CHLOE WISE

Der ästhetische Wert von Obst und Gemüse scheint weithin unterschätzt. Zugegeben, Lebensmittel hatten ihren großen Kunstmoment in der Renaissance, als überbordende Schlachtplatten noch Luxus waren und Jan Vermeer die Milchmägde bei der Arbeit malte. Heute ist auch Milch nicht mehr en vogue, sie wird ja kaum noch getrunken. Chloe Wise findet sie umso interessanter. Wise ist Künstlerin aus New York und widmet sich mit Vorliebe den Gesichtern von Konsumkultur und Werbung. Auf ihren hypermodernen Gemälden halten Modelle (oft junge Frauen aus ihrem New Yorker Freundeskreis, zu dem das Model Hari Nef und die Schauspielerin India Menuez gehören) Mandelmilchtüten, Kernobst und Mineralwasserflaschen im Arm. Wise geht es um die Dissonanz von visueller Kultur und Realität, um die schillernde Fake-Welt von Werbeanzeigen und die mitunter absurde Sexualisierung, die sie betreiben. Skulpturen formt sie aus flüssigem Plastik. In der Pariser Galerie Almine Rech, wo zurzeit ihre Ausstellung „Of false beaches and butter money“ zu sehen ist, türmen sich Imitate von Obststücken vor Ölbildern von photoshophafter Künstlichkeit. Plastikmilch tropft von den Skulpturen und Podesten.

This interview originally appeared in the Autumn, 2017 issue.

FRAUKE FENTLOH Frau Wise, wieso experimentieren Sie so gern mit künstlichem essen?

CHLOE WISE Ich benutze essen als Gefäß, um über andere Aspekte der menschlichen Existenz zu sprechen. Essen kann soziale Klassen ausdrücken oder einen Insiderwitz. Es kann als universell schön gelten oder abstoßend. Es löst Gefühle und körperliche Reaktionen aus. Schauen Sie sich mal die Kochbücher aus den Achtzigerjahren an, Sie würden sich ekeln vor all diesem überbordenden essen.

FF Heute soll alles gesund aussehen.

CW Ich folge unglaublich vielen Instagram-Accounts, auf denen Menschen irrsinnig ausgeklügelte und konstruierte Fotos ihres Avocado-Toast posten. Oder überbordende Obstplatten. essen arrangieren ist ein großes Thema. Wissen Sie, wie schwer es ist, etwas zufällig anzuordnen? Das menschliche Gehirn versteht Zufall nicht, es will gleichmäßig anordnen. Stillleben haben viel mit Chaos und Konstruktion zu tun.

FF Aber auch mit Kunstgeschichte?

CW Gerade beschäftige ich mich viel mit holländischen Prunk-Stillleben. Mit dem wunderbaren Moment im Goldenen Zeitalter, als man Essen im Überfluss präsentierte, um Reichtum und Luxus auszudrücken. Es liegt viel Bedeutung in dieser sehr simplen Struktur eines Tisches voller irdischer Genüsse: Dieser Früchteteller wird gegessen, die Blumen verwelken, genau wie die fleischigen Hülsen des menschlichen Daseins.

“Virgo Triennai” 2017

FF Sie geben den Menschen auf Ihren Bildern Mandelmilchtüten und Mineralwasserflaschen in die Hand. Ist das Ihre Aktualisierung der Symbole, die man in Renaissancegemälden platzierte?

CW Damals hielten die Menschen Dinge in Händen, die sie repräsentieren sollten. Konsumobjekte repräsentieren uns. Wir fühlen uns zwar prinzipiell machtlos, haben aber das Gefühl, dass wir etwas verändern, wenn wir recyceltes Toilettenpapier kaufen. Konsumieren ist unsere Art zu handeln.

FF Sie haben einmal gesagt, der Besuch einer Kunstmesse sei wie ein Ausflug in eine Shoppingmall.

CW Ist er auch. Wir würden nie über Kunst so salopp wie über Mode sprechen – was in und was out ist. Mode geht sehr offen mit ihrer selbstmörderischen Natur um. Wenn Sie sich Make-up oder Schuhe oder Autos in einem Einkaufszentrum ansehen, dann wissen Sie: Das müssen Sie jetzt haben, und in sechs Monaten werden Sie es nicht mehr mögen. Die Kunst tut so, als sei sie vom kapitalistischen Rattenrennen ausgenommen. Dabei gibt es jede Menge Statistiken dazu, was man jetzt kaufen und verkaufen soll, es gibt einen Sekundärmarkt, der ein Kunstwerk, das gerade noch beliebt war, ruinieren kann. Kunstmessen sind in der tat eine seltsame Angelegenheit. Die Art Basel Miami erinnert mich an Coachella. Wer als Sammler dorthin kommt, fragt sich natürlich, warum dort eine Adidas-Rihanna-Starbucks-Pop-up-Poolparty stattfindet. Die kommen nicht mal rein, können sich die Kunst nicht anschauen, bekommen schlechte Laune, wollen keine Kunst kaufen. Was schlecht für die Künstler ist.

FF Ihre neue Pariser Ausstellung widmet sich dem Thema Milch.

CW Es gibt ja diese wunderschönen Gemälde, Vermeers „Dienstmagd mit Milchkrug“ zum Beispiel. Aber Milch zu trinken bedeutet eigentlich, das Wachstumshormon einer Kuh zu konsumieren. Ziemlich widerlich. Mich interessiert die kognitive Dissonanz, die wir konstruieren, um das in Ordnung zu finden. Keiner isst Kühe, aber alle essen Rindfleisch. Der Unterschied ist die Sprache. Sie schafft einen einfachen Weg für uns, etwas moralisch Fragwürdiges und etwas Normales zu trennen. Dazu entwirft die Werbung Fantasien, die uns helfen, in Ruhe konsumieren zu können. Wer an Milch denkt, denkt an blauen Himmel, grünes Gras, Gesundheit, La vache qui rit und Babybel. Der Milchwerbung wohnen ja auch sehr lustige kannibalistische Kontraste inne. Auf Milchpackungen sieht man verweiblichte Cartoon-Kühe, die einem ihre Milch servieren. Deswegen zeige ich in meiner Schau Milch – also es ist synthetische Milch –, die über ein Kuhfell rinnt. Diese Unstimmigkeit, die Milch auf dem Fell, ist echt eklig.

“Inceste de Citron” 2017

FF Hat Ihnen Ihre Arbeit schon mal den Appetit verdorben?

CW Nein, ich liebe es, essen zuzubereiten. es ist wie Bildhauerei. Ich bin grundsätzlich sehr stolz auf Dinge, die ich koche. Ich schicke Fotos davon an meine Mutter, und wir konferieren darüber, wie hübsch der Lachs aussieht, den ich zubereitet habe. Ich bin ein hungriges Mädchen. Jahrelang war ich Vegetarierin, aber jetzt nicht mehr, ich bin einfach zu hedonistisch. Ich mache mir Gedanken darüber, dass es die ethisch richtige Entscheidung wäre. Und dann gehe ich in ein Restaurant und bestelle ein Steak. Gestern habe ich übrigens einen ganz verrückten Butternusskürbis gesehen, schauen Sie mal, absurd, oder? Ich hätte ihn kaufen und eine Form danach gießen sollen.

FF Wie stellen Sie diese Obst- und Gemüse-Objekte überhaupt her?

CW Das ist ein einfacher Abformprozess. Ähnlich wie man etwas in Bronze gießt oder Schokolade herstellt. Ich gieße Silikon über die Objekte, daraus werden die Formen gemacht, die ich dann mit Plastik ausgieße. Am Ende bemale ich die Stücke mit Ölfarbe. Die ganze Galerie ist zurzeit voller Plastikobst. Manche Objekte stelle ich ohne Form her, weil man sie einfach nicht abformen kann. Ich hatte mal Pasta in einer Schau, da musste ich jede einzelne Nudel formen, so lange die Masse noch nicht ausgehärtet war.

FF Ihre Gemälde haben auch etwas sehr Künstliches, wieso?

CW Ich male diese photoshophaften Hintergründe in meine Bilder, gerade gefällt mir ein sehr blauer Himmel und grünes Gras. Es ist das universelle Ideal einer menschlichen Umgebung. Ein Windows-Desktop-Hintergrund. Es gibt eine Studie, die besagt, dass auf der Welt zwar unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit existieren. Aber überall bilden die Menschen in der Kunst ein Bild nach: blauer Himmel und Gras, Berge, Felder, durch die ein Weg zum Horizont führt. Es ist ein universell nachvollziehbares Bild. Mir gefällt, dass es so übertrieben künstlich wirkt. Ich liebe auch Werbung: Menschen, die glänzend und geairbrusht aussehen. Malerei ist für mich der ursprung von Photoshop.

“Of false beaches and butter money” Exhibition

FF Früher haben Sie Brotskulpturen entworfen. Zufall, dass Sie sich mit Lebensmitteln auseinandersetzen, die gerade eher unbeliebt sind?

CW Nein, das ist kein Zufall. Beim Thema Brot herrscht ja das Vorurteil, Kohlenhydrate seien ein „guilty pleasure“. Es geht also um Schuld und Genuss, was im christlichen Glauben verwurzelt ist. Wenn etwas Genussvolles schlecht und schuldig ist, steckt immer Sex dahinter. Vor allem in den Staaten wird Sex in allem gesehen.

FF Ihre Kunst wirkt auch manchmal sexuell, obwohl man keine nackte Haut zu sehen bekommt. Wie machen Sie das?

CW Weil wir denken, dass sie sexuell ist! Es ist die Entscheidung des Betrachters. Warum ist eine Frau oben ohne – oder unten ohne, so lange man keine Genitalien sieht – automatisch sexuell? Das ist die männliche Perspektive, in der Haut gleich als Einladung verstanden wird. Eine Hand kann sexuell gelesen werden, wenn sie auf eine bestimmte Art gesehen wird. Wir verbinden auch essen mit Geschlechtern, weil es bestimmte Ähnlichkeiten zwischen weiblichen Genitalien und manchen Früchten gibt. Doch am Ende des Tages hat eine Papaya oder ein Pfirsich nichts mit Sexualität zu tun. Wie die Medien Frauen sexualisieren, ähnelt sehr der Art, wie sie essen präsentieren: glänzend und glitzernd. Das spricht die Lust auf Konsum an.

FF Können Sie das erklären?

CW Dieses Essen hier auf meinem Teller sieht inzwischen deutlich unappetitlicher aus als eben, als ich es bekommen habe. Der Moment vor dem Konsum ist der Moment der Anziehung. Da ist alles glänzend. Und das ist Teil der Werbung, denken Sie an all die verschwitzten Haare und die feuchte Haut. Jugend ist ein wünschenswerter Zustand, wir suchen unentwegt nach Anti-Aging-Methoden, weil wir den Moment vor dem Verfall anstreben. Beim Sex ist der Moment davor der Moment des Begehrens. Und sobald es passiert ist, gibt es nur noch eine eklige, klebrige Masse.

FF Bei Almine Rech stellen Sie nun neben Künstlern wie Jeff Koons und Richard Prince aus.

CW Ja, Wahnsinn. Almine Rech hat mir freie Hand gelassen. Sie war nicht mal in der Stadt, keiner in der Galerie, alle waren im Urlaub. Sie überreichte mir die Schlüssel und sagte: „Ich bin zur Eröffnung zurück.“ Was wunderbar ist, denn ich glaube, dass jungen Frauen sonst in großem Maße misstraut wird. Der Ort, an dem man seine Arbeit zeigt, ändert natürlich, wie sie gesehen wird. Die Arbeiten klingen in diesen Räumen. Sie zeigt Picasso!

“Gluten Freedom” 2017

FF Was halten Sie davon, dass Richard Prince kürzlich ein Kunstwerk von Ivanka Trump enteignet hat?

CW Finde ich toll. Ivanka Trump ist ein Beispiel für einen sehr falsch verstandenen Feminismus. Sie ist unsere einzige Hoffnungsträgerin, und schauen Sie sich an, was sie tut! Es gibt in New York diese Künstlergruppe namens Hold Action Group, die den Instagram-Account „Dear Ivanka“ betreibt. Marilyn Minter ist dabei. Sie versuchen, Ivanka zur Rechenschaft zu ziehen, indem sie sie mit persönlichen Adressen konfrontieren. „Dear Ivanka, wie sollen sich meine Kinder fühlen?“ Viele Menschen, die die Kunstwelt am Laufen halten, gehören zu den berühmten ein Prozent. Die Milliardäre sind die Menschen, die von Trump profitieren. Natürlich sind nicht alle Kunstsammler Trump-Unterstützer. Trotzdem ist es wichtig, dass Künstler, die davon profitieren, andere zur Rechenschaft ziehen. Ich kann nicht sagen, dass mir die jüngsten Arbeiten von Richard Prince gefallen. Aber er hat etwas Wichtiges getan, also Hut ab.

Interview FRAUKE FENTLOH