CHELOU

Er erforscht die Menschheit und sich selbst durch seine Musik, die sich auf dem melancholischen, elektronischen Spektrum abspielt.  Irgendwo zwischen LCD Soundsystem und Iggy Pop angesiedelt – zwei seiner großen Inspirationen. Chelou wuchs im Londoner Stadteil Camden auf, dem Epizentrum der britischen Punk Szene, was seine Familie und ihn stark prägte. Bekannt ist Chelou auch für seine ständige Zusammenarbeit mit feministischen Künstlerinnen, die seine Musik in Videos zum Leben erwachen lassen und ihm privat viel bedeuten.

Interview erreichte ihn über’s Telefon in seinem Londoner Zuhause und sprach mit ihm über Theologie, Konzerte als Ritual und wie es sich anfühlt sich selbst als Marke zu sehen:

Interview Hallo, wie geht es Ihnen? Wo erreiche ich Sie gerade?
Chelou Ich höre ein komisches Klicken.
IV Haha, ohja, das bin ich. Ich passe die Lautstärke meines Mobiltelefons an.
C Okay, alles klar. Also ich sitze gerade in meinem Bett, wieder in meinem Pyjama. Ich habe gerade draußen Sport gemacht und hab die Sonne genossen. Jetzt entspanne ich mich und bin präsent für das Interview.
IV Sie leben in London?

C Ja genau, geboren und aufgewachsen. Ich bin aus Camden.
IV Wie hat sich die Gegend rund um Camden verändert in den letzten Jahren? Hat der Tourismus überhandgenommen?
C Die Gegend hat sich sehr stark verändert, das steht fest. In den 80ern war Camden das Herz der Punkszene. Jeder hat sein Ding gemacht und seine Kunst verkauft. Mittlerweile ist ein Sports Direct und ein H&M dort angesiedelt. Natürlich gibt es den Markt noch, aber das hat wenig mit meinen Kindheitserinnerungen zu tun, wo es sehr stark um die Community ging. Mittlerweile wohnen Millionäre in Camden.
IV Waren Ihre Eltern Teil der Punk Szene?
C Ja, mein biologischer Vater definitiv. Ich wurde aber nicht von ihm aufgezogen. Das habe ich aber alles erst später erfahren. Es kommt jedoch aufs Gleiche raus. Der Punker, den meine Mutter in einer Bar in Camden kennenglernt hat, oder ich, der von meinem Stiefvater in Camden aufgezogen wurde. Alle waren Teil der Community, die sich leider sehr stark geändert hat. Es ist mittlerweile eine Touristenattraktion und die Musikszene dort kann man gar nicht mehr identifizieren.
IV Wie beeinflusst Ihre Geschichte Ihre Musik?
C Spannenderweise bin ich kein Punk Fan. Ich blicke vielmehr zu Iggy Pop oder The Stooges. Also buchstäblich, ich habe Poster an meiner Wand. Velvet Underground haben mich auch stark beeinflusst. Ich ziehe viel mehr aus der Grunge Richtung, als aus dem britischen Punk. Es ist jedoch eine ähnliche Energie. Ich bin da viel sanfter als mein Vater, aber das ist vielleicht auch nicht schlecht.
IV Was waren Ihre Einflüsse abseits vom Grunge, Sie machen ja vorwiegend elektronische Musik.
C Ganz klar Aphex Twin. Diese Moody Energie liebe ich – auf einem dunkleren Spektrum. LCD Soundsystem natürlich, also die Art wie Gesang und Gitarren  mit elektronischer Musik verbunden werden, hat meine Arbeit stark beeinflusst. Als ich aufwuchs war Drum’n’Bass natürlich groß und die Raves in dieser Zeit werde ich nie vergessen.
IV Ihre Musik lebt auch stark von einer Visualisierung. Sie haben mit Künstlerinnen wie Polly Nor oder Robin Eisenberg zusammengearbeitet, die man vor allem durch ihre feministischen Werke kennt. Wie kamen diese Kollaborationen zustande?
C Polly und ich kennen uns bereits seit vielen Jahren, wir waren gemeinsam in der Schule. Das ging also alles sehr spontan und der feministische Aspekt war mir persönlich sehr wichtig. Es war auch ein Thema, das gerade zu der Zeit, als das Video veröffentlicht wurde, gottseidank endlich mehr Beachtung bekam. Es fühlte sich richtig an. Ich fühle mich Frauen sehr stark verbunden, ich bin eigentlich auch als Zwilling geboren. Ich hatte eine Zwillingsschwester, die es bei der Geburt leider nicht geschafft hat und diese Verbindung fühle ich. Es ist fast schon Pop Art, oder Comic und ich liebe die Freiheit dieser Kunstwerke.
IV Aliens spielen ja auch eine große Rolle bei Polly Nor.
C Ja, ich finde das fantastisch. Vielleicht braucht es genau diese Art von Kunst, um vielen engstirnigen Menschen eine andere Realität aufzuzeigen.

 

IV Was ich Sie noch fragen wollte: Vor ein paar Jahren haben Sie ihr Gesicht kaum gezeigt. Sie waren fast schon mystisch. Mittlerweile hat sich das geändert. Was hat sich in Ihnen geändert?
C Das war eine natürliche Entwicklung. Ich war noch nie so gut mit Social Media und dem ganzen Kram, da bin ich ein wenig von gestern. Ich wollte mich auf meine Musik konzentrieren und habe nach Kunst gesucht, die mich repräsentieren kann. Das fühlte sich logischer an, als mein Gesicht zu zeigen. Ab einem gewissen Zeitpunkt jedoch, wollten sich die Leute mit einer Person identifizieren und nicht nur mit Visuals. Ich bin garantiert kein Banksy, oder mysteriöses Genie.
IV Wie gehen Sie dann jetzt mit Instagram um?
C Es ist Teil der Industrie. Innerlich zucke ich noch immer zusammen, wenn ich ein Bild posten soll, wo ich verträumt in die Ferne blicke. Ich habe aber einen Weg gefunden, meinen Alltag zu zeigen. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Freunden abhänge oder an coolen Orten skaten gehe, dann will ich das zeigen. Dann bleibt es auch authentisch. Ich bin noch immer nervös, wenn ich daran denke. Sich selbst als Marke zu vermarkten ist ein einschüchterndes Vorhaben. Man darf nicht vergessen was für eine wichtige Plattform für Künstler es geworden ist. Ich bin zum Scroller geworden, ich kann nicht aufhören, haha.
IV Haha, Haben Sie einen Timer eingestellt, um Ihre Nutzung einzuschränken?
C Ach was, das geht?
IV Ja klar. Also mir wird es angezeigt, wenn ich 20 Minuten am Tag auf Instagram verbringe. Manchmal ist das bereits um 10:00 vormittags und dann sage ich ciao.
C Haha, bye bye. Man beginnt wirklich sich und sein Leben zu hinterfragen. Ich finde das alles lustig und bin gespannt, wie es sich noch entwickelt. Aber mittlerweile geht es bei Presse-Möglichkeiten oder Gigs oft darum, wieviele Follower man hat. Das ist traurig, aber wahr. Es soll doch um die Musik gehen.
IV Ich schätze, die Menschen wollen mittlerweile innerhalb von Sekunden wissen, wie sie Dinge einschätzen können – was sie davon zu halten haben. Einen ganzen Song anzuhören dauert aber ca. 3 Minuten.
C Ja, und ein ganzes Album anzuhören dauert ca. 45 Minuten. Aber man kann sich eigentlich nur von dem Druck distanzieren und einfach seine Musik machen.
IV Genau, wo wir von Ihrer Musik sprechen: Ihr Song „Garden“ wird beschrieben als eine angsteinflößende Erinnerung daran, wie Natur sich verliert. Können Sie mir mehr darüber erzählen?
C Es ist eine Metapher für alles, was in unserer Gesellschaft passiert und auch das, was wir gerade besprochen haben. Der Garten Eden, als solches, der Zugrunde geht. Ich schreibe nichts, was man als direkten Apell verstehen könnte. Ich sage nicht, ich gehe sofort los, um den Regenwald zu retten. Sondern spreche in einem größeren Kontext über die Implikationen unserer Zeit. Auch das Brexit Votum hat sich wie das World Cup Finale angefühlt, diese Sensation darum. Ich habe Soziologie und Theologie studiert, deshalb beschäftigen mich diese Themen sehr stark.
IV Sind Sie religiös? Oder gibt es eine Religion, der Sie sich zugehörig fühlen?
C Nicht wirklich. Mir ging es eher um Menschenkunde. Man kann keine Gesellschaft betrachten, ohne sich auch mit ihrer Religion auseinanderzusetzen. Es ist spannend wie ritualisiert auch Konzerte sind. Hundertausende beten zu jemandem wie Jimi Hendrix. Alles ist auf Community aufgebaut und durch meine Musik möchte ich dies erforschen. Die Studie der Menschen hilft mir dabei mich selbst zu erforschen.

 

Interview JULIA DEUTSCH
Titelbild: CHELOU PRESS