PAMELA ANDERSON

UND BERNHARD WILLHELM

Grenzen kennen beide nicht. Pamela Anderson ist die Ikone Kaliforniens, transformiert ihren Körper und ihre Identität, wie es ihr passt. Bernhard Willhelm verschiebt die üblichen Muster und Formen der Mode und entwirft Kunst aus Stoff. Nun haben sie zusammen­gefunden, um schonungslos richtungsweisende Bilder zu schaffen und über die Krisen unserer Zeit zu sprechen.

 

 

BERNHARD WILLHELM Was hast du diese Woche gemacht, Pamela?

PAMELA ANDERSON Mein jüngerer Sohn Dylan hat diese Woche seinen Abschluss an der Highschool in Kanada gemacht. Tommy Lee und ich haben ihn abgeholt und mit nach Hause genommen. Brandon, mein anderer Sohn, lief gerade für Dolce & Gabbana in Mailand, jetzt ist er auch wieder zurück. Für den Sommer sind wir also wieder alle in Los Angeles.

BW Was sind deine Sommerpläne?

PA Ach, ich will einfach mit den Jungs zusammen sein. Brandon hat jetzt sein eigenes Apartment. Und Dylan beginnt nach dem Sommer mit seinem Studium an der University of California. Seine Freundin ist übrigens eine Deutsche, sie kommt aus Hamburg. Seit heute ist sie auch hier. Die beiden sind zusammen zur Schule gegangen. Ich mag es, wenn meine Jungs Freundinnen haben, dann benehmen sie sich besser und sind ruhiger.

BW Ich habe einmal einen deiner Söhne auf einer Veranstaltung von Vivienne Westwood kennengelernt. Er hing mit einigen deutschen Bodybuildern he­rum, die sehr aufgepumpt waren …

Willhelm: Hemd ANDREAS KRONTHALER FOR VIVIENNE WESTWOOD, Socken BERNHARD WILLHELM, Anderson: Hemd ANDREAS KRONTHALER FOR VIVIENNE WESTWOOD, Sonnenbrillen BERNHARD WILLHELM FOR MYKITA

PA Ach ja, die Veganer-Bodybuilder …

BW Ich fragte mich, ob die auf Steroiden waren.

PA Nein, nein, die leben wirklich vegan.

“Ich bin die Verkörperung Malibus”
PAMELA ANDERSON

BW Dann essen die aber wirklich sehr gute vegane Würste. Dein Sohn scheint sich für seinen Body so zu interessieren, wie du es immer gemacht hast. Dein Körper steht für mich immer noch für die 90er-Jahre, er gab Malibu ein Image, das bis heute besteht, und auch du bist noch hier.

PA Ja, ich bin die Verkörperung Malibus. Aber ich weiß nicht, wie lange ich hier noch sein werde. Trotzdem baue ich noch an meinem Haus.

BW Ich dachte, du lebst in einem Trailer.

PA Ich habe in einem Trailer gewohnt, als das Haus gebaut wurde. Mittlerweile ist es fertig, und ich bin eingezogen. Aber am Gästehaus wird immer noch gearbeitet. Deswegen finde ich hier nur schwer zur Ruhe. Meine wahre Heimat ist aber sowieso Vancouver Island, wo ich herkomme und wo ich gerade für zehn Tage war. Dort kann ich atmen. Immer wenn ich in L. A. lande, schnürt es mir den Hals zu. Es ist so viel los, alle wollen etwas von mir, ständig klingelt das Telefon, andauernd bekomme ich Textmessages …

BW … ja, dieser über­fordernde Überfluss an Informationen. Ich habe das Gefühl, gerade in letzter Zeit ist es noch mehr geworden. Mit dem Brexit wurde alles noch schlimmer. Mein Team und ich haben sehr viel geweint letzte Woche. Wir arbeiten alle nur noch mit halber Geschwindigkeit, weil keiner genau weiß, was kommt. Ich sollte eigentlich eine Show im Victoria and Albert Museum in London machen, aber die wurde jetzt abgesagt.

PA Wirklich? Das ist ja schrecklich. Das alles muss für euch Europäer sehr verwirrend sein. In den USA ist es ja gerade ähnlich. Alle Leute, die ich kenne, verstört die politische Lage.

BW Glaubst du, der Grund für die derzeitige Entwicklung liegt in der Resignation der jungen Leute? Daran, dass sie nicht mehr schätzen, für was ihre Eltern noch gekämpft haben? Weißt du, ich komme aus Ulm. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt komplett zerbombt, und meine Großeltern und Eltern bauten sie wieder auf. Aus dieser Erinnerung he­raus kann man vielleicht Angela ­Merkels Entscheidung verstehen, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Die Engländer aber machen nun das genaue Gegenteil, sie schließen die Grenzen. Deswegen war der Brexit für uns auch so ein Schock.

PA Als ich letztens in Berlin war, habe ich mehrere Flüchtlingslager besucht und beeindruckende Leute kennengelernt. Was in England passiert, ist so primitiv und rückwärtsgewandt. Es war doch immer so, dass man in Kriegszeiten verfolgte Menschen aufgenommen hat. Aber heute spürt man die Trennung zwischen Menschen, die viel besitzen, und denen, die nichts mehr haben, sehr viel stärker als früher. Es ist bizarr, sehr bizarr.

Kleid ANDREAS KRONTHALER FOR VIVIENNE WESTWOOD

BW Das Komische ist ja, dass man das hier in Kalifornien nicht bemerkt. Die Enter­tainment-Industrie scheint krisenresistent zu sein. Je schlechter sich die Menschheit fühlt, desto besser geht es ihr.

PA Das stimmt, ja. Ich weiß allerdings nicht, wo ich in dieser Industrie gerade stehe.

BW Die Frage ist, wie man in dieser Industrie älter wird.

PA Ja, aber das Gute ist, dass alle meine Freunde auch älter werden. Deswegen sagen wir uns gegenseitig, wie großartig wir alle aussehen, und glauben uns das dann auch. Und unser Geist, unser Gemüt, verändert sich eh nicht, wir haben immer noch sehr viel Spaß. Ich spüre eigentlich keinen großen Druck, auch wenn Leute das vielleicht denken. Ich war ein wirklich gut aussehendes Mädchen, und jetzt bin ich für mein Alter okay, denke ich.

BW Du siehst fabelhaft aus, und du bist furchtlos. Auf diesem Vivienne-Westwood-Event, das ich vorher erwähnte, bist du einfach aufgestanden und hast eine Rede gehalten über dein Engagement für den Schutz der Arktis und der Weltmeere. Es geht bei dir nicht nur darum, gut auszusehen und sexy zu sein, was auch immer das sein soll.

PA Ja, das stimmt, aber in den letzten Jahren habe ich sehr viele Dinge gemacht, die mein altes Bild dekonstruiert haben. Das Bild, das man von mir hatte, war auf eine Art sexistisch. Ich begegnete ständig und überall der Annahme, dass Frauen meines Alters nicht mehr aufregend sein können. Deswegen möchte ich jetzt wieder Shoots machen, die sexy und avantgardistisch sind. Es geht nicht darum, andere Jobs zu ergattern, ich will wieder Spaß haben. Deswegen mache ich das mit dir auch gerade.

BW Dein Freund David LaChapelle hat dich ja immer als Ikone inszeniert. Wie würdest du euer Verhältnis beschreiben?

PA Ich lernte ihn kennen, als er gerade anfing. Und er war etwas unsicher, weil er mich sehr campy fotografieren wollte. Aber ich fand es sofort toll. Es war für mich eine Ehre, auf diesen Bildern zu sein, er ist ein großartiger Künstler. Und das wollte ich immer: mit Künstlern arbeiten. Und dann habe ich den Playboy gefragt, ob David mit mir eine Strecke machen kann. Das war sehr surreal.

“Eine weitere Hochzeit würde mir meine Mutter verbieten”
PAMELA ANDERSON

BW Wie oft warst du im Playboy?

PA Ich hatte 15 Playboy-Cover, das letzte vergangenes Jahr. Playboy war meine Universität, ich liebte es sehr da. Ich brachte David und viele meiner Freunde mit. Es ist ein sehr freier, ein intellektueller Ort, jeder kennt sich mit Kunst aus, mit Politik und wie die Welt läuft. Es geht nicht nur um Sex.

BW Klar, Hugh Hefner war immer eine Art Dandy. Aber heute? Ich weiß nicht, ob ihm Viagra noch hilft, ob er noch Sex hat. Ich hoffe es wirklich. Aber in den letzten Jahren ist er schon ein bisschen ein Klischee seiner selbst geworden, wie ein Bunny, was ein bisschen lustig ist.

PA Ich spreche auch von den frühen 90er-Jahren. Das war großartig, wirklich cool. Ich vermisse ihn. Er war ein Freigeist.

BW Er war sehr antipuri­tanisch, was natürlich in den USA kontrovers war. Aber jetzt fühlt es sich so an, als würden alle Errungenschaften für ein freieres Leben, für die frühere Generationen gekämpft haben, wieder über Bord geworfen werden. David LaChapelle ist ja nach Hawaii geflüchtet. Glaubst du, dass das eine Lösung ist?

PA Ich denke oft an Flucht. Freunde wie Vivienne sagen immer, was machst du noch in Amerika. Zieh nach Europa – in eine Stadt am Meer. Die Leute dort werden dich schätzen und mögen. Hier ist es so anders. Aber jetzt sind meine Kinder noch in Los Angeles. Ich will ihnen nahe sein, ich kann noch nicht weg. In ein paar Jahren aber bestimmt. Ich werde aber nicht mehr mit einem Mann durchbrennen und heiraten. Eine weitere Hochzeit würde mir meine Mutter verbieten. Romantik ja, aber ohne Hochzeit.

BW Vielleicht solltest du ein bisschen Zeit in Europa verbringen, um deinen Kopf freizubekommen, und dann wieder zurückkehren. Bei mir war es auch so. Ich bin aus Paris geflüchtet, nachdem ich dort zehn Jahre als Modedesigner gearbeitet habe. Ich fühlte mich leer. In L. A. wollte ich mich in der Sonne erholen, und wir haben hier wirklich ein paar sehr gute Kollektionen gemacht. Aber nach drei Jahren denke ich jetzt auch darüber nach zurückzugehen. Vielleicht nach Deutschland.

PA Wir sind rastlos. Aber das ist ein gutes Gefühl. Man ist am Leben.

 

Fotos: Josh Paul Thomas
Styling: Bernhard Willhelm & Edda Gudmundsdottir
Artwork:  Stefan Maier
Redaktion: Benedikt Sarreiter
Haare: Peter Savic/Opus Beauty
Make-Up: Ashleigh Louer/Starworks Artists
Styling-Assistenz: Brynja Skjaldardottir

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