DORA DIAMANT

Dieser Text ist weder ein Epitaph noch ein Essay. Ich war nicht Doras bester Freund. Dennoch: Ich liebte sie und ich kannte sie. Dies ist nur eine Sammlung von Erinnerungen – wie ein Puzzle, ein Puzzle, das nicht beendet werden kann. Erinnerungen an Dora. Sie werden unvollendet bleiben. Sie werden nicht abschließend sein. Sie werden bleiben. Dora wird bleiben.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich Dora traf.

Ich erinnere mich daran, ein wenig schüchtern gewesen zu sein – aber sie war noch ein wenig schüchterner wie ich.

Ich erinnere mich daran, dass wir uns auf der Terrasse, dieser beliebigen und versteckten „Bar-Tabac“ in der Rue de la Folie Mericourt trafen, nicht weit von ihrer damaligen Wohnung. Tatsächlich war diese Bar ein ganz besonderer Ort für sie. Hier traf sich Dora mit all ihren Freunden, zu den unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten. Einer jener Orte, die man nur sehen kann, wenn man sie kennt. Dank Dora kenne ich ihn jetzt.

Ich erinnere mich daran, dass ich mich augenblicklich in ihr starkes und kraftvolles Lachen verliebte. Wie eine fallende Sonne, ein Komet, ja, wie irgendetwas von oben. Ich erinnere mich daran, dass sie mir viele Geschichten über Japan erzählte – wie es sie dorthin verschlagen hat, wie sie das Land liebte, das Essen, die Menschen, das Licht, den Mond, wie sie jemand dort wurde, in der Nacht, mehr eine Figur als eine tatsächliche Person, manchmal auch nur ein Symbol. Ihr Verlangen zurückzukehren, mindestens dreimal im Jahr (wenn sie es sich leisten konnte). Ihre Worte waren wie eine ständige Reise. Und auch wenn ich physisch nie in Japan war, kann ich sagen, dass ich Dank Dora und ihrer Geschichten gedanklich nach Japan gereist bin.

Ich erinnere mich daran, wie wir über ihren Namen sprachen: Dora Diamant, Kafkas große Liebe. Sie lächelte, wenn sie erklärte warum.

Ich erinnere mich daran, wie wir über ihre Familie sprachen. Sie erwähnte, dass sie aus einer unkonventionellen Familie kam, die ihr half, das zu werden, was sie sein wollte. Letztendlich entschieden wir, dass „eine konventionelle Familie“ nicht existiert. Das ist Unsinn. (Und wir waren uns darüber einig, dass uns Foucault und Freud zustimmen würden. Damals waren wir betrunken, nach drei Bloody Marys.)

Ich erinnere mich daran, dass wir über ihre Liebe für Comics und Mangas gesprochen haben. Und über ihre Liebe für Dada und Drexciya. Ich glaube, so war Dora: Sie hatte die Fähigkeit, unterschiedliche Themen in einem Satz zu vermischen. Kurz: Sie war frei.

Ich erinnere mich daran, dass ich sie nach unserem ersten Treffen besuchte, um sie Auflegen zu sehen, in diesem kleinen, verrauchten Club im „Marais.“ Der Club war überfüllt und mit rotem Neonlicht erleuchtet. Die Frauen leckten sich gegenseitig übers Gesicht (tatsächlich handelte es sich um einen sehr bekannten Ort im lesbischen Nachtleben, den ich zuvor aber nicht kannte). Die Männer machten dasselbe. Und Dora, über allen, regierte. Ich erinnere mich daran, dass mein Körper nicht aufhören konnte zu tanzen. Gegen zwei, als die Bar schloss und das Licht anging, erinnere ich mich daran, dass Männer und Frauen, leckend oder nicht, das gleiche fühlten: Wir wollten, dass es nicht aufhört. Wir wollten weiter tanzen, zu Doras Musik.

Ich erinnere mich daran, dass Dora ihre kleine Katze verlor. Sie fühlte sich schrecklich und fing an, ihre Katze auf der Straße zu suchen, sie postete Bilder auf Instagram. Ab einem gewissen Punkt, wusste jeder Mensch in Paris von ihrem Verlust.

Ich erinnere mich an die Gesichter, die Dora für Balenciaga aussuchte. Sie waren alle einzigartig. Intensiv. Echt. Und ich dachte: „Hm, Dora sieht über das Modediktat hinaus, sie sieht, was wichtig ist, sie weiß., wie man sie erkennt , die Echten.“

Ich erinnere mich daran, wie sie mir von ihrer Krankheit erzählte, ich dachte, dass es sich um einen Witz handelte, um einen schlechten Witz. Dass Dora nicht aufhören konnte, nicht endlich war. Sie war zu machtvoll, zu schlau und zu lebendig. Dann sah ich das Bild von ihr ohne Haare und war wütend. Wütend auf diese dumme Krankheit, die uns so viel Schmerz bereitet.

Ich erinnere mich daran, als Dora starb. Ich fühlte mich traurig. Ich fühlte mich allein. Paris (und Tokio – und viele weitere Orte, da bin ich mir sicher) sind einsamer ohne Dora.

Aber ich erinnere mich auch daran, dass ich mich nicht traurig fühlen wollte. Weil sie in meiner Erinnerung immer noch lächelt, tanzt, lacht und reist. Weil sie immer noch Dora ist.

Das ist der Grund, warum wir uns an Dora erinnern müssen. Für das alles und mehr. Das ist es, was ich erinnern möchte.

 

Portrait CAMILLE VIVIER
Text BORIS BERGMANN

 

 

LES ROCHES NOIRES

In Loving Memory

 

 

 

 

 

 

Photography DORA DIAMANT