, lasst sie uns befriedigen und vielleicht ist dann mal Ruhe. Sie merken, dass sich die Strukturen ändern müssen.
Es gibt kleine Schritte in die richtige Richtung, ein Beispiel ist die NASCAR, diese Stock Car-Rennen in den Südstaaten, dort war es üblich, dass man die Autos mit der Konföderierten Flagge verziert hat.

TLH Die Südstaaten Flagge, die unter anderem dem Ku-Klux-Klan als rassistisches Symbol  dient.

MD Richtig. Die NASCAR Liga hat jetzt eingesehen, dass es sinnvoll wäre, die Südstaaten Flagge zu verbannen. Es gibt übrigens nur einen professionellen Schwarzen NASCAR Fahrer, unter hunderten weißen, mit Millionen von Fans.
Ein anderes Beispiel ist, dass letzte Woche der Chef vom NFL, die National Football League,  das ist wie Bundesliga, Champions League und DFB-Pokal zusammen, sagte, dass er es im nachhinein als Fehler betrachte, gegen Colin Kaepernick gestichelt zu haben (Kaepernick protestierte in der Vergangenheit öffentlichkeitswirksam gegen Rassismus in der NFL). Und im nachhinein wäre das Niederknien während der Nationalhymne völlig in Ordnung gewesen. Das alles wäre vor George Floyd undenkbar gewesen. Das macht schon Hoffnung.

TLH Was hat Sie eigentlich damals dazu bewegt, nach Berlin zu ziehen?

MD Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Vater war beim Militär und auch bei der Air-Force. Wie viele Mitglieder meine Familie. Ich habe also Westdeutschland und Westberlin schon in meiner Jugend kennengelernt. Viel später, als ich erwachsen war, schaute ich immer nach Berlin als einen Ort des Auf- und Umbruchs. Berlin war prickelnd, vielleicht lag es an einer vagen Sehnsucht nach Weimarer Verhältnissen. Ich spürte meine Ansprüche, als trans Person zu leben und dachte, dass das Ambiente in Berlin dafür am besten wäre. Das bedeutet nicht, dass man hier nicht böse angemacht wird, überhaupt nicht. Aber insgesamt habe ich hier bessere Chancen gesehen. Die Offenheit, das Avantgardistische und gleichzeitig Großstädtische. Ich sage, wenn Deutschland, dann Berlin. Und da Verwandte von mir an der Luftbrücke beteiligt waren, auch meine beiden Omas haben Carepakete gepackt, hatte ich das Gefühl, ich könne hier ein paar Schecks einlösen (lacht). Auch die Mauer hat mich interessiert, ich musste mein ganzes Leben Mauern durchbrechen und ich wollte sehen wie es ist, Brücken zu bauen. Nebenbei bemerkt, Berlin hat viele Brücken. Ich sehe die Stadt nicht unkritisch, ich sehe die Schattenseiten, dass Berlin als Künstlerstadt nicht fortbestehen kann, wenn die Gentrifizierung weiter voranschreitet. Aber noch ist Berlin für mich, für mich als trans Künstlerin, the place to be. Die Sehnsucht treibt dich irgendwo hin, und wenn du dann mit der Realität konfrontiert wirst, bist du schon verwurzelt.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT