‘BEI DIESER TOUR TRINKT MAN ANSTELLE VON WODKA-SODA HALT ROTWEIN’

Lary, die eigentlich Larissa Sirah Herden heißt, geht mit ihrem zweiten Album „Hart fragil“ auf Akustiktour. Weil für sie Frühstück die wichtigste Mahlzeit am Tag ist und sie auch sonst viel zu erzählen hat, haben wir uns mit ihr auf Kaffee und Rührei (mit Bacon) in hipper Atomsphäre getroffen. Ob die Atmosphäre des von ihr vorgeschlagenen Brunch-Etablissements auch ohne ihre Anwesenheit so hip wäre, lässt sich schwer beurteilen – Lary jedenfalls trägt Adiletten, trotz Starkregen in Berlin-Neukölln. Im Gespräch geht es viel um Melancholie und menschliche Abgründe, dafür ist ihre Musik bekannt. Sie selbst nennt das „filmisch“ und macht deutlich, dass Ernsthaftigkeit kein Grund ist, auf Lachen zu verzichten. Eine gewisse Widersprüchlichkeit, die sich auch durch ihre Gefühlswelt bohrt und wirklich sehr, sehr schöne Musik zur Folge hat.

Photo: Timmo Schreiber

TOBIAS LANGLEY HUNT Der Grund für dieses Interview ist deine anstehende Akustiktour, erzähl mal.

LARY Ich war mit meinem aktuellen Album ‚Hart Fragil‘ ja schon im letzten November auf Tour, zusammen mit meiner Band, Streichern und der ganzen Produktion drum herum. In der Zwischenzeit habe ich dann einige, kleinere, akustische Auftritte gehabt, entweder nur mit Klavier oder zusammen mit meinem Gitarristen. Ohne die ganzen musikalischen, dunklen Vibes, welche eigentlich Teil der Produktion sind, ergeben sich für meine Songs ganz andere Situationen. Viele der Songs werden so eher zu Erzählungen und dieses erzählende ist etwas, was mir sehr wichtig ist und mir sehr gut gefällt.

TL Was heißt „akustisch“ eigentlich genau?

L In unserem Falle heißt das, dass wir die Songs nur mit Begleitung meines Gitarristen und meines Klavierspiels spielen. Und wir haben eine Drum Machine dabei, weil wir auch nicht wollen, dass die Leute einschlafen. Aber im Vergleich dazu wie es normalerweise läuft, trinkt man bei dieser Tour anstelle von Wodka-Soda halt Rotwein, würde ich sagen. Das bedeutet, es geht darum sich hinzusetzen und schöne Musik zu genießen, ohne Ablenkung durch krasse Instrumentals und so weiter.

TL Kann der Verzicht auf Instrumentals den Kontext von Songs verändern?

L Schon ein bisschen, einiges müssen wir anders spielen, weil die Songs sehr groß produziert sind, mit vielen elektronischen Elementen und Synthesizern – das fehlt dann halt alles.

TL Und die Botschaft, verändert die sich?

L Nein, der Song bleibt schon der gleiche, also inhaltlich zumindest, die Botschaft wird wahrscheinlich eher lauter. Es gibt Songs die für mich und in meinem Kontext total Sinn ergeben, was aber gar nicht so relevant ist, wenn man das dann hört, das wünsche ich mir zumindest. Jeder soll selbst entscheiden können was sie versteht, was der Song für sie bedeutet. Ich habe schon Interpretationen meiner Songs gehört, da dachte ich nur „Wow, das habe ich so wirklich nicht gemeint, aber geil!“

TL Fühlt man sich da nicht manchmal auch missverstanden?

L Ne, ich glaube darum geht es nicht, bzw. ich war bestimmt mal in einer Phase, in der ich mich missverstanden gefühlt hätte. Aber jetzt gerade ist das gar nicht so, ich will den Songs nicht mehr meine Gefühle aufzwingen.

TL Was heißt das?

L Ich schrieb bisher immer Songs die sehr ehrlich und persönlich sind, alles resultierte aus irgendeiner Art Schmerz. Ich habe z.B. noch nie ein glückliches Liebeslied geschrieben…. aber ich kann mir nicht ständig selbst das Herz brechen, nur um mich ans Klavier setzen zu können. Daher versuche ich gerade mich von dem Muster zu distanzieren, einem Song mein Gefühl aufzwingen zu wollen.

TL Handelt es sich dabei vielleicht auch um ein allgemeines Phänomen unserer Zeit, aus einem Wohlstand heraus nach etwas Negativem in sich selbst zu suchen?

L Ich glaube es ist eher die Suche nach Balance.

TL Vielleicht ist es ja aber gar nicht so ungesund, dass wir uns gerade in einer menschlichen/gesellschaftlichen Selbstfindungsphase befinden, oder?

L Ich denke, gesund oder ungesund, es ist an der Zeit und nötig, dass wir, im großen Stil, unser Verhalten reflektieren. Dass daraus eine innere Zerrissenheit resultiert finde ich richtig und wichtig.

TL Themawechsel: Was hältst du eigentlich vom Prinzip des Influencers?

L Ich finde das merkwürdig, fast schon gefährlich, wenn mich jemand so nennt, dann fühle ich mich immer ein bisschen beleidigt.

TL Obwohl du als Musikerin ja in gewisser Weise die ursprünglichste Form eines Influencers einnimmst.

L Ja, ich habe auch nichts gegen Influencer, ich kenne viele, die das mehr oder weniger beruflich machen bzw. davon leben Bilder von sich selbst zu posten. Influencer bedeutet für mich halt einfach, dass das Kaufverhalten beeinflusst wird. Alles dreht sich um eine Pose, nie um Haltung. Der Begriff ist irreführend.

TL Ich habe diese Frage gestellt, weil ich, wie gesagt, glaube, dass der Musiker an sich die Urform dieses Phänomens ist. Schauspieler spielen ihre Rollen und promoten diese dann usw. aber der Musiker schreibt seine Texte, hat eine Botschaft und kommuniziert diese dann mit einer Öffentlichkeit.

L Das ist nicht bei jedem so, vielen geht es auch um den Prozess, das sind dann zwei verschiedene Dinge.

TL Und wie ist es bei dir?

L Ein bisschen von beidem.

TL Gibt es eigentlich ironische Musik?

L Klar, voll viel.

TL Und wie äußert sich diese?

L In den Lyrics, in der Art, da gibt es ganz viele Beispiele für ironische, leicht sozial- oder gesellschaftskritische Musik, die sich selbst nicht so ernst nimmt. Nick Cave hat viele Songs die fast schon komödiantisch sind, oder Father John Misty oder Mac DeMarco. Ich glaube nur Popmusik nimmt sich selbst zu ernst.

TL Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass auch Kunst viel aus sich selber schöpft und sich dabei sehr ernst nimmt und deswegen den Ironie-Gedanken gar nicht zulassen kann.

L Ich erfahre es so, dass besonders sehr ernst gemeinte Kunst sehr ironisch sein kann. Vielleicht muss?

TL Ich wollte damit eigentlich ausdrücken, dass es gewisse Beispiele gibt, bei denen man den Eindruck haben könnte, es fehle eine gewisse Qualität und das wird dann mit Ironie überspielt.

L Stimmt. Oft ist es aber auch so, dass sich gerade hinter dem Ironischen eine besondere Qualität verbirgt.

TL Wie ernst nimmst du dich selbst?

L Mal mehr, mal weniger, also wenn ich auf der Bühne stehe, dann überhaupt nicht. Ich muss sogar oft lachen. Ich performe dann die Songs und denke: „meine Güte Lary, du fährst Dir so harte Filme“. Darüber bin ich dann aber auch wieder sehr offen und kann dann mit dem Publikum gemeinsam darüber lachen.

TL Nochmal zurück zu deiner anstehenden Tour, hast du da eigentlich ein striktes Programm, welches du abspielst?

L Nein. Wir haben natürlich ein Repertoire an Songs, die wir spielen bzw. spielen wollen, aber wir sind relativ flexibel und frei in den Arrangements. Ich glaube auch, dass total viel Quatsch passieren wird, und ich hier und da irgendwelche unfertigen Sachen anspiele z.B. Skizzen aus durchzechten Nächten.
Aber da es ganz klein wird, sind die Leute auch sehr nah. Ich kann mich mit ihnen austauschen und einfach einen schönen Abend mit meinem Publikum zusammen haben.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT