BLACK LIVES MATTER IN DEUTSCHLAND

Vergangenen Samstag, am 6. Juni 2020, fanden weltweit, und auch in 19 Städten Deutschlands, Demonstrationen und Schweigemärsche statt. Tausende versammelten sich, um gegen Rassismus zu protestieren und an den ermordeten US-Amerikaner George Floyd zu gedenken. Ein starkes Zeichen, ein Zeichen das Mut macht, aber ebenso die Frage aufwirft, wie es weiter geht. Auch Deutschland ist von strukturellem Rassismus mindestens betroffen: Immer wieder gibt es gewalttätige Übergriffe, die teils untergehen oder schnell wieder vergessen werden. Nicht zuletzt Hanau, eines der schlimmsten, rassistisch motivierten Attentate in der jüngeren deutschen Geschichte – überschattet von Corona.
Wie kann es sein, dass ein solches Ereignis nicht aufrüttelt, keine langanhaltende Diskussion auslöst? Warum braucht es schreckliche Ereignisse aus anderen Ländern, aus den USA, um die weiße Existenz anfänglich zu hinterfragen?

Unsere Interview-Partnerin Anne Chebu schreibt in ihrem Buch Anleitung zum Schwarz sein: „Dass Täter, die aus rassistischen Motiven heraus handeln, pauschal als Neo-Nazis bezeichnet werden, ist letztendlich eine weitere Form, das Problem an den Rand der Gesellschaft zu schieben. Somit wird verdrängt, dass Rassismus und rassistische Taten inmitten unserer Gesellschaft stattfinden“. Dieses Phänomen nennt die Autorin und Podcasterin Tupoka Ogette in ihrem Buch Exit Racism „Happyland“ einen wohligen Zustand, in welchem weiße Personen leben und dabei Rassismus als etwas Böses und Intendiertes verstehen – etwas, was andere, aber niemals sie selbst betrifft. Das eigene Weißsein spielt keine Rolle, die damit einhergehenden Privilegien werden nicht erkannt.  Man lebt also in einem wattierten Kokon, echauffiert sich über rassistische Missstände, man postet schwarze Quadrate in Social-Media-Feeds und geht auf Demonstrationen. Das Sich-an-die-eigene-Nase-fassen, auf die kleinen bewussten oder unbewussten Nadelstiche zu achten, die man eventuell schon sein ganzes Leben verteilt, steht nicht auf der Agenda. Es lohnt sich also bei sich selbst zu beginnen, auf Alltagsrassismus zu achten und so, Schritt für Schritt, jahrhundertealte Strukturen zu aufzubrechen und so schnell wie möglich aufzulösen.

Anne Chebu ist TV-Journalistin und Moderatorin und schrieb bereits 2014 ihre lesenswerte „Aufklärungslektüre“ Anleitung zum Schwarz sein. Ein Buch, welches eine Einführung in die deutsche Schwarze Geschichte liefert, Begrifflichkeiten klärt und explizit auf Alltagsrassismus hinweist. Photo: Tanja Kibogo

 

 

INTERVIEW Wie geht es Ihnen, mit all den Ereignissen, die gerade passieren?

ANNE CHEBU Prinzipiell geht es mir ganz gut, aber ein bisschen ist das auch eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Es passiert wirklich super viel, schon allein wegen Corona. Dann jetzt noch der starke Fokus auf die USA und die Black-Lives-Matter-Demonstrationen und das damit zusammenhängende große Medieninteresse in Deutschland zum Thema Rassismus. Ich freue mich darüber und finde es toll, was alles passiert und produziert wurde und die vielen Formate die selbst initiiert wurden. Andererseits sehe ich das auch ein bisschen skeptisch, ich hoffe, dass das nicht nur ein Hype ist, der wieder verebbt, sondern, dass er auch eine Nachhaltigkeit mit sich bringt.

INTERVIEW Können Sie sich das plötzliche deutsche Interesse an dem Thema erklären? Letztendlich handelt es sich ja um nichts Neues.

AC Es ist schon so, dass das Interesse an diesem Thema in den letzten Jahren immer größer geworden ist und ich denke, dass das auch viel mit den sozialen Medien zu tun hat. Natürlich gab es früher schon beispielsweise rassistische Werbekampagnen, aber damals gab es nicht diese Crowd, die das jetzt im Internet thematisiert. Und wenn Menschen wie Aminata Belli, mit über 90.000 Followern über Rassismus sprechen, dann erreicht das sehr viele Leute, die es ohne Social Media nicht erreicht hätte. Und ich glaube auch, dass ein Trend dahingehend zu erkennen ist, dass die klassischen Medien ihre Themenrecherche online verfolgen, weil sie wissen: Okay, wenn dieses Thema online schon so und so viele Likes hat, dann ist man auf der sicheren Seite. Natürlich spielen auch die Bilder eine Rolle, wenn Gewaltdelikte mit Filmen festgehalten werden, erreicht das mehr Leute, als nur ein Text über irgendetwas.

INTERVIEW Könnte es auch sein, dass wir jetzt eine nachgelagerte Diskussion über Hanau erleben, die durch Corona unverhältnismäßig unterging?

AC Interessanterweise denke auch ich sehr viel über Hanau nach, auch weil es sich um die Nachbarstadt von Frankfurt am Main handelt, wo ich wohne. Ich denke: Wahnsinn, als das in Hanau passierte, direkt vor unserer Haustür, gab es so wenig Medienecho und jetzt, wenn etwas in den USA passiert, dann wird das zum Thema Nummer eins. Jede noch so kleine Zeitschrift, jedes Modemagazin will plötzlich etwas machen, alle haben auf einmal das Thema Rassismus auf dem Schirm. Ich kann mir gut vorstellen, dass es viel leichter ist bei den anderen zu gucken. Man ist froh, dass es in Deutschland nicht so schlimm ist. Sich mit Themen außerhalb der eigenen Landesgrenze zu beschäftigen, birgt weniger die Gefahr, sich dann auch selbst reflektieren zu müssen.

INTERVIEW Das leuchtet ein. Und deswegen finde ich es auch so wichtig, die Debatte hierher zu holen und zum Beispiel auch über Alltagsrassismus zu sprechen, was Ihr „Spezialgebiet“ ist.

AC Dazu vielleicht ganz kurz: Ich hatte zusammen mit einer Freundin die Idee einen Online-Talk zu organisieren, in welcher die Metaebene verlassen werden soll. In der ersten Folge sprechen wir tatsächlich auch über Rassismus im Journalismus. Wir wollen eine paar Tipps geben, wie man es besser machen kann.

INTERVIEW Kann es sein, dass die Rassismus-Thematik in Deutschland ein bisschen komplizierter ist als in den Staaten, weil er hier subtiler passiert? Es gibt nicht die vermeintlichen zwei Lager. Auch was Hanau betrifft, da ging man anfangs davon aus, dass es sich eher um Fremdenfeindlichkeit als um Rassismus handelt.

AC Ich glaube in Deutschland gibt es da noch eine sehr große Lücke. Viele Menschen definieren Rassismus falsch. Rassismus kann Von-Bis gehen. Ich beschreibe Rassismus als ein großes Netz, ein Netz welches aus kleineren und größeren Knoten besteht und diese Knoten können unterschiedliche Dinge beinhalten: Das kann ein komischer Blick oder eine blöde Frage sein, aber es kann auch handgreiflich werden und es kann bis zum rechtsextremistischen Mord gehen – das ist alles Rassismus aber in unterschiedlichen Formen. Es ist natürlich auch interessant, dass Sie jetzt gesagt haben, dass der Anschlag in Hanau fremdenfeindlich sei, das war ja auch eine große Kritik an den Medien, die ganze Zeit wurde von Migranten, von Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit gesprochen. Das ist Teil des Problems, denn die Menschen, die in Hanau ermordet wurden, waren zum großen Teil im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft. Da stellt sich die Frage, wann wird man von den Medien endlich als Deutscher akzeptiert? Es reicht anscheinend nicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben, in Deutschland geboren zu sein, in eine deutsche Schule gegangen zu sein oder deutsch zu sprechen.
Es gibt die unterschiedlichsten Formen von Rassismus, antimuslimischen Rassismus, anti-Schwarzen Rassismus, anti-asiatischen Rassismus, Antisemitismus oder die Diskriminierung von Sinti und Roma – alles letztendlich Ausprägungen von einer Menschenfeindlichkeit gegen explizite Gruppen. Ich gehe davon aus, dass der Täter von Hanau nicht dachte: „Ich bringe jetzt Deutsche um“, und ich gehe auch davon aus, dass rassistische Gewalttäter natürlich denken sie bringen Ausländer um und gehen dann auf ausländisch gelesene Menschen los, die in der Regel gar keine Ausländer sind.

INTERVIEW Ihr Buch Anleitung zum Schwarzsein ist inzwischen schon ein bisschen älter. Was war damals (2014) Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?

AC Ja, mein Buch ist älter, aber es ist immer noch top aktuell, was mich selbst oft ein bisschen traurig macht. Lustigerweise steht in allen neuen Büchern, die nach meinem  erschienen sind und die ich auch alle ganz toll finde, immer noch das Gleiche drin. Es hat sich also leider nicht so viel geändert.
Letztendlich kam mein Buch aus verschiedenen Gründen zustande: Ich habe meine Bachelorarbeit über Schwarze Menschen in deutschen Medien geschrieben, das war fast schon eine Doktorarbeit (lacht), weil ich erstmal sehr viel zum Verständnis von Rassismus erklären musste. Dann war die Arbeit fertig und ich wollte nicht, dass sie in der Hochschul-Bibliothek verschwindet und von keinem Mensch gelesen wird. Außerdem bin ich seit circa zehn Jahren in der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“, kurz ISD, aktiv. Dort fiel mir auf, dass Schwarze Menschen einen sehr unterschiedlichen Background- und einen sehr unterschiedlichen Wissenstand haben. Ich dachte, es wäre ganz gut, wenn es eine Aufklärungslektüre oder eine Art Übungsbuch gäbe, welches auch Schwarze Menschen erreicht und informiert, die beispielsweise isoliert auf dem Land leben. Tatsächlich habe ich das Buch primär für eine Schwarze Leserschaft geschrieben, bzw. Schwarze Jugendliche, aber natürlich darf das Buch auch von weißen Menschen gelesen werden. Das macht es aber auch interessant, weil mein Buch tatsächlich das einzige Buch in Deutschland ist, welches explizit Schwarze Leser*Innen anspricht, das ist für viele weiße Menschen ein ganz neue Erfahrung, weil sie ja sonst immer gemeint sind.

INTERVIEW Das ist etwas, von dem weiße Menschen nie ausgingen, dass sie sich mit etwas identifizieren können, was ihnen nicht auf gewohnte Weise entspricht. Ich denke da an Filme wie „Black Panther“ oder „Crazy Rich Asians“, die ja beweisen, dass das sehr gut funktionieren kann.

AC Das war ja auch immer das Totschlagargument bisher. Besonders in der Werbung, da wurde lange so argumentiert: Wenn wir in Deutschland ein Kleid verkauft werden wollen, dann muss es ein blondes, weißes Model tragen, weil sich die Konsumentinnen mit dem Model identifizieren wollen. Deswegen könne man kein Schwarzes Model nehmen, weil dann weiße Menschen nicht wüssten, ob ihnen das Kleid steht. Umgekehrt wird aber erwartet, dass ich als Schwarze Person die Fähigkeit besitzen muss, mich mit einer weißen Person zu identifizieren. Da findet vielleicht gerade ein Umdenken statt.

INTERVIEW Wie ist es eigentlich, dass oft davon ausgegangen wird man wäre eine Repräsentanz für eine ganze Gruppe, nur weil man ist, wie man ist? Nervt das?

AC Da gibt es ganz unterschiedliche Situationen: Einmal, dass man nur weil man Schwarz ist, die Rassismus-Expertin ist, obwohl man sich mit dem Thema vielleicht gar nicht tiefer beschäftigt hat oder sich damit auch gar nicht beschäftigen will. Dann sagt dir jemand in deiner Firma: Du machst jetzt eine Diversity-Gruppe. Oder Schüler*Innen, die ein Referat über Afrika halten müssen, obwohl sie vielleicht noch nie in einem afrikanischen Land waren. Andererseits, und ich denke, dass dieser Fall fast noch häufiger auftritt, wird einem jegliche Expertise abgesprochen, weil in den Köpfen immer noch stark verankert ist, dass Rassismus ein individuelles Problem sei. Da kommt dann oft der Vergleich: Der eine hat Segelohren, der andere ist dick und der dritte eben Schwarz. Es wird nicht verstanden, dass Rassismus ein System ist, beziehungsweise eine Struktur dahinter steht, die schon viele hunderte Jahre alt ist, dass es sich um ein wissenschaftliches Feld handelt, welches man sich aneignen muss. Was noch viel schlimmer ist, ist wenn das Argument kommt, man könne darüber nicht berichten weil man ja selbst betroffen ist. Man könne die Thematik nicht objektiv beurteilen.
Auch den Punkt, dass man für eine ganze Gruppe steht, würde ich differenziert beurteilen: Es gibt Fälle, da ist man die einzige Schwarze Person in einem großen Unternehmen, dann wird ein Foto für die Website gemacht und es ist klar, dass du auf das Foto drauf sollst, weil sich die Firma mit dir schmücken will.
Dann gibt es wiederum die Fälle, dass man für eine ganze Gruppe spricht, bzw. als Expertin zum Beispiel Begrifflichkeiten erklärt und dann kommt das Argument: „Ja aber, ich habe einen Schwarzen Freund und der findet es okay, wenn ich dies oder jenes zu ihm sage.“ Da wird dann willkürlich eine Aussage einer einzelnen Schwarzen Privatperson herangezogen und verallgemeinernd auf alle in Deutschland lebenden Schwarzen produziert.
Und als letzten Punkt würde ich sagen, dass es viele Schwarze Personen verinnerlicht haben für eine ganze Gruppe zu stehen, wenn es um Klischeebilder geht. Ich kann mich da gut an meine Jugend erinnern, mir war immer klar, wenn ich mich zum Beispiel nicht gut verhalte, dann denken die Menschen, „ist ja typisch, die Schwarzen wieder.“

INTERVIEW Können wir noch den Punkt klären, den Sie in Ihrem Buch erläutern, warum man Schwarz groß schreibt.

AC Das habe nicht ich erfunden. Ich weiß auch gar nicht, von wem genau das kommt, aber ich habe davon zum ersten Mal in Noah Sows Buch Deutschland Schwarz Weiss gelesen. Letztendlich steckt die Idee dahinter, dass man durch das große S verdeutlicht, dass es sich nicht um eine charakterliche Eigenschaft oder eine Farbe geht, sondern, dass es sich um eine politische Positionierung handelt und eine soziokulturelle Realität abbildet. Auf keinen Fall eben – und das denken sehr viele -, um die Beschreibung einer Nuance deiner Hautfarbe oder so.

INTERVIEW Vielen Dank für Ihre Zeit.

AC Eine Sache würde ich gerne noch los werden: Weil jetzt ein so starker Fokus auf diesem Thema liegt, sieht man gerade in den sozialen Netzwerken, dass sich auch viele Schwarze Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zum Thema Rassismus äußern und man ist manchmal vielleicht sogar überrascht, dass das ausgerechnet diese Person jetzt tut. Dabei wird aber oft vergessen, dass rassistische Erfahrungen auch viel mit Macht zu tun haben und sehr viele Menschen haben oder hatten nicht die Möglichkeit über Rassismus zu sprechen, weil sie beispielweise Angst haben ihren Job zu verlieren. Gerade Menschen in öffentlichen Berufen, wie in den Medien oder im Sport, müssen sehr aufpassen was sie sagen. Deswegen finde ich es auch ganz toll, dass sich jetzt so viele trauen das Thema anzusprechen.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT