ALLIE X

Die kanadische Künstlerin Allie X hat sich viel Zeit dafür genommen, sich selbst und ihren Sound zu finden. Der Weg, der sich dadurch eröffnet hat, ist keiner eines One-Hit-Wonders, sondern ist durch kontrollierbares Wachstum geprägt. Kontrollierbar insofern, dass Allie noch immer selbst die Zügel in der Hand hat, wenn es darum geht ihre kreative Vision zum Ausdruck zu bringen. Was sie aus eigener Kraft und ohne Major Label Deal schafft, ist glaubwürdige Pop-Musik. Die, obwohl es sich für dieses Genre so gar nicht gehört, einen nachhaltigen Sound an den Tag legt – dank Goth-inspirierten Lyrics und komplexen Arrangements. Im Interview verrät Allie X welcher Autor sie inspiriert, wieso sie ihr Album Cape God getauft hat und welche Beziehung sie mit Los Angeles führt.

Julia Deutsch Hi Allie, wo befinden Sie sich im Moment?

Allie X Ich bin in New York. Ich habe gerade ein Fotoshoot beendet und gehe bei der Tür raus.

JD Leben Sie denn auch in New York?

AX Nein, ich lebe in Los Angeles. Aber ich bin sehr viel unterwegs.

JD Sie waren vor kurzem auch mit Charli XCX auf Tour, richtig?

AX Ja genau, Charli ist toll, wir haben viel auf der Ostküste gespielt. Ihre Fans sind einfach super und die Shows sehr energetisch. Jeder, der eine Show von ihr besucht, will eine Party feiern. Charli selbst unterstützt jeden wo es nur geht.

JD Was Charli XCX und Sie gemeinsam haben, ist ja auch, dass Sie sehr viele Songs für andere Künstlerinnen und Künstler schreiben.

AX Ja, das stimmt.

JD Können Sie mir mehr zu Ihrem kreativen Prozess erzählen? Wo beginnt es, wo endet es?

AX Na klar. Meistens arbeite ich melodisch, anstatt zuerst mit Lyrics. Bei meinen letzten Songs jedoch, hat sich das verändert. Da hatte ich starke Ideen zum Songtext, die dann den Anfang gebildet haben. Oder ich wusste schon was der Titel sein wird, bevor es den Song überhaupt gab. Oft gibt es ja auch Co-Writer, das heißt man tauscht sich mit Leuten über Ideen oder Melodien aus. Es ist generell ein sehr magischer, abstrakter Prozess, der da abläuft. Manchmal produziere ich auch selbst. Je nachdem, wie es eine Idee verlangt.

Kleid RICK OWENS

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JD Wie würden Sie selbst Ihren Sound beschreiben?

AX Mein Sound hat sich sehr verändert im Laufe der Jahre. Mittlerweile würde ich sagen, es ist nordamerikanischer Goth Sound. Haha. Das hat zumindest meine Freundin Sasha Velour gesagt.

JD Denken Sie, dass Goth momentan wieder einen Moment in der Popkultur genießt? Oder wo kommt das Goth Element bei Ihnen ins Spiel?

AX Ich finde Goth kommt hauptsächlich durch die Lyrics und die Ästhetik meiner Visuals in meine Kunst. Wenn man es sich ansieht, dann ist es eine abgewandelte Form davon. Momentan habe ich gebleichte Augenbrauen und dunkle Haare. Vielleicht kann man es Americana Goth nennen. Was ich eine interessante Kombination finde. Goth stirbt ja nie!

JD Es verändert vielleicht nur seine Form.

AX Genau, es ist immer irgendwie präsent.

JD Und der Name Ihres neuen Albums, „Cape God“, ist der an dieses Konzept angelehnt?

AX Cape God ist ein erfundener Ort. Ich singe darüber, was ich als Teenager erlebt habe und schaffe einen fiktiven Ort dafür, um dies nochmal, in einem anderen Rahmen, durchlaufen zu können. Ich wurde sehr stark von Gregory Crewdsons Fotografien inspiriert. Er hat die Ostküste Amerikas abgelichtet, er illustrierte eine Art ‚Americana’, war dabei aber sehr surreal. Die Bilder tragen eine gewisse Melancholie in sich. Das ist die Americana von der ich spreche. Definitiv nicht von Cowboy Hüten und Amerika Flaggen, haha.

JD Ihre neuen Songs behandeln das Thema vom Erwachsenwerden. Würden Sie sagen, dass Sie durch den Prozess alte Wunden heilen konnten?

AX Ja auf jeden Fall. Jede Platte ist auf die eine oder andere Weise therapeutisch. Es geht immer um Wachstum. Jetzt war es mir endlich möglich, gewisse heikle Gefühle in Worte zu packen. Ich war nie bereit darüber zu singen, wie ich aufgewachsen bin. Mein Produzent war diesmal aber so gut, dass wir kompliziertere Arrangements machen konnten, die selbst schon sehr viel aussagen. Als ich mit den Lyrics anfing kam alles hoch.

JD Wie lange hat es gedauert, bis Sie bereit waren sich selbst Ihrer Kunst zu öffnen?

AX Mehrere Jahre. Ich bin nun seit 6 Jahren professionelle Musikerin. Davor hatte ich immer Teilzeit Jobs und habe in Toronto gelebt. Ich habe vor allem versucht, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Meine künstlerische Identität zu finden. Irgendwann habe ich dann einen Plattenvertrag unterzeichnet und bin nach Los Angeles gezogen.

JD Wie lief die künstlerische Identitätsfindung in Ihrem Fall ab? Welche Schritte haben Sie gemacht, um Ihren Sound zu finden?

AX Es war wirklich sehr schwierig. Für mich zumindest. Das Eine ist es, singen zu können, aber das Andere ist es, einen identifizierbaren Sound zu kreieren. Oder auch einen Stil zu kultivieren. Es ist etwas ganz Anderes, einen coolen Song auf der Gitarre zu komponieren, aber den dann auch im Studio zu etwas Größerem auszugestalten – mit einem Vibe zu versehen. Das ist schwierig. Der Punkt, an dem sich vieles für mich geändert hat, war als ich selbst gelernt habe zu produzieren. Ich habe jahrelang mit vielen verschiedenen Produzenten in Toronto gearbeitet, aber es hat sich nie so angehört wie in meinem Kopf. Deshalb habe ich angefangen meine eigenen Demos zu machen. Dann musste ich auch nicht teure Studiozeit bezahlen und lernte das Vokabular, um meine Wünsche besser kommunizieren zu können.

JD Sie sind ja nicht bei einem Major Label unter Vertrag. Erlaubt Ihnen das mehr kreative Freiheit?

AX Ja, ich bin wirklich sehr stark in allen Bereichen involviert. Vielleicht sogar zu involviert auf der Business Ebene. Ich kann auf jeden Fall meine kreative Vision verfolgen, so wie ich mir das vorstelle. Viele meiner Freunde haben einen Plattenvertrag mit großen Labels. Was dann manchmal passiert, ist, dass die erste Single nicht funktioniert. Dann wird das ganze Projekt weniger priorisiert und es wird jahrelang versucht, endlich einen Hit zu produzieren und nur der Plattenfirma zu gefallen. Das Gegenteil kann aber genauso passieren, wenn der/die richtige KünstlerIn zur richtigen Zeit den richtigen Song veröffentlicht – dann kann alles sehr schnell gehen. Für mich war es ein langsamer Aufstieg, was aber sehr gut für mich war.

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JD Wie würden Sie die Evolution der Pop Musik in den letzten Jahren beschreiben?

AI Das Streaming hat die Musikindustrie definitiv revolutioniert. Früher waren ja nur Katy Perry und ähnliche Acts im Radio. Das hat sich sehr stark verändert, weil die Endverbraucher viel mehr Genres und Sub-Genres zur Verfügung haben. Die Hörer können sich auch selbst weiterbilden, anstatt sich nur das reinzuziehen, was das Radio sendet und vorher kuratiert hat. Die Künstler werden mittlerweile von den Hörern gefunden und unterstützt.

JD Um ehrlich zu sein, habe ich mich vor diesem Interview unter anderem auf Wikipedia eingelesen. Da stand, dass Sie sehr stark vom japanischen Schriftsteller Haruki Murakami inspiriert wurden? Stimmt das?

AX Haha ja, definitiv! Mein Lieblingsbuch is 1Q84 und ich fühlte mich einfach mit der Geschichte verbunden. Die Charaktere sind sehr stark von der Gesellschaft abgelöst. Das surreale Element finde ich sehr spannend und zeigt, wie viel wir vom Leben gar nicht wissen. Dafür steht auch das X in meinem Namen. Es ist surreal aber nicht sci-fi!

JD Ich habe das Buch auch gelesen und finde genau das daran spannend.

AX Ja, es ist diese raue, reale Welt, aber irgendwie scheint alles darin möglich zu sein.

JD Wie fühlt sich die reale Welt in Ihrer Wahlheimat Los Angeles an?

AX Ich muss sagen mein Umzug nach L.A. hat mich erwachsener gemacht. Natürlich habe ich im Prozess auch Verträge unterschrieben, die nicht gefruchtet haben. Manchmal wurde ich sogar über’s Ohr gehauen. Das verändert einen. Es hat mir aber auch viel gebracht, ich bin mittlerweile selbstsicherer als je zuvor. Ich bin privilegiert, dass ich von meiner Kunst leben kann. Ich habe aber tatsächlich viel weniger Freunde. Mein soziales Leben existiert nicht wirklich, weil ich nur arbeite. Wenn ich nicht arbeite, dann muss ich mich ausruhen. Vielleicht ziehe ich auch wiedermal nach Kanada zurück – aber noch nicht jetzt.

 

 

Interview JULIA DEUTSCH
Fotos
GUILLAUME THOMAS
Styling KIELEY KIMMEL
Hair & Makeup MARLON MONROE