CHRISTOPH RUMPF

Obwohl er nicht einmal sein Studium beendet hat, gilt er als die große Hoffnung der Modeindustrie. Mit seiner ersten Show gewann er den Grand Prix in Hyères und hat nun noch viel größere Pläne…

…dazu gehören für den 25-jährigen Österreicher unter anderem die Pflege der Nachhaltigkeit (zu 90 Prozent), der Ausbau des Upcycling-Verfahrens (Deadstock goodbye), eine maßvolle T-Shirt-Produktion (gibt es eh schon genug von), ein eigenes Studio (Na klar!) und die Kultivierung von Denglisch als Umgangssprache (Or how do you say in German?).

 

NELE TÜCH Sie haben im April den „Grand Prix du Jury Première Vision“ beim Hyères-Festival in Südfrankreich gewonnen, woraus folgte, dass Sie im Juni auch bei der Mercedes-Benz Fashion Week in Berlin zeigen konnten?

CHRISTOPH RUMPF Ja, ich bin mir aber nicht so sicher, ob die jeden Hyères-Gewinner nehmen.

NT Das weiß ich auch nicht. Für die Berliner Schau haben Sie jedenfalls Teile Ihrer Hyères-Kollektion genommen, das Ganze dann aber weiter entwickelt, oder?

CR Genau, weil ich bisher nur Menswear gemacht habe, wurde ich gefragt, ob ich auch Womenswear designen kann. Ich habe die ursprüngliche Version also einfach um Looks für Frauen erweitert. Sechs neue Outfits.

NT Die ursprüngliche Kollektion hat die Geschichte eines Jungen erzählt, der im Dschungel aufwächst. Haben Sie die auch weitergesponnen?

CR Ich habe die Geschichte als Konzept genommen, aber einen neuen Charakter hinzuerfunden. Dieser Junge, auf dem die Kollektion aufgebaut ist, der, entschuldigen Sie, ich habe so viel Englisch im Kopf, der struggled. Er ist im Dschungel und muss überleben. Dann kommt er zurück und ist plötzlich ein Prinz und hat auf einmal diesen ganzen society stress und responsibilities. Als Erweiterung wollte ich eine Frau haben, die eben nicht struggled und eine starke Frau ist, die das figuered out hat.

NT Die mitten im Leben steht?

CR Das wollte ich vermitteln.

NT Und in der Geschichte lernen sich die beiden kennen? So wiebei „Tarzan & Jane“?

CR Ich hab gar nicht drüber nachgedacht, ob sie sich kennenlernen oder nicht. Es sind einfach zwei Stränge in der Geschichte. Vielleicht in der nächsten Version.

NT Es geht noch weiter?

CR Nein, es gibt schon eine neue Geschichte für die nächste Kollektion. Aber dazwischen sind noch so viele Sachen, die jetzt im Sommer auf mich zukommen. Und im Oktober fange ich mit der neuen Kollektion an, aber da steht die Geschichte, da stehen die Farben schon.

NT Dann haben Sie für alles zusammen etwa drei Monate Zeit. Für die sechs neuen Looks hatten Sie etwa zwei Monate.

CR Ja, und drei Wochen davon lag ich krank im Bett.
NT Sie haben krank im Bett gelegen und trotzdem gearbeitet – sind Sie einer von denen?

CR Nein, mein Körper hat sich ausgeschaltet. Aber ich hatte Hilfe, es ging also ganz gut. Bei der Show selbst musste ich zum Beispiel nicht bügeln, das war echt verrückt. Aber generell bin ich jemand, der plant. Ich brauche immer eine Weile. Erst hasse ich alles, ich hasse wirklich alles. Und dann passt es irgendwann. So läuft es meistens.

NT Wie bei einem Puzzle, für das man Zeit braucht. Die Modebranche wird ja immer schnelllebiger. Früher gab es irgendwann mal zwei Schauen im Jahr, jetzt sind es teilweise acht Kollektionen, die von den großen Labels gezeigt werden. Wenn Sie jetzt Ihr eigenes Studio eröffnen, dann…

CR Das ist der Plan, ich will im Juni zuerst mein Diplom machen und dann gleich mit der Diplom-Kollektion starten, sodass sie in die Showrooms kommt und ich sie Ende April in Hyères präsentieren kann.

NT Aber wissen Sie schon, wie Sie sich dem Modezyklus anpassen wollen? Ob Sie nur zwei Schauen machen wollen oder irgendwann zum Super-Workaholic werden?

CR Bei so kleinen Labels stellt sich die Frage eh nicht, weil auch Label mittlerer Größe keine vier Shows im Jahr zeigen. Aber ich hab auch nicht vor, 40 Looks zu zeigen. Wer braucht schon 40 Looks jede Saison? Also ich fand immer, so 30 oder 35 Looks,das ist gut für ein Label. Man hat eine Auswahl, kann die Sachen verkaufen und produziert nicht zu viel. Sodass alles schön klein und überschaubar ist und nicht jeder die Sachen haben kann – vielleicht ist das ganz gut.

NT Mit dem Upcycling-Ansatz, den Sie verfolgen, ist es wahrscheinlich ohnehin relativ schwierig, viel mehr zu produzieren.

CR Wenn wir das Upcycling nur für die Schau nutzen würden, dann wäre es natürlich einfacher. Aber wenn ich deadstock, also Restbestände, verwende, kann ich zehn bis 15 Anzüge produzieren. Und mein Plan ist es zu schauen, was ich lokal produzieren lassen kann. Oft weiß man ja nicht, wo die Stoffe herkommen und was dazwischen passiert, wer sie wirklich macht und ob die Leute 10 Cent die Stunde bekommen. Ich hatte sowieso nie vor, Zehntausende von T-Shirts zu produzieren– davon gibt es eh genug.

NT Ein Designer zeigt auf dem Laufsteg oftmals ganz andere Looks, als die, die dann später im Laden verkauft werden. Sie drücken die Kreativität des Designers aus, positionieren sein Label. Auch bei Ihnen sind nicht alle Kleidungsstücke tragbar. Wie würden denn bei Ihnen die erwähnten T-Shirts aussehen, wenn Sie in den Verkauf kommen?

CR Ich nehme Elemente, die vervielfacht werden können. Lustersteine zum Beispiel gibt es in Massen, aus denen kann ich Schmuck machen. Oder das Toga-Piece, das war ein Vorhang. Das Muster davon kann ich printen, und zwar auf einen ökologisch korrekten Stoff. Dann muss ich schauen,ob wir den Print auch ökologisch korrekt hinbekommen. Aber ich sag immer dazu, dass ich nicht zu 100 Prozent sustainable bin. Das funktioniert nicht, weil ich erstens allein bin und zweitens zu wenig Zeit habe. Ich glaube, dasWichtigste ist wirklich Zeit. Die größte Schwierigkeit war, die Stoffe überhaupt zu finden.

NT In einem Interview wurden Sie auf Ihre vermeintlich 100-prozentige Nachhaltigkeit angesprochen, dabei betonen Sie immer wieder, dass es nur 90 Prozent sind.

CR Ich hab das schon immer gesagt, und die Leute haben trotzdem geschrieben, dass ich eine komplett nachhaltige Marke wäre.

NT 100 Prozent hört sich einfach besser an als 90. Vielleicht sollte ich in die Headline dieses Interviews schreiben, dass Sie rein nachhaltig produzieren.

CR Das wollen die Leute hören. Aber meine zwei großen Mäntel sind zum Beispiel nicht sustainable. Sie sind aus einem gesponserten Stoff aus der Uni. Ich dachte mir: „Niemand wird diese Mäntel tragen, sie sind zu groß, sie sind nicht waschbar.“ Ich finde es in Ordnung, weil es ein Showpiece ist – ich produziere es ja nicht zehn oder 100 Mal.

 

Das ganze Interview ist in unserer FALL WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

 

Foto PIERRICK ROCHER

Interview NELE TÜCH